25 Jahre Städtepartner Stettin

30.10.1997 | Gründung des Vereins Städtepartner Stettin im Wohnhaus der Regenbogenfabrik

Zu diesen Zeiten war der Fotoapparat nicht gleich zur Hand, es gibt von dem – aus heutiger Sicht denkwürdigen Treffen – keine Fotos. Auch sonst enthält die digitale Bilderkiste eher wenige Fotos aus dem letzten Jahrtausend. Der erste Fund zeigt einen Infostand im Jahr 1998, die „Kreuzberger Tage in Stettin“ sollten da im Schlosshof stattfinden. Wolkenbrüche vertrieben uns ins Schlossinnere und wir blieben erst mal noch unter uns. Das gelbe Plakat aus dem Jahr 2000 kündet von einer Ausstellung in Stettin-Turzyn über Grüne Höfe in Kreuzberg. Das ist der Startpunkt für eine wunderbare Serie von Aktivitäten rund um das Thema Hofbegrünung und legt den Grundstein für die intensive Zusammenarbeit mit dem Siedlungsrat dieses Stadtteils. Doch los ging es damit erst später. Erst kamen die Radfahrerinnen in der Begegnung zum Zuge. Dafür gabs einen naheliegenden Grund: Der erste, der systematisch für die Städtepartnerschaft gearbeitet hat – und das noch vor Gründung des Vereins – war Aloys Ebner. Er hatte am Osteuropainstitut der FU studiert und war darüber hinaus ein leidenschaftlicher Radfahrer und Zweiradmechaniker.

Spannend war für uns, dass 2000 Polen das Gastland der Frankfurter Buchmesse war. So stattete eine Delegation des Vereins und der Regenbogenfabrik dieser interessanten Ausstellung einen Besuch ab.

17.10.2000 Buchmesse in Frankfurt – Gastland Polen

„Nachdem im April 2000 in einer Turzyner Kirche die Ausstellung „Kiezgrün- grüne Höfe Kreuzbergs“ gezeigt worden war, hat der Siedlungsrat Turzyn zusammen mit Professoren und Studentinnen und Studenten der Universität und einem Architektenbüro für mehrere Höfe im Kiez Planungen entwickelt und schliesslich in einem Wettbewerb (Preisträgerin: eine Studentin) einen Hof als ersten für die Begrünung ausgewählt.

Am 16. November 2002 konnte die Kreuzberger Delegation dann im Rahmen eines Arbeitsbesuchs 12 Bäume, rd. 550 Sträucher, sowie zwei Bänke an die Bewohner:innen übergeben. Über 50 Anwohner:innen beteiligten sich aktiv an der Pflanzaktion. Später wurde berichtet, dass mit dem so verschönerten Hof sorgfältig umgegangen wird und eine Gruppe von Bewohnern schon weitergehende Pläne (Beseitigung von Garagen und Stellplätzen und deren Begrünung) entwickelt und die Bewohner anderer Höfe nachfragen, ob ihre Höfe auch so umgestaltet werden können. So ist es dann auch mehrfach geschehen.“ Aus dem Jahresbericht des Vereins

Der Herr mit dem blauen Blazer, der so tatkräftig den Baum in die Erde brachte, Herr Minz, war damals der Vorsitzende des Vereins.

Yeah, dann tauchen aus der Bilderkiste die Erinnerungen an den Ball der Völker auf, der 2006 gemeinsam mit den anderen Partnerschaftsvereinen des Bezirks im Nachbarschaftshaus Urbanstraße gefeiert wurde. Vorher waren alle vom Bezirksamt zum Empfang ins Haus der Kreuzberger Kinderstiftung eingeladen worden.

Begegnung funktioniert nicht ohne Organisation und Absprachen und so besuchten sich die Aktiven abwechselnd in Berlin und Stettin, hier zu sehen ist ein Treffen im Laden des Siedlungsrats in Szczecin-Turzyn.

2006 Arbeitstreffen in Turzyn

Feiern gehört natürlich auch dazu, sei es jährlich bei den Weihnachtsfeiern in Berlin und Stettin, sei es 2007 bei einer Ausstellungseröffnung an einem spannenden Ort.

2007 entwickelte sich auch Kontakt und Austausch mit dem Kulturhaus in Szczecin-Skolwin.

30.03.2007 Kulturhaus Skolwin – Vorbereitungen auf ein Art Prozessionstheater

Am 31. Mai 2007 dann Jubiläumsfeier in großer Runde. Der Verein lud in die wundervolle Kellerbar des Teatr Kana. Wolfgang Hahn war damals der Vorsitzende des Vereins. Ewa Maria Slaska maître de plaisir. Zusammen mit Maryla Ciechomska hat sie den Ablauf des großen Events wunderbar gesteuert.

Gemeinsam mit dem Kreuzberg-Museum stemmten wir 2007 einen Infostand bei den Ostseetagen. Zu diesem Anlass konnte Stettin zum ersten Mal das Finale der Tall Ships Races austragen.

Seminare zu bürgerschaftlichem Engagement im Nachbarschaftshaus Urbanstraße und der intensive Informationsaustausch in Sachen Grün in der Stadt waren weiterhin die wichtige Basis für die Zusammenarbeit. Die Fotos zeigen die Stettiner Besuchergruppe auf dem Gelände des Wriezener Bahnhofs.

20 Jahre Städtepartnerschaft

Hier ein Foto aus dem Hof des Nachbarschaftshauses Urbanstraße, es haben sich alle getroffen das 20. Jubiläum zu feiern. Da war ich endgültig nur noch Gast. Im Verein haben andere die Arbeit fortgesetzt und ich hatte das Vergnügen, verschiedene Kulturveranstaltungen zusammen mit Städtepartner Stettin zu organisieren. Brigitte Ungern-Sternberg hatte schon im Blog davon berichtet. https://regenbogenfabrik40.blog/2021/07/11/stadtepartner-stettin-in-der-regenbogenfabrik/

Städtepartner Stettin war für die Regenbogenfabrik immer ein wichtiges Standbein für den Kontakt nach Polen. Vielen Dank dafür!

So ein kurzer Abriss kann gar nicht allen engagierten Menschen gerecht werden, die sich über die vielen Jahre eingebracht haben, seien es die Vorsitzenden, da wären ja neben den Herren noch Christiane Reuter und Ewa Maria Slaska zu nennen. Andere, wie Hannelore Rath-Kohl, die sich mit großer Verve für die Begegnung von Senior:innen stark machte. Sport- und Jugendbegegnungen waren lange Zeit die Aufgabe von Achim Schlemme. Und ganz viel verdankt der Verein allen freundlichen Sprachmittler:innen und Übersetzer:innen ohne die wir nicht sehr viel hätten ausrichten können.

Nun müssen die Jungen erzählen! Last but not least sei hier mitgeteilt, wie es in diesem Jahr ans Feiern geht: https://staedtepartner-stettin.org/happy-birthday-sto-lat/

Auf die nächsten 25 Jahre! Wszystkiego Najlepszego

chz

Wegbereiterinnen XX

Präsentation des Wandkalenders 2022
– zum 20. Jubiläum

Sa., 30.10.2021 | 19:30 | live aus dem RegenbogenKino

20 Jahre Kalender – 93 Autor:innen – 240 Wegbereiterinnen

Zur Feier des Jubiläums laden ein:
Gisela Notz (Herausgeberin)
Heike Notz, Cornelia Wenzel und Annette Vogt (Autorinnen)
Hannelore Zimmermann und Waldemar Schindowski (Verlag AG Spak)

Von den im Kalender vorgestellten Frauen werden präsentiert:
Granny Nanny | Siddy Wronsky | Lise Meitner

Musikalisch gratuliert Isabel Neuenfeldt mit Gesang und Akkordeon.

Der Wandkalender 2022 gibt wieder Auskunft über zwölf Wegbereiterinnen der emanzipatorischen Frauenbewegung aus zwei Jahrhunderten.

Manche Kämpfe sind bis heute nicht ausgefochten.

* Parallel ist die Präsentation auch im Livestream zu verfolgen.

2017 | Ausstellung der ersten 14 Kalender

2014-2021 Kalenderpräsentationen in der Regenbogenfabrik

2019 herausgekommen | Gisela Notz (Hg.): Wegbereiterinnen. Berühmte, und zu Unrecht vergessene Frauen. ISBN 9783945959275
das sind 192 Biografien von kämpferischen Frauen, ein großartiges Nachschlagewerk.

1982 | Vogel/Braun stellen Strafanzeige gegen Besetzer:innen

… und kündigen Baubeginn und damit Räumung in der Lausitzer Straße an

Eine Gesprächsrunde beim Baustadtrat Orlowsky verhindert diese Räumung und bringt Einigung über das Verfahren zwischen Eigentümern, Besetzern, IBA, Verein SO 36, S.H.I.K. und Senat für Bau- und Wohnungswesen (sog. Vermerk).

In der Dezemberausgabe berichtete der Südost Express: „Auf dem Gelände der Regenbogenfabrik wird seit dem 1. November fleißig gebaut. Nach einer Vereinbarung zwischen den Spekulanten Vogel&Braun, Senat, Bezirk, IBA, Besetzern und Verein SO36 legte Vogel mit der Modernisierung der Lausitzer 22a los. Die Besetzer sind quasi geduldet und die Genossenschaft SHIK als Vertragspartner anerkannt. Sogar das Café-Regenbogen ist gerettet, nach der Modernisierung müssen 5 Mark pro qm bezahlt werden. Der Seitenflügel Reichenberger 50 ist schon abgerissen und der Boden auf der alten Chemiefabrik wird gerade ausgetauscht. Im Frühjahr wird das Gelände bepflanzt. Zur Feier der Einigung drängte Stadtrat Orlowsky alle Beteiligten zu Sekt und Kuchen ins Café. Vogel spendete einen Hunderter. Die Besetzer wollten nicht so gern, dass wir davon berichten. Aber: feiern wir man ja noch dürfen. Weitere Vereinbarungen über die Generalmiete u.a. stehen eh auf dem Spiel. Seit Lummers Räumungen in der Maaßenstraße gilt wieder mal: Verhandlungsstop!“ (S. 3)

Was all das mit der sogenannten „Berliner Linie der Vernunft“ in Zusammenhang steht und was das im Einzelnen bedeutet hat, erzählen wir ein andernmal.

Keine Macht für Niemand: ein Kampfschrei der Jahrzehnte

Im Oktober 1972 ist das Legendäre Album von Ton Steine Scherben rausgekommen. Mit dem Titel „Keine Macht für Niemand“ und einem sehr schlichten, weißen Cover prägte es mehr als eine Generation der deutschen Rockmusik.

In Deutschland wurden bisher zwar engagierte Musiker:innen, wie Bob Dylan oder Joan Baez gehört, doch es gab noch nicht wirklich eine Tradition des deutschen politischen Rocksongs. Das Klima der 68er Bewegung weckte in vielen Musikern den Drang, sich in ihrer Musik mehr über politische Ereignisse zu äußern. Ein Vorläufer dieser Strömung ist die Musikgruppe Ton Steine Scherben, 1970 in West-Berlin gegründet.
Sie gelten als wichtige Pioniere des Häuserkampfs in Berlin-Kreuzberg, vor allem durch die Hausbesetzung des Georg-Von-Rauch-Hauses und das Lied, das sie darüber schrieben. Das gleichnamige Lied Keine Macht für Niemand illustriert gut das anti-imperialistische Streben dieser Jugendbewegung und das Herz der anarchistischen Ideologie.

Für die Regenbogenfabrik, die hingegen in der zweiten Hausbesetzerbewegung in den 80er ihren Ursprung fand, können trotzdem diese Lieder ein paralleles Zeitzeugnis darstellen, durch ähnliche Themen und gleiche Herausforderung. Das Erste, was Christine mir erzählte, was richtig eine Resonanz mit mir und meinen Erfahrungen hatte und dadurch ein kleines Fangirl Moment auslöste, war die Beziehung der Fabrik mit der Band, die mehrmals Konzerte hier gegeben hat. Als ich klein war, hat meine Mutter auf fast religiöse Weise Rio Reiser vorgespielt und in meiner engagierten Studentenzeit lernte ich schnell, dass er nicht nur König von Deutschland war, sondern dass die ganze Band während den 70er Jahren Könige von Kreuzberg, waren.

Ja, ganz genau, die Band ist immer noch ein Stammteil jeder linken Demo und es fühlt sich an, als ob sie nie die Seite der Kämpfer verlassen werden. Der Slogan selbst, der die Macht niemanden verleiht, kommt nach Ansagen von Rio Reiser selbst aus der Anarcho-Zeitung Germania. Fast 50 Jahre nach der Veröffentlichung bleiben diese Worte noch repräsentativ. In der anarchistischen, selbstorganisierten und alternativen Welt findet man sie auch hin und wieder in Fanzines oder Graffitis auf Häuserwänden, so wie der Text durch den Satz „Schreib die Parole an jede Wand“ auffordert.

Referenzen dazu findet man ständig in Moderner Musik: Das Album der Chemnitzer Band Kraftklub Keine Nacht für Niemand ist eine nicht so diskrete Anspielung an das grundbrechende Album der Scherben. In das Lied Hinter Palmen von der Hamburger Band Neonschwarz singt Sängerin Marie Curry „Rio sagt, uns trennt nur die Angst von dem besten Leben“, was das Lied Schritt für Schritt ins Paradies umschreibt. Im Lied Pizza der linken Politband Antilopen Gang benutzt Danger Dan den Satz „Schreibt die Parole an jede Wand“ als Anforderung, Pizza zu verehren, natürlich mit viel Humor und Referenzen zur Militanz.
Bestimmt gibt es auch immer mehr davon, die ich leider selbst noch nicht kenne. Der Punkt ist: Wenn deutscher linksgerichteter Aktivismus irgendwo auftritt, dann ist „Keine Macht für Niemand“ auch nicht weit weg…

Charlotte