2013 | ein Bericht von Martin

Seit wann wohne ich im Hinterhaus?

Ich bin im April 1986 zusammen mit 5 anderen eingezogen. Ende 1985 war das Hinterhaus nach langen Verhandlungen legalisiert und erstmals ein Mietvertrag abgeschlossen worden. Auf dieser Grundlage sollte das Haus zunächst instandgesetzt und später saniert werden. Einige der damaligen Besetzer*innen hatten darauf keine Lust und haben es vorgezogen auszuziehen. Somit wurden auf einen Schlag mehrere Zimmer frei und es wurden neue Bewohner*innen für die freien Zimmer gesucht.

1985

Bei Einzug war ich gut 26 Jahre alt. Inzwischen wohne ich schon länger im Hinterhaus, als ich damals alt war. Ich bin innerhalb des Hauses nie umgezogen. Noch vor meinem Einzug ins Haus habe ich als erste Renovierungstätigkeit die Ösen für meine Hängematte angebracht. Hängematten hatte ich in Nicaragua kennengelernt und sie haben mich gleich fasziniert. Die Hängematte habe ich seitdem mehrfach ausgewechselt, aber die Ösen sind immer noch die von damals.

Was war und sind meine Motivation damals bzw. heute?

Ich selbst bin über Karl in das Hinterhaus gekommen. Karl hatte ich im Rahmen der Solidaritätsaktivitäten der IG Metall in Nicaragua kennengelernt. 1985 waren wir beide zusammen mit der ersten Solidaritätsbrigade der IG Metall für gut einen Monat nach Nicaragua gereist. Bei der Vorbereitung der Reise im April 1985 kam ich zum ersten Mal in die Regenbogenfabrik. Rund ein Jahr später hat Karl mich gefragt, ob ich einziehen möchte; es wären noch einige Zimmer frei.

Der Entscheidung einzuziehen war mir damals nicht leicht gefallen. Ich hatte 1982 schon einmal bei einem Selbsthilfeprojekt im Wedding mitgemacht. Da bin ich aber nach einem halben Jahr wieder ausgestiegen, da das Haus im Rohbauzustand war und wir dort noch nicht wohnen konnten und da die am Wochenende anstehende Selbsthilfearbeit weitgehend identisch war mit meinen Tätigkeiten während der Woche bei meiner Ausbildung als Bauschlosser. Aber Selbsthilfe in einem Haus, in dem man auch selbst wohnt, ist dann ganz etwas anderes. Und außerdem war ich 1986 nicht mehr in der Ausbildung, sondern bereits Schlossergeselle und konnte somit bei den Selbsthilfearbeiten einiges an Fachkenntnis einbringen.

Seitdem ich zu Hause ausgezogen war, hatte ich immer in Vierer- oder Dreier-WGs gewohnt, wollte aber eigentlich immer in einer größeren Gruppe wohnen, da mich das selbstorganisierte Zusammenleben in größeren Gruppen fasziniert hatte, das ich in meiner Pfadfinderzeit kennengelernt hatte.
Das Konzept der Essensgruppe entsprach meinen Vorstellungen, weil es einerseits einen festen Rahmen für die alltägliche Versorgung vorgab, andererseits aber viel Freiraum ermöglichte. Die Ansprüche an gemeinsame Aktivitäten beschränkten sich auf die Organisation der Mahlzeiten. Aber mittels dieser Basis entstanden Freiräume für andere Aktivitäten, denn man war und ist nur einmal in der Woche dran mit kochen und einkaufen und kommt doch in den Genuss, dass praktisch immer alles gewünschte ausreichend da ist.

Wichtig waren und sind für mich folgende Elemente des Zusammenlebens:

  • Gemeinsames Bewirtschaften des Hauses, wobei jede Person die gleichen Rechte und Pflichten hat – unabhängig von der jeweiligen Einkommenssituation.
  • Die Ablehnung von Abstandszahlungen, die es ermöglicht, dass ein breites Spektrum von Personen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund zusammenleben können.
  • Beschränkung auf einen Wohnraum pro Person – egal welchen Alters plus Räume, die gemeinsam genutzt werden können.
  • Besondere Förderung von Kindern.
  • Verbindlichkeit, Vertrauen und Verlässlichkeit bei den gemeinsam im Haus zu bewältigenden Instandhaltungs- und Verwaltungsaufgaben.
  • Entscheidungen im Konsens, bei denen das gegenseitige Verständnis unterschiedlicher Ansichten und die Suche nach Optionen, die für alle akzeptabel sind, im Vordergrund stehen.
  • Das Bestreben alle Bewohner*innen bei wichtigen Entscheidungen einzubeziehen.
  • Bei Konflikten die gemeinsame Suche nach Lösungen, mit denen alle Betroffenen leben können.
  • Die Vielfältigkeit der Formen des Zusammenlebens, die von WGs, Kleinfamilien, Alleinerziehenden bis zu Single-Haushalten reichen und auch Raum für eine große Essensgruppe bietet.
  • Die Möglichkeit, eng mit Kindern zusammenzuwohnen, auch wenn ich selbst keine eigenen Kinder habe.
  • Flexibilität und Kreativität bei neuen Herausforderungen und der Weiterentwicklung des Zusammenlebens.
  • Hilfsbereitschaft zwischen den Bewohner*innen und Unterstützung von Bewohner*innen, die in einer besonderen oder schwierigen Situation sind.
  • Konsequentes Verhalten gegenüber Bewohner*innen, die sich unsolidarisch verhalten oder die Hausgemeinschaft ausnutzen.
  • Das Bestreben, das Zusammenleben so ökologisch verträglich wie möglich zu gestalten (naturverträgliche Baustoffe, BHKW, Regenwasseranlage, Dachbegrünung, Fahrradkeller, etc.).
  • Die Verbindung zur Regenbogenfabrik mit der Möglichkeit, sich in verschiedenem Umfang zu engagieren und einzubringen und die Angebote zu nutzen, die sie bietet (Kultur, Kino, Musik, Kantine, etc.).

Wie geht es mir aktuell?

Derzeit fühle ich mich sehr aufgehoben und wohl im Haus, vielleicht sogar so wohl, wie nie zuvor. Obwohl es keine Ansprüche an gemeinsame Aktivitäten gibt, hat sich meines Erachtens die Anzahl von Aktivitäten, an denen mehrere Bewohner*innen teilnehmenm wie auch die Anzahl der Teilnehmer*innen an solchen Aktivitäten in den letzten Jahren erhöht (Feiern, Wanderungen, Filme, etc.).
Viele Besucher*innen spüren, dass die Hausgemeinschaft sehr gut zusammenhält und bewundern oder beneiden oft unsere Form des Zusammenlebens. Das gilt umso mehr, da wir jetzt eine langfristige Perspektive für das Hinterhaus vereinbaren konnten.

Ich freue mich auf viele weitere gemeinsame Jahre in der Hausgemeinschaft und bin gespannt, was noch alles auf uns zukommt.

Geburtstagsfeier Martin 2013

Es ist schon ein paar Jahre her, seit der Text zuerst geschrieben wurde, doch es musste fast nichts verändert werden. (chz)

1984 | Spekulantenschicksal: Vogel frei Braun sitzt

1976 schien für die Wohnbau-Design die Welt noch in Ordnung: Innerhalb kürzester Zeit wurde diese Gesellschaft zum größten privaten Hauseigentümer in Kreuzberg. Die Steuermillionen für Abriss und Modernisierung flossen unaufhörlich. Heute, gerade acht Jahre später, steht diese in Kreuzberg unrühmlich bekannt gewordene Gesellschaft vor einem Scherbenhaufen: Von den drei Gründungsgesellschaftern ist nur noch einer übrig: Joachim Vogel. Sein erster Partner Willi Freitag musste sich bereits 1979 ins Ausland absetzen. Er wurde per Haftbefehl gesucht. Wegen Steuerhinterziehung. Anfang Oktober diesen Jahres war es mit Peter Braun auch vorbei. Er sitzt in Untersuchungshaft. Ebenfalls wegen Steuerhinterziehung. Die dunklen Geschichten und Affären um die Wohnbau-Design – auch i Südost Express oft beschrieben und aufgedeckt – nehmen kein Ende. Dos es scheint bald ein Ende zu geben: Die Zeichen stehen auf Sturm!

Weiterlesen:

FairBindung: Kompliz:innen seit einiger Zeit

Das Kollektiv FairBindung setzt sich seit 2008 für eine nachhaltige, solidarische und global gerechte Welt ein. Sie verstehen ihre Arbeit als Beitrag zu einer sozial-ökologischen Transformation hin zu einer zukunftsfähigen Wirtschaft und Gesellschaft.
Da es für ihre Struktur keine Rechtsform gibt, sind sie seit 2009 rechtlich ein eingetragener gemeinnütziger Verein. Nach innen organisieren sie sich basisdemokratisch als Kollektiv. Das bedeutet für sie, dass sie alle Entscheidungen und Verantwortungen gemeinschaftlich tragen.
Unter dem Leitbild „Wandel Leben Lernen“ gestaltet FairBindung e.V. Bildungs- und Mitmachangebote zu den Themen zukunftsfähiges Wirtschaften, Postwachstumsgesellschaft und globales Lernen. Bei dem Import und Vertrieb von Bio-Kaffee aus Guatemala arbeitet FairBindung nach den Grundsätzen des solidarischen Wirtschaftens. Die eigenen kollektiv-solidarischen Vereinsstrukturen sowie Kooperationen und Aktionen sind ein Lernfeld und Praxisbeispiel für alternative Formen der Zusammenarbeit. Dabei stehen die Bildungsarbeit und die Praxis nachhaltigen Wirtschaftens in engem Zusammenhang und inspirieren sich gegenseitig.
Fairbindung hatten wir schon lange auf dem Zettel, um sie als unsere Kompliz:innen vorzustellen. Nun nehmen wir eine aktuelle Veranstaltung zum Anlass, dies auch mal zu tun:

Filmvorführung: Bildungsvideos
der Weiterbildung „Cuerpo-Territorio: Theorie und Praxis des Territoriums, das uns bewohnt“

Am Mittwoch, den 15.12.2021 von 19 – 21 Uhr, eine Veranstaltung des Projektes „Ich sehe was, was du nicht siehst“- solidarische Handlungsweise entdecken.

Ein Gespräch mit: 

  • Paola Reyes (Regisseurin)
  • Josefina Morales (Casa Kua)
  • Uriara Maciel (Kuringa Forum Theater & Madalenas-Berlin)
  • Antonia Ramos (Respect)

Moderation:
Melina Castillo & Jessica Valdez (FairBindung e. V.)

https://www.fairbindung.org/

Kino: Legende der Russischen Rockmusik

Letztens bin ich in mein Büro gekommen und auf meinem Schreibtisch lag ein altes Plakat eines Konzertes, das in der Regenbogenfabrik noch zur Zeit der Deutschen Mark (wie es der Solibeitrag angibt) stattgefunden hat. Das genaue Jahr haben wir nicht rausgefunden, aber der DIY „Fanzine“ Stil des Plakats erinnerte auf jeden Fall an Ende 80er/Anfang 90er. Scheinbar hat Christine sich an unsere unzähligen Bürodiskussionen erinnert, dass eine skurrile Leidenschaft von mir russische Rockmusik ist, beziehungsweise für eine Band der 80er: Kino.

Natürlich war die Band von Sänger und Liederschreiber Wiktor Zoi nicht hier in der Regenbogenfabrik zu Gast, sondern zwei Bands aus Wolgograd mit den Namen Chozjain Kljutscha und Naprimer, aber bestimmt waren sie auch hervorragend.

Kino ist wohl die bekannteste Rock Gruppe der Perestroika-Ära und Zoi eine Kultfigur in der russischen und sowjetischen Kultur. Nicht nur bekannt: Zoi, der durch seinen vorzeitigen Tod bei einem Autounfall in Lettland 1990 seinen Status als ewiges Jugendidol festigte, wird in Russland richtig verehrt, sogar mit Gedenkmauern überall im Land.

Die Musik ordnet sich in das New Wave Genre der 80er Jahre ein, stark beeinflusst von britischen Bands wie Talking Heads, Joy Division/New Order und Blondie, aber auch von Folk und akustischer Musik wie Bob Dylan und Lou Reed.

Ich habe die Band sehr zufällig entdeckt, in dem ich eines Tages ins Kino (also ins richtige Kino) wollte und der Film Leto (лето, Sommer auf Russisch) gerade rausgekommen war. Da ich und meine Uni-Freundinnen gerade auch mit einem Russisch Sprachkurs angefangen hatten, wollten wir gern mal einen russischsprachigen Film besuchen. Darüber hinaus handelte die Geschichte von Rockmusik, was schon immer mein Herzensthema war.
Der Film erzählt von der Gründung der Band und ihrem Aufstieg zum Ruhm an der Seite einer anderen Band, Zoopark. Liebesgeschichten, Probleme mit dem Militärdienst und die unendliche Suche nach neuen Westschallplatten tragen den Film.
Aber was ihn besonders macht, ist die Ästhetik und natürlich die Musik. In Schwarz-Weiß gedreht, findet man trotzdem Flecken von Farben in Szenen, in denen die Wirklichkeit der Ereignisse infrage gestellt wird. Das Leben der USSR-Jugend wird dadurch realistisch dargestellt; zwar gedämpft von der Strenge des Regimes, aber trotzdem lebensfroh und hoch kreativ. So eine Darstellung ist nicht so häufig, besonders wenn sie von (manchmal wahren aber manchmal übertriebenen) Klischees der westlichen Gesellschaft getragen ist.

Ich liebe die Musik von Kino wegen ihrer sehr einfachen Poesie; es sind überwiegend Alltagsbeobachtungen mit melancholischen Melodien.
Wegen dieser Gruppe habe ich weiterhin versucht, Russisch zu lernen, um ihre Texte selbst zu übersetzen.
Okay, meine Sprachkenntnisse sind definitiv nicht besonders besser geworden, aber die Lieder höre ich immer super gern.

Ich finde es wichtig, sich als Musikfan anderen Horizonten zu öffnen und nicht ständig nur amerikanische und britische Musik als Kult Rockmusik zu betrachten, wo doch andere Länder uns auch sehr vielfältiges und originelles bieten. Klar die Rolling Stones, Nirvana usw. haben ultra viel für die Entwicklung von Rockmusik gemacht, aber in anderen Teilen der Welt, mit einer nicht so westlichen Perspektive, findet man richtige Schätze, deren Bedeutung nicht zu unterschätzen ist:

Kino (Russland)
Rammstein (Deutschland)
Mashrou Leila (Lebanon)
Maneskin (Italien)
Molotow (Mexico)
Téléphone (Frankreich)
Volbeat (Dänemark)

Und viel mehr, die ich selbst nicht kenne, aber die ich gerne entdecken würde. Die Öffnung für Musik anderer Länder kann nur mehr Vielfalt und Schönheit in die Musikwelt bringen.

Charlotte