1.Seit wann bist bzw. von wann bis wann warst Du hier und in welchem Bereich?
Ich bin vor langer Zeit von Berlin nach Köln gezogen, schweren Herzens. Vieles von dem, was ich in der Regenbogenfabrik gelernt habe, habe ich mitgenommen: meinen politischen Aktivismus und die Lust am Kollektiv und Feiern. Die letztgenannte konnte ich allerdings in meiner neuen Heimat ausbauen: der kölsche Frohsinn ist nicht nur Klischee, hier wird manches etwas lockerer angegangen.
2. Welches ist Dein Lieblingsort auf der Fabrik?
Eindeutig der Hof.
3. Mit einem Wort: Was ist die Fabrik für Dich?
Ein Ort, der erstmal allen offen steht, einladend, mit einem breiten Angebot. Ein Ort, der der Großkotzigkeit der Hauptstadt trotzt: die Armut der Fabrik ist charmant, allerdings mehr für die Besucher:innen; für die „Macher:innen“ der Fabrik ist sie eine ständige existentielle Herausforderung.
Der Berliner Bezirk Kreuzberg, wo unsere liebe Regenbogenfabrik liegt, hat seit Jahrzehnten Internationalen Ruhm als Heimat der Künstler und der alternativen Lebensweisen. Die Offenheit und die Originalität sind aber leider was auch die Investoren wie Ratten anzieht, und was paradoxal die authentischen Seiten des Bezirks auch langsam durch das hässliche G-Wort zerstört.
Aber Kreuzberg hatte schon immer eine kämpferische Seele und wird sich jeder Räumung und Kapitalanlage von Großinvestoren mit Demos und Besetzung entgegenstellen. Manchmal scheitert es und manchmal, wie im Falle der Regenbogenfabrik, sind die Guten auch mal Gewinner. Ein anderes Monument von Kreuzberg, das sich neben den vielen noch stehenden alternativen Orten einreiht, und das dazu noch von der deutsch-deutschen Geschichte geprägt ist, ist das Baumhaus an der Mauer.
Im Jahr 1982 hat der türkische „Gastarbeiter“ Osman Kalin, ohne es wirklich als politische Aktion zu betrachten, ein Stück Land in Kreuzberg an der Grenze von Ost-Berlin besetzt. Es war nur eine Grasparzelle, die von der Nachbarschaft als Schrottplatz benutzt wurde. Kalin entschied, es zu seinem persönlichen Projekt zu machen, das Grundstück zu säubern und daraus einen Garten machen. Interessanterweise lag dieser Teil des Landes an der Mauer auch in einer Juristischen Grauzone, denn es lag zwar im Westlichen Teil hinter der Mauer, aber es gehörte trotzdem noch der DDR. Als die Mauer gebaut wurde, 1961, wurden manche Ecken vergessen einzuschließen und hier wurden dann 350 m² freigelassen, die Westberlin nicht benutzen durfte und Ostberlin nicht erreichen konnte. Dieses Durcheinander ermöglichte es Kalin, sein Projekt weiterzuführen. Die Ostdeutschen Behörden genehmigten ihm die Bearbeitung des Grundstückes; erstens, weil sie sahen, dass es nur ein Garten war und sie ohnehin es nicht benutzten, und zweitens, weil es die Westdeutschen Behörden auch ordentlich störte. Er errichtete seinen Garten und ein Gartenhaus drauf, was er Jahrzehnte lang pflegte und mit Hilfe der Nachbarschaft beschützte, trotz der Versuche der Stadt, das Projekt stillzulegen.
Die Hausbesetzer und Punks des Bezirkes betrachteten ihn wie einen von ihnen, unabsichtlicher selbstorganiserter Landbesetzer; ein echter Teil der Kreuzberger Authentizität.
Eine Sehenswürdigkeit in Berlin, das Baumhaus an der Mauer wurde nach dem Tod von Kalin 2018 von seinem Sohn übernommen, der ein Museum draus machen will. Das Gartenhaus steht heute immer noch, wörtlich aber auch im übertragenem Sinne: Als Zeichen des unermüdlichen Willens von Kreuzberg, auch Kreuzberg zu bleiben.
Fünf Schritte, so las ich es neulich in der Zeitung, wären zu gehen:
Einsehen, dass etwas passieren muss und entsprechend ehrgeizige Ziele setzen. Gesellschaftlich wächst die Einsicht, reichen tut es noch nicht
Gebäude energetisch verbessern. Da wurde in der Zeit der Selbsthilfe manches getan (stärkere Wandisolierung, gute Fenster, ökologische Materialien), jede neue Maßnahme muss gut durchdacht werden.
Verkehr klimaneutral, da haben wir in unserem Haus günstige Voraussetzungen. Mitten in der Stadt haben wir kurze Wege und es steht uns ein dichtes ÖPNV-Netz zur Verfügung. Viele nutzen ihre Räder und wir haben fast keine Autos.
Saubere Energie, am besten Solarmodule auf dem Dach. Da sind Entscheidungen in ihrer Wirkung langfristig. Vor Jahren hat sich das Haus für ein Blockheizkraftwerk entschieden, denn die Ausrichtung der Dächer war für Solar nicht so optimal. Dazu im Vergleich war es in der damaligen Situation effizient, aus dem gelieferten Gas nicht nur Wärme, sondern auch Strom zu erzeugen.
Hitze und Regen. Wir haben die Höfe begrünt, auf dem entsiegelten Hof der Regenbogenfabrik wachsen mehr als 20 Bäume in den Himmel. Auf dem Hinterhaus ist in den 90er Jahren ein Gründach errichtet worden. Und damit ist nicht nur für Biene und Schmetterling gesorgt, sondern auch wir Menschen freuen uns an der deutlichen Abkühlung im Sommer. Doch vom Starkregen läuft uns noch immer zu viel in die Mischkanalisation der Gründerzeitstadt, da wäre noch was zu tun.
Mit dieser Bilanz im Kopf treffe ich mich mit Marie-Luise auf unserer schönen Dachterrasse. Nach kurzer Inventur ist sie zufrieden mit dem, was sie auf unserem Dach sieht.
Und warum interessiert sie unser Dach? Weil sie uns in den Zeiten der Selbsthilfe den Plan gemacht hat, wie es aussehen soll. Von der Wahl des Substrats bis hin zur allen Pflanzen.
Aus meiner Eingangsfrage: wie bist du geworden, was du bist, entwickelt sich eine Geschichte der Landschaftsarchitektur.
Von der „Grashalmzählerei“ in Kreuzberg, der Pionierphase im Bestand, über die neuen Möglichkeiten durch die Wende, hin zu den großen Flächengestaltungen in Potsdam. Und nun der Schritt in die Zukunft zur Schwammstadt. Und doch hat genau das auch seine Wurzeln im klein-klein der 80er Jahre, beflügelnd war der Rausch, was Neues ausprobieren zu können.
Begrünter Hinterhof
2016 das Dachgrün gedeiht
2016 Blick über das begrünte Dach
2016 das begrünte Dach
2016 grüne Fassade
Zum Abschluss die Frage, die letztendlich der Ausgangspunkt meiner Befragung hatte sein sollen:
Wieso hast du das ausgewählt, was jetzt bei und im Hof und auf dem Dach wächst?
Da ist erst mal der Anspruch einer Gärtnerin: 1. die Pflanze muss da gedeihen, wo sie stehen soll. 2. Es soll auch ästhetisch für die Menschen sein. 3. Die Bienen und die Vögel sollen auch was davon haben.
Kreuzberger Hinterhöfe sind selten sonnig, aber es gibt immer was, das gedeiht und sogar in vielen Farben blühen kann. Da wächst bei uns der Wein die Fassade hoch, auf der anderen Seite die Clematis. Im Frühling explodiert ein Busch in gelben Blüten. Der Scheinflieder hüllt Alle in seinen süßen Duft.
Auf dem Dach kommt noch eine Bedingung hinzu: Die Pflanzen sollen die Dachhaut nicht zerstören. Wenn das richtige Substrat gewählt wird, dann ist das Dach sogar geschützt und die Grünfläche auf dem Dach hilft dabei, dass das Regenwasser zurückgehalten wird und langsam verdunstet, statt zum großen Stau in den Abwassersystemen beizutragen.
Gut wäre es, wenn die Gestaltung der Häuser allgemein diesen Überlegungen folgen würde. Dann könnte Regenwasser in der Fläche verteilt und genutzt werden und die allgemeine Infrastruktur wäre weniger unter Druck. Doch für die einzelnen Hausbesitzer ist das ein Kostenfaktor, dem anscheinend nicht genug Vorteile gegenüberstehen. Daraus entstehen neue Forderungen an Stadtentwicklungspolitik:
– Aufstellen von Richtwerten zur Unterstützung der Neubauplanung. – Hilfsprogramme für Anwohner:innen und Eigentümer:innen, um im Bestand Verbesserungen zu ermöglichen – neues Bewusstsein zu den Eigenschaften von Baustoffen fördern – Unterstützung bei den Themen, CO2, Feinstaub, Wassermanagement
chz, mit wunderbarer Unterstützung von Marie-Luise Klein
Danke für das Gespräch und für alle Schönheit, die durch deine Hilfe hier entstanden ist!
Bevor ich in der Regenbogenfabrik angekommen bin, habe ich, besonders während meiner Studentenzeit, als Aktivistin viel Zeit und Engagement eingebracht. Von Unicef bis zur Gründung meines eigenen Feministischen Vereins in meiner Uni habe ich in vielen Bereichen mitgelernt und geholfen. Heute, zum Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut, möchte ich über eine Organisation reden, in der ich ein Jahr als Junge Botschafterin mitgearbeitet habe: ONE.
Nicht so bekannt wie Unicef oder Amnesty International aber bestimmt fast so groß: ONE arbeitet weniger mit der Hilfe von Spenden der Bevölkerung und mehr auf politischer Ebene als Lobbyisten für eine bessere Welt. ONE bekämpft besonders extreme Armut und vermeidbare Krankheiten in Afrika und auch Gender-Ungerechtigkeiten. Ich wurde persönlich während eines Konzertes von U2 darauf aufmerksam gemacht. Denn Bono, der Sänger der Band, hat die NGO mitgegründet und ist darin sehr aktiv.
Ich habe meine Bewerbung geschrieben und abgeschickt und wurde dann zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Und als sie mich als Teil des Teams angenommen haben, konnte ich an einem Vorbereitungsworkshop zur Freiwilligen Arbeit in Paris teilnehmen. 30 Teilnehmer:innen ungefähr, zwischen 17 und 30 Jahre, 3 Tage in der Hauptstadt, mit viel Zusammenarbeit und Vorstellungen zum Thema Armutsbekämpfung und politische Hintergründe zum Lobbyismus und Kampagne Arbeit. Es ist das größte Ziel der NGO, dass 0,7% vom Bruttonationaleinkommen von Frankreich für Entwicklungshilfe eingesetzt werden soll, um die extreme Armut bis 2030 auszuradieren.
Unsere Aufgaben waren sehr vielfältig. Die Hauptaufgabe war, Abgeordnete zu kontaktieren und Termine zu vereinbaren, wo wir dann mit ihnen über die Entwicklungspolitik des Landes diskutierten. Wir nennen das „Plädoyer“, also eine engagierte Äußerung für unsere Ziele. Wir wollten ihnen ein Einblick in unsere Arbeit geben und sie eventuell zu überzeugen, Wortführer im Parlament zu werden, in dem sie für die Verbesserung der Politik stehen. Dafür war viel Public Relations Arbeit zu machen, auf sozialen Medien wie Instagram, Facebook und Twitter und Petitionsarbeit. Besonders erinnere ich mich an die Kampagnenarbeit, um im September 2018 Unterschriften zu sammeln, während der U2 Konzerte in Paris. Wir waren ab 15 Uhr aktiv und haben zwischen den Warteschlangen, die sich vor der Bercy Konzerthalle gedrängt haben, die Leute angesprochen und unsere Arbeit vorgestellt. Wir haben an den 4 Konzerten sehr viele Unterschriften gesammelt und die Freiwilligen durften dann die Konzerte direkt vor der Bühne miterleben.
Es ist schon ein paar Jahre her jetzt, aber ich erinnere mich vage an meinen ersten Termin mit einem Abgeordneten meiner Region. Ich war so gestresst wie nie, aber sehr dankbar, dass eine andere Botschafterin mit mir den Termin mitgemacht hat. Der Mann, den wir trafen, arbeitete in einer kleinen Stadt, die wir mit dem Auto erreichten. Wir haben dann unsere Projekte und Ziele vorgestellt, während er zuhörte. Ob wir ein Unterschied gemacht haben, weiß ich nicht, da er in meiner Erinnerung unsere Arbeit schon mehrmals infrage gestellt hatte, aber es war eine Challenge und nur darüber reden fühlte sich an wie ein Erfolg. Dazu waren wir viele Botschafter:innen, die mehrere Termine im Jahr hatten, in mehreren Ländern Europas, mit demselben Ziel. Durch Nachdrücklichkeit und Zusammenarbeit kommt man immer weiter.
Diese Art von ehrenamtlicher Arbeit war auf jeden Fall sehr bereichernd und hat mir viel beigebracht über Internationale Tätigkeit im NGO Bereich. Was ich besonders bei ONE mag, ist deren Graphik, die sehr ästhetisch aber einfach bleibt, und dadurch ihre Prinzipien und Nachrichten sehr schön und leicht vermittelt. Zum Tag der Beseitigung von Armut hat mir die Vorstellung dieser Organisation sehr relevant erschienen. Um mehr darüber zu erfahren, könnt ihr auf der Webseite gucken: