Stadterneuerung per Hausbesetzung

Ein Beitrag von Thilo Schmidt in Deutschlandfunk Kultur | gesendet am 29.05.2019

Drei unterschiedlich gefärbte Erinnerungen an die 80er Jahre. Einfach mal wirken lassen und die Bilder im Kopf in Bewegung bringen.

Zu Wort kommen der damalige Bürgermeister Eberhard Diepgen, Franziska Eichstädt-Bohlig, Stadtplanerin und Architektin und Uwe, ein Besetzer der Schrippenkirche, die leider nicht vor dem Abriss gerettet werden konnte.

Zeitfragen im Deutschlandfunk Kultur: Westberlin in den 80er Jahren

Das Titelbild ist 1982 von Jürgen Henschel aufgenommen worden.

Nach der Legalisierung | die Zukunft sichern

Am Ende der Selbstdarstellung schrieben wir:

Heute bemüht sich der Verein Regenbogenfabrik durch Kauf bzw. durch Erbpacht (über Senatskauf) die Projektexistenz zu sichern, wobei das wichtige Prinzip des Zusammenwohnens und –arbeitens auf der Fabrik durch den erzwungenen Kopplungsvertrag am 30.6.85 zunichte gemacht werden soll. Den Wohnraum der Menschen, die sich mit dem Projekt Regenbogenfabrik verbunden fühlen, will die Wohnbau-Design ihren Abrißplänen opfern. Wir werden uns mit den möglichen politischen sowie juristischen Mitteln und mit Eurer Solidarität dagegen wehren.

Bleibt mir für heute, daran zu erinnern, dass es bis 2011 dauerte, um für die Regenbogenfabrik den schon damals erstrebten Erbpachtvertrag abzuschließen.

Auch dem Wohnhaus stand eine lange Geschichte bevor. Es war schließlich 1985 gelungen, für das Haus einen Vertrag über fünf Jahre zu erkämpfen. In dieser Zeit konnte sogar die Finanzierung der Instandsetzung in Selbsthilfe durchgesetzt werden. Doch erst 1990 konnte ein 30-jähriger Vertrag abgeschlossen werden.

Knapp vor Ende dieses Vertrags erst gelang es, das Haus in eine Genossenschaft zu bugsieren. Dieses Haus ist nun endgültig der Spekulation entzogen. Dazu hatten wir schon am 23. Juni geschrieben: „Als wir, die Hausgemeinschaft Hinterm Regenbogen…„

Titelbild: ehemaliges Wandbild im RegenbogenKino, entstanden vermutlich 1985

Damals und Heute

Regenbogenfabrik im April 2021

1998 konnte die Fahrradwerkstatt in die frisch renovierten Räume umziehen. Endlich mehr Platz für das umfangreiche Ersatzteillager, das alle Besucher*innen regelmäßig beeindruckt. Dabei sehen sie in der Regel nur das Lager für die Kleinteile, im Keller gibt es noch Rahmen aller Art, die darauf warten, bestückt mit neuen Laufrädern und was es noch so braucht, zum neuen Flitzer aufgebaut zu werden.

Räumung der Kiezkneipe Syndikat

Mit einem Großaufgebot räumte die Polizei am 7. August die Neuköllner Kiezkneipe Syndikat. 700 Polizisten im Einsatz, verstärkt durch Hubschrauber, weiträumige Absperrungen und Einrichtung einer roten Zone – ein gewaltiger Einsatz gegen tausende solidarische Nachbar*innen und andere Protestierende im Auftrag einer Spekulanten-Briefkastenfirma. Nach 35 Jahren ist das Syndikat in der Weisestraße Geschichte. Der Kampf für eine Stadt von unten, für mehr Syndikate, für autonome Freiräume und für den Erhalt aller von Zwangsräumung bedrohten Projekte und Mieter*innen geht weiter.

„Es klingt jetzt vielleicht pathetisch, aber es ist ein bisschen so, als wäre hier das Herz aus dem Schillerquartier herausgerissen worden. Und das halt nur, weil man aus Geld noch mehr Geld machen muss. Ich kann das eigentlich immer noch nicht fassen.“
Elsa Marlene H, Nachbarin (in: Interview mit Madlen Haarbach, Tsp Leute)

Hunderte Unterstützer*innen hatten die Nacht über noch versucht, die Strasse für den anrückenden Gerichtsvollzieher zu blockieren und die Zwangsräumung zu verhindern. Das Syndikat war 35 Jahre fest im Neuköllner Schiller-Kiez verankert und musste sich am Ende juristisch und politisch gegen ihre Kündigung durch die zunächst anonymen neuen Eigentümer wehren. Dem Kollektiv gelang es, ein mafiöses Briefkastengeflecht und Immobilienimperium der britischen Milliardärsfamilie Pears (Pears Global) aufzudecken, verweigerte die Übergabe der Schlüssel und behielt den Betrieb noch mehr als ein Jahr weiter aufrecht. Schliesslich setzten knapp 1000 Polizisten mit Wasserwerfern und Hubschraubern gewaltsam die Räumung durch. https://berlin-besetzt.de/#!