Mitnehmen, mitgeben

Der Arzt. Diagnose: „Psychose, Schizophrenie“

Ich: „Ok.“

Mir gehts mies. Damit. Und Damit in die Tagesklinik. Und Damit in eine neue Wohnung und in einen Minijob. Damit. Als Kellner dann: Regenbogenfabrik.

Die Regenbogenfabrik: „ Was ist Damit!?!

Ich: „Ok.!

Das Zwischenmenschliche, das heißt, das zwischen mir und dir liegt ,ist bei dir und mir. Bei uns. In dem Umgang. Im Handlungsspielraum, im Augenkontakt.

Mal angenommen, auf einem Plenum habe ich was zu sagen. „Wir verstehen dich nicht“, wird mir gesagt.

Mal angenommen, bei einem Streit mit einem Kollegen sage ich zu ihm: „Das geht so nicht“, er versteht mich nicht. Aber ich.

Ein neuer Job

auf dem Schirm,

der alte und der neue.

Ein Sonnenschirm.

Ein Regenschirm.

Für das Gefühl mitnehmen

Lars Knuth

40 Jahre Heilehaus

Im Februar 1981 wurden der Seitenflügel, das Gartenhaus und eine Ladenwohnung in der Waldemarstrasse 36 besetzt.
Das besetzte Haus wurde HeileHaus genannt. Die Besetzer*innen kamen aus dem Umfeld von Selbsthilfe- und Lerngruppen, die sich schon länger mit einer naturheilkundlichen Behandlung von Krankheiten beschäftigten. Aus einer kritischen Haltung gegenüber der Schulmedizin mitsamt der Tablettenschwemme der Pharmaindustrie und dem staatlichen “Gesundheitssystem” entstand der Wunsch ein ganzheitliches Gesundheitskonzept – bestehend aus guter Ernährung, Bewegung, Körperarbeit, Hygiene, Beratung auf naturheilkundlicher Grundlage, Selbstverantwortung und Raum für Gespräche und meditative Tätigkeiten im HeileHaus zu verwirklichen. Das Haus hatte vor der Besetzung 8 Jahre lang leer gestanden und war in einem sehr schlechten Zustand.

Mit Hilfe von Spenden von Netzwerk und dem Gesundheitsladen und sehr viel Eigenleistung und Engagement der Besetzer*innen und Unterstützer*innen wurde das Haus winterfest und nach und nach die Räume nutzbar gemacht. Die schönen Backsteinhofgebäude blieben erhalten und die Fassade und das ganze Haus wurden behutsam saniert. Recht schnell entstand in der Ladenwohnung ein Café mit Kiezküche, wo es täglich eine warme Mahlzeit gab. Das war das Café Schlüpber – so genannt, weil sich in dem Laden vormals ein Wäschegeschäft befand.

Liebes Team vom Heilehaus! Euren Geburtstag haben wir nicht verpennt. Am 27. Februar haben wir erst aktiv geträumt von unserem Geburtstagsblog. Doch nun wollen wir nicht warten, bis es wieder Februar wird, um euch zu gratulieren.

Lieber alle dran erinnern, dass wir gemeinsam mit der Schokofabrik und dem Kinderbauernhof am Mauerplatz eine Ausstellung im Kreuzberg Museum vorbereiten: Dann machen wir’s halt selbst – 40 Jahre selbstorganisierte Räume in Berlin

Genießen wir bei der vielen Arbeit, die eine Ausstellung macht, die Erinnerung und wünschen uns weiter viel Erfolg und Energie für die nächsten 40 Jahre!

Mehr zu lesen übers Heilehaus auf ihrer Homepage:

Regenbogenkind

Aufgewachsen bin ich auf dem ursprünglich chemieverseuchten, wunderschönen Boden der Regenbogenfabrik: hatte meine Eltern und co Eltern und besten Freunde hier, bin in den Schüli gegangen, hab im Toberaum Übernachtungsparties gefeiert, an die anschliessend ein Elternplenum stattfand und bei Ralph abgehangen. Eine kleine normale Kreuzberger Göre.

Auch gründete sich hier im Hinterhof das «erste Kreuzberger Einradchaos» aus dem später Cabuwazi wurde. (Damals waren Einrad fahrende Kinder noch etwas besonderes und nicht im Stadtbild allgegenwärtig.)

Dann musste ich mit 17 Jahren wirklich mal weg und zog in einen Bauwagen und später in besetzte Häuser in Berlin… und von dort in die Welt. Mit meinem Camping Bus nach Holland, wo ich einen Bachelor in der Hochschule für circus and performance art machte und in verschiedenen Projekten und besetzten Häusern in Holland, später Brüssel und Frankreich wohnte. Mit unserem Zirkus Musik-Kollektiv «cirque du platzak» (platter sack – ohne geld) und mit meinem Solo, einem Plastik Vorhang, tourten wir durch Europa.

Als vor 3 Jahren unsere Tochter Lotta Lucie in die Welt kam, reisten wir mit dem LKW nach Berlin und sind geblieben.

Seit November 2020 sind wir wieder im Haus der Regenbogenfabrik und Lotta identifiziert sich schon voll mit «unserer» Regenbogenfabrik.

Ich würde gerne der Regenbogen zum Geburtstag einen Auftritt schenken, der kommt allerdings erst im Sommer 2022, weil in diesem Sommer der Bruder von Lotta seine Premiere hat.

Darum hier schon mal der Teaser zu dem politischen Zirkusmärchen INSIDE:

https://www.leilakoeckenberger.net/

https://www.lamulecirque.com/who

und last but not least ein Link zu Leilas aktuellem Projekt:
https://regenbogenfabrik40.blog/2021/10/07/circus-lesvos/

Eine Liebeserklärung

1984 zog ich ins besetzte Haus in der Regenbogenfabrik – zum Entsetzen meines Vaters. Geblieben bin ich ungefähr drei Jahre. Dann habe ich mich verliebt in einen Ex-Besetzer und bin Hals über Kopf zu ihm in die schicke Fabriketage. Von da aus kurz vor dem Mauerfall nach „Wessiland“.

Ich erinnere mich noch gut: Ich war so aufgeregt während meiner Bewerbung auf dem Hausplenum. Mein Einzug war nicht unumstritten, was angeblich weniger mit mir, als vielmehr mit Fraktionsbildung innerhalb der Gruppe zu tun hatte. Mitglied wurde ich schließlich in der Essensgruppe von Johanna, Christine, Anette, Susanne, Dietmar und all den anderen im zweiten Hinterhaus.

Gewohnt habe ich im Seitenflügel mit Mischa: Damals gab es noch richtige Winter und ich war nicht so empfindlich wie heute. Wir hatten im Klo nur Pappe vorm Fenster, aber krank wurde ich nicht. Komfortabler wurde es dann in der „Lausitzer 40“(!), in die die komplette Essensgruppe, 9 Erwachsene und 7 Kinder, zeitlich befristet umzog. Wir haben so viel gemeinsam erlebt und durchgemacht;  dabei denke ich vor allem an die, die wir verloren haben: David, Willi, Marten, Anette.

Mir kommt dieses „wir“ ganz leicht über die Lippen, ein Teil von mir fühlt sich immer noch zugehörig: die Regenbogenfabrik ist heute wie ein zweites Zuhause für mich.

Zurzeit befinde ich mich in  Corona Quarantäne und mir kommt unsere Hepatitis Infektion in den Sinn: nur drei blieben gesund und mussten uns versorgen. Und ich hatte die Seuche eingeschleppt! Manche waren so krank, es war ein Elend. Viele unserer Freund*innen waren infiziert und das Regenbogencafé musste schließen. Kaum hatten wir diesen Mist überstanden, tummelten sich Wanzen in unseren Betten: Der Kammerjäger musste kommen. Und wen bissen sie als erstes?

Die Geschichte mit den Wanzen lässt uns heute vielleicht schmunzeln, aber was ich jenseits dieser Anekdoten sagen will: die Regenbogenfabrik, sowohl die „Fabrik“ wie die dazu gehörigen Wohnhäuser, machten aus meiner Sicht nie mit spektakulären Projekten oder Aktionen von sich Reden, lebten nie auf großem Fuß, trachteten nie nach Ruhm oder Berühmtheit. In diesen Kreuzberger Hinterhöfen  liegt die Wirkung im Kleinen, im Detail und die ist deswegen nicht weniger radikal oder wirksam, im Gegenteil: Die naive Vorstellung, allein ein zügiger Ausbau der erneuerbaren Energien reiche aus, um den Planeten zu retten, haben die „Regenbogens“ nie geteilt: Im Wohnhaus gibt es seit 40 Jahren pro Person ein Zimmer. Ihr praktiziert seit 40 Jahren einen kollektiven, nachhaltigen Lebensstil, der viele, mich eingeschlossen, inspiriert hat. Eure Offenheit, Eure Solidarität und Freundlichkeit waren und sind mir immer noch Vorbild und Begleitung. Dafür bin ich Euch unendlich dankbar.

Nach Corona feiern wir, dass die Schwarte kracht!

In tiefer Freundschaft und Verbundenheit

Eva