„Es fühlt sich ganz anders an, diese Fotos jetzt wieder zu sehen“, schreibt Sęrife in ihren begleitenden Worten, als sie uns ihre Fotos zur Verfügung stellt. „Wo früher eine Streetart-Wand mit einem bemalten Molotowcocktail nur ein schönes Bild für mich war, fühlt es sich jetzt ganz deprimierend an.
Odessa street art. Auch dieses Foto bekommt jetzt ein anderes Gefühl
Leute, die die Nationalhymne singen. Normalerweise mag ich das nicht so sehr, aber jetzt berührt es mich und ich verstehe besser, warum es ihnen so wichtig ist.
Odessa 19. Mai. 2019: Die Ukrainer singen am Vyshyvanka (traditionelles Kostüm)-Tag die Nationalhymne
2019, da war ich das letzte Mal dort. Ein Land, das sich kurz vor der Corona-Pandemie so lebendig angefühlt hat mit netten, gastfreundlichen Menschen, die einfach ein normales Leben führen wollen.
Jetzt denke ich die ganze Zeit: Scheiße Mann, die Leute auf den Bildern und Videos und alle anderen – in was für einer Scheiße stecken sie gerade. So traurig und ungerecht.
Freizeit in der Sonne, Odessa2019 Markt in Odessa
Heute Morgen sah ich ein Video von Zelensky, der ein Video machte, um zu beweisen, dass er immer noch in Kiev ist. Er filmte aus dem Fenster; ich sah das Horodecki-Haus gegenüber, von wo er sitzt. Es ist so ein lustiges, kreatives und einfallsreiches Gebäude! Wie lange wird es stehen und der Rest der Stadt/Land??
Kiev 2019, Horodecki House, Bankova Straße, Ansicht wie aus Zelenskys Büro
Ich mag den Architekturstil Brutalismus, also gingen wir zum Krematorium vor dem Gebäude. Und ich bin immer neugierig, wie Friedhöfe in anderen Ländern aussehen und wie damit umgegangen wird… Kann dieses Foto in die Serie aufgenommen werden? Alles bekommt wirklich eine andere Bedeutung, jetzt, wo dort Krieg ist.
Krematorium in Kiew
Ich finde es so schwierig, eine passende Auswahl zu treffen. Also trefft ihr für mich die Wahl; dies ist die kleinste Auswahl, die ich treffen konnte, obwohl es immer noch einige gibt.“
Den Frühling im Jahr 1997 behalte ich für immer im Gedächtnis. Das war mein erster längerer, ein paar Monate andauernder Aufenthalt in Berlin. Damals habe ich Christine kennengelernt. Zum ersten Mal haben wir uns an einem warmen Nachmittag im April getroffen. Das war der Anfang, der bis heute andauernden Freundschaft.
Christine hat vor mir die Orte von Berlin entdeckt, die ich als Touristin nie gefunden hätte. Ich konnte die Stadt mit ihrer wunderschönen Architektur, Geschichte und Kultur gleich zusammen mit der Regenbogenfabrik kennenlernen, die für mich zu einem merkwürdigen Zentrum der Stadt geworden ist. Dank Christine habe ich jahrelang die Idee der vielfältigen, außergewöhnlichen und bunten Regenbogenfabrik erkundet, die freundlich zu den Menschen, tolerant und offen für die Sozialbedürfnisse der Gesellschaft im multikulturellen Berlin ist.
In fast drei Dekaden habe ich an verschiedenen Projekten, die von der Regenbogenfabrik und der Städtepartnerschaft Berlin – Szczecin durchgeführt wurden, teilnehmen können. Im Rahmen der Mitarbeit zwischen Deutschland und Polen wurden u.a. deutsch – polnische Sprachkurse organisiert. Es sollte in dem Zusammenhang das Projekt „Gryfino – 1988“ erwähnt werden, in dem parallel zwei Sprachkurse liefen: ein Polnisch-Sprachkurs für Berliner und ein Deutsch-Sprachkurs für Stettiner. Ich, eigentlich Deutschlehrerin, habe Polnisch unterrichtet. Das war für mich etwas ganz Neues. Anlässlich dieses Aufenthalts in Gryfino habe ich an vielen Veranstaltungen teilgenommen, die den Teilnehmern aus den Städten Gryfino und Szczecin ihre Gegend näher gebracht haben.
Besonders warm erinnere mich an einen Polnischsprachkurs, der im Wohnhaus der Regenbogenfabrik, im gemütlichen Dachgeschoss, in bester Atmosphäre beim morgendlichen Kaffee und Frühstück veranstaltet wurde. An dem Kurs haben Christine und Dorothea teilgenommen. Das waren die anspruchsvollen Schülerinnen, die von der Lehrerin ein besonderes Engagement erwartet haben. Als Lehrerin haben mir die Unterrichtsstunden viel Spaß gebracht. Sie waren für mich eine bedeutende Berufs- und auch Lebenserfahrung.
In der Zeit vor den Feiertagen, vor allem vor den Weihnachtstagen, hat jedes Jahr hat das polnisch-deutsche Kochevent stattgefunden. Am festlichen Kochen haben Leute teilgenommen, die mit der Regenbogenfabrik befreundet waren. Es ginge nicht nur um das Kennenlernen und die Vorbereitung der festlichen Speisen, die für das jeweilige Land charakteristisch sind, sondern auch um das Kennenlernen der Bräuche, die mit der Festkultur in den beiden Ländern verbunden sind. Das war ein vortreffliches Vergnügen, nicht nur die Gaumenfreuden; es war auch sinnliche Nahrung.
Sehr nett erinnere ich mich an die Radtouren und die Spritztouren außerhalb von Berlin. Eine von solchen Veranstaltungen war eine Radtour, die am 9. Juli 2001 stattgefunden hat. Dabei waren nur Berliner:innen; die einzige, die nicht aus Berlin kam, war ich. Die Tour wurde „Radtour rund um das Stettiner Haff“ genannt, aber die Idee des Unternehmens konzentrierte sich auf Erkundung der Grenzgebiete in Deutschland und Polen mit ihrer Geschichte. Das war nicht nur Herausforderung für meine Kondition, für mein Fahrrad war es die echte Probe der Widerstandfähigkeit. Zur Regenbogenfabrik gehört die Fahrradwerkstatt, die früher auch Fahrradklinik genannt wurde. Da kann man selbst, mit der Hilfe der dort arbeitenden Leute, sein Fahrrad für die Fahrt vorbereiten. Sie haben sich durch besondere Geduld und großes Talent für die Weitergabe des Wissens, wie das Fahrrad funktioniert, ausgezeichnet. Dank ihnen hat mein Fahrrad manch eine Radtour unversehrt überstanden.
2001 Radtour nach StettinHofbegrünung in StettinRadtour zur Salwey MühleRadtour von Neuruppin nach Rheinsberg
Ungewöhnlich ist für mich, dass sich in der Regenbogenfabrik die europäischen und Welt-Wege kreuzen. Menschen aus allen Erdteilen besuchen den Ort. Jede:r kommt mit einer einmaligen Geschichte. Mehrfach habe ich Menschen getroffen, die politisches Asyl bekommen haben und Zuflucht finden konnten.
Bis heute komme ich mit meinen Freunden, mit meinen Verwandten zur Regenbogenfabrik. Sie werden von den Bewohner:innen immer herzlich begrüßt. Sie erleben, ähnlich wie ich, die Werte der multikulturellen Regenbogenfabrik, die zu ihrer Grundlage geworden sind.
Unser Gedächtnis ist unvollkommen; da ist eine Mischung von Erfahrungen, Gesprächen, Gefühlen im jeweiligen Moment und viele Sachen werden dann doch vergessen. Deswegen habe ich mich nur an manche Ereignisse während meiner Aufenthalte in der Regenbogenfabrik zurückerinnert. Dieser Ort hat in meinem Leben eine große Rolle gespielt, hat meinem Leben frischen Sinn gegeben, es angereichert, Einfluss auf meine Gedanken gehabt, auf meine Wahrnehmung der Wirklichkeit, die in den neunziger Jahren so anders als in Polen in der Transformation war – und zur Zeit verschiedenen Veränderungen unterliegt. Unzählige Gespräche waren für mich eine besondere Lektion über Demokratie. In diesem Millieu habe ich viele Werte wie Toleranz, Freundlichkeit den Menschen gegenüber, Offenheit für andere Menschen, Selbstlosigkeit, nicht absagen der Bitte, die mit voller Achtung und Neugier auf einfache Menschen erleben können. Die Freundschaft spielt da die bedeutsame Rolle in der Entwicklung und Dauer der Gemeinschaft der Bewohner:innen. Niemand wird von niemandem bewertet, kritisiert. Jede und Jeder, auch als Zugereiste, fühlen sich wie zu Hause. Da konnte ich mehrfach selbst auf Unterstützung der freundlichen Menschen rechnen.
Immer wenn ich zur Regenbogenfabrik komme, begleiten mich einzigartige Emotionen, die warme Erinnerungen hervorrufen. Die Magie dieses Ortes verzaubert jeden, der sie erlebt hat.
Als wir planten, zum 18. Geburtstag der Regenbogenfabrik mal etwas ganz besonderes zu machen, nämlich eine Ausstellung, gingen wir ohne große Vorkenntnisse an diese neue Aufgabe. Wir hatten allerdings ein paar Gelder bekommen und hier ein Auszug aus unserem Projektbericht: Zum Glück konnten wir zwei Fachleute gewinnen, die schon öfter solche Projekte bewerkstelligt hatten. Die zum Teil recht großen Unterschiede der Einzelansätze im Finanzierungsplan zu den tatsächlich angefallenen Kosten erklären sich zum einen durch unsere mangelnde Erfahrung im Herstellen von Ausstellungen und zum anderen durch die unerwartet große Kreativität der Ausstellungsmacherinnen.
Zu Beginn gab es einen Begrüßungstext für die Besucher:innen. Es folgte ein geschichtlicher Abriss mit alten Fotos und Plakaten. Dann gab es zu jeder aktiven Fabrikgruppe eine Stellwand in einer anderen Regenbogenfarbe. Diese Stellwände hatten jeweils eine Vorderseite mit Text und Fotos und auf der Rückseite die sogenannte „action-Seite“, wo Ausstellungsbesucher:innen aktiv etwas machen konnten, beispielsweise an der Kinowand in einen Guckkasten schauen, in dem durch Drehen an einer Kurbel verschiedene Dias zu sehen waren. Alte Transparente, Fahnen und andere Exponate schmückten den leider ansonsten nicht sehr gemütlichen Raum.
Zur Eröffnung brachte die IG Blech, die seinerzeit an der Besetzung der Regenbogenfabrik beteiligt war, ein Ständchen und Herr Orlowsky, ehemaliger Baustadtrat und Kämpfer für die Regenbogenfabrik hielt eine mitreißende Rede. Danach konnten sich die zahlreich erschienenen Besucher:innen an Sekt und Brezeln stärken und die Ausstellung genießen.“
Im Rathaus Kreuzberg war die Ausstellung einen Monat lang zu sehen, bald darauf konnte sie auch in Friedrichshain gezeigt werden.
Die Ausstellung ist hier nochmal durch den Antragstext vorgestellt. Sichtbar wird ein ganz besonderer Punkt in der Entwicklung der Regenbogenfabrik. Manches, was es heute gibt, deutet sich schon an. Manches ist heute schon wieder Geschichte.
„Als konzeptioneller Rahmen ist die Darstellung der Entwicklung der Regenbogenfabrik exemplarisch für die Entwicklung des Kreuzberger Kiezes vom „Gallischen Dorf“ bis zum (Wieder)lnnenstadtbezirk mit der Perspektive der Bezirkszusammenlegung mit Friedrichshain geplant. In diesem Zusammenhang ist die Ausstellung zum einen als Dokumentation von Zeitgeschichte, zum anderen aber auch als Beitrag zur Diskussion um Risiken und Chancen eines sich im Umbruch befindlichen Bezirks zu sehen. Folgende inhaltliche Schwerpunkte sind bislang vorgesehen:
1. Entstehungsgeschichte der Regenbogenfabrik
Die Regenbogenfabrik, d.h. das Fabrikgelände Lausitzer Str. 22 sowie Teile der Wohngebäude Lausitzer Str. 22a/23, wurde 1981 besetzt. Als Protest gegen Kahlschlagsanierung bzw. eine unmenschliche Baupolitik, die spekulationsbedingten Leerstand förderte und eine völlige Umstrukturierung der Kreuzberger Bevölkerung vorsah, forderten Bürgerinitiativen und andere „Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen“. Gleichwohl es im damaligen Westberlin sicher nie eine homogene Besetzer:innenbewegung gab, ist sie doch als Teil eines bundesweiten Bürger:innenprotestes zu sehen, der sich einfach nicht mehr mit politischer Willkür und offensichtlichen Mißständen abfinden wollte: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“.
So auch in Kreuzberg SO 36 – mit breiter Unterstützung aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen und durch Institutionen wie den Verein SO 36 und die Internationale Bauausstellung, die eine behutsame Stadterneuerung forderten, wurde die Regenbogenfabrik Teil der alternativen Kreuzberger Projektelandschaft, deren Entstehungsgeschichte mit alten Videoaufnahmen, Plakaten, Flugblättern usw. in der Ausstellung hoffentlich sehr lebendig vermittelt werden kann.
2.Projektentwicklung und -beschreibung
Im Zusammenhang mit den Bedürfnissen von Nachbar:innen und Betreiber:innen der Regenbogenfabrik wurde das Konzept einer „Einheit von Wohnen, Leben und Arbeiten“ entwickelt, das insbesondere auch den Gedanken der „Hilfe zur Selbsthilfe“ sowie Selbstverwaltung und -verwirklichung beinhaltet. Auf dieser Grundlage wurden nach und nach verschiedene Projektbereiche im kulturellen, sozialen sowie im Kinder- und Jugendbereich aufgebaut, die in der Ausstellung dargestellt werden: Wohnhaus, Holz- und Fahrradwerkstatt, Nachbarschaftscafé, Kita, Kino, Offener Kinder- und Jugendbereich etc. Während seiner gesamten Geschichte hatte das Projekt dabei immer gegen Widrigkeiten aller Arten, wie schlechte bauliche Voraussetzungen, ungesicherte vertragliche Verhältnisse und ständigen Finanzmangel, zu kämpfen.
Auch diese „unendliche Geschichte der Regenbogenfabrik“, die neben allen Problemen auch durch viel Engagement und Durchhaltevermögen geprägt war, wird Teil der Ausstellung sein.
3. Neues und Zukunftsperspektiven
Mit Maueröffnung und Wiedervereinigung wurde alles anders. Die Stadt und der Kreuzberger Kiez veränderten sich mehr und mehr und immer drastischere Kürzungen der Fördermittel im sozialen Bereich erforderten neue Initiativen und mehr denn je Kraft und Mut. Zum einen schloss sich die Regenbogenfabrik mit anderen Projekten zu Bündnissen wie dem „Kreuzberger Projekteplenum“ zusammen bzw. wurden in diesem Kontext gemeinsame Kooperationsprojekte wie der „Interkulturelle Mädchentreff RABIA“ aufgebaut. Zum zweiten entwickelte die Regenbogenfabrik auf der Grundlage ihrer bisherigen Erfahrungen neue Projektbereiche, die die bisherigen Schwerpunkte nicht ablösen sondern ergänzen sollten: günstige Übernachtungsmöglichkeiten vor allem für jugendliche Berlinbesucher:innen wurden eingerichtet, das Konzept einer deutschpolnischen Begegnungsarbeit (die sich im Kreuzberger Kontext als multikulturell definiert) entwickelt und ein Bildungs- und Qualifizierungsbereich für junge Erwachsene und Frauen aufgebaut.
Anknüpfend auf diese neuen Schwerpunkte hat sich die Regenbogenfabrik auch für die Zukunft Vieles vorgenommen (Erweiterung der Gästezimmer, Seminarräume, Kiezküche etc.). Als dritter Schwerpunkt der Ausstellung werden wir die bisherigen Ergebnisse dieser neuen Schwerpunkte mit den damit verbundenen Perspektiven darstellen, die sich u.a. auch auf die Zukunft eines bislang von beiden Seiten meist nicht sehr beliebten gemeinsamen „Kreuzhain-Friedrichsberg“ beziehen.“
Rückseite der EinladungspostkarteOtur ve yaşa – das heißt „Wohnen und Leben“
Der Film ist 1984 entstanden, finanziert durch „Initiativen vor Ort-Stadtteilgruppen aus Kreuzberg stellen sich vor“, ein Projekt im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1984, gefördert durch den Senat für Bau- und Wohnungswesen.
Drehbuch und Musikauswahl: Heilehauscrew und Benno Wenz Kamera, Regie und Schnitt: Benno Wenz Originalton und Mischung: Th. Knüppel Sprecher: H. Eckhardt
Der Film wurde 2021 wiederaufbereitet Bildbearbeitung: Screenshot Berlin Tonbearbeitung: Caroline Moos