Der RBB über Kreuzberg

2007 | 1. Sendetermin von Bilderbuch Kreuzberg
über uns schreibt der RBB in seiner Homepage:
Die Regenbogenfabrik ist ein ehemaliges Dampfsägewerk, das 1981 als Zeichen gegen die schlechte Wohnungsbaupolitik „instand-besetzt“ wurde. Noch heute leben die Bewohner*innen den Traum von einem anderen Leben:
basisdemokratisch und gerecht. Sie betreiben eine Öko-Kantine, eine Fahrradwerkstatt, einen Kindergarten, ein Hotel und ein Kino.

Zu diesem Zeitpunkt könnt ihr auch die Baustelle sehen, der große Ausbau zur Erweiterung des Gästebereichs.

ab der 13 Minute ist der Kinderbauernhof zu sehen.

ab 19:34 die Regenbogenfabrik

Viel Spaß beim Gucken!

Kreuzberger Kinder malen wie sie den 1. Mai erlebt haben

1989 | Was dahinter steckt: Wieder einmal hat es am 1. Mai Randale gegeben, und wieder einmal reden sich alle die Köpfe heiß über die Ursachen, die Folgen und „wie soll das alles weitergehen“. Es werden Schuldige gesucht, Kommissionen gebildet, über Strategien gestritten, und es wird kräftig ausgeschlachtet, in alle politischen Richtungen.

Ein Aspekt, dessen Wichtigkeit nicht zu unterschätzen ist, ist dabei bisher immer zu kurz gekommen oder gar nicht diskutiert worden: Wie erleben und verarbeiten das alles eigentlich die Kinder die in diesem Bezirk leben und mit all dem konfrontiert werden? Was stellen sie in ihrer Fantasie mit den Erfahrungen an und welche Folgen wird das haben?

Was geht in einem Kind vor, das zum ersten Mal Tränengas in den Augen spürt und in Panik aus einer eben noch absolut friedlichen, idyllischen Situation fliehen muss oder das bei einbrechender Dämmerung im Schein brennender Barrikaden selbst zur Latte greift und die friedlich vor ihm stehende Ampel demoliert?

Wir wissen nicht, was in diesen Kinderköpfen vorgeht, und wir wissen nicht, was daraus einmal werden wird. Allseits bekannt hingegen ist, dass die Kinder von heute die Jugendlichen von morgen und die Erwachsenen von übermorgen sein werden und damit auch die Wähler, die Steineschmeißer, die Duckmäuser, die Reps oder die Bullen von morgen oder übermorgen.

Aus diesem Grunde haben wir uns zu diesem Aufruf entschlossen: Kreuzberger Kinder sollen malen, was sie am 1. Mai erlebt haben, oder darstellen, wie sie es erlebt haben. Wir wollen daraus eine Ausstellung machen. Wir bitten alle Eltern und speziell auch BetreuerInnen in Kreuzberger Kitas, bereits vorhandenes Material einzusenden und ebenso die Kommentare der Kinder aufzuschreiben bzw. ihre Kids dazu aufzufordern, Bilder zu malen oder darüber zu reden, was ja auch Verarbeitung des Erlebten sein kann (das Un-Wort „einstückweit“ hab ich zensiert, d.s.).

Geplant ist zunächst, die Ergebnisse in der Regenbogenfabrik auszustellen und damit eine Diskussion anzuregen, die viel früher ansetzt als alle bisher geführten, und die vielleicht zu Erkenntnissen führen kann, die für die nähere und fernere Zukunft (dieses Bezirks) nicht ohne Belang sind.

Susanne und Anette von der Regenbogenfabrik

Einsendungen mit Vornamen und Alter des Kindes und auch mit den dazu abgegebenen Kommentaren bitte an: Regenbogenfabrik z.Hd. Susanne Merian Lausitzer Straße 23

Auch Erzählungen oder Sprüche ohne Bild sind erwünscht.

2021 | Wir haben uns erkundigt, was damals aus dem Aufruf geworden ist. Es schlugen die Wogen wohl zu hoch in diesen Zeiten, es kam nicht eine Einsendung. Die Frage jedoch bleibt aktuell: Wie ergeht es den Kindern mit dem, was die Erwachsenen so auf die Beine stellen? Zwischen Street-Fighting- und Robocop Auftritt?

Die 80er Jahre in Kreuzberg, die Regenbogenfabrik und Gewalt gegenüber Frauen im Kiez

Es waren die Jahre von Gefühl und Härte, von Hausbesetzungen, später auch im Osten der Stadt, vom Innensenator Heinrich Lummer und seiner Prügelgarde. Im „Risiko“ und „Dschungel“ wurde getanzt, im SO36 harter Punk gespielt und Nick Cave eroberte Kreuzberg mit seinen düsteren Songs. Es waren die Jahre des Straßenfests am Lause Platz am Ersten Mai mit der Plünderung von Bolle 87 und den Ausschreitungen, die sich bis zum „MayFest“ wie ein Ritual wiederholen sollten.

In diesen Jahren zog ich in das Hinterhaus der Regenbogenfabrik, übernahm für einige Zeit das Zimmer meiner Freundin Christine und lernte das Leben in einer größeren Gemeinschaft inklusive zahlreicher Haus- und Fabrikplena kennen. In der Essensgruppe versuchte ich mühsam, einmal in der Woche für mehrere Menschen zu kochen. Mit dem Einzug in das Regenbogenhaus begann eine neue Lebensphase für mich. Ohne festen Partner und auf Jobsuche als Politologin…

Aber das Regenbogenhaus und die Regenbogenfabrik waren nicht nur das gallische, kleine Dorf, die Insel der Glückseeligkeit, die ich mir wünschte, sondern eingebettet in einen Kiez, der auch durch gewalttätige Übergriffe gekennzeichnet war und ist.

Das Thema „Übergriffe und Gewalt gegen Frauen“ wurde bereits in den 80ern öffentlich breit diskutiert. Sehr konkret wurde es für uns, als im September 1988 eine Frau auf ihrem Heimweg nachts in der Wiener / Ecke Lausitzer Straße mit einer Waffe bedroht und vergewaltigt wurde. Diese Frau war temporär unsere Mitbewohnerin und der Übergriff fand direkt bei uns im Hauseingang statt. Wir waren geschockt und wollten unbedingt etwas tun. Auf die Polizei konnten wir uns nicht verlassen, soviel war uns klar. Im Fabrik- und Hausplenum überlegten wir, wie wir angemessen auf diesen gewalttätigen Übergriff reagieren könnten. Es brauchte ein Zeichen der Solidarität und die Gewalttat sollte öffentlich gemacht werden. So beschlossen wir mit einem Aufruf, den wir an die Häuserwände anbrachten, den Kiez auf die Gewalttat aufmerksam zu machen, Zeugen zu finden und von Gewalt auf der Straße betroffene Frauen konnten sich beim Frauennotruf oder in der Regenbogenfabrik melden. Bevor wir weiter aktiv wurden, luden wir erst mal Frauen von einer zu dem Thema arbeitenden  Beratungsstelle ein, um uns quasi fortzubilden. Dabei bekamen wir auch eine Menge Tipps für praktischen Schutz im Alltag in ähnlichen Situationen. Um aktiv zu werden, wurden Teams gebildet, die am späten Abend bzw. nachts Rundgänge durch den Kiez machten, um die Situation in den umliegenden Straßenzügen zu beobachten. Um uns gut untereinander zu informieren und unsere Beobachtungen zu teilen, trafen wir uns regelmäßig in einer Kiezkneipe im Wohnumfeld zur Lagebesprechung. Während der Rundgänge und per Telefon sprachen wir mit vielen Frauen über ihre Erfahrungen nachts im Kiez, über gewalttätige und sexualisierte Übergriffe von Männern; auch telefonisch bekamen wir viele Rückmeldungen. Dabei verwiesen wir immer wieder auf Beratungsstellen, ermutigten einige Frauen bei der Polizei Anzeige zu erstatten.

Zwar konnten wir keine Spur zum Täter aufnehmen – das wäre ja auch die Aufgabe der Polizei gewesen -, aber dieser Gewaltvorfall sensibilisierte mich und viele andere Frauen und Männer für das Thema. Persönlich überlegte ich mir Strategien, wie ich mich selbstbestimmt und angstfrei durch die Nacht bewegen könnte. Später habe ich mit vielen Mädchen und jungen Frauen in verschiedenen Berliner Kiezen dazu gearbeitet; Körperarbeit und Selbsterfahrung waren dabei sehr wichtig. Aber auch Anti-Gewalt-Trainings mit engagierten Polizist*innen gaben gute Tipps und Orientierung. Mädchen und junge Frauen in ihrem selbstbestimmten Leben zu unterstützen und zu stärken, meine Tochter immer wieder zu ermutigen und zu bestärken und sich angstfrei im öffentlichen Raum zu bewegen wurde für einige Zeit ein wichtiges persönliches und berufliches Anliegen.

Seit dem geschilderten Gewaltvorfall sind viele Jahrzehnte vergangen, aber das Thema ist so aktuell wie nie zuvor. Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen ist nach wie vor ein wichtiges Anliegen der heutigen Frauenbewegung. Zwar gibt es viele Fortschritte, aber gesellschaftlich gesehen bin ich nur bedingt optimistisch. Gewalt gegenüber von Mädchen und Frauen innerhalb der Familie ist gerade in Corona-Zeiten sehr aktuell. Nach wie vor sterben Frauen in Folge einer Gewalttat ihrer Männer, sie werden schwer verletzt und gedemütigt  und schweigen oft aus Scham und Angst. Sexualisierte Gewalt gegenüber Mädchen innerhalb der Familie findet erschreckend oft statt.

Persönlich gesehen bin ich eher optimistisch: es gibt viele gute weibliche Vorbilder sowohl in der Frauenbewegung der 68er als auch in der heutigen Frauenbewegung. Mädchen und Frauen werden laut und gehen selbstbewusst u.a. auch an die Öffentlichkeit bei sexualisierten Übergriffen. Zunehmend gibt es Männer, die sich mit den Anliegen von uns Frauen solidarisieren. Junge Männer haben zum Teil andere männliche Vorbilder. als ihre Väter. Männer, die nicht nur stark, selbstbewusst und laut sind, sondern sensibel, gefühlvoll und einfühlsam. Mädchen und Frauen können selbstbewusst, stark, mutig und laut sein, sich für ihre Belange einsetzen und auf die Unversehrtheit ihres Körpers und ihrer Seele setzen, wenn sie in diesem Prozess von anderen Frauen und Männern ermutigt und gestärkt werden, jeden Tag!
Ich bin zuversichtlich, dass dieser Weg zur selbstbewussten, starken, zarten, gefühlvollen, zielbewussten und lebhaften Frau für meine Tochter und für meine Enkelin einfacher wird als für mich. Unterstützt werden sie dabei auch durch liebevolle, empathische und fürsorgliche Väter und Brüder.

Elke Ostwaldt

Südost Express Oktober 1988

icke, dette, kiekemal: der Görli

Orte haben nicht nur eine Geschichte, man kann diese auch gemeinsam mit anderen gestalten. Dass auf dem alten Bahngelände ein Park entstand, verdanken wir den Anwohnerinnen und Anwohnern rund um den Görli, die sich über 20 Jahre lang dafür eingesetzt haben. Im Internet findet sich ein Büchlein, herausgegeben von der Agentur für soziale Perspektiven – ASP e.V. Geht mal stöbern und wenn es euch gefällt, dann kauft euch eins.

http://www.görlibuch.de/