Damals und Heute

Regenbogenfabrik im April 2021

1998 konnte die Fahrradwerkstatt in die frisch renovierten Räume umziehen. Endlich mehr Platz für das umfangreiche Ersatzteillager, das alle Besucher*innen regelmäßig beeindruckt. Dabei sehen sie in der Regel nur das Lager für die Kleinteile, im Keller gibt es noch Rahmen aller Art, die darauf warten, bestückt mit neuen Laufrädern und was es noch so braucht, zum neuen Flitzer aufgebaut zu werden.

Räumung der Kiezkneipe Syndikat

Mit einem Großaufgebot räumte die Polizei am 7. August die Neuköllner Kiezkneipe Syndikat. 700 Polizisten im Einsatz, verstärkt durch Hubschrauber, weiträumige Absperrungen und Einrichtung einer roten Zone – ein gewaltiger Einsatz gegen tausende solidarische Nachbar*innen und andere Protestierende im Auftrag einer Spekulanten-Briefkastenfirma. Nach 35 Jahren ist das Syndikat in der Weisestraße Geschichte. Der Kampf für eine Stadt von unten, für mehr Syndikate, für autonome Freiräume und für den Erhalt aller von Zwangsräumung bedrohten Projekte und Mieter*innen geht weiter.

„Es klingt jetzt vielleicht pathetisch, aber es ist ein bisschen so, als wäre hier das Herz aus dem Schillerquartier herausgerissen worden. Und das halt nur, weil man aus Geld noch mehr Geld machen muss. Ich kann das eigentlich immer noch nicht fassen.“
Elsa Marlene H, Nachbarin (in: Interview mit Madlen Haarbach, Tsp Leute)

Hunderte Unterstützer*innen hatten die Nacht über noch versucht, die Strasse für den anrückenden Gerichtsvollzieher zu blockieren und die Zwangsräumung zu verhindern. Das Syndikat war 35 Jahre fest im Neuköllner Schiller-Kiez verankert und musste sich am Ende juristisch und politisch gegen ihre Kündigung durch die zunächst anonymen neuen Eigentümer wehren. Dem Kollektiv gelang es, ein mafiöses Briefkastengeflecht und Immobilienimperium der britischen Milliardärsfamilie Pears (Pears Global) aufzudecken, verweigerte die Übergabe der Schlüssel und behielt den Betrieb noch mehr als ein Jahr weiter aufrecht. Schliesslich setzten knapp 1000 Polizisten mit Wasserwerfern und Hubschraubern gewaltsam die Räumung durch. https://berlin-besetzt.de/#!

Künstler*innen des Tages – Julia Tornier

Die Regenbogenfabrik ist ein guter und wichtiger Ort, finde ich. Hier bin ich vielen Menschen, Anregungen und einem Lebensstil begegnet, der diese Stadt besonders macht: Berlin braucht nicht-kommerzielle Räume für Kultur!

Die Kulturmanagerin Christine Ziegler ist ein Herzstück dieses Raums. Auf ihre Einladung hin durfte ich dort oft in verschiedenen musikalischen Konstellationen auftreten. Das ganze Team um sie herum war herzlich, offen und immer unterstützend. Vielen Dank an dieser Stelle!

Ich habe in der Regenbogenfabrik im Kino, im Café und auf dem Hof Saxophon gespielt, mit den Brassbands Blechblase Berlin und IG Blech, dem Duo Höhen & Tiefen, einer Jazzband und als Solomusikerin. Es gab rein musikalische Auftritte und einige mit Musikfilmen davor, Hoffeste, Vernissagen und Doppelkonzerte mit befreundeten Brassbands aus dem Ausland oder mit der Berliner Trommelgruppe Baque Forte.

Ein Soloauftritt im Café 2016 war für mich besonders wichtig: Ich konnte mein Programm „Alles umarmen. Eine persönliche Philosophie des Jazz“ vorstellen. Darin habe ich meinen persönlichen Zugang zur Musik als Autodidaktin verarbeitet. Ich habe den Jazz immer als Konzept erlebt, in dem sich Themen und verschiedene Musikrichtungen begegnen und durch Improvisation verbinden können.

Mich interessieren zum Beispiel weltweit verbreitete musikalische Elemente: Schlaflieder und Liebeslieder gibt es überall. Ob Tanzmusik, ungerade Takte oder melodische Motive, die sich weit voneinander entfernt doch ähnlich entwickelt haben – immer wieder entdecke ich faszinierende Parallelitäten und Synchronizitäten. Mit meiner Loopmaschine nehme ich solche Elemente auf, mische sie neu und spiele live Improvisationen dazu, umarme sie sozusagen. Ich spiele vor allem Tenor- und Sopransaxophon, aber auch Flöte, Didgeridoo, Melodica, Tenor- und Bassukulele. Außerdem liebe ich Trommeln und Perkussionsinstrumente: Cajon, Cajongas, Cajon-Batás, Pandeiro, Udu, Rasseln und Glocken aller Art.

In der Corona-Zeit habe ich auf diese Art einige Videos erstellt, für die ich alle Instrumente selbst gespielt und als Loops aufgenommen habe:

Vor einigen Jahren wurde ich eingeladen, eine Trauerfeier für eine Bewohnerin der Fabrik auf dem Sopransaxophon zu begleiten. Da habe ich deutlich gespürt, dass die Macher*innen des Projekts Regenbogenfabrik eine Gemeinschaft geschaffen haben, die trägt.

Ich wünsche euch dabei weiterhin viel Erfolg, Liebe und Unterstützung!

Julia findet ihr auch in diesen Formationen:

Höhen & Tiefen
Blechblase Berlin

Geburtstagskind des Tages – Antje

1. Seit wann bist bzw. von wann bis wann warst Du hier und in welchem Bereich?

Seit 4 Jahren wohne ich im Regenbogenschen Hinterhaus, erst im linken Aufgang, nun im rechten, stets im 4. Stock, relativ nah an der Sonne, dem Mond und den Sternen.

2. Welches ist Dein Lieblingsort auf der Fabrik?

Dort, wo Menschen sich liebevoll begegnen und sich helfen und dort, wo gelacht wird und wo Kinder ihren Angelegenheiten nachgehen können; da bin ich am liebsten.
Wer sich auf die Suche macht, findet in der Regenbogenfabrik diesen Ort!

3. Mit einem Wort: Was ist die Fabrik für Dich?

Unser Zuhause.

4. Lieblingsessen in der Kantine?

Enchiladas mit Salat!

5. Was wünschst Du der Fabrik zum Geburtstag?

Ein bisschen weniger Nostalgie, ein bisschen mehr Mut, die Gegenwart zu feiern und Veränderung zuzulassen. Und noch viele rauschende Feste!