Denkmale in unserer Nachbarschaft – das ehemalige Verbandshaus der Deutschen Buchdrucker

Beim Tag des offenen Denkmals wird nicht allein das schöne Gebäude gewürdigt, oft ist dieses der Erinnerungsort an unsere Geschichte, an die der Erbauer:innen und Nutzer:innen. In der Dudenstraße sind es mehr als 100 Jahre, die wir zurückblicken können.

Alle Bilder des Beitrags entstanden bei einem Rundgang im Rahmen des Denkmaltags unter fachkundiger Führung durch Constanze Lindemann.

Das ehemalige Verbandshaus der Deutschen Buchdrucker wurde in den Jahren 1924 bis 1926 nach Plänen der Architekten Taut und Hoffmann erbaut. Max Taut, wie auch sein Bruder Bruno, zählte zum „Kreis der Zehn“ renommierten Architekten wie Mies van der Rohe, Walter Gropius und Erich Mendelsohn. Die Vertreter der „Neuen Sachlichkeit“ prägen die Stadt bis in die heutige Zeit. Das Verbandshaus gilt heute als Meilenstein des Neuen Bauens und als Baudenkmal erster Güte.
Das Gebäude wurde für den Verband der Deutschen Buchdrucker errichtet. Es wurde als Publikationszentrale des Buchdruckerverbandes genutzt. So konnte hier die Büchergilde Gutenberg avantgardistische Buchproduktionen realisieren. Kreative aus den Bereichen Grafik, Satz, Druck hatten hier ihre berufliche Heimat. Mit über 100 Beschäftigten glänzte hier ein Musterbetrieb.

https://www.ak-berlin.de/service/stellenboerse/pinn/mietflaechen-dudenstrasse-10-in-10965-berlin-ihre-berliner-geschichte-im-beruehmten-haus-der-buchdrucker

Die Erbauer:innen hatten dann nicht lange ihre Freude an dem guten Ort, den sie geschaffen hatten. Jede Gewerkschafter:in weiß, was der 2. Mai 1933 bedeutet. Wie alle anderen Gewerkschaften wurde der Verband von den nationalsozialistischen Machthabern als freie Gewerkschaft aufgelöst und das Haus beschlagnahmt. Nach 1945 kam es wieder in Gewerkschaftsbesitz und gehört heute der Gewerkschaft Ver.di, in der die Nachkriegsgewerkschaften IG Druck und Papier, später IG Medien aufgegangen sind. Das Haus selber kam glimpflich durch den Krieg und kann deshalb noch weitgehend im Original betrachtet werden.

In der Kombination von straßenseitigem Wohnhaus und hofseitigem Verwaltungs- und Druckereigebäude folgt das Gewerkschaftshaus dem traditionellen Schema der Berliner Gewerbehofarchitektur. Taut und Hoffmann gruppierten das Haus in symmetrischer Anordnung um einen weiträumigen quadratischen Innenhof. Die Architektur ist sowohl sachlich als auch expressiv. Gestalterisch bestimmend ist die variable, in Teilen sehr plastische Gliederung und die enorme Material-, Farben- und Formenvielfalt. An der Dudenstraße steht der Wohntrakt für die Verbandsmitglieder, der sich mit seinem gelben Sichtmauerwerk von der angrenzenden Blockrandbebauung abhebt. Über der Hofdurchfahrt prangt in großen Lettern der Namenszug der Druckergewerkschaft. Mit der strengen Symmetriebildung und der klassischen hierarchischen Gliederung, aber auch mit der turmartigen Erhöhung der Seitenbereiche wirkt die Straßenfront überaus repräsentativ. Taut und Hoffmann legten grundsätzlich Wert auf die Betonung der Waagerechten, wofür vor allem die großen querrechteckigen Wandöffnungen und die kräftigen Gesimse sorgen. Auffällig ist die Vielfalt der Fensterformen, die teils als Lochfenster ausgeführt wurden, teils bündig in der Fassade sitzen oder im Bereich der Loggien eine vitrinenartige Gestaltung erhielten. Die Rückfront ist weniger aufwendig gestaltet. In der weiß verputzten Wandfläche bilden gerahmte Fenstersegmente und die mit gelben Klinkern abgesetzten Treppenhäuser eine gefällige Gliederung. Im Innern enthält das Wohnhaus achtzehn Wohnungen. In den Treppenhäusern, Bädern und Küchen sind zahlreiche bauzeitliche Elemente erhalten geblieben.

Das hofseitige Druckereigebäude entstand unter Mitwirkung des renommierten Ingenieurs Karl Bernhard. Während das Vorderhaus weitgehend als traditioneller Mauerwerksbau ausgeführt wurde, entstand die Druckerei als Rahmenbau in Stahlbeton. Die Skelettkonstruktion, die ohne Mittelstützen auskommt, stellte mit ihrer großen Spannweite von 13,50 Metern bei gleichzeitig hoher Belastungsfähigkeit für die damalige Zeit eine bemerkenswerte ingenieurtechnische Leistung dar. Auf diese Weise waren eine variable Einteilung der Etagen und eine ungehinderte Aufstellung der schweren Druckmaschinen möglich. Als geradezu spektakulär empfanden die zeitgenössischen Architekturkritiker jedoch den Umstand, dass Taut und Hoffmann das Tragwerk als vorrangigen Gestaltungsträger einsetzten. Die Architekten ließen die mächtigen Rahmenbinder vor die Fassade treten und erhielten auf diese Weise eine Pfeilerfront strengen Gepräges. Zur Steigerung des Ausdrucks überzog man sowohl die Betonrahmen als auch die ausgemauerten Brüstungsfelder mit einem vereinheitlichenden grauen Putz. Auch innen wurde, wie sich noch heute gut in den ehemaligen Druckereiräumen oder dem zweigeschossigen Sitzungssaal ablesen lässt, die Skelettkonstruktion sichtbar belassen. Erschlossen wird das Druckereigebäude durch zwei Treppenhäuser, deren Ausstattung mit dem gläsernen Aufzug und den farbigen Fliesen erhalten blieb. Im ehemaligen Buchgewerbesaal ist heute noch eine Mediengalerie des Fachbereichs Medien, Kunst und Industrie von Ver.di untergebracht. Nicht überliefert sind allerdings die von dem Bildhauer Rudolf Belling gefertigten Plastiken, die über das gesamte Gebäude verteilt waren.

https://denkmaldatenbank.berlin.de/daobj.php?obj_dok_nr=09031131

Bei dem Rundgang hat mir noch besonders gefallen, wie die Architekten den Keller mit Tageslicht versorgt haben:

Weitere eindruckende Bilder findet ihr hier:
https://haus-der-buchdrucker-berlin.de

Hier haben wir 2022 die Kreuzberger Chronik mit einem Artikel von Werner von Westhafen zitiert: https://regenbogenfabrik40.blog/2022/02/13/die-dudenstrase-nr-10/

Wichtige Erinnerung, vor dem Tor des Buchdruckerhauses



Zum Abschluss auch ein Link zum dort ansässigen Karl Richter Verein:
https://karl-richter-verein.de/bibliothek/

chz

Zum Tag des offenen Denkmals 2026: „NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur“

Sonntag, 13.09.2026 | 14:00 – 19:00

Wie jedes Jahr – seit 2004 – laden wir euch wieder herzlichst zum Tag des offenen Denkmals mit Hoffest ein.

Auf euch warten ein Kulturprogramm mit Musik, Kaffee & Kuchen, eine Führung durch das Ensemble, ein Vortrag, Schmackhaftes aus der Kantine, leckere Getränke für Groß & Klein, Trödelmarkt und natürlich Kinderprogramm.

Im Einzelnen:
15:00 Vortrag „Von der Feuerwache zur Regenbogenfabrik“
16:00 Musik
17:00 Führung durch die Regenbogenfabrik: „Überleben ohne doppelten Boden – aber mit Netzwerk“

Wir freuen uns sehr auf euch!

Euer Team von der Regenbogenfabrik

Die Organisator:innen schreiben in ihren Einladungen zum bundesweiten Tag es offenen Denkmals:

„Die Funktionsfähigkeit unserer Infrastruktur zu verbessern ist zweifellos eine der zentralen Kernaufgaben der nächsten Jahrzehnte.

Dies umfasst Netzwerke, die uns als Menschen in jeder Lebenslage verbinden und damit schon in der Vergangenheit Gesellschaft möglich machten. Denkmale, die diesen Austausch zwischen Menschen begünstigen, liegen insbesondere im Bereich der Infrastruktur: Historische Konstruktionen, die nicht nur ihren ideellen Zweck erfüllen, uns Identität und außergewöhnliche Ästhetik schenken, sondern teils auch aus praktischen Gründen gepflegt und erhalten werden sollten.

Wir alle werden von Netzwerken getragen: Ob familiär, im Freundeskreis, in Vereinen, Kirchen oder beruflich – wir existieren nie allein, sondern leben in Verbindung mit anderen, die unser persönliches Netzwerk bilden. Aus diesen persönlichen Netzwerken entsteht die Gesellschaft, in der wir leben und arbeiten. Sie ist das Netzwerk, in dem wir uns im Land bewegen, in dem wir Waren und Dienstleistungen, vor allem aber Gedanken und Ideen austauschen, um unser Dasein zu sichern und zu entwickeln. All diese Netzwerke formen und stützen unsere Identität – individuell und kollektiv.

Soweit die offiziellen Worte aus der Broschüre zum Tag des offenen Denkmals.

An diesem Tag (13.09.2026) möchten wir in der Regenbogenfabrik darüber sprechen, welche Netzwerke uns halfen zu bestehen. Wir besinnen uns auf die Akteur:innen der Internationalen Bauausstellung, Stadtteilaktivist:innen, Bezirksamt, Mitarbeiter:innen aus Senatsverwaltungen, Pat:innen in der Hausbesetzerzeit und den Status als Denkmal innerhalb eines Ensembles.

Doch das ist andererseits auch Schnee von gestern. Wichtig sind uns aktuell die heutigen Netzwerke, die uns helfen, in die Zukunft zu gehen. Welche Gruppen kommen zu uns? Wer ist aktiv im Café? Mit welchen benachbarten Projekten arbeiten wir zusammen? Was geschieht im Kollektive-Netzwerk? Wer tritt ein in unsere Fördermitgliedschaft? Aber vielleicht ist es interessant mit einer neue IBA zu sprechen? Wir treffen weiterhin Stadtplaner:innen und Architekt:innen, die uns gerne besuchen, um auch bei uns lebendige Stadt zu studieren.

Wichtig bleibt: Zusammenhalt der Gesellschaft braucht Orte der Zusammenkunft und des Austausches und wir kämpfen darum, dass uns allen das erhalten bleibt. Dass die Struktur steht und die Menschen darin gut sein können.

Dafür braucht es unseren Eifer, unsere Kraft und ganz viel Unterstützung.

chz

20 Jahre in der Regenbogenfabrik – Erinnerung an Havvas Jubiläum

Welcher Tag ist besser geeignet als Havvas Geburtstag, um daran zu erinnern, dass wir nun schon über zwanzig Jahre zusammen arbeiten?

Gefeiert haben wir am 24. April. Gekommen sind nicht nur die aktuellen Kolleg:innen, sondern auch frühere Mitstreiter:innen und Supporter:innen. Die Kita-Kinder brachten Bilder und wir teilten unsere Erinnerungen in Wort und Bild. Dann schlugen wir uns am leckeren Buffet die Bäuche voll und stießen an, auf Havva, ihr Team, auf die Regenbogenfabrik.

Vor zwanzig Jahren hat auch die Regenbogenfabrik ein großes Jubiläum gefeiert – 25 Jahre. Und so haben wir uns damals gemeinsam mit Havva zum großen Gruppenbild aufgestellt.

chz

In unserer Nachbarschaft – Eine Straße für Regina Jonas

Regina Jonas (1902–1944) gilt als erste ordinierte Rabbinerin der Welt. Bereits in ihrer Abschlussarbeit hatte sie sich mit der Frage befasst, ob Frauen das rabbinische Amt ausüben dürfen.

Es war Elisa Klapheck, die im Jahr 2000 eine Biografie über die weltweite erste Rabbinerin publizierte.

Regina Jonas wuchs in bescheidenen Verhältnissen im Berliner „Scheunenviertel“ auf. Nach dem Besuch des Oberlyzeums in Berlin-Weißensee begann sie ein Studium an der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“: Ihr Studium finanzierte sie durch Lehrtätigkeiten an verschiedenen Schulen. Sie studierte bei einflussreichen Gelehrten wie Leo Baeck und Eduard Baneth. Ihre Abschlussarbeit kam dann gleich auf den Knackpunkt zu sprechen: „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“. Nach ihrem Abschluss beschäftigte sich weiterhin mit der Rolle der Frau im Judentum.

Es dauerte noch fünf Jahre, bis Regina Jonas nach ihrem Studium durch den Offenbacher Rabbiner Max Dienemann als erste Frau in Deutschland ordiniert wurde. Das ging nicht ohne Diskussionen und Widerspruch vonstatten. So durfte sie auch in ihrer Berliner Gemeinde nur als Religionslehrerin und Seelsorgerin arbeiten, Predigten in der Synagoge wurden ihr weiterhin verwehrt.

Nach 1938 konnte sie als Predigerin und Seelsorgerin in verschiedenen Gemeinden im preußischen Landesverband arbeiten, die ihren Rabbiner aufgrund der Vertreibung der deutschen Jüdinnen und Juden verloren hatten. 1942 wurde Regina Jonas zur Zwangsarbeit verpflichtet. Am 6. November desselben Jahres wurde sie gemeinsam mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert. Hier engagierte sie sich als Seelsorgerin in der psychischen Unterstützung der Gefangenen. Am 12. Oktober 1944 wurde sie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt und ermordet.

Für die Umbenennung von Straßennamen braucht mensch einen langen Atem. Die Diskussionen über die Ehrung von Regina Jonas begannen bereits 2021, das ist noch vergleichsweise schnell. Im November 2022 erschien eine Pressemitteilung des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg, die BVV hatte generell eine Straße für Regina Jonas beschlossen, nun waren die Bürger:innen dran. Per Postkartenaktion wurde gefragt: Welche Straße im Umfeld der Synagoge am Fraenkelufer sollte nun bald ihren Namen tragen? Die Admiralbrücke war im Gespräch, ebenso das Planufer und das Paul-Lincke-Ufer. Die Entscheidung fiel für die Kohlfurter Straße, die nun noch in 2025 ihren Namen wechseln soll. So hat das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg am 27. Mai 2025 den Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Friedrichshain-Kreuzberg vom 13. Dezember 2023 (DS/0915/VI), die Kohlfurter Straße in ihrer ganzen Länge in Regina-Jonas-Straße umzubenennen, bestätigt.

Der Abschied von der gewohnten Adresse ist nicht immer leicht und so erreichten den Bezirk kurz vor der offiziellen Feierlichkeit im September 2025 noch Widersprüche. Nun musste noch die Klagefrist abgewartet werden, nun kann die Umbenennung in Kraft treten. Mit einer offiziellen Zeremonie ist im Dezember 2025 zu rechnen.

Zum Weiterlesen:

https://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/ueber-den-bezirk/ehrungen-und-auszeichnungen/eine-strasse-fuer-regina-jonas-1056643.php

https://taz.de/Strassenumbenennung-in-Kreuzberg/!6110306/

https://www.kreuzberger-chronik.de/chroniken/2023/mai/strasse.html

chz

Beitragsfoto: alte Postkarte