Eine Liebeserklärung

1984 zog ich ins besetzte Haus in der Regenbogenfabrik – zum Entsetzen meines Vaters. Geblieben bin ich ungefähr drei Jahre. Dann habe ich mich verliebt in einen Ex-Besetzer und bin Hals über Kopf zu ihm in die schicke Fabriketage. Von da aus kurz vor dem Mauerfall nach „Wessiland“.

Ich erinnere mich noch gut: Ich war so aufgeregt während meiner Bewerbung auf dem Hausplenum. Mein Einzug war nicht unumstritten, was angeblich weniger mit mir, als vielmehr mit Fraktionsbildung innerhalb der Gruppe zu tun hatte. Mitglied wurde ich schließlich in der Essensgruppe von Johanna, Christine, Anette, Susanne, Dietmar und all den anderen im zweiten Hinterhaus.

Gewohnt habe ich im Seitenflügel mit Mischa: Damals gab es noch richtige Winter und ich war nicht so empfindlich wie heute. Wir hatten im Klo nur Pappe vorm Fenster, aber krank wurde ich nicht. Komfortabler wurde es dann in der „Lausitzer 40“(!), in die die komplette Essensgruppe, 9 Erwachsene und 7 Kinder, zeitlich befristet umzog. Wir haben so viel gemeinsam erlebt und durchgemacht;  dabei denke ich vor allem an die, die wir verloren haben: David, Willi, Marten, Anette.

Mir kommt dieses „wir“ ganz leicht über die Lippen, ein Teil von mir fühlt sich immer noch zugehörig: die Regenbogenfabrik ist heute wie ein zweites Zuhause für mich.

Zurzeit befinde ich mich in  Corona Quarantäne und mir kommt unsere Hepatitis Infektion in den Sinn: nur drei blieben gesund und mussten uns versorgen. Und ich hatte die Seuche eingeschleppt! Manche waren so krank, es war ein Elend. Viele unserer Freund*innen waren infiziert und das Regenbogencafé musste schließen. Kaum hatten wir diesen Mist überstanden, tummelten sich Wanzen in unseren Betten: Der Kammerjäger musste kommen. Und wen bissen sie als erstes?

Die Geschichte mit den Wanzen lässt uns heute vielleicht schmunzeln, aber was ich jenseits dieser Anekdoten sagen will: die Regenbogenfabrik, sowohl die „Fabrik“ wie die dazu gehörigen Wohnhäuser, machten aus meiner Sicht nie mit spektakulären Projekten oder Aktionen von sich Reden, lebten nie auf großem Fuß, trachteten nie nach Ruhm oder Berühmtheit. In diesen Kreuzberger Hinterhöfen  liegt die Wirkung im Kleinen, im Detail und die ist deswegen nicht weniger radikal oder wirksam, im Gegenteil: Die naive Vorstellung, allein ein zügiger Ausbau der erneuerbaren Energien reiche aus, um den Planeten zu retten, haben die „Regenbogens“ nie geteilt: Im Wohnhaus gibt es seit 40 Jahren pro Person ein Zimmer. Ihr praktiziert seit 40 Jahren einen kollektiven, nachhaltigen Lebensstil, der viele, mich eingeschlossen, inspiriert hat. Eure Offenheit, Eure Solidarität und Freundlichkeit waren und sind mir immer noch Vorbild und Begleitung. Dafür bin ich Euch unendlich dankbar.

Nach Corona feiern wir, dass die Schwarte kracht!

In tiefer Freundschaft und Verbundenheit

Eva

Chlorkohlenwasserstoffe – Präsentation von Gunnar Reich

zur chemischen Belastung auf dem Grundstück der Regenbogenfabrik

Regenbogencafé am 5.4.2006

Die chemischen Stoffe, durch die unser Gelände schon so lange belastet ist, sind sogenannte Chlorkohlenwasserstoffe (CKW). Diese Stoffe werden in der Regel als Lösemittel, zur Entfettung und in der chemischen Reinigung eingesetzt.

Geschichtlicher Exkurs: Der Sohn des Sägewerkbesitzers ist im 1. Weltkrieg gefallen und damit gab es für die Firma keinen Erben mehr. Daher wollte der Sägewerker an einen Investor verkaufen. In diesem Zusammenhang wurde 1915 der Abrissantrag für die alte Fabrik gestellt, um Platz zu schaffen für ein viergeschossiges Fabrikgebäude, wie es für die zweite Welle der Kreuzberger Industrialisierung typisch war. Dafür wurde jedoch die Genehmigung nicht erteilt, zu dieser Zeit war die Politik nicht mehr bereit eine solche Verdichtung zuzulassen.

Nach etlichen Zwischennutzern wurde 1928 das Gelände von der Chemikalienhandelsfirma Albert Carl übernommen. Durch eine Bombe, die in den 1940er Jahren die Fabrik in Höhe des heutigen Toberaums traf, was auch das benachbarte 1. Hinterhaus teilweise zerstörte, ist wahrscheinlich die hohe Belastung im Boden entstanden.

Die große Bodenaustauschaktion der oberen 1,5 – 2,5 m im Herbst 1982 ermöglichte zwar die gefahrlose Nutzung des Hofes der heutigen Regenbogenfabrik, beseitigte aber die zentrale Quelle der Bodenverseuchung und der sich daraus entwickelnden Grundwasserverunreinigung unterhalb des Gebäudes nicht. Diese Quelle speist nach wie vor eine ausgebildete „CKW-Ausbreitungs-Fahne“ im Grundwasser nordwestlich Richtung Kotti und Spree. 1988 wurden erste Grundwasseruntersuchungen in dieser Fahne vorgenommen und 1991/92 wurde mit dem „Hydro-Airlift-Verfahren“ mit nur mäßigem Erfolg versucht, der Grundwasser-Kontamination Herr zu werden. Weitere Versuche wurden dann vorerst nicht unternommen, da sich für die Stadt nach der Wende neue Sanierungsprioriäten aufdrängten und die Regenbogenfabrik nicht in einem Trinkwasserschutzgebiet liegt.

Oberflächlich ist daher keine CKW-Belastung mehr messbar, auf dem Platz kann gespielt werden, auch die Bepflanzung ist nicht vergiftet, da die Wurzeln nicht in die kontaminierten Bodenschichten reichen. Damit ist auch die Ernte von Früchten oder Kräutern unbedenklich.

Seit 2003 sind wieder Bemühungen zu verzeichnen und 2005 wurden im Auftrag des Senats neuerliche Grundwassersondierungen vorgenommen.

Die gefundenen Stoffe sind alle nicht besonders lecker:

PCE, TCE, DCE und VC -> schädlich, krebserregend, fruchtbarkeitsschädigend …

Die Messungen haben allerdings auch ergeben, dass es bereits einen „natürlichen“ Schadstoffabbau durch „anerobe reduktive Dechlorierung“ gibt:

  • Im Boden gibt es Mikroorganismen, die in der Lage sind, aus sogenannten primären Substraten (organisches Material, welches im Grundwasser gelöst ist) Kohlenstoff und Energie für ihr Wachstum zu gewinnen. Dabei werden Elektronen freigesetzt, die für die Zerlegung der CKW (Reduktion = Aufnahme von Elektronen) erforderlich sind.
  • Der Abbau der CKW erfolgt dann kometabolisch (Umsetzung durch Enzyme, die eigentlich für andere Zwecke produziert werden). Zum Abspalten eines Chlor-Atoms werden 2 Elektronen benötigt, so dass sich dieser stufenweise Zerlegungsprozess der CKW formelmäßig wie folgt beschreiben lässt:

Wenn Chlor (Cl) in diesem aneroben Prozess durch Wasserstoff (H) ersetzt wird, entstehen also hintereinander die Abbauprodukte Trichlorethen, Dichlorethen über Vinylchlorid bis zum Schluss Ethen, Ethan und Methan.

  • Die Mikroorganismen selbst beziehen dabei keine Energie aus dem “Zerlegen“ der CKW.

In einer Machbarkeitsstudie über die Säuberung des Geländes wird deshalb untersucht, ob dieser schon vorhandene Abbauprozess verstärkt werden kann und das geht! Durch Injektion organischen Materials in Form von Melasse oder Laktat als primäres Substrat werden die Mikroorganismen zu noch größerer „Produktion“ von frei werdenden Elektronen für den CKW-Abbau angeregt.

Ein erstes Testfeld wird im Hof des Jugendhaus Chip angelegt werden, damit kann dann der Nachfluss Richtung Spree schon mal blockiert werden. In folgenden Schritten wird man sich der Schadensquelle nähern; hoffend, dass sich in der Zukunft auch der quellnahe Bereich sanieren lässt und die Quellkonzentration der CKW deutlich reduzieren lässt. Die Beseitigung der Quelle wäre natürlich das Beste, das ist aber nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand durchführbar.

Finanzierung der Sanierungsmaßnahmen:

Eigentlich wäre der Bezirk für die Sanierung zuständig, hat in unserem Fall den Senat um „Amtshilfe“ gebeten. Das geplante Testfeld ist in den Senatshaushalt eingestellt, spätere Sanierungsschritte werden Zug um Zug zwischen Bezirk und Senat ausgehandelt.

Christine – mit freundlicher Nachhilfe durch Gunnar Reich, vielen Dank!

PS: All das dauert noch immer an, wir werden das weiter verfolgen:

  • Im Jugendzentrum Chip wurde das Testfeld erweitert auf eine größere Melasse- Injektions-Galerie. Über mehrere Jahre wurde dort die Melasseinjektion verstärkt fortgesetzt.
  • Auch im Hof der Regenbogenfabrik und an der Grundstücksgrenze sind quellnahe Injektionslanzen installiert worden, um die quellnahe Sanierung zu ermöglichen und voranzubringen.

Bündnis Griechenlandsolidarität Berlin

Für viele ist Griechenland so etwas wie eine zweite Heimat: Sonne und Meer, eine kämpferische Geschichte und immer wieder tolle Leute dort, die in einem der ärmsten Länder Europas die Fahne der Solidarität und Menschlichkeit hochhalten.

Aber wusstet Ihr eigentlich, dass Griechenland auch mitten in Berlin, in Kreuzberg, eine Heimat hat? Ja! In der Regenbogenfabrik! Und das kam so…

Doch bevor Ihr die Geschichte lest, hier ein Hinweis auf unseren aktuellen Griechischen Salon:

Das Bündnis Griechenlandsolidarität Berlin präsentiert den 23. Griechischen Salon – online!

#MeToo in Griechenland

Donnerstag, 27. Mai 2021
um 19:00 Uhr

Online-Veranstaltung (Zoom) in deutscher und griechischer Sprache

Der Live-Mitschnitt ist nun verfügbar:
https://www.youtube.com/watch?v=L2mgVNquO0s

Griechenlandsolidarität

Wer sich für Griechenland interessiert, erinnert sich an das Jahr 2015: Auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise zwangen der IWF, die EU und vor allem Deutschland das Land in eine verheerende Sparpolitik, die für die Bevölkerung Niedriglöhne, Armut und mangelnde Gesundheitsversorgung bedeutete. Gleichzeitig hetzten reaktionäre Medien in Deutschland gegen „die faulen Griechen“. Das war der Gründungszeitpunkt für unser „Bündnis Griechenlandsolidarität Berlin“: Berliner Initiativen und Einzelpersonen schlossen sich zusammen, um mit Info-Arbeit und Aktionen Solidarität mit den Menschen in Griechenland zu zeigen und ihren Widerstand gegen solche Zustände zu unterstützen.

Viel ist seitdem passiert. Heute regiert der Konservatismus in Griechenland, mit autoritärer Polizei und einer unmenschlichen Flüchtlingspolitik – und mitten in der Corona-Pandemie zeigt das Gesundheitswesen deutlich, wie sehr Griechenland in Arm und Reich gespalten ist. Auch jetzt wieder und nach wie vor tragen wir Berliner „GR-Solis“ dazu bei, dass linke Projekte und Bewegungen in Griechenland, die dagegenhalten, auch hier in Deutschland eine Stimme haben.

Eine wunderbare Freundschaft

Doch Stimme haben geht nur gemeinsam, und Stimme geben ebenfalls. Im Mai 2017 sollte unser „Griechischer Salon“ starten: Wir planten eine Veranstaltungsreihe mit Politik und Kultur aus und über Griechenland, mit Debatten, Infos und Terminen aus der Griechenlandsolidarität – und oft auch mit Musik und leckeren Meze. Wo könnte so etwas wohl stattfinden? Wir suchten und fanden als idealen Veranstaltungsort: die REGENBOGENFABRIK!!!
Schon bei der Vorbereitung des ersten Salons wurde schnell klar: Die Regenbogenfabrik ist mehr als ein Veranstaltungsort für uns. Sie ist treue Mitveranstalterin und politische Weggefährtin, sie ist unglaublich fähiges und zuverlässiges „Eventmanagement“ und so was von fairer Geschäftspartnerin. Sie ist eine der wichtigsten Stätten linker Kultur in Berlin.
Und vor allem anderen ist sie ein Ort, an dem wir immer wieder die Herzlichkeit in persona getroffen haben – in Christine, Johanna und Chris und all den Menschen, die sich in der Regenbogenfabrik engagieren.

Kurz und gut: Von Beginn an hatten wir es in der Regenbogenfabrik mit einer wunderbaren Freundschaft zu tun – und die ist geblieben bis heute, wo wir mit dem Thema „Me too in Griechenland“ schon den 23. Griechischen Salon vorbereiten.

…und wir wollen mehr!

Ja, Ihr habt korrekt gelesen: den 23.! In den vier Jahren seit dem Start der Veranstaltungsreihe haben die Regenbogenfabrik und wir schon viele beeindruckende Aktivist*innen und wichtige Themen gemeinsam zu Gast gehabt: Kliniken für Alle und Solidarische Ökonomie, Geflüchtetenhilfe und feministische Bewegung, linke Kunst und Rembetiko, Erinnerung an deutsche Wehrmachts-Verbrechen und Kampf gegen Schuldendiktatur. Schaut Euch unsere Flyer-„Dia-Show“ an!

Liebe Leute von der Regenbogenfabrik: Wir danken Euch für diese Zeit und… freuen uns auf die nächsten 23 Griechischen Salons mit Euch!

Denn wir machen weiter mit hochspannenden News und Diskussionen aus und über Griechenland – derzeit noch online, bis sich die Corona-Pandemie verzogen hat. Aber bald auch wieder bei Euch im Kinosaal oder im Hof. Denn da hat Griechenland mitten in Berlin eine Heimat, und wir „GR-Solis“ auch. Leute, verlasst Euch darauf: Das wird ein Fest!

https://griechenlandsoli.com/

152. Geburtstag im RegenbogenCafé

Euch beiden tausend Dank für Euer Engagement was Organisation, Fürsorge und Aufräumen zu unserem gemeinsamen 152. Geburtstag betrifft. Ein schönes Geschenk.

Unseren Freundinnen hat dieses Beisammensein in Eurem Café sehr gut gefallen, mal hier, mal da sitzen bei kollektivem Imbiss und dann das anschließende überraschungsreiche Konzert im Dunkeln! 

Manche haben so die Regenbogenfabrik überhaupt erst kennengelernt.

29. Nov. 2018

Gerne erinnern wir uns daran und wünschen Euch nun zu Eurem 40. ein leichteres wieder schwingendes Jahr und für die Zukunft überhaupt, mag sein bis zu Eurem 152. 

herzlich Iris & Traude Bührmann