2001 | Interview mit Anette

von Ewa Maria Slaska

Anette, Erziehungswissenschaftlerin, meint, dass die Teilnahme an der Besetzung des Hauses und der Fabrik in der Lausitzer Straße nicht nur die Entscheidung war, die ihr Leben bestimmte, sondern auch, dass es für sie die beste Entscheidung ihres Lebens war.
„Mit meiner Entscheidung bin ich glücklich. Ganz viel von meinem Leben ist mit der Regenbogenfabrik verknüpft.“

Sie war aktiv in der BI (Bürgerinitiative BI SO36), die sich gegen „Kahlsanierung“ und bürgerfremde Baupolitik engagierte. Plötzlich ging es ganz schnell: Am Mittwoch, den 11.3.1981 wurde der BI bekannt, dass der Senat am Montag mit den Immobilienspekulanten Vogel und Braun einen Vertrag unterschreiben wollte und damit die Fabrikgebäude in der Lausitzer Straße zum Abriss freigegeben wäre. Daraufhin traf sich am Donnerstag die Gruppe der Besetzer und schon zwei Tage später, am Samstag, ist besetzt worden.

Doch im September 1981 kam es zu einem vom benachbarten Kiosk angestifteten Angriff der Neonazis und einem Brandanschlag. Die Arbeit vieler Monate lag brach, viel schlimmer aber war die Tatsache, dass die latente Bedrohung Wirklichkeit wurde. Dies zwang zum Überdenken bisheriger Entscheidungen.

Anette kann sich sehr gut an diese Nacht und ihre Gefühle erinnern. Ihre Tochter Jenny „war gerade mal drei Monate alt“, schrieb sie später in ihrer Magisterarbeit.

„Nicht das Haus brannte, sondern die Fabrik, aber wir wussten nicht, ob das Feuer auf das Haus übergreifen würde. Die Feuerwehr kam Ewigkeiten nicht und hilflos mussten wir zusehen, wie all unsere Träume und Hoffnungen in Rauch und Feuer aufzugehen drohten. Zähneklappernd, wütend und verzweifelt stand ich da, barfuß, in Jeans und T-Shirt, mit meinem Baby im Arm.
Tage später, als der Schock langsam nachließ, wusste ich nicht, ob die Gefahr, in der Regenbogenfabrik wohnen zu bleiben, nicht zu groß war. Ich entschloss mich zu bleiben, so wichtig waren mir das Projekt und die Leute in dem halben Jahr geworden. In den folgenden Jahren der quälenden unsicheren Projektsituation, die mehrmals fast das Aus bedeutet hatte, erinnerte ich mich immer wieder an diese eine Nacht:

Sie wurde mir zur Motivation für mein sämtliches Engagement für das Projekt, egal wie aussichtslos alles schien – es durfte nicht alles umsonst gewesen sein …

Und es war „nicht alles umsonst“.
Wenn das Projekt heute besteht und auch blüht, ist es gerade der Gruppe derer zu verdanken, die sich damals fürs Bleiben und Verhandeln entschlossen haben. Anette ist eine der wichtigsten „Verhandlerinnen“ geworden, die jahrelangen Verhandlungen mit dem Berliner Senat, den Eigentümern und dem Bezirksamt führte. In gewisser Weise tut sie das noch heute, verhandeln für den Erhalt der Regenbogenfabrik, wenn auch die Partner heute Arbeitsamt, Servicegesellschaft oder Stiftung heißen. Sie arbeitet weiterhin in der Fabrik und wohnt im Haus.

Ihr Engagement im Kiez setzte ihrem Studium an der Uni erstmal ein Ende, das wahre Leben war wichtiger geworden als alle Theorie. Aber nach neun Jahren Aktion und vielen Kämpfen wurde der Wunsch nach Reflexion wieder wichtiger. Anette begann, wieder zu studieren und beendete ihr Studium 1993 mit der Magisterarbeit „Das Kinder-, Kultur- und Nachbarschaftszentrum in Berlin-Kreuzberg. Soziale Einrichtung oder sozialer Lebensraum? Eine Projektgeschichte“, in der sie neun Jahre Regenbogenfabrik aus einer „unorthodoxen“ persönlichen Sicht beschrieben hat.

Der Schornstein der Regenbogenfabrik

Der Schornstein in unserer Fabrik ist ein interessantes Überbleibsel aus den Zeiten, in denen außerhalb der alten Stadt auf der grünen Wiese Kreuzberg entstand. So hoch, mit einer schönen Krone, beeindruckt er viele Menschen, auch die Kinder in der Kita:


Kein Wunder, dass der Schornstein auch die Silhouette unseres Logos prägt. Wie hoch es bis zur Krone ist, das weiß ich nicht, doch 20 Meter werden es schon sein.


Für unsere erste Teilnahme am Tag des offenen Denkmals im Jahr 2005 haben wir die Geschichte der Fabrik in den Bauakten recherchiert. Auf einer Ausstellungstafel wird berichtet:

„Auf dem Gelände der Lausitzer Straße 22 entsteht in den 1880er Jahren ein neues Fabrikgebäude. Carl Bliesener, seines Zeichens Tischlermeister, stellt den Bauantrag auf „Anlage einer Schneidemühle mit Dampfbetrieb“. Später heißt es in seinem Briefkopf in der damals üblichen Ausführlichkeit: „Dampf-, Band-, Block-, Walzen- und Fournierschneideanstalt – Fabrik von Scheuerleisten und Bettstellfüssen – Fabrik von Thürbekleidungen und Treppenhandgriffen“.

Bei Blieseners Entscheidung für den Standort seine Unternehmens wird die Nähe zum Landwehrkanal eine entscheidende Rolle gespielt haben. Zum einem bot er den idealen Anlieferungsweg für das Holz, zum anderen brauchte die Dampfmaschine für ihren Betrieb große Mengen an Wasser.

Vor dem Siegeszug der Elektromotoren war die Dampfmaschine die Kraftmaschine schlechthin, die u.a. die industrielle Revolution und damit die Massenfertigung erst möglich gemacht hatte. Mit ihrer Hilfe konnten zentral über sog. Transmissionsriemen viele Maschinen gleichzeitig betrieben werden.

Der Heizraum mit dem Kessel zum Befeuern der Dampfmaschine und einem angegliederten Raum für den Heizer befand sich hinter dem noch erhaltenen Schornstein, dort, wo Längs- und Quergebäude aufeinanderstoßen. Man mag sich vorstellen, wie von hier aus die Transmissionsriemen mit ratternder Geschwindigkeit nach vorne in den eigentlichen Fabrikraum liefen, dem heutigen Kinosaal, um die Sägen, Hobel und Drechselmaschinen anzutreiben.“

Mehr dazu auf unserer Homepage, in der wir die Ausstellungstexte über die Geschichte der Fabrik aufgehoben haben: https://www.regenbogenfabrik.de/tl_files/RBF/PDF/Leben_und_Arbeiten_in_Kreuzberg.pdf

chz
Beitragsfoto: Şerife

Die Müllenhoffstraße

von Werner von Westhafen

Auf der Suche nach Sagen von der See und vom Schifferleben.

Am Mittage des 19. Februars hat der Tod einen großen Gelehrten vom rüstigen Schaffen abgerufen und der deutschen Philologie ihre Zierde und ihren Stolz geraubt. Uns aber, dem weiten Kreise dankbarer Schüler, ist der allverehrte Lehrer, Leiter und Freund entrissen worden, welcher mit wahrhaft väterlicher Liebe jeden einzelnen von uns auf seiner Laufbahn begleitete.

So schrieben die ehemaligen Studenten des Philologen, den man 1884 auf dem Friedhof an der Großgörschenstraße zu Grabe trug und in der Nähe der Gebrüder Grimm bestattete, die wie er von der Welt alter Sagen und Märchen fasziniert waren und es sich zur Aufgabe gemacht hatten, sie vor dem Vergessen zu bewahren. Mit Jacob und Wilhelm Grimm verband den Sagenforscher Müllenhoff nicht nur der gemeinsame Beruf, sondern auch die Passion und die Gewissenhaftigkeit, mit der sich Doktoren und Professoren auf die Suche nach den Überlieferungen des Volksmundes machten.

Von der Leidenschaft der Märchensammler zeugen nicht nur die sentimentalen Nachrufe der Schüler, sondern auch die hinterlassenen Schriften: »In Müllenhoffs Nachlass haben sich 12 Briefe der Brüder Grimm gefunden. Zehn derselben werden mit Erlaubnis der Frau Geheimrätin Fernande Müllenhoff zu Darmstadt unverkürzt« veröffentlicht, zwei von ihnen in der Deutschen Zeitschrift für Literatur nur zensiert publiziert, da »darin Urteile über noch Lebende vorkommen, welche verletzen können.«

Ansonsten geht es in der Korrespondenz der Philologen eher gesittet zu: »Sehr geehrter Herr Doktor« , schreibt Wilhelm Grimm nicht ganz uneigennützig im Dezember 1843 an seinen ehemaligen Berliner Studenten Müllenhoff, der in Kiel als Bibliothekar eine Anstellung gefunden hat. Der ehemalige Lehrer nimmt die Anstellung »mit Vergnügen« und »besonderer Theilname« zur Kenntnis, in den Bibliotheken sei schließlich »noch manches Schätzbare und der Nachwelt zu Erhaltende« zu entdecken.
Wilhelm Grimm, der mit seinem Bruder an einer erweiterten Neuauflage der »Deutschen Sagen« arbeitet, hält das Angebot Müllenhoffs, der Neuausgabe, die eine oder andere seiner Sagen von der See und vom Schifferleben beizusteuern, für einen »besonderen Gewinn.« Der Bruder Jacob sei »mitten in der Arbeit und es würde ihm daher sehr lieb sein, wenn Sie ihm Ihren Vorrat, auf kurze Zeit, gleich anvertrauen würden.«

Müllenhoff schickt seine Legendensammlung unverzüglich an die berühmten Herausgeber und schon im Januar erhält er die Texte wieder zurück, nebst einem Brief von Jacob Grimm, in dem er dem »hochgeehrten Herrn Doktor« überschwänglichen Dank für »die bedeutsame Sage über den Weltuntergang« ausspricht. Aus reiner Bescheidenheit habe er sich »bloß um diese zu bitten gewagt« und keine der anderen Sagen verwendet.
Erst einige Zeilen nach dieser höflichen Einleitung wird klar, dass ihm »jene Sage für das Buch gerade gelegen kam« , während die anderen doch eher unbrauchbar waren.

Immer wieder ist in den Briefen Wilhelm Grimms eine höfliche Herablassung spürbar, vor allem, wenn es um die Nibelungen geht, den Prüfstein aller Germanisten des 19. Jahrhunderts.
Es ist, als wäre Grimm um die eigene Reputation besorgt, wenn er Müllenhoff, der das »Gudrunlied« auf seine Echtheit hin überprüfen und seinen Wandel im Lauf der Zeiten kenntlich machen möchte, davon abrät. Auch Grimm weiß, dass »viele Strophen unechte sind«, aber eine solche Prüfung sei eine undankbare und sehr »mühsame Arbeit«. Er selbst habe viele solcher Arbeiten begonnen und wieder zurückgelegt, in der Hoffnung darauf, »dass ältere und bessere Handschriften« auftauchen und die Arbeit erleichtern könnten.
Als Karl Viktor Müllenhoff dennoch eine überarbeitete Veröffentlichung des Gudrunliedes anstrebt, in der er einige der Grimmschen Korrekturen übernehmen möchte, schreibt sein ehemaliger Lehrmeister: »Ich möchte allerdings das Eigenthumsrecht daran nicht verlieren, da ich eine eigene Ausgabe des Gedichts im Sinn habe.«

Grimm hätte sich nicht sorgen müssen. Müllenhoff war ein leidenschaftlicher, aber auch ein ehrenhafter Wissenschaftler. Der zweite Sohn des Kaufmanns Johann Anton Müllenhoff aus einem kleinen Ort namens Marne an der Nordseeküste, der eigentlich Seefahrer werden wollte, blieb dem Meer stets verbunden. Auf dem Gymnasium in Meldorf hörte er nicht nur phantastisches Seemanngarn, sondern las zum ersten Mal die Nibelungensage, über die er später mit Wilhelm Grimm noch Jahre lang korrespondieren sollte.
1837 ging er nach Kiel, um mit dem Studium der Philologie zu beginnen, 1839 kehrte er der »salzigen See« scheinbar endgültig den Rücken, um bis weit ins Landesinnere nach Leipzig und Berlin vorzudringen, wo er bei jenen Germanistik-Professoren in die Lehre ging, deren Namen ebenso wie der seine später auf den Straßenschildern Kreuzbergs zu finden sind: Lachmann, Ranke und Grimm.

So interessant das Leben für den jungen Mann vom Meer in Berlin auch gewesen sein mag: Er blieb nur zwei Jahre. Dann zog es ihn zurück in seine kleine Stadt am Meer. Es ging ihm wie seinem späteren Freund Theodor Storm, der schrieb: »Doch hängt mein ganzes Herz an dir / Du graue Stadt am Meer / Der Jugend Zauber für und für / Ruht lächelnd doch auf dir, / Du graue, graue Stadt am Meer.«

Am Meer schrieb Müllenhoff seine Doktorarbeit über die Theologie des Sophokles, an der Universität in Kiel unterrichtete er Deutsch, Literatur und Mythologie und 1845 veröffentlichte er, ebenfalls in Kiel, sein erstes Werk, eine Sammlung nasskalter Sagen, Märchen und Lieder aus den Herzogtümern Schleswig, Holstein und Lauenburg, die er mit dem Historiker Theodor Mommsen und seinem Freund Theodor Storm zusammengestellt hatte.
So war das Meer auch in der Schreibstube des Gelehrten allgegenwärtig.

Siebzehn Jahre nach seiner Heimkehr an die Nordseeküste aber berief man Müllenhoff als Professor an die Berliner Universität – ein Ruf, dem er nicht widerstehen konnte. 1864 wurde er als Nachfolger Jacob Grimms sogar in die Akademie der Wissenschaften gewählt.
Er hatte endlich das Erbe seiner Lehrer angetreten.

Herzlichen Dank an die

Widerstand ist machbar, Frau Nachbar

Eine Lange Nacht im Deutschlandfunk Von Günther Herkel | 18.02.2012

Gegen die Auswüchse einer Stadtpolitik, die das Recht auf Wohnen Kapitalinteressen auslieferte, regte sich in diesem Lande periodisch organisierter Widerstand. Erste Proteste richteten sich Anfang der 70er-Jahre gegen Immobilienspekulation im Frankfurter Westend.

Gut zehn Jahre später wurden in Westberlin an die 160 Häuser „instandbesetzt“.

Eine Bewegung, die nach dem Fall der Mauer auch den Ostteil der Stadt erfasste. Antriebsfeder war nicht nur der Wunsch nach erschwinglichem Wohnraum und der politische Kampf gegen eine profitorientierte Sanierungspolitik, sondern auch die Lust auf selbstbestimmte alternative Lebensformen.

Und heute? Einige der damals erkämpften Freiräume existieren noch, andere sind akut bedroht.

Kommunale Wohnungsbaugesellschaften werden privatisiert, Mieten steigen, Menschen mit geringem Einkommen werden aus ihrem Kiez verdrängt – triste Realität im bundesdeutschen Alltag.

Auch die Träume der Besetzer von einst stehen heute auf dem Prüfstand: Taugen die alten Ideen noch für die neuen Zeiten? Was wurde aus den einstigen Zielen? Gewinnen sie möglicherweise heute wieder an Aktualität? Streiflichter auf Häuser und Besetzer in Frankfurt/Main, Berlin, Hamburg und anderswo.

Weiterlesen: https://www.deutschlandfunk.de/widerstand-ist-machbar-frau-nachbar-102.html

Beitrags-Foto: „Bobby Sands Haus“ in der Bülowstraße 89 von Ulrich Sauerwein aus: