Geburtstagskind des Tages – Dietmar

Dietmar ist Bewohner des Hausprojekts erster Stunde. Er hat im Sommer 1981 Heimat, Familie, ein zu Hause und vor allem Vertrauen und Zugehörigkeit hier gefunden und er ist gekommen, um zu bleiben. Er berichtet, er kann sich als einer von wenigen noch genau an den Tag seines „Einzugs“ ins Projekt erinnern. Er war einen Tag vorher aus dem Knast entlassen worden. Damals wie heute geht er offen damit um, damals wie heute, hat genau damit keine*r ein Problem.
Junge Mütter im Projekt vertrauten ihm ohne zu zögern ihre Kinder an und diese Kinder wiederum wurden zu seiner Familie. Durften „politisch unkorrekte“ Burger, Coca-Cola und Barbie-Puppen von ihm bekommen und als in den 00er-Jahren Halloween nach Deutschland kam, war längst die übernächste Generation an seiner Tür angekommen, um klebrige Totenköpfe einzusacken. Für viele von ihnen ist er Onkel Dietmar und für alle Großen und Kleinen ist er Teil einer großen Gemeinschaft, in der jede*r willkommen ist.

  1. Seit wann bist bzw. von wann bis wann warst Du hier und in welchem Bereich?
    Seit Sommer 1981. Genauer gesagt, seit 5. Juli 1981 wohne ich im Hinterhaus, also im Wohnhaus der Regenbogenfabrik.
  2. Welches ist Dein Lieblingsort auf der Fabrik?
    Meinen Lieblingsort gibt es so nicht mehr. Es war immer das Café. Der große runde Tisch am Fenster.
  3. Mit einem Wort: Was ist die Fabrik für Dich?
    Heimat
  4. Lieblingsessen in der Kantine?
    Alles mit Fleisch.
  5. Was wünschst Du der Fabrik zum Geburtstag?
    Na ja, wie soll ich das sagen. Ich wünsche mir und der Fabrik, dass das Café wieder aufmacht.

deutsch-polnische Begegnung

Drei Jahre war die Regenbogenfabrik eine von der Stiftung für Jugend und Familie geförderte deutsch-polnische Begegnungsstätte, 1998 bis 2000. Ein großes Abenteuer entwickelte sich da, gab es doch zu diesem Zeitpunkt mit Aloys genau einen Kollegen, der des polnischen überhaupt mächtig und schon jenseits der Oder gewesen war. Wir hatten, mit anderen Worten, eigentlich keine Ahnung. Aber viel Wollen.

1997, bei einem Treffen der „Freunde der Regenbogenfabrik, wurde die Idee das erste Mal vorgestellt und dort wurden wir auf die Stiftung hingewiesen. Wir nahmen die Herausforderung an, stellten im Sommer den Antrag und bekamen kurz vor Beginn des Projekts den ersehnten Bescheid.

Inzwischen hatten wir schon die Fühler ausgestreckt, mit dem Polnischen Sozialrat gesprochen, die ersten Fahrten in die Kreuzberger Städtepartnerstadt Szczecin unternommen und alle Ideen vorangetrieben. Denn wenn schon, denn schon, alle Bereiche der Fabrik sollten in den Genuss der Begegnung kommen und das ist uns gelungen. Das Kino bereitete eine polnische Filmreihe vor, was sie nicht zum ersten Mal taten. Bereits 1993 hatten sie gemeinsam mit dem Kino fsk „Letzte Bilder vom Schiffbruch“ gezeigt, ein Festival osteuropäischer Regisseurinnen.

Doch was bot sich noch für die anderen Fabrikgruppen an? Begegnung funktioniert am besten, wenn Aufgaben gemeinsam gelöst werden. Also heckte die Fahrradwerkstatt eine Radtour entlang der Oder nach Stettin aus, die Holzwerkstatt überlegte sich einen Workshop.

Uns wurde klar, wir lernen jetzt polnisch, ohne Sprachkenntnisse geht gar nichts. Wir entwickelten Seminare, um die Geschichte unserer Nachbarn besser kennenzulernen. Wir hatten feine Bündnispartner, vom Polnischen Sozialrat bis zum Kreuzberg Museum, zur Stettiner Zeitung Kurier Sczczecinski und zu den sogenannten Sozialräten in verschiedenen Stadtteilen von Stettin. Besonders verrückt war der Versuch, das Lernsystem des Tandems auf eine Gruppe zu übertragen. Wir haben sprachlich nicht so viel gelernt, doch uns untereinander recht gut miteinander bekannt gemacht.

Endlich ging es am 4. April 1998 los mit kulturellen Veranstaltungen. Die Literaturvereinigung WIR hatte uns eine großartige Veranstaltung geschenkt: Eine Einladung zur Präsentation „DichterInnen aus dem Dunkel“. Gedichte von Gertrud Kolmar, Grazyna Chrostowska, Zuzanna Ginczanka. Bericht aus Ravensbrück.

Zur Literatur trat die Musik, natürlich, tanzen und Musikhören das geht auch ohne Reden, ohne gemeinsame Sprache und trotzdem kommt ganz viel rüber. So hab ich auch Dikanda aus Szczecin kennengelernt, meine Lieblingsband bis heute .

In die Tiefe gingen wir dann mit Schreibwerkstätten und Übersetzerinnen-Workshops, Filmprojekten und Stammtischen. Es war eine spannende Zeit und schön ist, dass wir über die Jahre hinweg im Kontakt mit Szczecin und mit der Polonia in Berlin immer wieder lehrreiche, spannende, beglückende, Zusammentreffen ermöglichen konnten.

Wirklich wichtig wurden uns da auch die Kochevents, erst mal zu Ostern und zu Weihnachten. Später, nach dem Projektende noch eine Weile als Polnische Woche in der inzwischen aufgebauten Kantine.

Sowieso ist dann eine längere Pause für die deutsch-polnischen Events eingetreten. Ohne Moos war weniger los, wir waren beidseitig anderweitig unterwegs. Und sind auch noch einige krank geworden. Und das Kino wurde ab 2007 umgebaut, 2 Jahre lang. Vorher, 2004, war Ania Krenz noch zu Gast im Regenbogenkino im Rahmen eines internationalen Monats.

2013 haben wir mit einer Boxergeschichte von Ewa Maria Slaska erneut begonnen, der Wiederanfang geschah also noch einmal über die Literatur. Um dann ab 2015 sehr regelmäßig Veranstaltungen in Kooperation mit dem Verein Städtepartner Stettin zu verfolgen. Informationsveranstaltungen zu Stadtgeschichte, Architektur, Stadtentwicklung fanden, durchaus zu unserer Überraschung, ein interessiertes Publikum in Berlin. Auch zur Fête de la Musique haben wir uns zur Promotion einer Band zusammengetan. Mir ist zu Ohren gekommen, das auf diese Weise auch die Menschen im Kulturhaus in Skolwin (auch ein Stadtteil von Szczecin) Lust darauf bekommen haben. Lesungen aus dem Blog von Ewa Maria brachten uns regelmäßig im RegenbogenCafé zusammen. Seit 2016 gehört eine Veranstaltung zum Frauentag unbedingt dazu. 2020 hat es dann leider dazu nicht mehr gereicht. Nun muss der Lockdown langsam zu einem Ende kommen, wir haben weiter viel vor!

Christine

Neue Farbe für die Tischtennisplatte

Pünktlich zum „Welttischtennistag“ am 6. April haben wir unserer Tischtennisplatte ein Beinkleid verpasst:

Nach mühsamen und ermüdenden Corona-Krisenplena standen wir auf dem Hof und erkannten plötzlich, dass unsere Tischtennisplatte Beine hat – und die waren ganz nackt und grau! Grau gibt es bei uns nicht, dachten wir uns und auch wenn Corona oft Zeit und Optimismus frisst, so setzt diese ungewohnte Situation doch auch Energie und Lust auf Positives frei.

Gedacht, gesagt, getan! Unsere Tischtennisplatte hat Beinkleider bekommen und wir haben den Entstehungsprozess für Euch festgehalten. Und ganz nebenbei beim Blick auf die Unterseite entdeckt, dass unsere Platte zu unseren ältesten „Hofmöbeln“ gehört: seit 1989 schmückt sie unseren Hof! Das Beweisfoto seht Ihr ganz oben…es war leider kein 6. April.

Kommt vorbei und schaut es Euch an!
Tischtennisspielen ist DER Corona-Sport – Abstand, an der frischen Luft und nur zwei Haushalte…Rundlauf und Getränke dazu gibt es hoffentlich im Sommer wieder.

Blockversammlung in der Ölberg-Gemeinde

(Fast) „Genau ein Jahr nach ihrer Besetzung wurde das Schicksal der Regenbogenfabrik in der Lausitzer Straße besiegelt. [Wow, „Schicksal“ was für Worte!] Am 4. März fand in der Ölberg-Gemeinde eine Bürgerversammlung statt, um den Anwohner:innen der Lausitzer/Ecke Reichenberger Straße das Konzept der Regenbogenfabrik zu erläutern. Ein Jahr lang renovierten die Besetzer:innen des Hinterhauses Lausitzer Straße 23 ihre Wohnungen, bauten die Fabrik um, die später einem Brandanschlag zum Opfer fiel, und fingen noch einmal von vorn an. Jetzt ging es um die Entscheidung im Bezirksamt, die Vorhaben zu unterstützen. Die Anwohner sollten vorher gefragt werden.“

Ich kann mich daran erinnern, dass die Stimmung im Saal nicht eindeutig war. Freundliches Interesse schon, auch war es interessant, um die eigene Meinung gefragt zu werden. Doch Besetzer gut finden, das ging dann manchen doch etwas zu weit. Den Umschwung brachten nach meiner Erinnerung zwei Menschen. Zum einen das Statement einer aufgebrachten Frau über die Entwicklung der Miethöhe für sich und ihre Familie nach Modernisierung. Diese Enttäuschungen brachte sie dazu, gut zu finden, was „die jungen Leute“ da machten. Zum anderen die Solidaritätsadresse eines türkischen Nachbars, der die Besetzer rund heraus als gute Nachbarn begrüßte. So wuchs das Gefühl, hier angekommen zu sein.

Christine