in memoriam – Hardt-Waltherr Hämer, auch genannt Gustav

Vom Unsinn des Abreißens!

Hardt-Waltherr Hämer, geboren 1922 in Hagen bei Lüneburg, studierte an der HbK Berlin und machte seinen Abschluss als Architekt 1952. Von 1948 bis 1959 arbeitete er in den Büros der Gebrüder Luckhardt und bei G. Weber mit (Planungsleitung Nationaltheater Mannheim 1955-1957) und machte sich mit Brigitte Hämer-Buro 1959 selbstständig. Sein erstes Bauwerk, die Schifferkirche in Ahrenshoop auf dem Darß, entwarf und realisierte er 1949 bis 1951. Zu seinen Frühwerken gehören das Theater und der Festsaal Ingolstadt 1961-66 und das Katharinen-Gymnasium Ingolstadt 1967-70.
Das Pilotprojekt zur Stadt- und Altbauerneuerung in den Berliner Bezirken Wedding und Charlottenburg begleitete Hämer von 1968 bis 1986; seit 1980 war er Planungsdirektor der IBA Berlin-Alt „Behutsame Stadterneuerung Kreuzberg“.
In den siebziger Jahren bearbeitete Hardt-Waltherr Hämer ein Gutachten zur Erhaltung der Hellershofsiedlung in Frankfurt/Main von Mart Stam sowie ein weiteres Gutachten zur Kölner Neustadt. Die Planung und Realisierung der Stadthalle Paderborn erfolgte in den Jahren 1977 bis 1982.
Nach Abschluss der IBA-Alt wurde Hämer Geschäftsführer von S.T.E.R.N., Gesellschaft zur behutsamen Stadterneuerung mit Arbeiten in Kreuzberg, Tiergarten, Prenzlauer Berg, Kaulsdorf und mit einem diskursiven Verfahren zum Umgang mit Prora auf Rügen.
Hardt-Waltherr Hämer lehrte von 1967 bis 1986 an der HdK Berlin, Lehrstuhl für Entwerfen und war von April bis Oktober 1998 amtierender Direktor und Vorstand der Stiftung Bauhaus Dessau. Er publizierte diverse Schriften zu Theaterbau, Stadterneuerung sowie Stadtfragen und erhielt zahlreiche Preise, u.a. den Deutschen Architekturpreis, den Sir-Matthew-Preis der UIA, den Fritz-Schumacher-Preis Hamburg und den Deutschen Kritikerpreis.

Die 12 Grundsätze der Stadterneuerung entstanden ab Ende der 1970er Jahre im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um die Stadterneuerung in Berlin. „Im Frühjahr 1982 gelang es […] für die Zwölf Grundsätze die politische Zustimmung des Bezirks Kreuzberg zu erlangen. Im März 1983 nahm das Abgeordnetenhaus schließlich diese Grundsätze als Leitlinie zustimmend zur Kenntnis.“ Sie waren danach programmatischer Bestandteil der Internationalen Bauausstellung 1984/87 in Berlin-Kreuzberg.

Maßgeblicher Autor der 12 Grundsätze der Stadterneuerung war Hardt-Waltherr Hämer. Die 12 Grundsätze markierten die Wende der Berliner Sanierungspolitik von der vorangegangenen Flächensanierung zur demokratisch organisierten behutsamen Stadterneuerung unter Berücksichtigung gewachsener baulicher und sozialer Strukturen. Sie wurden vom Abgeordnetenhaus von Berlin förmlich bestätigt und von Kreuzberg auf die übrigen Erneuerungsgebiete West-Berlins übertragen.

Als 12 Leitsätze der Stadterneuerung in Berlin fanden sie ab 1993 in abgewandelter Form Anwendung auch auf den späteren Stadterneuerungsprozess in Ost-Berlin.

Wortlaut der 12 Grundsätze der Stadterneuerung

  1. Die Erneuerung muss mit den jetzigen Bewohnern und Gewerbetreibenden geplant und – substanzerhaltend – realisiert werden.
  2. Planer sollen mit Bewohnern und Gewerbetreibenden in den Zielen der Erneuerungsmaßnahmen übereinstimmen, technische und soziale Planungen Hand in Hand gehen.
  3. Die Eigenart Kreuzbergs soll erhalten, Vertrauen und Zuversicht in den gefährdeten Stadtteilen müssen wieder geweckt werden. Substanzbedrohende Schäden an Häusern sind sofort zu beseitigen.
  4. Behutsame Änderung von Grundrissen soll auch neue Wohnformen möglich machen.
  5. Die Erneuerung von Wohnungen und Häusern soll stufenweise geschehen und allmählich ergänzt werden.
  6. Die bauliche Situation soll durch wenige Abrisse, Begrünung im Blockinneren und Gestaltung von Fassaden verbessert werden.
  7. Öffentliche Einrichtungen sowie Straßen, Plätze und Grünbereiche müssen bedarfsgerecht erneuert und ergänzt werden.
  8. Beteiligungsrechte und materielle Rechte der Betroffenen bei der Sozialplanung müssen geregelt werden.
  9. Entscheidungen für die Stadterneuerung müssen offen gefunden und möglichst am Ort diskutiert werden. Die Betroffenenvertretung ist zu stärken.
  10. Stadterneuerung, die Vertrauen erzeugt, braucht feste Finanzzusagen. Das Geld muss schnell und auf den Fall bezogen ausgegeben werden können.
  11. Es sind neue Formen der Trägerschaft zu entwickeln. Treuhänderische Sanierungsträgeraufgaben (Dienstleistungen) und Baumaßnahmen sollen getrennt werden.
  12. Die Stadterneuerung nach diesem Konzept muss über die Zeit der IBA hinaus gesichert sein.

Quellen:
https://prerow.de/haemer-homepage/h.w.haemer.htm
https://de.wikipedia.org/wiki/Hardt-Waltherr_H%C3%A4mer
auch unbedingt lesen:
https://www.berliner-mieterverein.de/magazin/online/mm1112/111220.htm

chz

in memoriam – Barbara Petersen


Barbara war stadtbekannt durch ihre wunderbaren Aktionen zu so umfassend verschiedenen Themen. Wir haben ihrer Kreativität vor allem in der Anfangszeit der Regenbogenfabrik sehr, sehr viel zu verdanken.

Ganz konkret hatte sie auch ihren Anteil daran, die Kinderbetreuung auf sichere Füße zu stellen.

An der Sondernummer des Südost Express, die heute auch gewürdigt wird, hatte sie ebenfalls mitgearbeitet. Und zu erinnern ist auch an die Aktion der Abriegelung Kreuzbergs anlässlich des Reagan-Besuchs 1987. Der „Anti-Kreuzberger Schutzwall“ wurde am 17. Juni auf der Kottbusser Brücke errichtet. Das haben wir hier im Blog bereits berichtet.

2014 ist Barbara gestorben. Im Tagesspiegel hat Gregor Eisenhauer auf der Nachrufe-Seite gute Worte gefunden, die wollen wir euch heute vorstellen:

https://trauer.tagesspiegel.de/nachruf/1530

Damals war’s – Conny van Geisten zum Gedenken…….

Damals war’s vor 28 Jahren
Ich kann kaum glauben, wie jung wir waren
Da wurde die Fabrik besetzt
Die Spekulanten waren schwer entsetzt……

Mit diesen Worten habe ich am 14. März 2009 unsere Gäste scherzhaft zum Geburtstag der Regenbogenfabrik begrüßt, die ohne Conny van Geisten so bzw. vielleicht auch gar nicht mehr existieren würde:

1981 war die bewegte Zeit der Westberliner Instandbesetzungen („Instandbesetzen statt Kaputtbesitzen!“), die Teil eines bundesweiten Protestbewegung gegen Behördenwillkür und Politikwahnsinn war, in der sich die Menschen einfach nicht mehr mit der Unfähigkeit der Herrschenden abfinden, sondern stattdessen ihre Belange selbst in die Hand nehmen wollten:
„Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“

Im Falle der Regenbogenfabrik war dies der bevorstehende Abriss einer ehemaligen Chemiefabrik mit angrenzenden Wohngebäuden, die Platz für einen vier- bis sechsgeschossigen Neubau im Kreuzberger Block 109 als lukratives steuerbegünstigtes Spekulationsobjekt der Investorengruppe Vogel & Braun machen sollten. Zwar hatten diese hierfür weder eine rechtsgültige Abriss- noch Neubaugenehmigung, dafür aber umso mehr Beziehungen im Westberliner Parteiensumpf, in dem derartige Angelegenheiten mit gemeinsamen Saunabesuchen sowie Brillanten und Pelzen für die werten Gattinnen geregelt wurden (vielleicht hatten sich die Spekulanten ja schon vor uns den Szenespruch „legal, illegal, scheißegal“ zu eigen gemacht ?)

Doch es kam anders: In einem immensen Kraftakt von BesetzerInnen, Initiativen und UnterstützerInnen aus Kreuzberg und ganz Berlin, Kirchengemeinden, Kiez-PolitkerInnen, engagierten Verwaltungsleuten und und und …… und der IBA konnte der Abriss verhindert und das Nachbarschaftszentrum Regenbogenfabrik aufgebaut und gerettet werden. Die Regenbogenfabrik wurde zum IBA-Projekt und Teil der „Initiativen vor Ort“ und die IBA-MitarbeiterInnen Teil unseres Regenbogenlebens: Neben Jörn Dargel, Wulf Eichstädt u.a. sowie Kostas Kouvelis, der unser Projektbetreuer wurde, war dies vor allem Conny, der uns fortan bei den mehr als schwierigen Legalisierungsverhandlungen mit all seinem fachlichen Wissen, aber auch mit seiner immensen moralischen Kraft zur Seite stand. Und die war gewaltig und hat uns beileibe nicht immer nur getätschelt sondern im Gegenteil auch kräftig gefordert……

Die behutsame Stadterneuerung war mit dem Ziel angetreten, „kaputte Stadt zu retten“, und neben den Baulichkeiten deren BewohnerInnen als existenzieller Bestandteil eines Stadtteils zu sehen. Damit waren diese nicht nur Opfer einer verfehlten Baupolitik sondern betroffene Akteure, die es einzubinden galt, um das gemeinsame Ziel einer lebenswerten „menschlichen“ Stadt zu erreichen. Dieser stadtsoziologische Ansatz traf sich mit unseren etwas verklärten Vorstellungen von „Leben, Lieben und Lachen“ und einer bunten Vielfalt unterm Regenbogen mit der Gewissheit, dass „nur wer den Mut zum Träumen, auch die Kraft zum Kämpfen hat“, indem wir uns gemeinsam darüber einig waren, dass es „nichts Gutes gab (und gibt!), außer man/frau tut es“.

Und am Tun sollte es in den folgenden Jahren nicht mangeln, ebenso wenig wie auch an unzählig vielen und langwierigen Inhalt- und Strategiediskussionen, die wir intern und gemeinsam mit unseren UnterstützerInnen geführt haben. Dazu gehörte auch Conny, der aus meiner heutigen Sicht eine Unmenge Geduld für uns aufbrachte, uns ernst genommen und unsere Ideen und Ideale – wenn auch wie gesagt nie kritiklos – akzeptiert und geschätzt hat. 
Als wir Conny kennenlernten, waren die meisten von uns zwischen 20 und 25 Jahre alt und Menschen wie Conny, waren aus unserer Sicht in „Amt und Würden“ und „alt“ (sorry, Conny!). Umso wichtiger war uns diese Akzeptanz und ein emanzipatorischer Umgang miteinander auf „gleicher Augenhöhe“ (was bei Conny natürlich nur symbolisch zu verstehen war!). Dies beinhaltete aber auch, dass unser Verhältnis ihm gegenüber ebenso von konstruktiver Kritik geprägt war: So kann ich mich gut erinnern, wie Conny sich bemühte, einen Disput zwischen Kuno Haberbusch als damaliger Regenbogen-Akteur auf der einen Seite und meinem Freund Jonny Landmann und mir auf der anderen Seite zu schlichten, weil er durch unseren Streit das Gesamtprojekt gefährdet sah.
Es ist ihm nicht gelungen, aber die Regenbogenfabrik existierte weiter und Kuno machte seine Karriere als Journalist beim NDR…

Conny wurde für uns zum Beistand und Paten, zum Vermittler gegenüber Politik und Verwaltung und schließlich auch zum hoch geschätzten Freund, der uns all die darauf folgenden Jahre nicht aus den Augen verloren hatte. Entsprechend hat er in seinem Beitrag zu unserer Broschüre anlässlich des 25-jährigen Jubiläums ein ausgesprochen treffsicheres und liebevolles Bild aufgezeigt, auf das ich sehr stolz bin, zumal er die Qualität der Regenbogen-“Frauschaft“ und unsere Hartnäckigkeit in unserem Handeln und Verhandeln hervorgehoben hat.

Genannte Verhandlungen dauerten buchstäblich Jahrzehnte, denn immer wieder standen wir kurz vor Räumung und Abriss, immer wieder mussten wir in zähen und langwierigen Verhandlungen (oft faule) Kompromisse eingehen, immer wieder mussten wir Gebäudeteile und damit auch Teile unseres Regenbogentraums vom gemeinsamen Wohnen, Leben und Arbeiten aufgeben.
Ganz besonders spitzte sich die Situation 1984 zu, als die Regenbogenfabrik als eines der letzten besetzten Projekte zunächst nur für ein Jahr legalisiert werden konnte. Ein Jahr später wiederholte sich dies, in dem das Wohnhaus zugunsten der Rettung des Fabrikgeländes, das mittlerweile die verschiedenste soziokulturellen Aktivitäten beherbergte, aufgegeben werden sollte. Und wieder drohte das totale Aus, und wieder wurde partei- und verwaltungsübergreifend verhandelt (an entsprechenden Gesprächsrunden nahmen bis zu acht Verwaltungen aus Bezirk und Senat teil!) und wieder standen wir kurz vor dem Aus. Und wieder war es Conny, der uns zur Seite stand, so dass wie gemeinsam mit UnterstützerInnen aus dem Kiez, Politik und Verwaltung (ganz besonders sei hier Günther Poggel, ehemals Jugendsenat, genannt) einen Abgeordnetenhausbeschluss zum „langfristigen und umfassenden Erhalt der Regenbogenfabrik“ erringen konnten.

Die tatsächliche Umsetzung dieses Beschlusses wurde zwar – u.a. wegen der Altlastenproblematik – zur unendlichen Odyssee, die immer noch nicht gänzlich abgeschlossen ist, aber nur so konnte das Fundament für die darauffolgenden (Weiter-)Entwicklung der Regenbogenfabrik als Kinder, Kultur- und Nachbarschaftszentrum mit kreativ-handwerklichen, soziokulturellen und Angeboten im Jugend- und Kinderbereich geschaffen werden.
Hinzu kam in den letzten Jahren – nach dem jegliche staatliche Förderung (außer für die Kita) eingestellt worden war – der Zweckbetrieb zur „Bildung und Beschäftigung unterm Regenbogen“ mit Qualifizierungsangeboten, Hostel, Fahrradverleih, Kiezkantine und den  „Kreuzberger Kuchenbäckerinnen“ mit einem Laden in der Lausitzer Str. 22a.
Alle gemeinsam bilden die Grundlage für eine zukünftige „Regenbogengenossenschaft“, in der im Rahmen von solidarischer Ökonomie selbstbestimmt und – verwaltet sinnvolle Arbeitsplätze geschaffen und damit gleichzeitig unsere soziokulturellen und politischen Ziele umgesetzt werden können.

Lieber Conny, das alles hast Du mit geschaffen und wirst auch weiterhin Teil davon sein, denn das letzte was wir gemeinsam mit Dir wollten und wollen, war und ist, dass unser Projekt statisch bleibt und sich nicht fortentwickelt.
Vielmehr gilt es nach wie vor auf der Grundlage unseres basisdemokratischen Denkens und Tuns mit all unserer Erfahrungen immer wieder entsprechend der Bedarfe und Bedürfnisse des Kreuzberger Kiezes und seiner Menschen Neues aufzubauen. Dies ist unglaublich spannend, kostet aber auch unendlich viel Kraft und ich weiß nach 28 Jahren, in der ich quasi pausenlos an vorderster Front gestanden habe, oft nicht mehr, wie dies alles zu schaffen sein soll (zumal ich mit 52 Jahren in inzwischen mutmaßlich noch älter bin, als wir es damals von Dir annahmen).
Aber ich weiß auch, dass wir alle  gemeinsam zu viel zusammen durchgestanden und erkämpft haben und ich weiß, dass es nicht zuletzt Dein Vermächtnis an uns ist, weiter zu machen, denn wie gesagt, Du hast uns nie getätschelt, sondern immer kräftig gefordert – wir werden unser Bestes geben…..

Anette Schill

Cornelius van Geisten

Architekt
Geboren: 15. September 1943
Gestorben: 30. Oktober 2008

Nach der Kreuzberger Zeit wirkte Conny vor allem auch in Potsdam. Hier eine Würdigung.

https://www.potsdam.de/content/636-zum-tode-von-cornelius-van-geisten

Geburtstagskind des Tages – Marten

Marten bekam bei uns im Blog das erste Wort mit seinen schönen Worten zur Geschichte der Regenbogenfabrik, aufgeschrieben anlässlich des 25. Geburtstag im Jahr 2006. Die folgenden Worte hat Gregor Eisenhauer nach einem langen Gespräch mit uns Freund*innen im Juni 2014 auf der Nachrufseite im Tagesspiegel veröffentlicht. Bis hierher haben wir im Blog schon oft von Abschieden berichten müssen. Es wird auch weiter so sein, es ist nun mal Teil des Lebens, dass es mal zu Ende ist. Dieses einzusehen braucht wohl ein ganzes Leben.

Marten | 19. Juli 1949 – 27. Februar 2014

Wir befinden uns im Jahr 1981. Ganz Kreuzberg droht in die Hände von Spekulanten zu fallen. Ganz Kreuzberg? Nein, nicht ganz Kreuzberg. Es gibt ein, zwei, es gibt hunderte besetzte Häuser. Eins davon in der Lausitzer Straße: Die Regenbogenfabrik. Marten hat nach 25 Jahren dieses Märchen vom Kiezdorf, das so trotzig Widerstand gegen die Besatzer leistete, eigenhändig aufgeschrieben, er hatte schließlich mal Germanistik studiert. „Seht, das ist eine wahre Geschichte …

Es begann alles sehr konspirativ, im Hinterzimmer einer Kneipe. „Jeder, der etwas auf sich hielt, nahm ja an, dass der Verfassungsschutz nicht nur sein Telefon abhört, sondern auch gleich die ganze Wohnung verwanzt hatte.“

Wer sein Haus verkommen lässt, hat es nicht verdient, eins zu besitzen. Das war die Parole. Und so nahmen Marten und seine Freunde das 114. Haus in Besitz. „Besetzungsakt“ tauften sie die Übernahme, es wurde viel gelacht in diesen Tagen und noch mehr geträumt. „Wir sind der Frühling im deutschen Herbst.“

Ein Haus ist schnell besetzt, es instand zu halten, hingegen harte Arbeit. Da braucht es mehr als revolutionären Eifer, da braucht es eine Menge Spucke und Tatendrang.

Die Wohnungen waren durch den langen Leerstand völlig heruntergekommen. Im Hof lagerte Chemiemüll der alten Fabrik. Die Kinder quengelten, und Jobs hatte man ja auch noch, denn ohne Geld war nicht viel zu reißen. Kein Wunder, dass die Nerven manchmal blank lagen. Zumal die Erwartungen so hoch waren.

Alle können alles, das war die kollektivistische Lösung, die Vorteile der Spezialisierung wurden konsequent ignoriert. Im Wohnhaus sortierten sich die Lebensgemeinschaften, in der Fabrik richteten sich die Werkstätten ein, und über allem sollte sich bunt der Regenbogen wölben. Aber so friedlich war es nicht.

Es kam immer wieder zum Streit, die Verhandler gegen die Nichtverhandler, die Maximalisten gegen die Kompromissler. Marten war Verhandler. Er wollte, dass etwas bleibt. „All or nothing“ ist keine Parole für den Alltag. Zumal, wenn immer wieder die Räumung droht. Und der Bankrott.

Solidarische Ökonomie muss auch ökonomisch sein. Also wurden im Lauf der Jahre Musikübungsräume eingerichtet, Gästezimmer, eine Kantine, eine Schulfernsehsendung in der Reihe „Ökologo“ entstand, Titel „Unser kleines Dorf“.

Immer wieder planen und reden, reden, lange Sitzungen, und wenn es zu viel wurde: Ab auf den Bolzplatz. Der FC Roter Zorn, gelegentlich in Roter Korn umgetauft, war gefürchtet, wenn er denn mal vollzählig antrat.

„Wir wollen lachen, leben, lieben … “ Ein einfacher Dreisatz. Am besten ging das all die Jahre im Kino. Marten war der Mann der Träume. Vom ersten Tag an gab es dank ihm 1-A-Kintopp. Das Bettlaken an die Wand, ein Projektor angeschmissen, und los ging die Reise. Nicht nur Agitprop, alles, was Spaß machte, alte Italowestern, Kinderfilme, ein Blockbuster für die Kasse, fürs Herz und die Seele und den Kopf, für alle sollte was dabei sein.

Marten hatte in der Regenbogenfabrik seinen Platz fürs Leben gefunden, sein Zuhause. Von seinen Eltern redete er selten, sie waren sehr streng gewesen, unnahbar. Er selbst war ganz anders, als Vater und als Erzieher. Keiner war liebevoller zu den Kindern. Er lebte ihnen seinen Traum vor, damit sie selbst träumen lernen. Denn eine gute Zukunft, die kann man nicht kaufen und nicht versprechen, die kann man nur mit anderen zusammen leben, von einem Tag auf den nächsten.

Es gibt immer die, die viel reden. Und es gibt die, die mit anpacken und sich nicht davon stehlen. Marten war da, wo er sein wollte. Und wenn es ihn mal wegzog, fuhr er an die Ostsee. Die Träume blieben lebensnah. Was ihm wehtat: Dass sein Sohn Willi so früh starb. Er hat weitergelebt, trauriger halt. Aber nicht nachgelassen. Er war stolz auf das, was sie alle zusammen auf die Beine gestellt hatten.

„Das System existiert noch. Wir aber auch! Und wenn uns sonst niemand dafür feiern will, dann feiern wir uns halt selbst!“ Marten war nicht der, der am lautesten sang an solchen Tagen. Er war der, der am treuesten zu seinen Versprechen stand. „We’d live the life we choose / we’d fight and never lose / for we were young and sure to have our way.“

Gregor Eisenhauer im Tagesspiegel vom 20. Juni 2014

taz: 29.03.2014