23. November 1985, mehr als ein Jahr nach der Legalisierung von Regenbogenfabrik und Wohnhaus. Aber die Zukunft des Hinterhauses scheint ungewisser denn je.
In nervtötender Wiederholung wird abwechselnd Fabrik gegen Haus ausgespielt oder manchmal auch umgekehrt. Wieder war es also notwendig geworden, die Beteiligten an den Verhandlungstisch zu bringen. Zweimal gehörte zu diesen Bemühungen auch, die Kommanditisten der beteiligten Firmen anzusprechen. Wir dokumentieren unseren zweiten Brief, der erste ist (noch?)nicht auffindbar. Dafür haben wir zu der ersten Briefaktion die Antworten parat. Dokumentiert in der Sondernummer des Südost Express zu Vogel-Braun von 1983.
Interessant zu lesen ist die Anschrift, denn komplizierter geht es kaum: AWE Gesellschaft für die Errichtung von Mieträumen mbh & Co. 2. Immobilien KG, bzw. Comforta Beteiligungsgesellschaft für Miethausbauten mbH & Co. 4. Immobilien KG
Wird heute nicht anders sein. Außer vielleicht auf Englisch.
Kostas hat als Stadtplaner und Architekt die Regenbogenfabrik von Anfang an begleitet. Ja, erforscht hat er sie sogar schon vor der Besetzung. Von wie vielen Stunden fachlicher Begleitung wir profitiert haben, das lässt sich gar nicht ermessen und wie unendlich viele wichtige und tolle Fotos aus unserer Vergangenheit stammen von ihm. Viele könnt Ihr auch im Archiv des FHXB-Museums finden. Im Jahr 2008 war Kostas schließlich von uns beauftragter Architekt bei der Instandsetzung des zentralen Kulturteils (Kino, etc.) und dem Neubau des Kantinen‐ und Hostel‐Bereichs.
Guter Freund, gesehen haben wir dich dann oft noch beim Griechischen Salon, da wusstest du schon, dass der Abschied bevorstehen würde.
Lassen wir an dieser Stelle Kostas selber zu Wort kommen mit seinem Beitrag zum 25-jährigen Jubiläum der Regenbogenfabrik:
Im September 2004 besuchte ich wieder die Regenbogenfabrik, anlässlich des „Tages des offenen Denkmals“. Zum ersten Mal nach 14 Jahren! Ich war gespannt, was ich vorfinden würde.
Ich kannte sie gut, die Regenbogenfabrik. Es war ja ein „Projekt“ der IBA, der Internationalen Bauausstellung Berlin 1987, wo ich damals beschäftigt war und ich hatte vom Anfang an dieses Projekt „betreut“, von der Besetzung der Wohn- und Gewerbegebäude im Jahr 1981 über die Gestaltung des Nutzungskonzeptes bis hin zu den Verhandlungen mit Eigentümern und Senatsverwaltungen – mit dem Ziel der Legalisierung. „Betreuen“ ist natürlich ein völlig falsches Wort: die kleine Regenbogen-Gemeinde ließ sich nicht betreuen; sie hatte feste Ziele, Strukturen und Verfahrensweisen. Der Kampf war gegen die Stadtzerstörer, gegen die Verwertungsmechanismen der Wohnungen als Profitmaximierung, gegen die Förderungsmentalität und die Abschreibungsgesellschaften. Die Zeiten waren damals anders im West-Berlin der achtziger: Wohnungsnot, kaputte Stadtteile, Filz in den Verwaltungen und der Baubranche. Aber auch Aufbäumen, Reaktion auf die Zerstörung, Erprobung neuer Lebens- und Wohnweisen, Widerstand gegen die öffentliche Subventionierung der Stadtzerstörung, gegen die selbstlaufende Maschinerie der Kahlschlagsanierung. Lichtblicke und Hoffnungsschimmer im Kampf um behutsame Stadterneuerung: die Besetzungen leer stehender Gebäude, Instandsetzungen, Basisdemokratie, Umkehrung der Entscheidungsstränge, Nachbarschaft.
Ein Kinder-, Kultur und Nachbarschaftszentrum wollte die Regenbogenfabrik werden. Diese Ziele waren nicht akademisch abgeleitet: sie wurden von dem Fehlbedarf des Stadtteils diktiert. Schwer für manchen Bezirks- und Senatspolitiker, sich so etwas konkret vorzustellen, wo doch der Staat für die Bedürfnisse der Infrastruktur zuständig zu sein hatte, wo er die Hierarchien und die bezirklichen Notwendigkeiten zu entscheiden hatte. Und nun kommt eine handvoll junger Leute, tun sich zusammen, formulieren selbstbewusst die nachbarschaftliche Bedarfslage und setzen ihre Ziele Schritt für Schritt um: Kino, Kinderkino, Fahrradwerkstatt, Tischlerei, Elterninitiativ-Kita, Musikübungsraum, Spielplatz auf dem Hof. Mit fast nur Selbsthilfe und mit sehr wenigen, phantasievoll gesammelter öffentlichen Mitteln. Kein Abriß, sondern Instandsetzung und Nutzung der Gebäude, zum Leben, Wohnen, Arbeiten.
Neben vielen anderen ähnlichen Projekten im Stadtgebiet Kreuzberg SO 36 war der große Hof mit den umliegenden Wohngebäuden in der Lausitzer Straße 22 zum Innbegriff des Kreuzbergers unbeugsamen „gallischen Dorfes“ geworden. War das ein kurzlebiger Traum? Getragen durch die fast revolutionäre Woge der achtziger Jahre? Würde das Projekt die neunziger überleben? Ohne die „Käseglocke“ (Zitat: Prof. H.-W. Hämer) der IBA? Ohne die Förderungen in den Nach-Wende-Zeiten?
Mit diesen Gedanken ging ich an diesem September 2004 in den großen Hof hinein und traute meinen Augen nicht: Eine Idylle inmitten der Großstadt, mit viel Grün, mehreren großen Bäumen, dezent gepflasterten Bereichen mit den Frühstückstischen der Jugendherberge, gestrichenen bunten Fassaden, instand gesetztem und modernisiertem Wohnhaus, voll mit Leben, Kindern, jungen Leuten, Erwachsenen… Zu den früheren Teilprojekten sind nun die Töpferei und das Jugendhotel dazugekommen. Sonst war alles noch da und in Betrieb. Unvorstellbar, unfassbar! Das Erstaunlichste vor allem: es waren zum größten Teil dieselben Leute, die vor 14 Jahren das ganze Abenteuer begannen! Keine Eintagsfliege also, keine verflogene Sozialromantik, keine Spielwiese für große Kinder, sondern harte, unbeirrbare Arbeit, mit Durchsetzungsvermögen, Fantasie und konzeptioneller Organisation. Aber auch keine Insel der Glückseligkeit; die Regenbogenfabrik ist fest verankert in die Nöte und die soziale Lage des Kiezes.
Es zeigt sich für mich auf eindrucksvoller Weise, wie Stadterneuerung, die in den Händen der Bewohner liegt, funktioniert, wie ihre Ziele und ihre Arbeit in der Tat die Stadt erneuert. Mit der vorhandenen Bausubstanz, mit wenigen, behutsamen und notwendigen Eingriffen. In dieser damaligen, speziellen, fast auswegslosen Situation in diesem Kreuzberger Kiez haben die Leute Nischen entdeckt oder auch neu gestaltet; sie haben sie besetzt und mit neuen Inhalten gefüllt. Und aus den Nischen sind standhafte Wohn- und Lebensbereiche geworden, eine neue Nachbarschaft entstand, wo das soziale Miteinander wichtiger ist als das desolate Nebeneinander. Aus diesen Nischen sind sinnvolle Strukturen gewachsen, die neue Arbeitsplätze geschaffen haben, wo diese Arbeitsplätze anders definiert werden als in der Wirtschaftstatistik…
Das alles zeigt, wie richtig diese Menschen agiert haben. Es zeigt auch, dass manche wenige Politiker dieser Zeit dies erkannt haben. Es zeigt aber auch schließlich, wie richtig die damaligen Zielsetzungen der „behutsamen Stadterneuerung“ gewesen sind und ebenso, wenn man sich umschaut, wie wenig diese Zielsetzungen von manchen heutigen Politikern und Stadterneuern verinnerlicht wurden.
Viel Glück Regenbogenfabrik, und viel Spaß auch bei den nächsten 25 Jahren!
Kostas Kouvelis Berlin, 31.01.2006
2010 Geburtstag RegenbogenfabrikTeam IBA2017 Griechischer Salon
War es eine Schnapsidee, ausgeklüngelt an einem sehr langen Abend nach einem langen Fabrikplenum, die zur Gründung der Kuchenbäckerinnen geführt hatte?
In meiner Erinnerung, war Anette die treibende Kraft. Aber 100% sicher bin ich mir da schon nicht mehr. Bei mir war es die Lust aufs Backen und das Vermissen echter Schweizer Wähen und der Engadiner Nusstorte. Es war doch nicht normal, dass sich diese beiden Spezialitäten aus der Schweiz weder in Kreuzberg noch in ganz Berlin geniessen liessen. Da musste Abhilfe geschaffen werden.
Die Räumlichkeiten waren schnell gefunden. Direkt neben dem Café. Ich mass den Ladenraum auf, Jonny und sein Bautrupp werkelten, dem Lebensmittelamt angemessene Spülbecken, Kühlvitrinen und Backöfen wurden organisiert, mit Fahrradanhänger durch halb Berlin nach 36 chauffiert, und in der Holzwerksatt wurde ein praktikabler und schöner Verkaufstresen gebaut. Die ganzen Gewerke der Regenbogenfabrik leisteten ihren Beitrag zum Gelingen dieses neuen Projektes.
Ich entwarf das Ährenschild und ging bei meiner Freundin, einer freien selbständigen Köchin in der Schweiz, in einen Schnelllehrgang zur ökonomischen Planung und zur Preisberechnung von Kuchenstücken. Pi mal Daumen hiess das, die Materialkosten eines Stücks Kuchen mal vier (Löhne, Miete, Strom, Gewinn) ergibt den Verkaufspreis für ein Stück Kuchen. Viel Bio, viel faire gesunde Produkte sollten in den Leckereien drin sein und dennoch für den kleinen Geldbeutel für alle leistbar sein. Der soziale und der ökologische Gedanke sollte sich in der Kuchenbäckerei verbinden.
Maja war schnell mit im Boot. Ihre Haselnussmakronen und ihre Laugenbrötchen wurden schnell legendär. Havva kam mit mir aus der Kantine in die ruhigere Kuchenbäckerei. Wir beide buken die Schweizer Obstwähen (Apfel-, Rhabarber-, Aprikosen-, Zwetschgen-, Beerenwähen und alles, was die jeweilige Jahreszeit eben so hergab), die britischen Shortbreads und die feinen Zimtbrownies – echte Kalorienbomben. Astorgische Pilgertörtchen kamen manchmal auch noch dazu. Wesentlich zur Beliebtheit der neuen Kuchenbäckerei trugen Marions kalter Hund, Dorotheas Donauwellen und ihr russischer Zupfkuchen, echter Frankfurter Kranz, Johannas veganer Nusskuchen und natürlich die grandiosen Torten von Mimi und Jenny bei.
Die Engadiner Nusstorte stellte ich zuhause oder abends spät in der Kantine her. Das Karamellisieren des Zuckers ist herausfordernd, dazu benötigte ich Konzentration und Ruhe. Da diese Nusstorte lange haltbar ist, ging sie oft auch per Post auf Reisen.
Am 22. November 2006 eröffneten wir die Kuchenbäckerinnen mit einer Kuchenparty. Anette und Christine dekorierten den Verkaufsraum mit Ballonen und Girlanden, eine Musikanlage wurde herbeigeschafft. Doch meine Musik – Chava Alberstein, K.D. Lang, Tracy Chapman und Klaus Nomi – trafen leider nicht auf Begeisterung, Anette legte stattdessen den typischen Fabriksound mit Rockmusik der 80er Jahre auf. Titel wiederum, die ich kaum kannte und nicht die meinen waren, schallten nun durch die Kuchenbäckerei und auf die Lausitzer Strasse hinaus. Ein neues Gewerk war eingeweiht.
2006 Einweihung Kuchenbäckerinnen
2006 Einweihung Kuchenbäckerinnen
stolze Gründerinnen
Die Kuchen in ihrer Vielfalt fanden Anklang und waren sehr beliebt.
Doch Havva war es bald zu einsam – sie sehnte sich nach dem Trubel der Kantine, Maja schied aus und auch ich verliess nach einiger Zeit zumindest arbeitsmässig die Fabrik. Die Kuchenproduktion wurde ausgelagert und die Süssigkeiten fortan im Café verkauft.
Doch unsere Kuchen und Torten wurden plötzlich nicht mehr gebraucht, denn an fast jeder Ecke eröffnete eine Bäckerei mit Selbstgebackenem und Schweizer Wähen und Engadiner Nusstorten gab es irgendwann an mehreren Orten in Kreuzberg zu kaufen. Ich bilde mir ein, wir hätten den Trend gesetzt und all die kommerziellen Bioläden hätten uns das nur nachgemacht. Aber richtige, echte Engadiner Nusstorten sind das allemal nicht. Sondern eine Art Nusstorte. Die echten, die gab es nur bei uns!
2007 Eingang zu den KuchenbäckerinnenDie Bäckerinnen sind ins Café gezogen, hier ist jetzt das Infobüro
Nach mehreren Veränderungen wurde aus den Kuchenbäckerinnen das Informationsbüro. Es geht eben immer weiter auf der Regenbogenfabrik.
Dass wir ein bunter Haufen mit ebenso bunten Ideen, Lebensentwürfen, Charakteren und Visionen in allen Regenbogenfarben sind, ist wohl allen klar. Das ist gut so! Das ist unsere Essenz und darauf sind wir jeden einzelnen Tag, auch wenn es mal ein langer zäher Plenumstag ist, stolz.
Was aber passiert, wenn wir diese Farbigkeit und bunte Lebenseinstellung an die Wand bringen wollen (oder müssen), grenzt im Konzept der Basisdemokratie, Mitbestimmung und vor allem wegen des Konsensanspruchs oft an farbigen Wahnsinn. Von Wutrot über Hoffnungsgrün bis freundlich Grau ist alles dabei.
Im Hostel hat sich da über die Jahre eine besondere Herangehensweise entwickelt. Weil sich Farben so schlecht beschreiben lassen:
„Hautfarben wäre doch gut? Das ist aber dunkel“, antwortete die schwarze Kollegin damals trocken.
Und da RAL-Fächer für Farben einfach nie, also wirklich niemals, die passende Farbe bereithält, wurden wir kreativ.
Zur Farbfindung muss seitdem alles herhalten, was uns zwischen die Finger kommt. Besonders Kaffee-Tassen, die beim Köpferauchen auf dem Team-Tisch stehen, haben es uns leichter gemacht.
So waren wir praktisch in ganz Berlin mit unseren Kaffee-Tassen zur Fliesen-Suche oder Vorhangstoff-Findung unterwegs.
Aber die Suche geht auch über die Stadtgrenzen hinaus: Die Farbe des Hostel-Neubaus haben wir z.B. durch die Entdeckung einer Kornblume in Potsdam gefunden.
Jonny von der Baugruppe muss dann nach erfolgreicher Findung immer wieder an den Farbmischer (auch, wenn er es naiv immer erst mit dem besagten Farbfächer versucht oder auf die Vorzüge eines zeitlos freundlichen Graus hinweist). So ist der Keller zugestellt mit Farbeimern aller Gruppen (!), fein säuberlich beschriftet mit Bereich und Jahr. Denn Ausbesserungen mit Farben aus Selbstmischungen sind eine besondere Herausforderung.
Is ja alles so schön bunt hier…?!
Ganz ehrlich und Hand auf‘s Herz: Wir haben vermutlich dann und wann alle keine Lust mehr auf den überall omnipräsenten Farbenreigen in unseren Räumen. Inzwischen darf es auch mal ein entspanntes Grau für‘s Auge sein. Solange wir im Herzen, in unseren Visionen und in unserem täglichen Tun bunt und vielfältig bleiben und hautfarben am Ende des Tages doch nur schlüpferfarben heißt (und so oder so hässlich bleibt), ist es ganz egal, welche Farbe auf den Pinsel kommt.
Das Bunte im Regenbogen sind in erster Linie WIR. Jede:r für sich und alle zusammen.