Tscheppi war der Spitzname unserer Nachbarin, die uns über zwölf Jahre begleitet hat. Im Sprüchemachen war sie uns weit überlegen und freute sich dran, wenn wir rote Ohren kriegten. Es hat ihr sichtlich Spaß gemacht, zuzuschauen, was bei uns alles so los war. Und echte Freude dran gehabt, die Kinder beim Großwerden zu begleiten. Schön ist das Leben im Hier und Jetzt, doch erst später dämmerte uns, was Menschen, die in den zwanziger Jahren geboren worden waren, alles auf der Seele liegen hatten.
Sie nannte unsere Würstchen vom Grill Konfirmanden-Schniepel. Zur Beliebtheit der heutigen Regenbogen-Neuland-Wurst und andere Geschichten zur Wurst bald mehr hier bei uns.
Weihnachten 1992
Die Geschichte zu den Bildern:
Wir gingen nachmittags mit den Kindern zum Krippenspiel und trafen Tscheppi vorne vorm Haus an der Straße. Sie sagte, sie warte auf die Verwandtschaft aus dem Osten, die sie an Hl. Abend abholen wollten. Als wir in der Dämmerung zurückkamen, lief sie immer noch etwas verloren dort vorm Haus herum. War das mit der Verwandtschaft ihr Wunschdenken, oder war sie echt vergessen worden? Wer weiß?!
Spontan luden wir sie ein, mit zu uns hoch zu kommen zu Tannenbaum, Würstchen und Kartoffelsalat und sie nahm das dankbar an und fühlte sich sichtbar wohl im Kreise unserer Familie und mit den Kindern. Übrigens: Die Kinder konnten ihren schwierigen Namen nicht aussprechen und nannten sie entweder „Frau Schnatterbeck“ oder liebevoll „Frau Schmetterling“.
Andre Erinnerungen an Tscheppi beziehen sich auf das Café. Sie aß besonders gerne unseren selbst gebackenen Kuchen, und schlich auch schon mal am Sonntagvormittag, (dann, wenn die wilden Kerle nicht da waren), um den Kuchentresen. Das eine oder andere Stück Kuchen vom Vortag, konnte ich ihr dann überreichen, nachdem ich sie erst dazu fast genötigt hatte. So nach dem Motto – ach, das war doch jetzt nicht nötig. Außerdem war sie stets zur Stelle , wenn es auf der Straße was außergewöhnliches zu sehen gab – und das war ziemlich oft. Wir von der Cafécrew hatten so die Angewohnheit, manchmal wenn nichts los war, auf dem Treppenabsatz vorm Café zu sitzen , und da war Tscheppi auch nicht weit. Es kam zum einen oder anderen Schwätzchen, denn sie war stets gut informiert.
Willi ist jetzt 8 Jahre hier und arbeitet in der Baugruppe. Die macht auf der Regenbogenfabrik Reparaturen und Neuanlagen. Da bekam der Sandkasten eine neue Umrandung und im Jahr darauf wurde der Erweiterungsbau errichtet, womit das Hostel mehr Platz für Zimmer und einen neuen Speisesaal bekam. Willi sagt: ‚Es ist schon so, dass jeder seine eigenen Fähigkeiten hat und es ist auch so, dass jeder von dem anderen lernt, was er nicht weiß. Es gibt da keine Unterschiede, auch nicht des guten älteren Mitarbeiters. Der hat in seinem Leben schon mehr Erfahrungen gesammelt, aber die kann man ja weitergeben. Also so gut ist keiner, dass man perfekt ist. Aber wenn man immer wieder versucht, mit dem anderen auszukommen und sich etwas Mühe gibt, etwas Kameradschaft zu zeigen, Solidarität und so weiter, geht alles.
Ich finde es richtig und sehr wichtig, wenn man über verschiedene Generationen spricht. Denn, wenn wirklich Probleme auftauchen und da sind und jede Generation ihre Erfahrungen gesammelt hat, sollte sie diese auch weitergeben. Auch die jüngeren werden ja mal älter, haben eigene Kinder und die können ihnen dann nur bei Problemen helfen, wenn sie vorher ihre Probleme gelöst haben oder in einer Gemeinschaft darüber gesprochen und sie gelöst haben.‚“
Willis Worte fanden sich 2009 in einer Fotoausstellung der Uni Humanistyczne in Stettin.
Angekommen in der Fabrik war er 2001, wir hatten gerade eine große AB-Maßnahme starten können und so fand Willi zu uns über das Arbeitsamt. Das sah erst mal nicht nach einer Traumpaarung aus: Kam uns doch aus Steglitz ein strammer CDU-Wähler ins Haus. Würden wir denn miteinander klarkommen? Und wie! Die Sorge war langfristig gesehen unbegründet. Der eine oder andere Kulturkampf stand schon ins Haus, doch bald wussten beide Seiten, dass sie sich aufeinander verlassen können.
Willi gehörte sogleich zur Baugruppe und so gilt auch für ihn: es gibt kein Gewerk in der Fabrik, wo er nicht Hand angelegt hat. Und vor allem seinem großen Wissen um Elektroarbeiten verdanken wir viel Erneuerung. Wenn wir heut im Kino vor den versammelten Lichtschaltern stehen, um die richtige Stimmung hinzubekommen, dann gehen oft die Gedanken an ihn, der mit großer Sorgfalt alles zusammengefügt hat. Doch bevor die Kabel alle gelegt werden konnten, musste erst das Kino fast von Grund auf neu aufgebaut werden. Dieses und der Neubau für Hostel und Seminarraum waren die größten Baumaßnahmen in der Geschichte der Regenbogenfabrik.
Regenbogenfabrik 2004
2007 Neubau
2007 Tag des offenen Denkmals
2007 Winterbasar
zur Geburtstagsfeier
2011 Winterbasar
2015 Beisetzung Willi
2015 Beisetzung Willi
Willi hat gerne Schönes gestaltet, das merkte mensch, wenn er von seinem Garten schwärmte. Die Fabrikfeste kriegten von ihm immer einen extra Farbtupfer und die Lichtinstallation zum 30. Jubiläum der Fabrik stammt ebenfalls von Willi. Inzwischen aktualisiert hängt sie noch immer im RegenbogenKino.
2011 30 Jahre Regenbogenfabrik
Die Rente war kein Grund für ihn, das Arbeiten einzustellen, weniger vielleicht, aber immer umsichtig. Gestoppt hat ihn erst die schwere Krankheit. Wenns ne Anderswelt geben sollte, vielleicht sitzt er da am Lichtmischpult und unterm schwarzen Regenbogenshirt lugt das Tatoo-Shirt hervor …
2005 beteiligte sich die Regenbogenfabrik zum zweiten Mal am Tag des offenen Denkmals. Das bundesweite Thema lautete „Krieg und Frieden“.
Das Motto nahmen wir zum Anlass, uns damit zu beschäftigen, was in der Fabrik und in der Nachbarschaft in der Zeit des Nationalsozialismus geschehen war.
Mit Hilfe des Bezirksmuseums Friedrichshain-Kreuzberg fanden wir heraus, dass jüdische Mitbürger:innen aus dem Haus Lausitzer Straße 31 deportiert und ermordet worden waren. Wir beschlossen, zu ihrem Gedenken Stolpersteine verlegen zu lassen.
Stolpersteine sind in den Bürgersteig eingelassene, mit Messingtafeln versehene Pflastersteine, die vor der Haustüre der ehemaligen Wohnorte von Verfolgten des Naziregimes in den Boden gesetzt werden. Auf den Steinen, die je 10 x 10 cm groß sind, werden die Namen der Opfer des Nationalsozialismus sowie die Geburts- und Todesdaten eingraviert.
Von 1941 bis 1945 wurden etwa 55.000 jüdische Einwohner und Einwohnerinnen aus Berlin verschleppt und ermordet. Unter ihnen auch 7 Bewohner und Bewohnerinnen aus der Lausitzer Straße 31. Dabei handelt es sich um vier Angehörige der Familie Steinmesser, Frau Kestel geb. Bach (Gans) und Kurt und Hulda Moses, geborene Spitz. Sie alle wurden zwischen 1942 und 1943 aus ihrem Wohnhaus an der Lausitzer Straße 31 deportiert, und gelten als verschollen und wurden in unterschiedlichen Konzentrationslagern ermordet.
Mit unserer Idee wandten wir uns an die Bewohner und Bewohnerinnen der Lausitzer Straße 31 und der Nachbarschaft, aber auch an die Besucher:nnen beim Denkmalfest und baten darum, die Verlegung der Stolpersteine finanziell zu unterstützen. Vier Gedenksteine für die Familie Steinmesser hatten wir uns als ersten Schritt vorgenommen. Das Setzen der Steine für die Familie Steinmesser fand am 15. Mai 2006 statt. Für Hulda und Kurt Moses wurden die Steine im Juli 2007 verlegt.
Noch ein paar Worte zu den Stolpersteinen: Anfang der 90er Jahre konzipierte der 1946 in Berlin geborene Künstler Gunter Demnig die „Stolpersteine“ als dezentrale Denk- und Mahnmale. Das Stolperstein Projekt erinnert an alle Opfergruppen: Juden, Roma und Sinti, Euthanasieopfer, Homosexuelle sowie Menschen, die aus politischer oder religiöser Überzeugung in Opposition zum Nationalsozialismus standen, seien dies Kommunist:innen, Sozialdemokrat:innen, Katholik:innen, Protestant:innen, Zeugen Jehovas oder andere. Denn jede und jeder, die bzw. der nicht ins Menschenbild des Nationalsozialismus passte oder sich nicht einfügte, hatte mit Repressalien, Folter und letztlich mit Vernichtung zu rechnen. Mit einem Stolperstein bekommt eine vom Nationalsozialismus verfolgte und in dessen Folge zu einer Nummer degradierte Person ihren Namen wieder. Deren Identität und Schicksal sind, soweit bekannt, auf dem Stein ablesbar. Das Stolperstein Projekt erinnert an die Biographie der Verfolgten und macht zugleich die jeweilige Lokalgeschichte zur Zeit des Nationalsozialismus sichtbar.
Das „Stolpern“ findet im übertragenen Sinne, also gedanklich in den Köpfen derer statt, die den Stein wahrnehmen, innehalten, sich erinnern und nachdenken.
Gunter Demnigs Gedenksteine berühren, weil sie Menschen in die Gegenwart holen, die einst im eigenen Kiez oder sogar im eigenen Haus gelebt haben, aber ihrer Gegenwart beraubt und vernichtet worden sind. „Auschwitz war das Ziel und Endpunkt, aber in den Wohnungen und Häusern begann das Unfassbare, das Grauen“, erklärte der Künstler zu seinem Stolperstein Projekt.
Das Projekt Stolpersteine erfreut sich bundes- und europaweiter Anerkennung und Durchführung und lebt von der Bürger- und Bürgerinnenbeteiligung vor Ort.
Das Thema Stolpersteine werden wir im Blog wieder aufnehmen, denn wir haben in der damaligen Recherche mehr gelernt, als in einen Beitrag passt. Doch heute wollen wir nicht schließen, ohne die Namen der ehemaligen Nachbar*innen zu nennen und zu dokumentieren, was auf den Stolpersteinen veröffentlicht wurde. Die Namen sollen nicht vergessen werden.
Frau Greta Steinmesser, geb. Kestel geb. am: 12.02.1899 in Berlin Wohnort: Lausitzer Straße 31 Dep.: 38. Osttransport am 17.05.1943 nach Auschwitz
Frau Thea Steinmesser geb. am: 06.06.1923 in Berlin Wohnort: Lausitzer Straße 31 Dep.: 31. Osttransport am 01.03.1943 nach Auschwitz
Herr Ludwig Steinmesser geb. am: 02.09.1926 in Berlin Wohnort: Lausitzer Straße 31 Dep.: 31. Osttransport am 01.03.1943 nach Auschwitz
Herr Joachim Steinmesser geb. am: 10.07.1932 in Berlin Wohnort: Lausitzer Straße 31 Dep.: 96. Alterstransport am 10.09.1943 nach Theresienstadt und am 15.05.1944 nach Auschwitz
Herr Kurt Moses geb. am: 12.3.1908 in Berlin Wohnort: Lausitzer Straße 31 Dep.: 11. am 28.3.1942 nach Piaski-Trawniki
Frau Hulda Moses, geb. Spitz geb. am: 15.4.1875 in Birnbaum Wohnort: Lausitzer Straße 31 Dep.: 11. am 28.3.1942 nach Piaski-Trawniki
Für Frau Kestel konnten wir die Recherchen nicht zu Ende bringen, Dieser Stolperstein fehlt noch.
Was wir später herausfanden: Am 15. Mai 2006 hat auch eine andere Initiative einen Stein in der Reichenberger Straße setzen lassen.
Reiner kam 1998 als Mitbewohner ins Hinterhaus und zog dann nach fünf Jahren in den Seitenflügel in der Reichenberger Straße. Wechselte so von der Südseite der Fabrik an die Nordseite. Weit hatte er es also nie auf seinem Weg zur Arbeit im RegenbogenCafé oder früher in der Baugruppe.
Er war aber auch immer zur Stelle bei Events jeder Art: zum Einsatz am Grill oder hinter der Bar, für die Fabrik im Görlitzer Park, bei der Ausstellungseröffnung im Café, dem Konzert im Kino oder dem Fest im Hof. Sei es Flohmarkt oder Denkmaltag. Und wenn er im Pfälzer Dialekt vom Schwenksteak schwärmte, floss auch dem Gegenüber das Wasser im Mund zusammen. Viele Freund:innen profitierten von seiner Kochkunst.
Die Pfalz war seine Welt, in der er gut lebte, trotzdem stand Veränderung an, zog es ihn nach Berlin. Schmerzen im Rücken plagten ihn sehr, nicht immer war Reiner einsatzfähig. Wenn er es war, dann hat er allen im Café ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. So freundlich und zuvorkommend und besorgt um Jede:n. Und das meint wirklich Alle, schauten doch die Hunde der Nachbarschaft regelmäßig beim Café vorbei, ob Reiner nicht noch ein Leckerli für sie bereit hatte. Hatte er immer!
Und dann: was für ein Abschied! Gestorben beim Kuchenbacken, den Kuchen noch aus dem Ofen geholt und dann einfach tot.
Nun ist auch er uns vorausgegangen in die unbekannten Gefilde und hat sich in die Gemeinschaft auf dem Luisenstädtischen Friedhof eingereiht.
Wie viele verschiedene Menschen ihn vermissen mag das letzte Bild ausdrücken. Sogar aus Australien ist damals, vor drei Jahren, von Natalie ein Grußfoto für Reiner eingetroffen. Natalie, die viele Jahre als Guide in Sachen Nachhaltigkeit die Regenbogenfabrik immer im Programm hatte und deshalb mit ihren Gruppen regelmäßig bei Reiner im Café eingekehrt ist.