in memoriam – Gabi

Am kleinen Makel stören sich Kleingeister. Sie sah darüber hinweg

Jörg Machel

Wabi-Sabi, das ist ein ästhetisches Konzept aus Japan, nach dem Vollkommenheit erst in der Brechung zur Geltung kommt. Der kleine Fehler macht die Teeschale perfekt, nicht ihre makellose Rundung. Der Satz „Das ist ein echter Gabi“ bedeutete, dass die Tür ein wenig klemmte, die Figur wackelte, die Küche nach dem Kochen wie ein Schlachtfeld aussah. Der große Wurf war wichtig, das Ergebnis als Ganzes musste stimmen. Am kleinen Makel stören sich Kleingeister – sie sah darüber hinweg. Der rechte Winkel lag ihr nicht und der millimetergenaue Anschluss gelang ihr selten.

Sie blühte auf, als sie mit Naturholz zu arbeiten begann, das Material so nahm, wie sie es vorfand. Rundungen und Kanten, von der Natur geschaffen, so zusammenzufügen, dass daraus ein brauchbares Möbelstück entstand, das war ihr Ding.

Gabi suchte sich das Umfeld, wo ihre Ecken, Kanten und Rundungen akzeptiert wurden, wo niemand an ihr herumfeilen wollte. Über die Hausbesetzerbewegung, zu der sie schon in Bielefeld Kontakt hatte, fand sie in Berlin ihr Zuhause in der Kreuzberger Regenbogenfabrik. Der politische Anspruch sollte sich verbinden mit dem guten Leben, die Solidarität mit den Schwachen sollte sich paaren mit der Toleranz gegenüber jeglichen Schwächen, den eigenen und denen der anderen. Viele Projekte der Hausbesetzerszene begannen mit großen politischen Konzepten und endeten als Eigentümergenossenschaft mit peinlich hoher Rendite. Die Leute aus der Regenbogenfabrik wollten immer mehr als ein mietfreies Zuhause: Zusammen leben und miteinander arbeiten.

Es war ein weiter Weg vom wohlgeordneten Zuhause bis in die besetzte Fabrik. Die Fürsorge von Mutter und Vater zielte darauf, dass auch bei Gabriele alles in geordneten Bahnen läuft, solide Ausbildung, sicherer Job. Dafür aber war sie nicht die Richtige. Vielleicht wurde der Keim ja schon gelegt, als sie die Bielefelder Laborschule des Reformpädagogen Hartmut von Hentig besuchte. Auf jeden Fall haben Reisen nach Südamerika und auf den Balkan Weichen gestellt. Da erlernte sie die Kunst der Improvisation. Und dann gab es noch die große Schwester, die schon vor ihr in die alternative Szene von West-Berlin eingetaucht war.

In einem Film über solidarische Ökonomie sagte Gabi über ihre Arbeit in der Regenbogenfabrik: „Ich bin 1987 nach Berlin gezogen, zufällig ins Vorderhaus und da ich Tischlerin war, passte mir das natürlich ganz gut, dass hier eine Werkstatt war. Es waren Tischlerinnen und Tischler schon drin, aber die Werkstatt war ziemlich runtergekommen, und es war alles zugerümpelt, und die waren eigentlich dabei auszuziehen. Ich wurde anfangs sehr skeptisch von den Leuten der Regenbogenfabrik beäugt: Na, was ist denn das für eine?“

In der Werkstatt hat sie Herzblut gelassen. Und auch im Regenbogenkino mischte sie kräftig mit. In der letzten Zeit hat sie häufig in der Kantine gearbeitet. Ihre Kochkünste waren legendär, das Chaos, das sie in der Küche hinterließ, gefürchtet. Unschlagbar waren ihre „Malfatti“, eine Art Spinat-Gnocchi. Einige wenige kennen das Rezept, ab und zu kommt es noch auf den Tisch in der Kantine.

Gabi hinterließ Spuren. Sie baute Puppen, malte Bilder, inszenierte Stücke, drehte Filme, prägte Kinder und Jugendliche in wichtigen Phasen ihres Lebens. Nichts von dem, was sie tat, war vollkommen, Preise gewann sie keine mit ihren diversen Unternehmungen. Aber sie erntete spontanen Applaus und bewegte die anderen mitzumachen.

Gabi konnte nerven, brachte Leute zur Verzweiflung; sie nannte ihre Art „spontan“, andere fanden sie chaotisch. Sie war so schnell und assoziativ, dass es nicht ganz leicht war, ihr zu folgen. Manchmal schien es, als könne sie selbst mit dem eigenen Tempo nicht Schritt halten.

Fassungslos war sie, als man vor zwei Jahren Lungenkrebs bei ihr diagnostizierte. Sie wollte leben und wehrte sich gegen den Tod. Und die Chemotherapie wirkte. Im April verkündete sie: „Ich glaube, ich hab’s geschafft.“ Dann aber kam die Krankheit zurück, und wieder reagierte sie fassungslos und hielt dagegen. Diesmal siegte der Krebs.

Gabi Schopp 29.1.1955 – 13.7.2015

in memoriam – Jutta

1953 – 1992

Jutta war gerne im Stadtteilzentrum vorne in der Lausitzer Straße gewesen und war gut befreundet mit den Leuten in der Fahrradwerkstatt. Als die Werkstatt in die Regenbogenfabrik zog, ist sie mitgekommen. So ist sie in den frühen Jahren der Regenbogenfabrik einfach da gewesen, hat sich eingesetzt, wo es gebraucht war, sei es beim Kulturevent in der Tresenschicht, sei es, wie auf dem Bild, bei einer Protestaktion. Bis sie im Wedding eine Arbeit als Bürokauffrau gefunden hat und dann auch mit ihrer Tochter und ihrem Liebsten, Arno, in den Wedding gezogen ist.

Als sie an Krebs erkrankte hat sie mutig gekämpft, sie hat gehofft und am Ende den Kampf verloren. Sie hat aber gelebt und geliebt. Arno blieb noch, bis die Tochter aus dem Haus ging, dann kehrte er in die Regenbogenfabrik zurück.

Unvergessen ist sie uns geblieben als Seeräuber-Jenny. Ihr zu Ehren stellen wir den Song hier vor.

in memoriam – Helmut Markmann

Verrückt manchmal. 40 Jahre leben wir in der Stadt, hier im Haus. Viel haben wir erlebt. Wie entsteht dieser Eindruck, dass die ersten fünf Jahre länger scheinen als alle darauf folgenden zusammen?

Alte schwarz-weiß Bilder, selber in der Dunkelkammer abgezogen oder Dias in tief verstauten Kisten. An Mobiltelefone hat noch keiner gedacht, sie als sci-Fi Marotte abgetan, Bilder waren selten. Macht das die Bilder wertvoller, die Erinnerung präziser? Oder ist auch das Illusion?

Die Bilder aus den ersten beiden Jahren im Hinterhaus der Regenbogenfabrik zeigen Helmut. Helmut von Gegensatz. Gute Adresse, wie die Kreuzberg-Novizin bald lernt. Dort wird unter anderem der Südost Express produziert. Das neueste vom Neuen, gedruckt wird nicht mehr mit bleiernen Lettern, sondern im Fotosatz. Wow, ist das nun der Fortschritt, der auch Laien das Gestalten ermöglicht oder ist das der große Jobkiller? Oder endlich der Ausweg in die vier-Tage-Woche?
Fragen, die uns heute weit weg erscheinen und doch wieder neu gestellt werden. Aber das ist jetzt ein Nebenschauspiel, wichtig, aber eine Ablenkung davon, dass es darum geht, einen alten Mitstreiter aus der Besetzerzeit zu würdigen. Und dann gibt es doch nur ganz kleine Erinnerungsschnipsel. Helmut im Liegestuhl mit der taz, super typisch das Bild. Helmut vor dem Café mit Achim und Heinz, den Austausch genießend. Helmut in der Menge der Zuschauer beim türkischen Theaterstück im Regenbogenhof.

Die Bilder, was haben sie ausgelassen? Die Arbeitseinsätze, wenn Helmut sich handwerklich eingebracht hat im besetzten Haus. In den ersten Besetzerjahren jeden Herbst mit Hand angelegt, das Haus winterfest zu machen. Und alte Böden raus gerissen, um den Schwamm zu bekämpfen. Um dann nach getaner Tat mit der „Gourmetgruppe“ immer wieder zum Festmahl zusammenzukommen.

Lange war er im Kollektiv tätig, mit allen Sorgen und Nöten. Einerseits die Freiheit, sich Aufträge aussuchen zu können. Nicht für Kredithaie und auch nicht für jemanden arbeiten, der unbedingt auf Motive mit sexuellem Charakter in der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit Wert legt. Sich darüber Gedanken machen können, wer mit den eventuellen Gewinnen unterstützt werden kann.

Ein paar Jahre geht’s gut, dann fressen die Kosten allen die Haare vom Kopf. Die unsolidarische Rechtsform bürdet die Verantwortung den sogenannten Geschäftsführern auf, die kollektive Arbeitsweise zerbricht an den Widersprüchen, man trennt sich.

Helmut arbeitet an anderer Stelle weiter, engagiert sich, weiß wofür. Er will nochmal alles auf eine Karte setzen. Genug Geld, um in Thailand das Leben neu zu beginnen. Dazu kommt es nicht mehr, die Arbeit fordert alles, das Herz hält nicht stand. Im Sommer 1991 stirbt Helmut, bevor er seinen Traum umsetzen konnte.

chz

in memoriam – Achim Sand

Einöd-Ingweiler in der Nähe von Zweibrücken, das ist die Palz, die dort auch noch ins Saarland reicht. Auf jeden Fall noch Pfälzer Wald, oder? Also nicht der Weinberg um die Ecke, doch die Nähe zu Frankreich sorgt dafür, dass die Leut wissen, wie mensch es sich gut schmecken lassen kann. Leben und leben lassen.

Als Fußballfan wird zwangsläufig zu Kaiserslautern gehalten, das ist klar. Leidenschaftlicher Roter Teufel und gutmütiger Weihnachtsmann in Personalunion, wer hat das gesagt? Ist schon was dran. Automechaniker werden, Bundeswehrflüchtling, Berlin ruft!

Arbeiten in Berlin? In der Regenbogenfabrik, gerne! Und leben und immer da sein mit und für alle im Seitenflügel, im Café und auf dem ganzen Gelände.

Nach den ersten Jahren in der Fahrradwerkstatt gab es eigentlich in der Regenbogenfabrik keine Wand, an die Achim nicht gemeinsam mit der Baugruppe Hand angelegt hat.

Die größte Baustelle war sicherlich die Dachsanierung über dem Kino, parallel zum Neubau von Hostel und Seminarraum. Mit skeptischem Blick und doch voller Stolz sitzen die Helden der Baubrigade auf dem Träger über dem Abgrund. Allen Grund haben sie, stolz zu sein auf ihr Werk.

Gern gekocht und gern gegessen hat Achim, Geselligkeit ist ein wichtiger Teil des Lebens, nicht nur im Café, das sein zweites Wohnzimmer war. Da konnten alle Freundinnen und Freunde von profitieren. Das war als Zapfer und Grillmeister bei so einigen Fabrikfesten auch gut auszuleben.

Segeln gehen mit dem Freund aus alten Fahrradwerkstatt-Tagen, Genuss und Sport auf der Ostsee. Füreinander aufgelegt, weil die Musik war wichtig und der Geschmack aneinander geschult.

Den ernsteren Seiten des Lebens ist Achim dann auch nicht ausgewichen und hat sich für viele Jahre für den Vorstand des Vereins Regenbogenfabrik zur Verfügung gestellt.

Liebevoller Freund für Jung und Alt, um einen flotten Spruch mit freundlichem Spott ist Achim nicht verlegen gewesen. Hat auch gern mal einen auf den Arm genommen. Keinen aufs Podest gehoben und keinen klein gemacht. Kann mensch was Besseres sagen über einen?

Skatrunden, jahrelang reihum organisiert von Seitenflügel über Hinterhaus bis raus nach Spandau. Viel Rauch, viel Bier und immer mal wieder eine volle Spielkasse, die dann gepflegt auf einer kleinen Reise niedergemacht wurde.

Der blöde Krebs sorgt dafür, dass das Leben endet. Hoffentlich ist ihm die Erde leicht geworden.

Nun ein direkter Nachbar von Anette auf die Luisenstädtischen Friedhof. Suse ist ihm bald gefolgt. Mögen sie und alle, die schon auf dem Friedhof logieren, auf uns warten, bis wir uns auch auf den Weg machen.

Achim 16.12.1955 – 8.6.2018