Der Bau des Hostels

Durch den Umzug der Musiker in die neu fertiggestellten ( vom Kultursenat geförderten) Musikübungsräume im Keller waren hinten in der Ecke des L-Stücks der Regenbogenfabrik freie Räumlichkeiten entstanden.

Das heißt: sie waren nicht wirklich „frei“, denn unser eifriger Hausmeister Flocki hatte schon immer zum Wohle der Fabrik alle möglichen Sachen gesammelt, die frau/man irgendwann einmal gut würde gebrauchen können. So war jeder freie Winkel gut genutzt.

Trotzdem kam mir angesichts der neuen Gegebenheiten die Idee, hier Übernachtungsmöglichkeiten für Leute mit schmalem Geldbeutel zu schaffen.

Ich kannte von früheren Reisen in den 70er Jahren die günstige Möglichkeit, in sogenannten „SleepInns“ zu nächtigen, beispielsweise in Christiania in Kopenhagen oder in Amsterdam. Das waren meist große Säle oder Fabriketagen ohne feste Strukturen, wo man sich mit oder ohne Bett irgendwo hinpackte, teilweise Schlafsack an Schlafsack. Das kostete nur 3 Gulden, und wenn man sich bereiterklärte, am nächsten Tag auszufegen, durfte man noch einmal umsonst übernachten.

Das war zum einen eine tolle Möglichkeit für Jugendliche (die damals meist per Anhalter unterwegs waren) auch ohne Geld die Welt zu sehen, wurde aber natürlich andererseits von zwielichtigen Gestalten auch zum Klauen, dealen und sonstigen „Schandtaten“ ausgenutzt.

Also: die SleepInns hatten dann doch irgendwann einen schlechten Ruf.

Ganz so strukturlos sollte es bei uns nicht zugehen. Jede/r sollte ein Bett bekommen und auch Duschen und Kochgelegenheit sollte es geben. Aber: es sollte für jede/n erschwinglich sein!

Durch ein solches SleepInn (Arbeitstitel, den wir uns später nur schwer wieder abgewöhnen konnten) würde auch neuer Wind auf die Fabrik kommen: Menschen aus aller Welt würden herumlaufen, in unserem Café frühstücken, Fahrräder aus unserer Fahrradwerkstatt ausleihen, abends unser Kino besuchen oder die gelegentlich stattfindenden Partys bereichern. Nebenbei würde auch ein bisschen Geld hereinkommen, was dringend notwendig war.

Ich fand die Idee klasse und war etwas enttäuscht, als mir auf dem Fabrikplenum großflächig Skepsis entgegenschlug. Es gab viele Einwände und Ängste. „Da kommt doch eh Keener!“ sagten die Einen, „Die machen nur Lärm und alles kaputt!“ die Anderen. Viele befürchteten, dass alles aus dem Ruder laufen könnte, da doch nachts niemand auf der Fabrik war und wir höchstens im nebenan liegenden Wohnhaus vielleicht was mitkriegen würden. Das schlechte Image des „SleepInns“ war da natürlich auch nicht sonderlich hilfreich.

Nach vielen Diskussionen fand die Idee dann aber doch genügend BefürworterInnen. Wir sollten es versuchen…, wenn es nicht klappen würde, könnten wir es ja wieder abschaffen. Die SkeptikerInnen gaben sich erstmal geschlagen und stimmten basisdemokratisch zu.

Eine gewisse Geldsumme musste ja auch bewilligt und zur Verfügung gestellt werden – leihweise, versteht sich, und sollte von den ersten Einnahmen zurückgezahlt werden (was selbstverständlich längst geschehen ist).

Und dann ging es los!

Zuerst musste alles leergeräumt werden. Wohin bloß mit all dem Zeug ??? Ich weiß heute nicht mehr, wie wir das geschafft haben. Es kamen sogar noch Räume zum Vorschein, von denen wir vorher gar nichts gewusst hatten!

Um ehrlich zu sein: die Räumlichkeiten wirkten dunkel, es gab nur wenig bis gar keine Fenster ; die Wände waren bröselig und teilweise feucht; die Raumhöhe ließ auch zu wünschen übrig; Heizung gab es gar keine.

Nun: die Leute sollten ja zum Schlafen hierher kommen, da war das mit der Dunkelheit ja kein vorrangiges Problem – dachten wir uns.

Zuerst mussten unsere Sanitärexperten ran. Die Zentralheizung des Wohnhauses nebenan, betrieben durch ein Blockheizkraftwerk, wurde bis hierher „verlängert“ und Sanitäranschlüsse und Bodenabflüsse verlegt. Die Wände wurden verrigipst, gemalert und gefliest , ein Teppichboden verlegt und schon sah alles viel freundlicher aus. Die „neuen“ Fenster waren gebraucht von irgendwelchen Baustellen in der Nachbarschaft, ebenso so manche Tür und manches Waschbecken. Durch Stellen von Rigipswänden wurden zwei Schlafräume und dazwischen der fensterlose Aufenthaltsraum mit Kühlschrank und Kochgelegenheit geschaffen. Es gab einen Eingangsflur, von dem aus ein Waschraum sowie Herren- und Damen-WC und Duschen zu erreichen waren.

Ganz kurz vor dem geplanten Eröffnungstermin kam der Ikea-Einkauf: 9 Doppelstockbetten, 18 Matratzen, Kopfkissen, Laken und pro Bett eine karierte Wolldecke.

Mein Versuch, Ikea als Sponsor zu gewinnen, da wir doch das komplette SleepInn mit diesen Utensilien ausstatteten, schlug leider fehl.

In einer Nacht schraubten wir zu zweit alle diese Betten zusammen! Die Holzwerkstatt hatte Regale für die Koffer der Gäste gezimmert. Vorhänge wurden genäht. Flyer in verschiedenen Sprachen wurden gedruckt und verteilt. Die Kinder spendierten für jedes Bett ein Kuscheltier.

Sehr erschöpft, aber zufrieden saßen wir dann bei der Einweihungsparty, der viele der Skeptiker allerdings leider fernblieben.

Die aber, die gekommen waren, zeigten sich positiv überrascht, was aus der ehemaligen „Räuberhöhle der Musiker“ doch Nettes geworden war.

Wenig später erschien der erste Gast, der auch längere Zeit der einzige blieb: Horst aus Siebenbürgen! Er kam dann noch öfter und war ganz gerührt von unserer ungeteilten großen Aufmerksamkeit.

Wir führten die „vornehmere“ Bezeichnung „Hostel“ ein, und so langsam aber sicher kam Schwung in die Sache!

Kurzum: die Zweifler wurden eines Besseren belehrt und viele haben ihre Ansichten verwundert ändern müssen.

Amalie Pinkus-de Sassi (1910–1996)

Kämpferin für Frieden und für Frauenrechte, (Mit)Gründerin von Salecina

Am 19. März 2014 durfte ich im Regenbogencafé mit einem Vortrag und mit Bildern Amalie Pinkus-de Sassi vorstellen. Sie hat kein Haus besetzt. Aber mit vielen FreundInnen ein altes Bauernhaus zum selbstverwalteten linken Studien- und Kommunikationszentrums Salecina am Maloja-Paß im Engadin/Schweiz umgebaut. Zwischen 1972 und 1991 fungierte sie als Präsidentin des Stiftungsrates. Amalie und ihre FreundInnen schafften eine Stätte der Begegnung zwischen Arbeiterbewegung und den neuen Sozialen Bewegungen, einen „Ort des organisierten Zufalls“, der bis heute besteht und wirkt.

Wer war Amalie Pinkus, die ungerechterweise meist „als die Frau von Theo Pinkus“, dem Buchhändler und Antiquar, der aus Nazi-Deutschland fliehen musste, weil er nicht nur Kommunist sondern auch Jude war, bekannt wurde und hinter ihm verschwindet?

Amalie de Sassi wurde am 4. Juli 1910 in Zürich in ein ärmliches, kleinbürgerliches Milieu hinein geboren. Von der Mutter lernte sie den scharfen Gerechtigkeitssinn, von der Kindergärtnerin wurde sie feministisch „angesteckt“. Zehn Jahre war sie alt, als der Vater der Tuberkulose erlag. Als sie 16 war, starb auch die Mutter. Amalie lebte mit ihren beiden Geschwistern zusammen; ein Vetter führte sie in die links-politische Arbeit ein. 1931 wurde sie Mitarbeiterin der Internationalen Arbeiter-Hilfe (IAH) und der Roten Hilfe. Nach einer Reise in die Sowjetunion trat sie der Kommunistischen Partei der Schweiz (KPS) bei. In ihrer kleinen Wohngemeinschaft fanden italienische Emigranten Asyl. Sie schmuggelte Briefe und Flugblätter der illegalen PCI und war 1934 Delegierte beim Pariser Kongress der „Frauen gegen Krieg und Faschismus“. 1939 wurde ihr Sohn Marco, drei Jahre später Andrè und 1949 Felix geboren. Die Buchhandlung Pinkus und Co. wurde zum Treffpunkt der antifaschistischen EmigrantInnen und zum Sammelpunkt der in Deutschland seit 1933 verbotenen Literatur. 1943 schloss die KPS Theo als „Agent der Sozialdemokratie“ aus der Partei aus und Amalie, trotz ihrer eigenen, von Theo unabhängigen illegalen Parteiarbeit, gleich mit. Gemeinsam mit Theo trat sie daraufhin der Sozialdemokratischen Partei (SPS) bei, arbeitete in deren Frauengruppe und bei den Naturfreunden mit und wurde Mitglied im Frauenstimmrechtsverband. In den 1950er Jahren engagierte sie sich für den „Stockholmer Appell gegen die Atombombe“ und beteiligte sich an den Ostermärschen. In der Folge der 1968er StudentInnenbewegung machten sie aus der Buchhandlung einen selbstverwalteten Betrieb. Sie wurde, ebenso wie das Begegnungszentrum Salecina zum Treffpunkt der „neuen Linken“ und zum Ort der Begegnung zwischen Arbeiterbewegung und neuen sozialen Bewegungen.

Als 1971 in Salecina der Kamin fertig war, wurde zum Richtfest die rote Fahne aufgezogen. Sehr zum Ärger eines spazierengehenden freisinnigen Nationalrates. Die Kolumne, die er unter dem Titel „Rote Fahnen im Malojawind“ schrieb, wurde in zahlreichen Schweizer Zeitungen nachgedruckt. Die Polizei in Silvaplana wurde gerufen. Doch der Polizist wollte nicht eingreifen, die Fahne sei schließlich auf Privateigentum, da könne jeder hinhängen was er wolle. Einige der befreundeten BauhelferInnen hatten aus Spaß auch noch die Wanderwege um das Haus mit holzgeschnitzten Schildern versehen, ‚Strasse der Revolution‘, ‚Karl-Marx-Strasse‘ und ‚Ho-chi-Minh-Weg‘.

Seit 1932 wurden Amalie und Theos und später die HüttenwartInnen und BesucherInnen von Salecina von der Kantonpolizei Graubünden bespitzelt. Salecina wurde als „terrorismusverdächtiges“ Schulungszentrum angesehen.

Amalie hat nicht nur das Bauernhaus mit umgebaut, sondern auch die Schweizer Frauenbewegung der 1970er Jahre mit aufgebaut; gemeinsam mit ihren Schwiegertöchtern Gertrud und Helen und vielen anderen Frauen. Führend war sie in der Frauenbefreiungsbewegung (FBB), gründete die Informationsstelle für Frauen (Infra) und ein Frauenzentrum in Zürich mit. Natürlich war sie auch beim Schweizer Frauenstreik am 14. Juni 1991 dabei. Sie blieb aktiv, bis sie 1996 im Alter von 86 Jahren in Zürich die Augen für immer schloss. Mit ihr verlor die Züricher Linke und die Frauenbewegung eine engagierte Kämpferin.

Gisela Notz

Amalie Pinkus de Sassi wurde uns im Frühjahr 2014 von Gisela Notz bei einem Vortrag im RegenbogenCafé vorgestellt. Bereits 2010 hatte Amalie einen Platz im Kalender „Wegbereiterinnen VIII“. Wir freuen uns darauf, dass wir im Herbst 2021 hoffentlich die Ehre haben werden, den bereits XX. Jahrgang vorzustellen.

Der Wandkalender im DIN A3-Format stellt jedes Jahr 12 Wegbereiterinnen der emanzipatorischen Frauenbewegung vor. Zwölf Autor*innen haben an den internationalen Biografien gearbeitet. Sie schrieben jedes Jahr neu über Frauen, die für eine bessere Welt kämpften und zeitlebens keine Ruhe geben wollten.

Bunten Dank für eure Wünsche!

Noch ganz frisch 40 und müde-stolz über den Blog und unseren Geburtstag merken wir einmal mehr, was uns neben der Vision für das große Ganze durch die Jahre getragen hat: IHR ALLE!

Uns erreich(t)en so viele schöne Worte, solidarische Parolen, Regenbögen, lebendige Erinnerungen und herzlichste Glückwünsche, dass uns ganz warm um’s Geburtstags-Herz wurde und weiter wird. Mit euren Geschichten stehen wir gerührt vor unserem digitalen Gabentisch und freuen uns, diese wortreichen Geschenke bald (auf der ganzen Welt!) virtuell mit euch teilen zu können. Wie diese passende Cartoon-Zeichnung ganz oben, die wir zum Geburtstag geschickt bekommen haben.

Danke dafür und Danke, dass ihr da seid, oder zum Geburtstag wieder aufgetaucht seid. Schön, sich in einer so großen, liebevollen Gemeinschaft zu wissen. So sind wir immer weiter gekommen und kommen es noch weitere 40 Jahre!

Und: psst! Spoiler, wir wollen nichts vorweg nehmen, aber es gibt auch neue Indizien zur Entstehung unseres Namens…! Mehr dazu demnächst , hier bei uns im Geburtstags-Blog.