Geburtstagskind des Tages – Marten

Marten bekam bei uns im Blog das erste Wort mit seinen schönen Worten zur Geschichte der Regenbogenfabrik, aufgeschrieben anlässlich des 25. Geburtstag im Jahr 2006. Die folgenden Worte hat Gregor Eisenhauer nach einem langen Gespräch mit uns Freund*innen im Juni 2014 auf der Nachrufseite im Tagesspiegel veröffentlicht. Bis hierher haben wir im Blog schon oft von Abschieden berichten müssen. Es wird auch weiter so sein, es ist nun mal Teil des Lebens, dass es mal zu Ende ist. Dieses einzusehen braucht wohl ein ganzes Leben.

Marten | 19. Juli 1949 – 27. Februar 2014

Wir befinden uns im Jahr 1981. Ganz Kreuzberg droht in die Hände von Spekulanten zu fallen. Ganz Kreuzberg? Nein, nicht ganz Kreuzberg. Es gibt ein, zwei, es gibt hunderte besetzte Häuser. Eins davon in der Lausitzer Straße: Die Regenbogenfabrik. Marten hat nach 25 Jahren dieses Märchen vom Kiezdorf, das so trotzig Widerstand gegen die Besatzer leistete, eigenhändig aufgeschrieben, er hatte schließlich mal Germanistik studiert. „Seht, das ist eine wahre Geschichte …

Es begann alles sehr konspirativ, im Hinterzimmer einer Kneipe. „Jeder, der etwas auf sich hielt, nahm ja an, dass der Verfassungsschutz nicht nur sein Telefon abhört, sondern auch gleich die ganze Wohnung verwanzt hatte.“

Wer sein Haus verkommen lässt, hat es nicht verdient, eins zu besitzen. Das war die Parole. Und so nahmen Marten und seine Freunde das 114. Haus in Besitz. „Besetzungsakt“ tauften sie die Übernahme, es wurde viel gelacht in diesen Tagen und noch mehr geträumt. „Wir sind der Frühling im deutschen Herbst.“

Ein Haus ist schnell besetzt, es instand zu halten, hingegen harte Arbeit. Da braucht es mehr als revolutionären Eifer, da braucht es eine Menge Spucke und Tatendrang.

Die Wohnungen waren durch den langen Leerstand völlig heruntergekommen. Im Hof lagerte Chemiemüll der alten Fabrik. Die Kinder quengelten, und Jobs hatte man ja auch noch, denn ohne Geld war nicht viel zu reißen. Kein Wunder, dass die Nerven manchmal blank lagen. Zumal die Erwartungen so hoch waren.

Alle können alles, das war die kollektivistische Lösung, die Vorteile der Spezialisierung wurden konsequent ignoriert. Im Wohnhaus sortierten sich die Lebensgemeinschaften, in der Fabrik richteten sich die Werkstätten ein, und über allem sollte sich bunt der Regenbogen wölben. Aber so friedlich war es nicht.

Es kam immer wieder zum Streit, die Verhandler gegen die Nichtverhandler, die Maximalisten gegen die Kompromissler. Marten war Verhandler. Er wollte, dass etwas bleibt. „All or nothing“ ist keine Parole für den Alltag. Zumal, wenn immer wieder die Räumung droht. Und der Bankrott.

Solidarische Ökonomie muss auch ökonomisch sein. Also wurden im Lauf der Jahre Musikübungsräume eingerichtet, Gästezimmer, eine Kantine, eine Schulfernsehsendung in der Reihe „Ökologo“ entstand, Titel „Unser kleines Dorf“.

Immer wieder planen und reden, reden, lange Sitzungen, und wenn es zu viel wurde: Ab auf den Bolzplatz. Der FC Roter Zorn, gelegentlich in Roter Korn umgetauft, war gefürchtet, wenn er denn mal vollzählig antrat.

„Wir wollen lachen, leben, lieben … “ Ein einfacher Dreisatz. Am besten ging das all die Jahre im Kino. Marten war der Mann der Träume. Vom ersten Tag an gab es dank ihm 1-A-Kintopp. Das Bettlaken an die Wand, ein Projektor angeschmissen, und los ging die Reise. Nicht nur Agitprop, alles, was Spaß machte, alte Italowestern, Kinderfilme, ein Blockbuster für die Kasse, fürs Herz und die Seele und den Kopf, für alle sollte was dabei sein.

Marten hatte in der Regenbogenfabrik seinen Platz fürs Leben gefunden, sein Zuhause. Von seinen Eltern redete er selten, sie waren sehr streng gewesen, unnahbar. Er selbst war ganz anders, als Vater und als Erzieher. Keiner war liebevoller zu den Kindern. Er lebte ihnen seinen Traum vor, damit sie selbst träumen lernen. Denn eine gute Zukunft, die kann man nicht kaufen und nicht versprechen, die kann man nur mit anderen zusammen leben, von einem Tag auf den nächsten.

Es gibt immer die, die viel reden. Und es gibt die, die mit anpacken und sich nicht davon stehlen. Marten war da, wo er sein wollte. Und wenn es ihn mal wegzog, fuhr er an die Ostsee. Die Träume blieben lebensnah. Was ihm wehtat: Dass sein Sohn Willi so früh starb. Er hat weitergelebt, trauriger halt. Aber nicht nachgelassen. Er war stolz auf das, was sie alle zusammen auf die Beine gestellt hatten.

„Das System existiert noch. Wir aber auch! Und wenn uns sonst niemand dafür feiern will, dann feiern wir uns halt selbst!“ Marten war nicht der, der am lautesten sang an solchen Tagen. Er war der, der am treuesten zu seinen Versprechen stand. „We’d live the life we choose / we’d fight and never lose / for we were young and sure to have our way.“

Gregor Eisenhauer im Tagesspiegel vom 20. Juni 2014

taz: 29.03.2014

in memoriam – Gabi

Am kleinen Makel stören sich Kleingeister. Sie sah darüber hinweg

Jörg Machel

Wabi-Sabi, das ist ein ästhetisches Konzept aus Japan, nach dem Vollkommenheit erst in der Brechung zur Geltung kommt. Der kleine Fehler macht die Teeschale perfekt, nicht ihre makellose Rundung. Der Satz „Das ist ein echter Gabi“ bedeutete, dass die Tür ein wenig klemmte, die Figur wackelte, die Küche nach dem Kochen wie ein Schlachtfeld aussah. Der große Wurf war wichtig, das Ergebnis als Ganzes musste stimmen. Am kleinen Makel stören sich Kleingeister – sie sah darüber hinweg. Der rechte Winkel lag ihr nicht und der millimetergenaue Anschluss gelang ihr selten.

Sie blühte auf, als sie mit Naturholz zu arbeiten begann, das Material so nahm, wie sie es vorfand. Rundungen und Kanten, von der Natur geschaffen, so zusammenzufügen, dass daraus ein brauchbares Möbelstück entstand, das war ihr Ding.

Gabi suchte sich das Umfeld, wo ihre Ecken, Kanten und Rundungen akzeptiert wurden, wo niemand an ihr herumfeilen wollte. Über die Hausbesetzerbewegung, zu der sie schon in Bielefeld Kontakt hatte, fand sie in Berlin ihr Zuhause in der Kreuzberger Regenbogenfabrik. Der politische Anspruch sollte sich verbinden mit dem guten Leben, die Solidarität mit den Schwachen sollte sich paaren mit der Toleranz gegenüber jeglichen Schwächen, den eigenen und denen der anderen. Viele Projekte der Hausbesetzerszene begannen mit großen politischen Konzepten und endeten als Eigentümergenossenschaft mit peinlich hoher Rendite. Die Leute aus der Regenbogenfabrik wollten immer mehr als ein mietfreies Zuhause: Zusammen leben und miteinander arbeiten.

Es war ein weiter Weg vom wohlgeordneten Zuhause bis in die besetzte Fabrik. Die Fürsorge von Mutter und Vater zielte darauf, dass auch bei Gabriele alles in geordneten Bahnen läuft, solide Ausbildung, sicherer Job. Dafür aber war sie nicht die Richtige. Vielleicht wurde der Keim ja schon gelegt, als sie die Bielefelder Laborschule des Reformpädagogen Hartmut von Hentig besuchte. Auf jeden Fall haben Reisen nach Südamerika und auf den Balkan Weichen gestellt. Da erlernte sie die Kunst der Improvisation. Und dann gab es noch die große Schwester, die schon vor ihr in die alternative Szene von West-Berlin eingetaucht war.

In einem Film über solidarische Ökonomie sagte Gabi über ihre Arbeit in der Regenbogenfabrik: „Ich bin 1987 nach Berlin gezogen, zufällig ins Vorderhaus und da ich Tischlerin war, passte mir das natürlich ganz gut, dass hier eine Werkstatt war. Es waren Tischlerinnen und Tischler schon drin, aber die Werkstatt war ziemlich runtergekommen, und es war alles zugerümpelt, und die waren eigentlich dabei auszuziehen. Ich wurde anfangs sehr skeptisch von den Leuten der Regenbogenfabrik beäugt: Na, was ist denn das für eine?“

In der Werkstatt hat sie Herzblut gelassen. Und auch im Regenbogenkino mischte sie kräftig mit. In der letzten Zeit hat sie häufig in der Kantine gearbeitet. Ihre Kochkünste waren legendär, das Chaos, das sie in der Küche hinterließ, gefürchtet. Unschlagbar waren ihre „Malfatti“, eine Art Spinat-Gnocchi. Einige wenige kennen das Rezept, ab und zu kommt es noch auf den Tisch in der Kantine.

Gabi hinterließ Spuren. Sie baute Puppen, malte Bilder, inszenierte Stücke, drehte Filme, prägte Kinder und Jugendliche in wichtigen Phasen ihres Lebens. Nichts von dem, was sie tat, war vollkommen, Preise gewann sie keine mit ihren diversen Unternehmungen. Aber sie erntete spontanen Applaus und bewegte die anderen mitzumachen.

Gabi konnte nerven, brachte Leute zur Verzweiflung; sie nannte ihre Art „spontan“, andere fanden sie chaotisch. Sie war so schnell und assoziativ, dass es nicht ganz leicht war, ihr zu folgen. Manchmal schien es, als könne sie selbst mit dem eigenen Tempo nicht Schritt halten.

Fassungslos war sie, als man vor zwei Jahren Lungenkrebs bei ihr diagnostizierte. Sie wollte leben und wehrte sich gegen den Tod. Und die Chemotherapie wirkte. Im April verkündete sie: „Ich glaube, ich hab’s geschafft.“ Dann aber kam die Krankheit zurück, und wieder reagierte sie fassungslos und hielt dagegen. Diesmal siegte der Krebs.

Gabi Schopp 29.1.1955 – 13.7.2015

in memoriam – Jutta

1953 – 1992

Jutta war gerne im Stadtteilzentrum vorne in der Lausitzer Straße gewesen und war gut befreundet mit den Leuten in der Fahrradwerkstatt. Als die Werkstatt in die Regenbogenfabrik zog, ist sie mitgekommen. So ist sie in den frühen Jahren der Regenbogenfabrik einfach da gewesen, hat sich eingesetzt, wo es gebraucht war, sei es beim Kulturevent in der Tresenschicht, sei es, wie auf dem Bild, bei einer Protestaktion. Bis sie im Wedding eine Arbeit als Bürokauffrau gefunden hat und dann auch mit ihrer Tochter und ihrem Liebsten, Arno, in den Wedding gezogen ist.

Als sie an Krebs erkrankte hat sie mutig gekämpft, sie hat gehofft und am Ende den Kampf verloren. Sie hat aber gelebt und geliebt. Arno blieb noch, bis die Tochter aus dem Haus ging, dann kehrte er in die Regenbogenfabrik zurück.

Unvergessen ist sie uns geblieben als Seeräuber-Jenny. Ihr zu Ehren stellen wir den Song hier vor.

in memoriam – Helmut Markmann

Verrückt manchmal. 40 Jahre leben wir in der Stadt, hier im Haus. Viel haben wir erlebt. Wie entsteht dieser Eindruck, dass die ersten fünf Jahre länger scheinen als alle darauf folgenden zusammen?

Alte schwarz-weiß Bilder, selber in der Dunkelkammer abgezogen oder Dias in tief verstauten Kisten. An Mobiltelefone hat noch keiner gedacht, sie als sci-Fi Marotte abgetan, Bilder waren selten. Macht das die Bilder wertvoller, die Erinnerung präziser? Oder ist auch das Illusion?

Die Bilder aus den ersten beiden Jahren im Hinterhaus der Regenbogenfabrik zeigen Helmut. Helmut von Gegensatz. Gute Adresse, wie die Kreuzberg-Novizin bald lernt. Dort wird unter anderem der Südost Express produziert. Das neueste vom Neuen, gedruckt wird nicht mehr mit bleiernen Lettern, sondern im Fotosatz. Wow, ist das nun der Fortschritt, der auch Laien das Gestalten ermöglicht oder ist das der große Jobkiller? Oder endlich der Ausweg in die vier-Tage-Woche?
Fragen, die uns heute weit weg erscheinen und doch wieder neu gestellt werden. Aber das ist jetzt ein Nebenschauspiel, wichtig, aber eine Ablenkung davon, dass es darum geht, einen alten Mitstreiter aus der Besetzerzeit zu würdigen. Und dann gibt es doch nur ganz kleine Erinnerungsschnipsel. Helmut im Liegestuhl mit der taz, super typisch das Bild. Helmut vor dem Café mit Achim und Heinz, den Austausch genießend. Helmut in der Menge der Zuschauer beim türkischen Theaterstück im Regenbogenhof.

Die Bilder, was haben sie ausgelassen? Die Arbeitseinsätze, wenn Helmut sich handwerklich eingebracht hat im besetzten Haus. In den ersten Besetzerjahren jeden Herbst mit Hand angelegt, das Haus winterfest zu machen. Und alte Böden raus gerissen, um den Schwamm zu bekämpfen. Um dann nach getaner Tat mit der „Gourmetgruppe“ immer wieder zum Festmahl zusammenzukommen.

Lange war er im Kollektiv tätig, mit allen Sorgen und Nöten. Einerseits die Freiheit, sich Aufträge aussuchen zu können. Nicht für Kredithaie und auch nicht für jemanden arbeiten, der unbedingt auf Motive mit sexuellem Charakter in der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit Wert legt. Sich darüber Gedanken machen können, wer mit den eventuellen Gewinnen unterstützt werden kann.

Ein paar Jahre geht’s gut, dann fressen die Kosten allen die Haare vom Kopf. Die unsolidarische Rechtsform bürdet die Verantwortung den sogenannten Geschäftsführern auf, die kollektive Arbeitsweise zerbricht an den Widersprüchen, man trennt sich.

Helmut arbeitet an anderer Stelle weiter, engagiert sich, weiß wofür. Er will nochmal alles auf eine Karte setzen. Genug Geld, um in Thailand das Leben neu zu beginnen. Dazu kommt es nicht mehr, die Arbeit fordert alles, das Herz hält nicht stand. Im Sommer 1991 stirbt Helmut, bevor er seinen Traum umsetzen konnte.

chz