Die Schlesische Straße Nr. 13

von Werner von Westhafen

Es heißt, es sei das älteste Haus Kreuzbergs.

Gäbe es die Bartholdische Meierei noch, jenes sagenhaft große Landgut, das sich der Bürgermeister Bartholdi 1686 vor dem Schlesischen Tor zulegte, dann würde das Haus an der Schlesischen Straße Nummer 13 genau an der Grenze dieses Landsitzes stehen, der sich von hier aus bis zum Lohmühlengraben erstreckte und dessen Expansionsdrang im Norden nur noch von der Spree und im Süden nur noch vom Landwehrkanal aufgehalten werden konnte.

Die Gegend vor dem alten Stadttor war noch freies Land, keine Zollmauer behinderte den Blick; die Schlesische Straße war noch auf keiner Karte eingezeichnet. Der Weg, der sich zwischen alten Gärten und kleinen Gartenhäusern bis zum Schlesischen Busch schlängelte, in dem sich allerlei Gesindel herumgetrieben haben soll, wurde von den Berlinern schlicht nach seiner Lage »Vor dem Schlesischen Tor« benannt. Die Häuser der Bauern und Gärtner lagen alle auf der südlichen Seite des Weges; hinter ihnen erstreckten sich schmale Äcker, Wiesen und Gärten bis zum Landwehrgraben, der ebenso wie die Schlesische Straße noch keine gerade Linie war, sondern ein sich durch die Wiesen schlängelnder Wasserlauf.

Mit der Bewirtschaftung durch den Großbauern Bartholdi entstanden neben den noch mit Stroh und Reet gedeckten Hütten kleiner Gärtner schon etwas stattlichere Gartenhäuser; im 18. Jahrhundert siedelten sich Färber und Stoffdrucker in der Gegend an, die auf den ungenutzten Uferwiesen der Spree ihre Stoffe in der Sonne bleichten.
Aber erst während des großen Aufschwungs der Gründerzeit im 19. Jahrhundert bauten erfolgreiche Großindustrielle und erste Grundstücksspekulanten wie der Stadtrat de Cuvry, Heckmann oder der kleine Sprit- und Zuckerbaron Habel ihre Villen an den Rand der allmählich schon breiter und zielstrebiger gewordenen Schlesischen Straße. Nicht selten genehmigten sie sich den Luxus großer Gärten und Gartenhäuser auf der anderen Seite der Straße.

Das gegenwärtige Haus mit der Nummer 13 ist das einzige, das noch an die ehemaligen Landhäuser erinnert. Das 1827 von einem Maurer namens Radicke »an der Peripherie Berlins« gebaute Bauernhaus erhielt 1852 durch den Zuckerfabrikanten Habel ein zweites Stockwerk und einen Seitenflügel, später sogar ein Quergebäude.

Besitzer des kleinen Häuschens war der Zuckerbaron F.W. Habel, der schon in der Nähe auf einem Grundstück de Cuvrys eine seiner acht Zuckersiedereien eingerichtet hatte und auf der anderen Seite der Schlesischen Straße, auf den Grundstücken Nr. 18 und 20, Zucker kochte. Es gibt Quellen, die berichten, dass auch im Seitenflügel des Hauses mit der heutigen Nummer 13 Zucker fabriziert wurde. Sicher ist, dass 1870 der Schnapsbrenner C.A.F. Kahlbaum die Habelsche Zuckersiederei »mit malerischen Gewölben und ausgedehnten Lagerräumen« übernahm, um die beim Destillieren anfallenden Nebenprodukte zu Chemikalien weiter zu verarbeiten.
Das Geschäft florierte, unablässig brodelte und dampfte es, bis sich die Anwohnerproteste wegen »erheblichen Gestankes der Fuselöle« so häuften, dass der Enkel mit der Firma ins ferne Adlershof übersiedelte, von wo aus »etwa 1.000 Kahlbaum-Reagenzien« den Namen in alle Welt trugen.

Ende des 19. Jahrhunderts waren die Zuckerbarone aus der Innenstadt verschwunden. In den Remisen, Ställen und Schuppen hinter Radickes altem Haus zogen die verschiedensten Handwerker ein. Es müssen derart viele gewesen sein, dass der Leutnant aus dem gegenüber liegenden 43. Polizeirevier eine Skizze von den verschiedenen Gewerben im Hof anlegte, um den Überblick über die Lage im Hof zu erhalten – so dicht reihte sich Werkstatt an Werkstatt.

Das Haus mit der Nummer 13 gilt heute als ältestes Haus Kreuzbergs. Etwas verloren wirkt es mit seinen zwei niedrigen Stockwerken und den altmodischen Giebelfenstern zwischen den hohen Fassaden der Mietshäuser.
Man ahnt noch die alte Eingangstür zur Straße hinaus, in der Mitte zwischen je drei Fenstern rechts und links. Hinter dem Haus steht noch die steinerne Treppe, die einst in den Garten führte und im Treppenhaus schwingt sich noch eine hölzerne, knarrende Treppe in das zweite Stockwerk des alten Landhauses hinauf. Im Hof kündet ein Schild noch von der Schuhmacherei, die sich in den Sechzigerjahren zwischen Autoreparaturwerkstätten versteckte, bis 1975 das Haus geräumt wurde, weil es als einsturzgefährdet und »für Wohnzwecke ungeeignet« geworden war.

Es wäre wahrscheinlich, so wie all die alten Bauernhäuser in der Nachbarschaft auch, längst dem Erdboden gleichgemacht worden, um Platz für ein vierstöckiges Mietshaus zu schaffen, doch die 13 trotzte erfolgreich der Bauwut, bis 1987 die Internationale Bauausstellung eine Restaurierung ermöglichte. Schon 1936, als die Epa-Ag das Haus besaß und den Putz erneuern wollte, hatte Berlins Provinzialkonservator den geschichtlichen Wert des Gebäudes erkannt und auf die Wiederherstellung der alten Fassade bestanden. Zwar sind im Laufe der vielen Jahre Seitenflügel und Quergebäude zerstört und abgerissen worden, doch das Wohnhaus selbst, die Keimzelle der Nummer 13, hat alle Kriege unbeschadet überstanden.

Herzlichen Dank an die

1985 | ein Brief an die Gesellschaft der Eigentümer

23. November 1985, mehr als ein Jahr nach der Legalisierung von Regenbogenfabrik und Wohnhaus. Aber die Zukunft des Hinterhauses scheint ungewisser denn je.

In nervtötender Wiederholung wird abwechselnd Fabrik gegen Haus ausgespielt oder manchmal auch umgekehrt. Wieder war es also notwendig geworden, die Beteiligten an den Verhandlungstisch zu bringen. Zweimal gehörte zu diesen Bemühungen auch, die Kommanditisten der beteiligten Firmen anzusprechen. Wir dokumentieren unseren zweiten Brief, der erste ist (noch?)nicht auffindbar. Dafür haben wir zu der ersten Briefaktion die Antworten parat. Dokumentiert in der Sondernummer des Südost Express zu Vogel-Braun von 1983.

Interessant zu lesen ist die Anschrift, denn komplizierter geht es kaum: AWE Gesellschaft für die Errichtung von Mieträumen mbh & Co. 2. Immobilien KG, bzw. Comforta Beteiligungsgesellschaft für Miethausbauten mbH & Co. 4. Immobilien KG

Wird heute nicht anders sein. Außer vielleicht auf Englisch.

1982 | Die Hinterlassenschaften der ehemaligen Chemiefabrik machen einen Bodenaustausch notwendig

Foto: Kostas Kouvelis
1982 Abriss des Giftschuppens

Dabei kommt es auch zum Abriss des komplett chemieverseuchten Schuppens. Vorausgegangen waren sehr aufreibende Verhandlungen, die Investoren hatten viel mehr Abriss vor. Auch davon hatten wir schon berichtet: https://regenbogenfabrik40.blog/2021/10/29/1982-vogel-braun-stellen-strafanzeige-gegen-besetzerinnen/

Am Ende war der Totalabriss abgewendet und es konnten die Voraussetzungen geschaffen werden für die Aktion der Freund:innen des Regenbogens im folgenden Mai: Es kam zur ersten Begrünungsaktion auf der alten Industriebrache.

Die Geschichte der Giftbeseitigung allerdings fing damit erst richtig an und ist bis heute nicht zu einem Ende gekommen.

chz

1983 | Besuchen Sie die Regenbogenfabrik, solange es sie noch gibt

Bericht von der sogenannten Ku-Damm Aktion am 17.11.1983:
Die Tischler hatten ihre Werkbank mitgebracht, die Fahrradwerkstatt schraubte zur Abwechslung mal im Freien, die Kinoleute zeigten recht „handgreiflich“, was sie unter Kino zum Anfassen verstehen, indem sie meterweise Film von der Rolle verschenken. Am Café-Gruppenstand konnte man sich an den selbstgebackenen Kuchen laben und die Eisfinger am heißen Kaffee wärmen. Die Kinder verteilten massenweise Luftballons und Unterschriften zur Forderung nach dem Erhalt der Regenbogenfabrik wurden gesammelt.

Wie kam es dazu?
1983 war noch kein Vertrag für die Regenbogenfabrik in Sicht, doch auch eine Räumung schien nicht bevorzustehen. Am 4. November jedoch änderte sich die Situation. Vogel & Braum schickten ein Ultimatum: Neben wüsten Beschimpfungen und Unwahrheiten, enthielt ihr Brief die Androhnung, die „sogenannte Regenbogenfabrik“ räumen zu lassen; es sei denn, der Senat habe das Geländer bis dahin gekauft. Oder die Regenbogenfabrik würde zu den gleichen Bedingungen wie ein angeblicher Gewerbeinteressent mieten – bei rund 7.000 DM/Monat. Und das nur für zwei Jahre, bis eine anhängige Klage auf Baugenehmigung entschieden ist.

Der Aktion war ein toller Erfolg beschieden. Viele Passant:innen wurden neugierig und trugen einen guten Teil zu den über 1.000 Unterschriften bei, die zur Unterstützung der Fabrik gesammelt wurden.

Der Artikel im Südost Express schloss mit den Worten: „Aber noch ist nicht aller Tage Abend und wie ist das mit dem Silberstreif am Horizont oder dem berühmten Stern von Bethlehem, als doch auch ein „Retter“ geboren wurde (und schließlich weihnachtet es doch wieder)?
Diesmal heißt er ahnenträchtig David, ist Johannas und Karls Sohn, die in der Regenbogenfabrik wohnen und ist wahrscheinlich dazu auserkoren wie einstmals David den Goliath, der diesmal Vogel & Braun heißt, zu besiegen: Mit List und Tücke und mit Steinschleudern statt Geldbomben.
Aber vielleicht woll’n wir ja gar nicht so lange warten, bis der aus den Windeln raus ist …“

Kann alles wieder nachgelesen werden im Archiv:

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