2006 | Eröffnung Kuchenbäckerinnen – Ein Rückblick von Maria Marchetta

War es eine Schnapsidee, ausgeklüngelt an einem sehr langen Abend nach einem langen Fabrikplenum, die zur Gründung der Kuchenbäckerinnen geführt hatte?

In meiner Erinnerung, war Anette die treibende Kraft. Aber 100% sicher bin ich mir da schon nicht mehr. Bei mir war es die Lust aufs Backen und das Vermissen echter Schweizer Wähen und der Engadiner Nusstorte. Es war doch nicht normal, dass sich diese beiden Spezialitäten aus der Schweiz weder in Kreuzberg noch in ganz Berlin geniessen liessen. Da musste Abhilfe geschaffen werden.

Die Räumlichkeiten waren schnell gefunden. Direkt neben dem Café. Ich mass den Ladenraum auf, Jonny und sein Bautrupp werkelten, dem Lebensmittelamt angemessene Spülbecken, Kühlvitrinen und Backöfen wurden organisiert, mit Fahrradanhänger durch halb Berlin nach 36 chauffiert, und in der Holzwerksatt wurde ein praktikabler und schöner Verkaufstresen gebaut. Die ganzen Gewerke der Regenbogenfabrik leisteten ihren Beitrag zum Gelingen dieses neuen Projektes.

Ich entwarf das Ährenschild und ging bei meiner Freundin, einer freien selbständigen Köchin in der Schweiz, in einen Schnelllehrgang zur ökonomischen Planung und zur Preisberechnung von Kuchenstücken. Pi mal Daumen hiess das, die Materialkosten eines Stücks Kuchen mal vier (Löhne, Miete, Strom, Gewinn) ergibt den Verkaufspreis für ein Stück Kuchen. Viel Bio, viel faire gesunde Produkte sollten in den Leckereien drin sein und dennoch für den kleinen Geldbeutel für alle leistbar sein. Der soziale und der ökologische Gedanke sollte sich in der Kuchenbäckerei verbinden.

Maja war schnell mit im Boot. Ihre Haselnussmakronen und ihre Laugenbrötchen wurden schnell legendär. Havva kam mit mir aus der Kantine in die ruhigere Kuchenbäckerei. Wir beide buken die Schweizer Obstwähen (Apfel-, Rhabarber-, Aprikosen-, Zwetschgen-, Beerenwähen und alles, was die jeweilige Jahreszeit eben so hergab), die britischen Shortbreads und die feinen Zimtbrownies – echte Kalorienbomben. Astorgische Pilgertörtchen kamen manchmal auch noch dazu. Wesentlich zur Beliebtheit der neuen Kuchenbäckerei trugen Marions kalter Hund, Dorotheas Donauwellen und ihr russischer Zupfkuchen, echter Frankfurter Kranz, Johannas veganer Nusskuchen und natürlich die grandiosen Torten von Mimi und Jenny bei.

Die Engadiner Nusstorte stellte ich zuhause oder abends spät in der Kantine her. Das Karamellisieren des Zuckers ist herausfordernd, dazu benötigte ich Konzentration und Ruhe. Da diese Nusstorte lange haltbar ist, ging sie oft auch per Post auf Reisen.

Am 22. November 2006 eröffneten wir die Kuchenbäckerinnen mit einer Kuchenparty. Anette und Christine dekorierten den Verkaufsraum mit Ballonen und Girlanden, eine Musikanlage wurde herbeigeschafft. Doch meine Musik – Chava Alberstein, K.D. Lang, Tracy Chapman und Klaus Nomi – trafen leider nicht auf Begeisterung, Anette legte stattdessen den typischen Fabriksound mit Rockmusik der 80er Jahre auf. Titel wiederum, die ich kaum kannte und nicht die meinen waren, schallten nun durch die Kuchenbäckerei und auf die Lausitzer Strasse hinaus. Ein neues Gewerk war eingeweiht.

stolze Gründerinnen

Die Kuchen in ihrer Vielfalt fanden Anklang und waren sehr beliebt.

Doch Havva war es bald zu einsam – sie sehnte sich nach dem Trubel der Kantine, Maja schied aus und auch ich verliess nach einiger Zeit zumindest arbeitsmässig die Fabrik. Die Kuchenproduktion wurde ausgelagert und die Süssigkeiten fortan im Café verkauft.

Doch unsere Kuchen und Torten wurden plötzlich nicht mehr gebraucht, denn an fast jeder Ecke eröffnete eine Bäckerei mit Selbstgebackenem und Schweizer Wähen und Engadiner Nusstorten gab es irgendwann an mehreren Orten in Kreuzberg zu kaufen. Ich bilde mir ein, wir hätten den Trend gesetzt und all die kommerziellen Bioläden hätten uns das nur nachgemacht. Aber richtige, echte Engadiner Nusstorten sind das allemal nicht. Sondern eine Art Nusstorte. Die echten, die gab es nur bei uns!

2007 Eingang zu den Kuchenbäckerinnen
Die Bäckerinnen sind ins Café gezogen, hier ist jetzt das Infobüro

Nach mehreren Veränderungen wurde aus den Kuchenbäckerinnen das Informationsbüro. Es geht eben immer weiter auf der Regenbogenfabrik.

Maria Marchetta

Regenbogen – Omen est nomen oder nomen oblige?

Dass wir ein bunter Haufen mit ebenso bunten Ideen, Lebensentwürfen, Charakteren und Visionen in allen Regenbogenfarben sind, ist wohl allen klar. Das ist gut so!
Das ist unsere Essenz und darauf sind wir jeden einzelnen Tag, auch wenn es mal ein langer zäher Plenumstag ist, stolz.

Was aber passiert, wenn wir diese Farbigkeit und bunte Lebenseinstellung an die Wand bringen wollen (oder müssen), grenzt im Konzept der Basisdemokratie, Mitbestimmung und vor allem wegen des Konsensanspruchs oft an farbigen Wahnsinn. Von Wutrot über Hoffnungsgrün bis freundlich Grau ist alles dabei.

Im Hostel hat sich da über die Jahre eine besondere Herangehensweise entwickelt. Weil sich Farben so schlecht beschreiben lassen:

„Hautfarben wäre doch gut? Das ist aber dunkel“, antwortete die schwarze Kollegin damals trocken.

Und da RAL-Fächer für Farben einfach nie, also wirklich niemals, die passende Farbe bereithält, wurden wir kreativ.

Zur Farbfindung muss seitdem alles herhalten, was uns zwischen die Finger kommt. Besonders Kaffee-Tassen, die beim Köpferauchen auf dem Team-Tisch stehen, haben es uns leichter gemacht.

So waren wir praktisch in ganz Berlin mit unseren Kaffee-Tassen zur Fliesen-Suche oder Vorhangstoff-Findung unterwegs.

Aber die Suche geht auch über die Stadtgrenzen hinaus: Die Farbe des Hostel-Neubaus haben wir z.B. durch die Entdeckung einer Kornblume in Potsdam gefunden.

Jonny von der Baugruppe muss dann nach erfolgreicher Findung immer wieder an den Farbmischer (auch, wenn er es naiv immer erst mit dem besagten Farbfächer versucht oder auf die Vorzüge eines zeitlos freundlichen Graus hinweist).
So ist der Keller zugestellt mit Farbeimern aller Gruppen (!), fein säuberlich beschriftet mit Bereich und Jahr. Denn Ausbesserungen mit Farben aus Selbstmischungen sind eine besondere Herausforderung.

Ganz ehrlich und Hand auf‘s Herz:
Wir haben vermutlich dann und wann alle keine Lust mehr auf den überall omnipräsenten Farbenreigen in unseren Räumen. Inzwischen darf es auch mal ein entspanntes Grau für‘s Auge sein. Solange wir im Herzen, in unseren Visionen und in unserem täglichen Tun bunt und vielfältig bleiben und hautfarben am Ende des Tages doch nur schlüpferfarben heißt (und so oder so hässlich bleibt), ist es ganz egal, welche Farbe auf den Pinsel kommt.

Das Bunte im Regenbogen sind in erster Linie WIR. Jede:r für sich und alle zusammen.

1982 | Die Hinterlassenschaften der ehemaligen Chemiefabrik machen einen Bodenaustausch notwendig

Foto: Kostas Kouvelis
1982 Abriss des Giftschuppens

Dabei kommt es auch zum Abriss des komplett chemieverseuchten Schuppens. Vorausgegangen waren sehr aufreibende Verhandlungen, die Investoren hatten viel mehr Abriss vor. Auch davon hatten wir schon berichtet: https://regenbogenfabrik40.blog/2021/10/29/1982-vogel-braun-stellen-strafanzeige-gegen-besetzerinnen/

Am Ende war der Totalabriss abgewendet und es konnten die Voraussetzungen geschaffen werden für die Aktion der Freund:innen des Regenbogens im folgenden Mai: Es kam zur ersten Begrünungsaktion auf der alten Industriebrache.

Die Geschichte der Giftbeseitigung allerdings fing damit erst richtig an und ist bis heute nicht zu einem Ende gekommen.

chz

Film- und Diskussionsabend „EINE S-BAHN FÜR ALLE“

Beginn: am 20. 11. 2021 um 19:00 Uhr  
Ende: am 20. 11. 2021 um 21:00 Uhr

Der Film „EINE S-BAHN FÜR ALLE“ von Tatort-Regisseur Klaus Gietinger stellt die aktuellen Kämpfe um die Berliner S-Bahn vor. Er richtet sich gegen die Zerschlagung und Privatisierung der Berliner S-Bahn und zeigt Wege aus der milliardenteuren Sackgasse. Mitarbeiter, Aktivist*innen von Bahn für Alle und EINE S-Bahn für ALLE und ein Rechtsanwalt kommen in der 25-minütigen Dokumentation zu Wort.

Es wird heute zur Filmvorführung mit anschließender Diskussion in das RegenbogenKino in Berlin-Kreuzberg eingeladen. Ihren Fragen stellen sich:
Antje Kapek (Bündnis 90/Die Grünen, angefragt),
Tino Schopf (SPD, angefragt),
Carsten Schatz (Die Linke, angefragt),
RA Benno Reinhardt (angefragt),
Jorinde Schulz (Aktionsbündnis EINE S-Bahn für ALLE) und
Lars Keller (Bahnbeschäftigter, EVG-Mitglied).

Corona-Regeln: Die Veranstaltung findet als 2G-Veranstaltung statt, das heißt: Es ist am Einlass ein Geimpft- oder Genesenennachweis zusammen mit einem Ausweisdokument vorzulegen. Denken Sie bitte auch an Ihre FFP2-Maske. Sie wissen alle, dass die Corona-Lage derzeit angespannt ist. Wir bitten Sie daher, zusätzlich eigenverantwortlich zu Hause im Vorfeld einen Selbst-/Schnelltest durchzuführen, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Im Bedarfsfall kann der Schnelltest auch vor Ort durchgeführt werden.

Anmeldung: Die Veranstalter:innen bitten um Anmeldung spätestens bis zum 19.11., 18 Uhr unter folgender Adresse: info@bahn-fuer-alle.de.
Frühzeitige Anmeldung erleichtert ihnen die Arbeit. Die Plätze werden nach Reihenfolge der Anmeldung vergeben. Es erfolgt zeitnah eine Anmeldebestätigung.