Die Sorauer Straße

von Werner von Westhafen

Wäre es nach James Hobrecht gegangen, der 1862 den Straßenplan für das neue Stadtviertel im Südosten Berlins zeichnete, hätte es die Sorauer Straße nie gegeben. Hobrecht hatte nicht damit gerechnet, dass die neue Hauptstadt derartige Menschenmassen anzog und deshalb die Grundstücke viel zu großzügig angelegt wurde, mit genügend Platz für lichte und grüne Hinterhöfe. Nicht selten erstreckten sich die einzelnen Bauparzellen vom Straßenrand 200 Meter weit ins »Landesinnere«.

Zehn Jahre später war jeder Quadratmeter Wiese Gold wert. Wo sich der Stadtplaner Gänseblümchen und spielende Kinder vorgestellt hatte, wuchsen Mietskasernen in den Himmel, reihte sich Hinterhof an Hinterhof. Um diese lichtscheue Konstruktion zu umgehen, plante der Handschuhmacher Emil Paul Haberkern, der 1871 gleich mehrere Parzellen Bauland zwischen dem Görlitzer Bahnhof und der alten Akzisemauer gekauft hatte, um am Berliner Goldrausch teilzuhaben, eine kleine Privatstraße, die sein 5 Hektar großes Grundstück zwischen Lübbener und Oppelner Straße in der Mitte halbieren sollte.

Die Stadtväter allerdings machten einen Strich durch die Rechnung des ehemaligen Handwerkers: Sie verlangten statt einer privaten den Bau einer öffentlichen Straße mit ordnungsgemäßem Pflaster und Kanalisation. Dafür hatte der Handschuhmacher kein Geld mehr übrig, aber da die bereits entstehenden Gebäude nun keinen direkten Zugang zur Straße mehr hatten, wie es die Brandschutzbestimmungen forderten, wurde der Bau kurzerhand gestoppt. Erst als Haberkern seine neuen Häuser zu »verlängerten Seitenflügeln« der Gebäude an der Görlitzer Straße erklärte, ließ man ihn weiterbauen.

So entstanden innerhalb eines Jahres mehrere 100 Meter lange Seitenflügel. Doch noch im selben Jahr war Haberkern gezwungen, einen Teil seiner Immobilien an die Rheinische Baugesellschaft zu verkaufen, die genügend Mittel besaß, um auch die Straße zwischen den neuen Häusern zu finanzieren. 1874 erhielt sie, ebenso wie die Nachbarstraßen, den Namen einer schlesischen Ortschaft: Sorauer Straße.

Bis die Vorderhäuser standen, die sich kaum von Hinterhäusern und Seitenflügeln unterschieden, vergingen aufgrund einer kleinen Finanzkrise noch einige Jahre, aber am Ende setzte die Baugesellschaft die Idee des Handschuhmachers in die Tat um, mit kleinen Wohnungen großen Profit zu erwirtschaften. »Die beiden Blöcke diesseits und jenseits der Sorauer Straße waren baulich in einer Weise erschlossen, die durch maximale Wohnungsdichte maximalen Profit versprach«, schreibt Hanno Hochmuth in seiner 2017 erschienenen Kiezgeschichte. Ein Beispiel für die berühmte Kreuzberger Mischung aus vornehmen Vorderhäusern, günstigen Seitenflügeln und Gewerbehöfen war die Sorauer Straße nicht.

Auf einer Länge von 225 Metern waren 31 Häuser mit insgesamt 805 fast identischen Wohnungen entstanden. Ein ideales Studienobjekt für die Arbeiter-Sanitätskommission, die wegen des Ausbruchs der Cholera 1893 die neue Mietskaserne genauer untersuchte. Dabei stellte sich heraus, dass »nicht weniger als 3383 Menschen« in der Straße wohnten, die meisten in winzigen Einzimmerwohnungen, in denen auch die Küche noch als Bettstatt genutzt wurde. Erwachsene teilten sich die Matratzen oft mit Kindern, in jeder dritten Wohnung wurden zusätzlich Betten an so genannte Schlafgänger vermietet. »Bei einem Viertel der Wohnungen kamen auf ein Klosett mehr als 10 Personen«, häufig standen den Mietern »weniger Kubikmeter Raum zur Verfügung als in der Haftanstalt Plötzensee«, deren Zellen laut Verordnung mindestens 28 Kubikmeter aufweisen mussten.

Trotz der kritischen Analysen änderte sich der Lauf der Geschichte nicht. Nach der Jahrhundertwende stieg die Zahl der Mietparteien in der Straße sogar weiter an. Erst als die Männer in den Krieg zogen, wurde es ruhiger. Doch dem Elend des Kasernenlebens folgte das Elend des Zweiten Weltkrieges.

Die Bomben verschonten die Häuser der Straße, dafür wollten die Stadtplaner sie nach dem Krieg abreißen. Doch es wuchs Widerstand, denn den vor der Bundeswehr flüchtenden Einwanderern der Siebzigerjahre kamen die günstigen Mietwohnungen im Schatten der Mauer gerade recht. In der Sorauer Straße wohnten jetzt, wie Hochmuth schreibt, »Alte, Alternative und Ausländer.« Die bescheidenen Wohnungen, einst kleiner als Gefängniszellen, wurden zum Freiheitsraum und zum Quartier Andersdenkender. Künstler siedelten sich an, vor der »maroden Kulisse« des schmucklosen Wohnblocks wurde »Die Kinder aus Nr. 67« gedreht, und in der Nr. 28 erschien ( vgl. Kreuzberger Nr. 43) der Südost Express, herausgegeben von der Bürgerinitiative SO 36, die sich formierte, als 1977 die Alte Feuerwache in der benachbarten Reichenberger Straße abgerissen wurde.

In der ersten Ausgabe der Alternativ-Zeitschrift hieß es: »Haberkern würde es nicht schwer haben, sich heute in der Sorauer Straße zurechtzufinden.« Nicht nur, dass es in der Straße noch immer so aussah, wie im 19. Jahrhundert, »auch die Spekulantenverhältnisse seien noch ähnlich« gewesen. Schon damals, konstatiert 40 Jahre später Hanno Hochmuth, befürchteten die Herausgeber des Südost Express die »Verdrängung der einkommensschwachen Bewohner«.

Zu Recht, denn tatsächlich wurden auch die Häuser der Sorauer Straße nach dem Fall der Mauer saniert. Das einstige Elendsquartier, das vom Abriss bedrohte Wohnviertel an der innerdeutschen Grenze, ist für Investoren inzwischen längst wieder attraktiv.

aus der Kreuzberger Chronik vom April 2018

wir danken den Herausgeber:innen!

Gentrifizierung | Die Auseinandersetzung läuft in vielen Orten

Gelegentlich landet in meiner Mailbox der Hinweis auf das Untergrund-Blättle. Lesestoff, der immer wieder interessant ist. Exemplarisch deshalb heute dieser Link auf einen Beitrag aus dem letzten Monat:

Viel Spaß beim Lesen und weiterblättern. Und vielleicht habt ihr Lust, die Auswahl zu kommentieren? Schreibt uns unter kontakt@regenbogenfabrik.de

Geburtstagskind des Tages – Mimi

Mimi ist schon so lange, so viel und so intensiv hier, dass sie glatt vergessen hat, beim Ausfüllen des Geburtstagsfragebogens zu erwähnen, dass sie gar nicht mehr hier arbeitet…
Uns geht das mit ihr andersherum genauso. Sie wird wohl immer einen Schlüssel zu unserer Tür und unseren Herzen haben. Und das ist gut so!

1. Seit wann bist bzw. von wann bis wann warst Du hier und in welchen Bereich?

Gefühlt eine Ewigkeit. Seit 2002 arbeite ich in der Fabrik (im Hostel). Schon als Kind habe ich regelmäßig Feste und das Kino besucht.

2. Welches ist Dein Lieblingsort auf der Fabrik?

Gerne sitze ich auf dem Hügel mit der Bühne, wenn es dort zu heiß wird, kühle ich mich in der Reze ab…

3. Mit einem Wort: Was ist die Fabrik für Dich?

Lieblingsort

4. Lieblingsessen in der Kantine?

Kartoffeln mit Eiern in Senfsoße

5. Was wünschst Du der Fabrik zum Geburtstag?

Dass sie uns allen immer erhalten bleibt!

Künstler:innen des Tages – Klangstrukturen

1. Wie heißt ihr (und wie viele seid ihr)?

“Klangstrukturen”

2. Wie beschreibt ihr, was ihr macht?

“Neuartige Kammermusik”

3. (Seit wann seid ihr zusammen und) wann wart ihr das erste Mal in der Regenbogenfabrik?

In der Regenbogenfabrik waren wir das erste Mal im Mai 2016.

4. Spielt ihr lieber drinnen oder draußen?

Vor allem drinnen.

5. Was erwartet ihr von eurem Publikum? Singen, klatschen, tanzen?

Klatschen ist absolut ausreichend 🙂

6. Was ist euer wichtigster Corona-Fluch?

(…).

7. Was wünscht ihr euch und uns für die Zukunft?

Keinen Lockdown mehr für Kultur !!!

8. Seid ihr auch in anderen Formationen unterwegs, die vielleicht auch ins Regenbogenprogramm passen?

Mit vielen internationalen Musiker*innen.