Do., 04. bis Mo., 08.11.2021 Im Begleitprogramm zur Ausstellung im FHXB „Dann machen wir’s halt selber! 40 Jahre selbstorganisierte Räume in Berlin“ zeigen wir sehr unterschiedliche Filme, in denen u.a. die Projekte „Kinderbauernhof Mauerplatz“, „Heilehaus“ und „Regenbogenfabrik“ die Hauptrolle spielen und die einen Einblick in das Besetzer:innenleben Anfang der 80er geben. Den Blick noch weiter zurück machen wir mit dem RauchHausFilm von 1973.
Der Blick über den „Tellerrand“ Kreuzberg hinaus führt uns ins Zürich von 1980 und nach Kopenhagen 1986. Bei einigen Veranstaltungen werden wir nach dem Film mit Gäst*innen über die Filme und den vorgestellten Projekten reden und Fragen stellen können.
Und noch ein Wort zu 2G oder 3G: Wir müssen uns entscheiden, Leute auszugrenzen (2G) oder weniger Zuschauer:innen zu haben und permanent die Maskenpflicht durchsetzen zu müssen (3G). Für jede Veranstaltung wird mit allen Beteiligten diskutiert, daher haben wir beides „im Angebot“. Bitte beachtet immer die entsprechende Kennzeichung „2G“ oder „3G“. („Züri brännt“ zeigen wir „in beiden Versionen“.)
Das Filmwochenende ist Teil des Projektes “XBLab — Kultur in Kreuzberg“ der Gesellschaft für Humanistische Fotografie gfhf.eu
Das Projekt XBLab — Kultur in Kreuzberg wird gefördert durch das Modellprogramm „Utopolis – Soziokultur im Quartier“ im Rahmen der ressortübergreifenden Strategie Soziale Stadt „Nachbarschaften stärken, Miteinander im Quartier“ des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat und der Beauftragten für Kultur und Medien.
Die Zeit der Maschinen war gekommen, in der Nähe der Wasserstraßen entstanden Fabriken. Eine in der Lausitzer Straße
Im Hof der Lausitzer Straße Nummer 22 mit seinem backsteinroten Schornstein und der legendär gewordenen Regenbogenfabrik in den Remisen und alten Lagerhallen wurden keine Regenbogen fabriziert. Bevor junge Leute in den Achtzigerjahren den Hof besetzten, um ihre Ideen von einem anderen, besseren Leben zu verwirklichen, lagerten in der Fabrik profane Produkte wie Kolophonium, Salmiakgeist, Stearin, ätzende Laugen und Säuren, Aceton und Zyankali, und bevor wieder Kinder im Hof spielen und Blumen wachsen konnten, musste der gesamte Boden abgetragen und mit frischer Erde wieder angefüllt werden. Die Chemiefabrik eines gewissen Albert Carl war nicht der erste Betrieb an der kurzen Straße, die vom Landwehrkanal über die Reichenberger Straße bis zur Skalitzer Straße führte. Zunächst rauchte der Schornstein, um ein Dampfsägewerk anzutreiben, dessen Maschinen sich ab 1885 in der Lausitzer Straße Nummer 22 drehten. Der Tischlermeister Carl Bliesener hatte das Grundstück fünf Jahre zuvor einem Spekulanten abgekauft, der es wiederum von einem Spekulanten erworben hatte, der es wiederum von einem Spekulanten hatte. Ganz am Anfang der Kette von Spekulanten steht der Rentier Friedrich Gennrich. Er kaufte, als der Block Nummer 109 nach der Verwirklichung des Hobrechtplanes von neu angelegten Straßen eingefasst wurde und die Lausitzter Straße ihren Namen erhielt. Im Juli 1876 erhält der rüstige Rentier die Genehmigung, auf dem noch unbebauten Wiesengrundstück mit der Nummer 22 ein Wohnhaus, eine Remise und ein so genanntes Abtrittsgebäude zu errichten, in dem die Berliner fortan austreten und mit Wasser nachspülen konnten. Hobrecht nämlich hatte sämtliche neuen Grundstücke an ein modernes Kanalisationssystem anschließen lassen.
Der Tischlermeister Bliesener dürfte der erste in der langen Reihe der Käufer gewesen sein, der sein Geld ehrlich verdienen wollte und nicht daran dachte, mit möglichst viel Gewinn sofort weiter zu verkaufen. Die Nähe zum Landwehrkanal war ideal für einen Handwerker, der sein Holz von den Schiffen kaufen musste, und der womöglich schon beim Kauf des Grundstückes die Idee hatte, mit einer Dampfmaschine gleich eine ganze Reihe von Maschinen anzutreiben, die fortan für ihn sägen, fräsen und schleifen sollten.
1885 jedenfalls führt der stolze Fabrikbesitzer in seinem Briefkopf das gesamte Repertoire seiner Tischlerkunst auf und schreibt: »Dampf-Band-Block-Walzen- und Fournierschneideanstalt – Fabrik von Scheuerleisten und Bettstellfüßen – Fabrik von Thürbekleidungen und Treppenhandgriffen.«
Angetrieben wurde das Wunderwerk der Technik mit seinen vielen, sich ständig drehenden Maschinen von einem einzigen Riemen, der, rotierend wie ein großer Keilriehmen, unter der Decke der Fabrikationshalle hindurchlief und alles in Bewegung setzte: Die Sägen, die Fräsen, die Hobelmaschinen, Schleifmaschinen und Drechselmaschinen. Das Herzstück des Betriebs, die Dampfmaschine mit ihrem großen Kessel und dem Kohleofen lag gleich neben dem Schornstein, ebenso wie das Zimmer des Heizers, der wie die Heizer auf den Dampflokomotiven und den Dampfschiffen den ganzen Tag über nichts anderes zu tun hatte, als zu schaufeln und auf einen gleichmäßigen Druck im Kessel zu achten. Ab und zu, wenn sich wieder einmal alles Wasser im Kessel in Dampf aufgelöst hatte, musste er mit einem Fuhrwerk zum Kanal hinunterfahren und frisches Wasser holen.
Nach und nach entstehen auf dem Hof mit dem Dampfsägewerk weitere Wirtschaftsgebäude, Ställe, Lagerräume und ein Kontor, während im Vorderhaus die Mieter ihren täglichen Beschäftigungen nachgingen und sich abends, wenn die Maschinen still standen, zur Nachtruhe legten. Natürlich brachte diese berühmt gewordene Berliner Mischung von Wohnen und Arbeiten, also Mietern im Vorderhaus und Arbeitern im Hinterhof, auch ihre Probleme mit sich. Am 12. 9. 1926 zum Beispiel berichtet die Rote Fahne von Beschwerden der Bewohner aus der Lausitzer Straße Nr. 21, die sich schon mehrmals an die Behörden gewandt hatten. Doch diese schienen, so die Rote Fahne, auf der Seite der reichen Fabrikbesitzer zu stehen, »keine der zuständigen Stellen bemüht sich«, etwas gegen die »Übelstände« im Hinterhof der 22 zu unternehmen. Es geht um den Gestank, der aus den Pferdeställen der Fabrik »direkt in die Wohnungen des 3. Hofes dringt. Auch die Fliegenplage ist so lästig, dass die Bewohner nachts keinen Schlaf finden.« Drei Monate dauert es, bis der Fabrikbesitzer endlich der Aufforderung der Behörden nachkommt und die kleinen Fenster im Pferdestall zumauern lässt.
Zu dieser Zeit ist bereits Emil Bartels der Eigentümer des Grundstückes, doch schon wenige Monate später bringt die erste große Weltwirtschaftskrise die Dampfmaschinensägen in der Lausitzer Straße endgültig zum Stillstand. Auch die später auf dem Gelände sich einrichtende Chemiefabrik bleibt nicht für immer auf dem Hof. Zwar baut Albert Carl nach dem Krieg die zum Teil zerstörten Räume wieder auf und errichtet sogar neue Lagerräume, doch die Isolation von Westberlin macht auch den Chemikern das Leben schwer. Als der Senat von Berlin in den Siebzigerjahren damit beginnt, Altbauten abzureißen, um damit Raum für Immobilienhändler und Spekulanten zu schaffen, wird der Block 109 zum zweiten Mal zum Spekulationsobjekt. In den Siebzigern taucht als Besitzerin des Grundstücks eine Firma namens AWE auf, eine »Gesellschaft für die Errichtung von Mieträumen mbH & Co«.
Oh, die erklärenden Zeilen in Wikipedia sind doch gleich nach meinem Geschmack: „Das Richtfest (auch Bauheben, Weihefest, Hebefest, Hebfeier, Hebauf, Hebweih, Hebmahl, Firstbier, Aufschlagfest oder Hiebschmaus; in Österreich Gleichenfeier, Firstfeier/-fest oder Dachgleiche; in der Schweiz Aufrichte, niederdeutsch Fensterbeer) wird gefeiert, wenn der Rohbau eines Gebäudes fertiggestellt und der Dachstuhl errichtet bzw. das Dach erstellt ist. Ein Richtfest findet typischerweise auf der Baustelle und zur Arbeitszeit statt, damit alle daran teilnehmen können. Bei Häusern ohne Dachstuhl wird stattdessen bisweilen ein „Deckenfest“ gefeiert und bei Sanierungsarbeiten an historischen Türmen ist auch ein „Knopffest“ denkbar.“
Die Fülle der regionalen Begriffe zeigt, wie wichtig dieser Moment ist. So viel schon geschafft, ein Gefühl der Erleichterung bricht sich Bahn. Und auch der Dank an alle Beteiligten soll nach allem unausweichlichen Nerv zum Ausdruck kommen.
Das größte zu feiernde Dach in der Geschichte der Regenbogenfabrik war zweifellos das über dem Kino errichtete.
2006 begann alles – und vor allem alles gleichzeitig. Ein Fahrradschuppen musste her, der Stummel vom „kurzen L“ war nicht mehr zu halten und musste ersetzt werden und das Fabrikdach war unendlich oft repariert, doch der Regen fand immer weiter seinen Weg ins Innere. Da kam die Entscheidung des Bezirksamts gerade recht, den Dachneubau auch finanziell zu unterstützen. Dazu eine sog. Vergabe – ABM, mit der die Baugruppe für eine Weile finanziert werden konnte. Hier fürs erste ein kleiner Eindruck, Bauen ist eine große Fortsetzungsgeschichte.
2007 | Holzlieferung für den Dachstuhl
2007 | Dachbalken wird auf die Bausstelle gehievt
2007 Dachbalken wird an seinen Platz bugsiert
2007 | Sneak unter das provisorische Dach
2007 | Holzkonstruktion fürs Kinodach
2007 | Richtfest
2007 | Richtfest – der Statiker greift in die Saiten
30.10.1997 | Gründung des Vereins Städtepartner Stettin im Wohnhaus der Regenbogenfabrik
Zu diesen Zeiten war der Fotoapparat nicht gleich zur Hand, es gibt von dem – aus heutiger Sicht denkwürdigen Treffen – keine Fotos. Auch sonst enthält die digitale Bilderkiste eher wenige Fotos aus dem letzten Jahrtausend. Der erste Fund zeigt einen Infostand im Jahr 1998, die „Kreuzberger Tage in Stettin“ sollten da im Schlosshof stattfinden. Wolkenbrüche vertrieben uns ins Schlossinnere und wir blieben erst mal noch unter uns. Das gelbe Plakat aus dem Jahr 2000 kündet von einer Ausstellung in Stettin-Turzyn über Grüne Höfe in Kreuzberg. Das ist der Startpunkt für eine wunderbare Serie von Aktivitäten rund um das Thema Hofbegrünung und legt den Grundstein für die intensive Zusammenarbeit mit dem Siedlungsrat dieses Stadtteils. Doch los ging es damit erst später. Erst kamen die Radfahrerinnen in der Begegnung zum Zuge. Dafür gabs einen naheliegenden Grund: Der erste, der systematisch für die Städtepartnerschaft gearbeitet hat – und das noch vor Gründung des Vereins – war Aloys Ebner. Er hatte am Osteuropainstitut der FU studiert und war darüber hinaus ein leidenschaftlicher Radfahrer und Zweiradmechaniker.
1998 Kreuzberger Tage in Stettin
2000 Ausstellung in Turzyn über Grüne Höfe in Kreuzberg
2000 Der Fahrradclub Jantar zu Besuch in Berlin
Spannend war für uns, dass 2000 Polen das Gastland der Frankfurter Buchmesse war. So stattete eine Delegation des Vereins und der Regenbogenfabrik dieser interessanten Ausstellung einen Besuch ab.
17.10.2000 Buchmesse in Frankfurt – Gastland Polen
„Nachdem im April 2000 in einer Turzyner Kirche die Ausstellung „Kiezgrün- grüne Höfe Kreuzbergs“ gezeigt worden war, hat der Siedlungsrat Turzyn zusammen mit Professoren und Studentinnen und Studenten der Universität und einem Architektenbüro für mehrere Höfe im Kiez Planungen entwickelt und schliesslich in einem Wettbewerb (Preisträgerin: eine Studentin) einen Hof als ersten für die Begrünung ausgewählt.
Am 16. November 2002 konnte die Kreuzberger Delegation dann im Rahmen eines Arbeitsbesuchs 12 Bäume, rd. 550 Sträucher, sowie zwei Bänke an die Bewohner:innen übergeben. Über 50 Anwohner:innen beteiligten sich aktiv an der Pflanzaktion. Später wurde berichtet, dass mit dem so verschönerten Hof sorgfältig umgegangen wird und eine Gruppe von Bewohnern schon weitergehende Pläne (Beseitigung von Garagen und Stellplätzen und deren Begrünung) entwickelt und die Bewohner anderer Höfe nachfragen, ob ihre Höfe auch so umgestaltet werden können. So ist es dann auch mehrfach geschehen.“ Aus dem Jahresbericht des Vereins
Der Herr mit dem blauen Blazer, der so tatkräftig den Baum in die Erde brachte, Herr Minz, war damals der Vorsitzende des Vereins.
Yeah, dann tauchen aus der Bilderkiste die Erinnerungen an den Ball der Völker auf, der 2006 gemeinsam mit den anderen Partnerschaftsvereinen des Bezirks im Nachbarschaftshaus Urbanstraße gefeiert wurde. Vorher waren alle vom Bezirksamt zum Empfang ins Haus der Kreuzberger Kinderstiftung eingeladen worden.
Begegnung funktioniert nicht ohne Organisation und Absprachen und so besuchten sich die Aktiven abwechselnd in Berlin und Stettin, hier zu sehen ist ein Treffen im Laden des Siedlungsrats in Szczecin-Turzyn.
2006 Arbeitstreffen in Turzyn
Feiern gehört natürlich auch dazu, sei es jährlich bei den Weihnachtsfeiern in Berlin und Stettin, sei es 2007 bei einer Ausstellungseröffnung an einem spannenden Ort.
2006 Weihnachtsfeier im AWO-Café in Kreuzberg
25.01.2007 Ausstellungseröffnung G Czarnecki
Begegnungen
2007 entwickelte sich auch Kontakt und Austausch mit dem Kulturhaus in Szczecin-Skolwin.
30.03.2007 Kulturhaus Skolwin – Vorbereitungen auf ein Art Prozessionstheater
Am 31. Mai 2007 dann Jubiläumsfeier in großer Runde. Der Verein lud in die wundervolle Kellerbar des Teatr Kana. Wolfgang Hahn war damals der Vorsitzende des Vereins. Ewa Maria Slaska maître de plaisir. Zusammen mit Maryla Ciechomska hat sie den Ablauf des großen Events wunderbar gesteuert.
31. Mai 2007 Jubiläumsfeier im Teatr Kana
31. Mai 2007 Jubiläumsfeier im Teatr Kana
31. Mai 2007 Jubiläumsfeier im Teatr Kana
Gemeinsam mit dem Kreuzberg-Museum stemmten wir 2007 einen Infostand bei den Ostseetagen. Zu diesem Anlass konnte Stettin zum ersten Mal das Finale der Tall Ships Races austragen.
2007 Dni Morze – Tage es Meeres in Szczecin
2007 Tall Ships Races
Seminare zu bürgerschaftlichem Engagement im Nachbarschaftshaus Urbanstraße und der intensive Informationsaustausch in Sachen Grün in der Stadt waren weiterhin die wichtige Basis für die Zusammenarbeit. Die Fotos zeigen die Stettiner Besuchergruppe auf dem Gelände des Wriezener Bahnhofs.
2008 Tag zum Stadtgrün
2008 Tag zum Stadtgrün
20 Jahre Städtepartnerschaft
Hier ein Foto aus dem Hof des Nachbarschaftshauses Urbanstraße, es haben sich alle getroffen das 20. Jubiläum zu feiern. Da war ich endgültig nur noch Gast. Im Verein haben andere die Arbeit fortgesetzt und ich hatte das Vergnügen, verschiedene Kulturveranstaltungen zusammen mit Städtepartner Stettin zu organisieren. Brigitte Ungern-Sternberg hatte schon im Blog davon berichtet. https://regenbogenfabrik40.blog/2021/07/11/stadtepartner-stettin-in-der-regenbogenfabrik/
Städtepartner Stettin war für die Regenbogenfabrik immer ein wichtiges Standbein für den Kontakt nach Polen. Vielen Dank dafür!
So ein kurzer Abriss kann gar nicht allen engagierten Menschen gerecht werden, die sich über die vielen Jahre eingebracht haben, seien es die Vorsitzenden, da wären ja neben den Herren noch Christiane Reuter und Ewa Maria Slaska zu nennen. Andere, wie Hannelore Rath-Kohl, die sich mit großer Verve für die Begegnung von Senior:innen stark machte. Sport- und Jugendbegegnungen waren lange Zeit die Aufgabe von Achim Schlemme. Und ganz viel verdankt der Verein allen freundlichen Sprachmittler:innen und Übersetzer:innen ohne die wir nicht sehr viel hätten ausrichten können.