Amalie Pinkus-de Sassi (1910–1996)

Kämpferin für Frieden und für Frauenrechte, (Mit)Gründerin von Salecina

Am 19. März 2014 durfte ich im Regenbogencafé mit einem Vortrag und mit Bildern Amalie Pinkus-de Sassi vorstellen. Sie hat kein Haus besetzt. Aber mit vielen FreundInnen ein altes Bauernhaus zum selbstverwalteten linken Studien- und Kommunikationszentrums Salecina am Maloja-Paß im Engadin/Schweiz umgebaut. Zwischen 1972 und 1991 fungierte sie als Präsidentin des Stiftungsrates. Amalie und ihre FreundInnen schafften eine Stätte der Begegnung zwischen Arbeiterbewegung und den neuen Sozialen Bewegungen, einen „Ort des organisierten Zufalls“, der bis heute besteht und wirkt.

Wer war Amalie Pinkus, die ungerechterweise meist „als die Frau von Theo Pinkus“, dem Buchhändler und Antiquar, der aus Nazi-Deutschland fliehen musste, weil er nicht nur Kommunist sondern auch Jude war, bekannt wurde und hinter ihm verschwindet?

Amalie de Sassi wurde am 4. Juli 1910 in Zürich in ein ärmliches, kleinbürgerliches Milieu hinein geboren. Von der Mutter lernte sie den scharfen Gerechtigkeitssinn, von der Kindergärtnerin wurde sie feministisch „angesteckt“. Zehn Jahre war sie alt, als der Vater der Tuberkulose erlag. Als sie 16 war, starb auch die Mutter. Amalie lebte mit ihren beiden Geschwistern zusammen; ein Vetter führte sie in die links-politische Arbeit ein. 1931 wurde sie Mitarbeiterin der Internationalen Arbeiter-Hilfe (IAH) und der Roten Hilfe. Nach einer Reise in die Sowjetunion trat sie der Kommunistischen Partei der Schweiz (KPS) bei. In ihrer kleinen Wohngemeinschaft fanden italienische Emigranten Asyl. Sie schmuggelte Briefe und Flugblätter der illegalen PCI und war 1934 Delegierte beim Pariser Kongress der „Frauen gegen Krieg und Faschismus“. 1939 wurde ihr Sohn Marco, drei Jahre später Andrè und 1949 Felix geboren. Die Buchhandlung Pinkus und Co. wurde zum Treffpunkt der antifaschistischen EmigrantInnen und zum Sammelpunkt der in Deutschland seit 1933 verbotenen Literatur. 1943 schloss die KPS Theo als „Agent der Sozialdemokratie“ aus der Partei aus und Amalie, trotz ihrer eigenen, von Theo unabhängigen illegalen Parteiarbeit, gleich mit. Gemeinsam mit Theo trat sie daraufhin der Sozialdemokratischen Partei (SPS) bei, arbeitete in deren Frauengruppe und bei den Naturfreunden mit und wurde Mitglied im Frauenstimmrechtsverband. In den 1950er Jahren engagierte sie sich für den „Stockholmer Appell gegen die Atombombe“ und beteiligte sich an den Ostermärschen. In der Folge der 1968er StudentInnenbewegung machten sie aus der Buchhandlung einen selbstverwalteten Betrieb. Sie wurde, ebenso wie das Begegnungszentrum Salecina zum Treffpunkt der „neuen Linken“ und zum Ort der Begegnung zwischen Arbeiterbewegung und neuen sozialen Bewegungen.

Als 1971 in Salecina der Kamin fertig war, wurde zum Richtfest die rote Fahne aufgezogen. Sehr zum Ärger eines spazierengehenden freisinnigen Nationalrates. Die Kolumne, die er unter dem Titel „Rote Fahnen im Malojawind“ schrieb, wurde in zahlreichen Schweizer Zeitungen nachgedruckt. Die Polizei in Silvaplana wurde gerufen. Doch der Polizist wollte nicht eingreifen, die Fahne sei schließlich auf Privateigentum, da könne jeder hinhängen was er wolle. Einige der befreundeten BauhelferInnen hatten aus Spaß auch noch die Wanderwege um das Haus mit holzgeschnitzten Schildern versehen, ‚Strasse der Revolution‘, ‚Karl-Marx-Strasse‘ und ‚Ho-chi-Minh-Weg‘.

Seit 1932 wurden Amalie und Theos und später die HüttenwartInnen und BesucherInnen von Salecina von der Kantonpolizei Graubünden bespitzelt. Salecina wurde als „terrorismusverdächtiges“ Schulungszentrum angesehen.

Amalie hat nicht nur das Bauernhaus mit umgebaut, sondern auch die Schweizer Frauenbewegung der 1970er Jahre mit aufgebaut; gemeinsam mit ihren Schwiegertöchtern Gertrud und Helen und vielen anderen Frauen. Führend war sie in der Frauenbefreiungsbewegung (FBB), gründete die Informationsstelle für Frauen (Infra) und ein Frauenzentrum in Zürich mit. Natürlich war sie auch beim Schweizer Frauenstreik am 14. Juni 1991 dabei. Sie blieb aktiv, bis sie 1996 im Alter von 86 Jahren in Zürich die Augen für immer schloss. Mit ihr verlor die Züricher Linke und die Frauenbewegung eine engagierte Kämpferin.

Gisela Notz

Amalie Pinkus de Sassi wurde uns im Frühjahr 2014 von Gisela Notz bei einem Vortrag im RegenbogenCafé vorgestellt. Bereits 2010 hatte Amalie einen Platz im Kalender „Wegbereiterinnen VIII“. Wir freuen uns darauf, dass wir im Herbst 2021 hoffentlich die Ehre haben werden, den bereits XX. Jahrgang vorzustellen.

Der Wandkalender im DIN A3-Format stellt jedes Jahr 12 Wegbereiterinnen der emanzipatorischen Frauenbewegung vor. Zwölf Autor*innen haben an den internationalen Biografien gearbeitet. Sie schrieben jedes Jahr neu über Frauen, die für eine bessere Welt kämpften und zeitlebens keine Ruhe geben wollten.

Solidarische Ökonomie – 30 Jahre Arbeit am Regenbogen

Den 2011 zu unserem 30jährigen Jubiläum entstandenen Film von
Anne Frisius (Buch, Regie, Schnitt), den sie in Zusammenarbeit mit Astrid Vogelpohl (Buch, Kamera) und Ute Freund (2. Kamera) erschaffen hat, kann jetzt bei uns heruntergeladen werden. Filmlänge: 45 Min.

Anne schrieb in der Filmbeschreibung:
Die Regenbogenfabrik in Berlin ist ein Kinder-, Kultur- und Nachbarschaftszentrum. Im März 1981 besetzten um die 30 Frauen, Männer und Kinder ein leerstehendes Wohnhaus und ein ehemaliges Fabrikgelände. Sie wollten bezahlbaren Wohnraum und Platz zum selbstbestimmten Leben und Arbeiten. Von Anfang an waren sie im Kiez aktiv: Kino, Kultur und Kinder-Angebote organisierten sie sowohl für sich selbst als auch für die Nachbarschaft.

Die Regenbogenfabrikler*innen sanierten, bauten und renovierten; in zähen Verhandlungen gelang es ihnen, Mietverträge für den Wohnraum und das Fabrikgelände zu bekommen. Grundlage für alle ist die gemeinschaftliche Struktur, also basisdemokratische Plena, mit gleichem Stimmrecht für alle und Konsensentscheidungen. Während die meisten am Anfang den Lebensunterhalt durch Jobben oder vom Sozialamt bestritten, forderten sie nach und nach eine Bezahlung ihrer sozial und kulturell wichtigen Stadtteilarbeit ein.

Es gehören ca. 90 Personen zur Regenbogenfabrik. Der Konsens ist, dass jede Arbeit gleich wert ist: ob Buchhaltung, Putzen, auf Kinder aufpassen, Bauen, Kochen… Nur die Praxis ist komplizierter:
Mit dem Hostel kann die Fabrik Geld einnehmen, mit sozialem oder kulturellem Engagement weniger… Wie kann die Regenbogenfabrik als Gemeinschaftsprojekt überleben?

Die allgemeine Politik zielt auf Einzelverantwortung und Unternehmertum. Gesellschaftliche Verantwortung und gute nachbarschaftliche Kiezstrukturen als Graswurzelreichtum tauchen in den offiziellen Rechnungen nicht auf. Sollte also auch die Regenbogenfabrik alles auf die Goldesel setzen und sich das Kleinvieh „sparen“? Was für Bedingungen braucht solidarisches Wirtschaften?

Pedale und Randale

1982 | Aktion „Pedale und Randale“ Die Fahrradlager des Berliner Senates für Krisenzeiten wurden geräumt. Originalverpackt konnten sie von Großabnehmern bestellt und weiterverkauft werden. Der Verein SO 36 hatte 1250 Räder gekauft. In einer Riesenaktion mit Festcharakter wurden diese in der Regenbogenfabrik unter Anleitung zusammengebaut und an EinzelabnehmerInnen weitergegeben. Nicht nur Einzelpersonen kamen, sondern auch BEWAG und Polizei (Man bedenke Senatsangehörige auf besetztem Gelände!).

Südost Express 5/1982, Seite 14
Südost Express 5/82, Seite 15

Der Südost Express ist im Kreuzberg Museum heute noch zu lesen

Bunten Dank für eure Wünsche!

Noch ganz frisch 40 und müde-stolz über den Blog und unseren Geburtstag merken wir einmal mehr, was uns neben der Vision für das große Ganze durch die Jahre getragen hat: IHR ALLE!

Uns erreich(t)en so viele schöne Worte, solidarische Parolen, Regenbögen, lebendige Erinnerungen und herzlichste Glückwünsche, dass uns ganz warm um’s Geburtstags-Herz wurde und weiter wird. Mit euren Geschichten stehen wir gerührt vor unserem digitalen Gabentisch und freuen uns, diese wortreichen Geschenke bald (auf der ganzen Welt!) virtuell mit euch teilen zu können. Wie diese passende Cartoon-Zeichnung ganz oben, die wir zum Geburtstag geschickt bekommen haben.

Danke dafür und Danke, dass ihr da seid, oder zum Geburtstag wieder aufgetaucht seid. Schön, sich in einer so großen, liebevollen Gemeinschaft zu wissen. So sind wir immer weiter gekommen und kommen es noch weitere 40 Jahre!

Und: psst! Spoiler, wir wollen nichts vorweg nehmen, aber es gibt auch neue Indizien zur Entstehung unseres Namens…! Mehr dazu demnächst , hier bei uns im Geburtstags-Blog.