1987 | Räume für Kinder

Kindertagesstätten in der Stadterneuerung durch Umnutzung und Neubau
– 26 Projekte in der Luisenstadt und im Strategiengebiet Kreuzberg SO 36

Ein Beitrag von Anette Schill über die Elterninitiativ-Kindertagesstätte Kinder- und Jugendbereich „Yapma“ Regenbogenfabrik Lausitzer Straße 22

Auszug: Offene Kinder- und Jugendarbeit

Als vor nunmehr fast sechs Jahren das Gelände der Regenbogenfabrik besetzt wurde, trafen die Instandbesetzer auf eine zahlenmäßig ziemlich beachtliche Gruppe, die schon weit früher und auf unspektakulärere Weise den nämlichen Akt vollzogen hatte. Es waren die Kinder und Jugendlichen aus der unmittelbaren Nachbarschaft, deren Findigkeit das brachliegende und so wunderbar verkommene Fabrikgrundstück mit seinen brüchigen „Schuppen“ und der interessanten Schrottsammlung natürlich keineswegs entgangen war und die sich dort den scheinbar tollsten – tatsächlich hochgradig vergifteten! – selbst verwalteten Abenteuerspielplatz erobert hatten.

Die neuen Besetzer wurden von ihnen zunächst misstrauisch beäugt, doch bald schon ließen sie sich überzeugen, dass der Zugewinn durch Spielaktionen und gelegentliche Kinderfeste die partiellen Einmischungsversuche in ihre gewachsene Selbstorganisation, ja sogar Schimpfkanonaden wegen Werkzeugklaus oder Gewalt-gegen-frisch-eingesetzte-Fensterscheiben-Orgien bei weitem wettmachte.

Als dann gar eine ortsansässige kleine türkische Fußballmannschaft, alle zwischen 10 und 14 Jahren junge auf dem Besetzerplenum auftauchte und erwartungsvoll den Antrag stellte, sich nach den bewunderten Okkupanten „F.C. Regenbogen“ taufen zu dürfen, reagierten die gerührten und selbstverständlich geschmeichelten – Instandbesetzer nicht nur mit Zustimmung zu diesem Ansinnen, sondern stellten ihren Fans auch einen selbstverwaltbaren Raum zur Verfügung, der noch nicht unmittelbar für andere Zwecke genutzt werden konnte.

1. FC Regenbogen

So fing das alles, was das Zusammenlegen der alten kleinen und der neuen großen Besetzer betraf – von alltäglichen Banden – oder Clan-Kämpfen sowie gelegentlichem Zank zwischen den Kindern und den Regenbogenfabriklern einmal abgesehen – recht idyllisch an.
Und das blieb im Wesentlichen so, während der Jahre der Illegalität und der vergeblichen Bemühungen um finanzielle Unterstützung dieser Kinder- und Jugendarbeit, wenngleich der zermürbende Abwehrkampf gegen Räumungsgelüste staatlicher und spekulantenseits, zunehmend zeitraubender Instandsetzungsarbeiten und der Zustrom weiterer Kids aus dem mit pädagogischen Einrichtungen und Spielplätzen dünnbesäten Umgebung eine wirklich kontinuierliche Arbeit nur auf ehrenamtlicher Basis zunehmend unmöglich machte.

Die Frage einer Professionalisierung der Kinder- und Jugendarbeit in der Regenbogenfabrik stellte sich im Interesse einer kontinuierlichen Betreuung sehr früh und entsprechend dem Charakter der schon vorgefundenen naturwüchsigen Struktur war von vornherein klar, welchen Kriterien eine solche Arbeit würde genügen müssen. In den Diskussionen der hauptsächlich Kinderinteressierten kristallisierten sich vier Grundbedingungen heraus, die zur Bewältigung der bereits existierenden „Belegung“ des Geländes mit genau diesen, ganz überwiegend ausländischen Kindern vonnöten wären:

  1. Kriterium Offene Kinderarbeit, die nichtselektiv die schon anwesende kleine bis mittelgroße „Klientel“ als ganz einbeziehen und Rücksicht nehmen musste auf die mit der Eigenverantwortlichkeit stark verfestigte Tendenz zur Unabhängigkeit sowie auf die kulturelle Ungewohntheit von außerschulischer pädagogischer Betreuung.
  2. Kriterium Kinderarbeit mit altersmäßig extremer Spannweite“, die die verwandtschaftliche/geschwisterliche Verantwortungshierarchie der ausländischen Kinder zunächst – mit noch nicht absehbarer Folgeentwicklung – miteinbauen wollte, da qua kultureller Verwurzelung und straßenadäquater Selbstorganisationslösung akzeptiert werden sollte.
  3. Kriterium „Multikulturelle Kinderarbeit“, die alle vorhandenen Nationalitäten einbeziehen sollte, die zunächst platzbeherrschenden kurdischen, türkischen und palästinensischen Kinder hatten sich unter dem Schutze erwachsener Aufsicht allmählich auf die „Minoritäten“ der Umgebung erweitert: Deutsche, DDR-Deutsche, Jugoslawen und zuletzt Griechen.
  4. Kriterium „Nachbarschaftlich orientierte Elternarbeit“, die gemäß den allgemeinen Zielvorstellungen der Regenbogen-Besetzten einen Schwerpunkt auch in der Kinderarbeit bilden sollte und die zudem aus den Erfahrungen mit der anfänglichen Reserviertheit den „Hippies“ gegenüber sowie mit den stark verwurzelten gegenseitigen Vorurteilen der jeweiligen Nationalitäten dringend geboten erschien.

Mit dieser vorläufigen Bestandsaufnahme über die Richtung, die eine sich schrittweise entwickelnde und sich professionalisierende Kinderarbeit einzuschlagen hätte, wurde schon bald nach der Inbesitznahme des Regenbogenfabrik-Geländes mit dem Abklappern potentieller Geldquellen begonnen.

Zuschauer:innen

Die Ergebnisse dieser Fühlungsnahmen waren niederschmetternd: positive Gutachten über die Gesamtkonzeption von Nachbarschaftsarbeit in der Regenbogenfabrik und die in diesem Rahmen geplante Kinder- und Jugendarbeit waren durchaus wohlfeil zu haben. Überzeugt von den Ideen und dem Engagement der Regenbogenbesetzer überboten sich Bezirk und Senat, Internationale Bauausstellung und Standortorganisationen, Sozialprojekte und Kirchen, Anwohner wie Kiez-VIPs in wohlwollenden Stellungnahmen und Unterstützungsversicherungen.

Konkrete finanzielle Hilfe für die projektierte Kinder- und Jugendarbeit aber kam
– gemessen an den ersichtlich gewordenen Notwendigkeiten – nur tröpfchenweise und speiste sich überwiegend aus dem privaten Engagement von Initiativen oder Individuen. So finanzierte die katholische Kirche St. Michael aus der Kreuzberger Waldemarstraße übergangsweise eine Honorarkraft für offene Spielplatzbetreuung: so engagierte sich die IBA für die vordringliche Entgiftung des täglich genutzten Spielgeländes; so trafen von vereinzelten Sachbearbeitern unterschiedlicher Ämter und Abteilungen Möbel, Spielgeräte und Gartenwerkzeugspenden ein; so unterstützte und finanzierte die Jugendförderung des Bezirks Kreuzberg als einzige der eigentlich zuständigen Stellen eine Großpflegestelle und half dadurch, wenigstens einen kleinen Trakt des Fabrikgebäudes mit tagtäglichem Kinderleben zu erfüllen.

Für die ursprünglichen Kinder-Besetzer aber änderte sich dadurch insgesamt nicht viel: einer halbjährig bezahlbaren Honorarkraft standen über vier Jahre von notgedrungen sporadischer Ehrenamtlichkeit gegenüber, in vergiftungsgefahrlosen und doch weitgehend wieder selbstüberlassenem Spiel setzten sich immer wieder die „harten Gesetze der Straße“ gegen die Schwächeren und Minoritäten durch. Ebenfalls aber kaum eine Veränderung brachte die einzige auf der Regenbogenfabrik geförderte Kindergruppe, die Großpflegestelle, der es trotz eifrigen Bemühens nicht gelang, dauerhaft jüngere Kinder aus dem vorhandenen multinationalen Potential an sich zu binden. Weil nämlich den ausländischen Eltern deren Versorgtheit durch die älteren Geschwister gewohnheitsgemäß gewährleistet schien, weil ohnehin keine Möglichkeit zur Mitaufnahme derselben qua Förderungs-Richtlinie gegeben war und weil den Eltern diese Organisationsformen allemal fremd war, musste sich das Engagement der Erzieher und der mithelfenden Eltern daher auf gelegentliche gemeinsame Spielaktionen beschränken, die zudem bei der Unübersichtlichkeit und Fluktuation innerhalb der Gruppe der infrage kommenden etwa gleichaltrigen kleinen „A…Klientel meist im Chaos und mit der Verweigerung der eigentlich Betreuten endete.

Hoffest

Ein dazu paralleler Versuch, das Problem des vorhandenen Kinder an wenigstens einem Zipfel zu packen, indem man mit einigen schon aufgeschlossenen Familien der Nachbarschaft eine Kita für ältere und altersgemischte Kinder anging, scheiterte an der offensichtlich falschen Ortswahl das auserkorene Parterre der Fabrik vorgelagerten Stockwerkes, die als multinationales Projekt ausgewiesen waren, sang- und klanglos geräumt.

Weitere xxx Förderungsmöglichkeiten scheiterten an den immer gleichen beiden Klippen: „Offene Kinderarbeit“ wurde und wird von den Jugendförderungen nicht weiter finanziert und die „Berliner Linie“ des Umgangs mit besetzerischen Elementen untersagt prinzipiell eine Mittelvergabe auf die unterstützungswürdigsten Aktivitäten im Rahmen nichtlegalisierter Inbesitznahme-Verhältnisse.

So entstand dann, im Vakuum der zunächst gescheiterten Pläne in Bezug auf eine offene Kinder- und Jugendarbeit in der Regenbogenfabrik, immerhin erst mal genügend Raum für eine kritische Würdigung und Revision des bisher Entwickelten. Die begrenzten Förderungserwartungen vor allem aber auch die zunehmenden Erfahrungen aus den Spielaktionen und die nähere Bekanntschaft mit den Kindern, den Eltern und ihren jeweiligen Lebensumständen und Problemen erlaubten, den Rahmen des Machbaren und Wünschenswerten immer präziser abzustecken.

So wurden allmählich auch die zu erwartenden Mängel einer bloßen Konzipierung von offener Kinderarbeit sichtbar. Ins Auge springend war von vornherein das Bedürfnis der meisten Kinder selbst nach intensiveren Kontakten mit den zeitweiligen Spielplatzbetreuern: diese stellten für fast alle ausländischen Kinder, aber auch für die deutschen „Straßenkinder“ aus überwiegend problembeladenen Unterschichtsfamilien die ersten Erwachsenen dar, die sich spielerisch intensiv mit ihnen befassten und die so natürlich permanent individuelle „Krall-Versuche“ auf sich zogen.
Die Unmöglichkeit, diesen allzu verständlichen Verhaltensweisen gleichzeitig entsprechen zu können, verschlechterte die Situation auf dem Gelände, indem sie Ursache wurde für heftige Konkurrenzkämpfe auch innerhalb der ehedem eher solidarischen Grüppchen wurde. Auch wurde mit fortschreitender Beobachtung dessen, was inmitten dieses Gewimmels von 2-14jährigen, nationalitäts-…-geschlechtermäßig mehr oder weniger gespaltenem Haufen wirklich en Detail ablief. Klar, dass eine eingehende Betreuung der damit verbundenen Probleme unerlässlich war, und dass nur ein etwas festerer Rahmen mit täglichem Umgangszwang die immer deutlicher sichtbaren Rassismen, Sexismen und die oft in Gewalt oder Bevormundung ausartende Verantwortlichkeit der Älteren gegenüber den Jüngeren würde aufweichen können.

Was darüber hinaus noch mit wachsendem Vertrauen zwischen den zeitweiligen Betreuern und den Betreuten an Erzähltem herauskam, häusliche Verhältnisse etwa, Sonderschulbesuche oder kriminelle Aktivitäten, manchmal alles zusammen, ließ allmählich auch die buntverlockensten Vorstellungen von allen Möglichkeiten eines schwerpunktmäßig offenen Kinderarbeits-Projekts auf der Regenbogenfabrik etwas verblassen – zugunsten der Einsicht, dass für alle vorhandenen Kinder und Jugendlichen eine solide Basis von drei bis vier festen Betreuungseinrichtungen mit Gruppenstruktur vonnöten sein würde.

Für eine solche Fundierung würde zudem auch die effiziente Finanzierbarkeit nach der Legalisierung der Regenbogenfabrik sprechen: auf der anderen Seite war klar, dass sich eine legale Aufsplitterung des vorhandenen Potentials auf die vorgesehenen Kindergruppen mit unterschiedlichen Altersstufen ebenfalls als Fehllösung entpuppen müsste. So war ja aus den Erfahrungen bei der Gründung der Großpflegestelle, die seinerzeit mit dem ausländischen und den deutschen Unterschichtseltern gemacht worden waren, schon die Aversion gegen die ihnen als H und Dr“ erscheinenden Eröffnungstermine, dem Unbehagen an einer Aufteilung ihrer Kinder in diverse Gruppen, ihre Skepsis gegen organisierte feste Betreuung mit etwaigen Verpflichtungen, die sie im Vorhinein eingehen sollten, sowie gegen außerschulische Erziehung an sich bekannt. Damit würde sich also gangbarer Weg zur Strukturierung sukzessiver Einrichtung solcher Gruppeneinrichtungen wer zudem zunächst Ausschlüsse notwendig, würden Konflikte zwischen schon „Gruppen“-Kindern und den restlichen vorprogrammiert, würden ganze Teilgruppen von sich aus absagen, wenn nicht alle Mitglieder dabei sein könnten …  Kurz: eine rigide Einteilung auf Einzeleinrichtungen könnte vielleicht Ergebnis dieses ausführlichen Diskussionsprozesses der Kinder-Interessierten auf der Regenbogenfabrik sein, dass weder eine rein einzelgruppenorientierte noch eine nur offene Kinderarbeit möglich sein würde.
Aus dieser Schlussfolgerung wurde die Grundkonzeption einer halboffenen / halbgeschlossenen Mischlösung geboren, die schrittweise institutionelle und finanziell abgesichert werden und mit einsetzender intensiverer Praxis allen noch möglichen Veränderungen und Verbesserungen zugänglich sein sollte.

Kinderspiel im alten Fabrikhof

Ein notwendiges Nebeneinander von verschiedenen Aktivitäten und Gruppen war plan- und durchführbar durch die außergewöhnlichen Möglichkeiten, die das Gelände mit seinem weitläufigen „Garten“ (zumindest in spe!) und den diversen, wenngleich noch teils unbenutzbaren Räumen hat.
Beim schrittweisen Ausbau in Selbsthilfe solle von vornherein eine kindergerechte Bebauung und Ausstattung auch der nicht zum eigentlichen Kinderbereich gehörenden Räumlichkeiten wie Tischlerei, Fahrradwerkstatt, Kultur- und Filmraum, Metallwerkstatt, Musikübungsräumen vorgesehen werden. Der Fabrikhof sollte schwerpunktmäßig als Spielgelände von den Kindern und Jugendlichen selbst mit Spielplatzgeräten und Hüttchen bestückt sowie begrünt werden, aber gleichzeitig als Nachbarschaftsbereich mit Sitzbänken, Grillstellen, Tischen, lauschigen Ecken, auf die die Eltern verweilen können und die für die übrigen Anwohner attraktiv werden und gelegentlichen Stadtteil-, Kinder- und sonstigen Festen, Open-Air-Konzerten, Freilufttheatern und vielleicht sogar gelegentlichen Freilicht-Kinovorstellungen Raum geben.
Da die Vielfalt der Möglichkeiten ohnehin jeden Wochenplan zu sprengen vermochte, sollten die diversen Angebote abwechselnd und nach den jeweiligen Bedürfnissen gestaltet sowie nach den ersten Arbeitserfahrungen erweitert bzw. modifiziert werden.

Daneben sollten zudem für die ständig anwesenden Jugendlichen – mittlerweile ebenfalls auf weit mehr als eine Fußballmannschaft angewachsen – zusätzliche Angebote gemacht werden. Darin sollten auch die sogenannten „Lückenkinder“ einbezogen werden; also diejenigen, die wegen ihrer Zwischen-Kinder- und Jugendlichen-Altersgruppe aus sämtlichen Förder-Richtlinien herauskippen. Ideen dazu gingen in die Richtung von Holz- und Metall-Werkkursen, Fahrradzusammenbau und –Reparatur. Filmvorführ-Lehrgänge und wöchentliche Jugend-Disco.

Mit diesem bunten Regenbogen-Programm im Hinterkopf gelang es den Kinder-Befassten endlich Mitte 1985, im Hinblick auf die bevorstehende Legalisierung Starthilfe-Gelder für den Ausbau zunächst einer Eltern-Initiativ-Kindertagesstätte für 20 Kinder zu erhalten.

Obwohl von Anfang an klar war, dass eine solche Förderung angesichts der geschilderten Ausgangssituation völlig unzureichend sein würde, das Problem des „Herausfallens“ eine bestimmten Gruppe aus dem Gesamtkontingent kaum lösbar sein würde, ein „Run“ der verschiedenen Nationalitäten und Clans zwecks Besetzern dieser Einrichtung mit „ihren“ Leuten einsetzen würde, die Geschwister – und Altersfrage unlösbar sein würde, von Elternmitarbeit geschweige denn von Elterninitiativen keine Rede sein konnte… – trotz aller dieser absehbaren Misslichkeiten also entschloss sich eine Gruppe von drei Leuten aus dem Kreise der Kinder-Interessierten dieses einzig mögliche Angebot eine regelmäßigen Finanzierung wahrzunehmen, um auf einer vorerst schmalen Basis die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen auf der Regenbogenfabrik von wenigstens einer Ecke her angehen zu können.

Anette Schill

Fotos: aus der Broschüre

1987 | Die Mietpreisbindung für Altbauten wird in Berlin abgeschafft

In der BRD wurde 1975 mit dem Miethöhegesetz (MHG) der Mietspiegel als Instrument zur Bestimmung der ortsüblichen Vergleichsmiete eingeführt.
Die wesentlichen Bestimmungen für Mieterhöhungen waren die zwölfmonatige Sperrfrist, die Kappungsgrenze von 30% innerhalb von drei Jahren und ein dynamischerer Begriff der ortsüblichen Vergleichsmiete. Im Gegensatz zu dem seit 1960 geltenden so genannten „Lücke-Gesetz“, das die Bildung der ortsüblichen Vergleichsmiete auch aus unveränderten Bestandsmieten erlaubte, ließ das Miethöhegesetz hierfür nur noch erhöhte Mieten und Vertragsneuabschlüsse zu. Mehrfache Bestrebungen in Westberlin in der Mietgesetzgebung die so genannte Rechtseinheit mit dem Bundesgebiet herbeizuführen, waren immer auf den erbitterten Widerstand der Mieter/innen gestoßen.

Zum Ende des Jahres 1987 wurde gegen das eindeutige Mietervotum die Mietpreisbindung* für Altbauwohnungen auf Betreiben des CDU/FDP-Senats in Westberlin abgeschafft. Auch die Mauerstadt sollte ein „Weißer Kreis“ werden. Eine halbe Million Unterschriften für die Beibehaltung der politischen Kontrolle der Mietentwicklung, die die Berliner MieterGemeinschaft, der Berliner Mieterverein und der Mieterschutzbund unter tatkräftiger Unterstützung von SPD, AL, SEW, Gewerkschaften etc. im Mai 1987 im Rahmen der Mieterabstimmung gesammelt und dem Berliner Abgeordnetenhaus übergeben hatten, wurden ignoriert. https://www.bmgev.de/mieterecho/311/10-historie-msp-ge.html

„Mit der Lichtkunstaktion „Berlin wird helle“ haben wir [das Büro für ungewöhnliche Maßnahmen] damals zum Frühjahrsbeginn 1987 mit dem Berliner Mieterverein gegen die Aufhebung der Mietpreisbindung in Westberlin protestiert. Wir projizierten auf Hunderte Häuserwände Protest-Dias der Mieter und Entwürfe eines großen Künstlerwettbewerbs. Das war im Rahmen einer Kampagne, die mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund und den Oppositionsparteien und allen Initiativen ein erfolgreiches Bürger-Mieter-Begehren startete. Das macht deutlich, dass die Aktionen von einer Massenbewegung unterstützt wurden, die es heute nicht gibt.“ https://taz.de/Aktionskunst-in-Berlin/!5362194/

weitere Hintergrundlektüre:

https://www.berliner-mieterverein.de/magazin/online/mm1121/50-jahre-wohnraumkuendigungsschutzgesetz-sternstunde-fuer-die-mieter-112119.htm

https://www.berliner-mieterverein.de/magazin/online/mm0308/das-ende-der-mietpreisbindung-eine-bilanz-20-jahre-danach-030814.htm

https://www.berliner-mieterverein.de/magazin/online/mm0121/bewegte-mieter-mieterverein-und-mieterinitiativen-die-zwei-arme-beim-kampf-um-mieterrechte-012126.htm

chz

1986 | Betreuung und Auswertung des Selbsthilfeprojektes Lausitzer Str. 22a/23 von Brutus U. Kueßner

Für einen ersten Eindruck hier zum Reinschmecken das Inhaltsverzeichnung des Berichts zum Werkvertrag.

Die ersten Jahre der baulichen Selbsthilfe waren – noch in der Besetzungszeit – vor allem Sicherungsmaßnahmen und notdürftige Winterfestmachung. Mit Beginn der offiziellen Selbsthilfe musste ein Maßnahmenkatalog abgearbeitet werden. Die Qualität musste endgültig stimmen und die Koordination der Aufgaben gewährleistet sein.
Da war es schon gut, noch jemand an der Seite zu haben, der aus dem eigenen Wohnprojekt schon Erfahrung mitbrachte. Und es geht ja nicht nur um technische Fragen und Kostenkalkulation. Der Gruppendynamo muss auch immer neu justiert werden. Mut und Übermut abgewogen, was können wir selber, wo muss eine Firma ran? Was tun, wenn die Baukasse schon wieder leer, die Arbeit aber noch nicht abgeschlossen ist?

Wir sind gut durchgekommen! Unserem Komplizen Ulrich Küßner sei dafür an dieser Stelle nochmal ein später Dank ausgedrückt. Der Bericht ist auch im Archiv des Museums zu finden.


Und hier sei auch nochmal an das Finale der Selbsthilfe erinnert, dass wir 1997 feiern konnten:
https://regenbogenfabrik40.blog/2021/11/30/1997-endgultige-bauabnahme-im-2-hinterhaus/

Was auf die Ohren – zum Mitlesen

Berlins erste Hausbesetzung
„Ihr kriegt uns hier nicht raus!“

28:31 Minuten

Von Ralf bei der Kellen, Mitarbeit: Kai Steffen · 22.12.2021

    Audio herunterladen

https://www.deutschlandfunkkultur.de/hausbesetzer-berlin-west-100.html

Frei von Repressionen und bürgerlichen Zwängen leben:
Vor 50 Jahren begann in Kreuzberg die erste Hausbesetzerbewegung West-Berlins. Den Soundtrack dazu lieferte die Band „Ton Steine Scherben“, vor allem mit ihrem
„Rauch-Haus-Song“.

Im Juni 1971 werden Zuschauer der Jugendsendung „Jour Fix“ in der ARD
Zeuge einer Hausbesetzung, die 14 Tage zuvor in der Baden-Württembergischen Kleinstadt Schwetzingen stattgefunden hatte.
„Diese Hausbesetzung, die wir damals live mitgefilmt haben, ist etwa 60
Minuten lang“, erinnert sich der frühere „Jour Fix“-Redakteur Werner
Schretzmeier.
„Erst nachdem das ausgestrahlt war, ist dann im Rundfunkrat ein Sturm losgegangen, dass man sozusagen eine komplett rechtswidrige Geschichte in der ARD ausstrahlt.“
Werner Schretzmeier und sein Team gaben damals Jugendlichen landauf,
landab Anleitungen, wie man sich ein Jugendzentrum erkämpft. Unerwartete
Schützenhilfe bekam die Redaktion vom damals frischgebackenen Minister
für Soziales, Gesundheit und Sport des Landes Rheinland-Pfalz.
Der habe das Fernsehteam ganz entspannt in seinem Büro erwartet, erinnert sich Schretzmeier und vor laufender Kamera aus dem Jugendwohlfahrtsgesetz zitiert er:
„Aufgrund des Jugendwohlfahrtsgesetzes sind die Jugendämter, das heißt,
die Landkreise und die Städte, gesetzlich verpflichtet, diese Einrichtungen der Jugendhilfe zu schaffen. Das ist kein Gnadenerweis, sondern eine gesetzliche Verpflichtung.“

Sprachrohr der Hausbesetzerbewegung

In derselben Sendung war neben Heiner Geißler auch eine Rockgruppe zu
sehen: In einer spärlich ausgeleuchteten Fabriketage in Berlin-Kreuzberg
standen vier Musiker von Anfang 20: Ton Steine Scherben.

Was wir wollen, können wir erreichen
Wenn wir wollen, stehen alle Räder still
Wir haben keine Angst zu kämpfen
denn die Freiheit ist unser Ziel.

In der Folge wurde die Gruppe um den Songschreiber und Sänger Ralph
Möbius, der sich später Rio Reiser nannte, zum Sprachrohr der
Hausbesetzerbewegung. Über diese Geschichte, über die prominenteste
Hausbesetzung Westberlins und der Bundesrepublik, ist viel geschrieben
worden, aber es gibt darüber keine allgemeingültige Geschichtsschreibung, wohl bis in alle Ewigkeit nicht.
Stattdessen: Geschichten. Dies ist eine davon.

Das Feature ist eine Wiederholung von 2011

Sechs Wochen nach der Besetzung in Schwetzingen fand auch in Westberlin eine
Besetzung eines Jugendzentrums statt. Allerdings war die Ausgangsposition eine völlig andere.

„Als ich nach Berlin gekommen bin, ’62, hatte ich den Eindruck, das ist
kurz nach 1945. Es gab noch einzelne Ruinen und vom Kottbusser Tor aus
gesehen, Dresdner Straße, Oranienplatz runter, gab es ein riesiges,
unbebautes Feld, und es war sehr ärmlich“, sagt Klaus Freudigmann, der
aus Ulm nach Westberlin gezogen war – wie viele andere auf Flucht der
Bundeswehr, die ihn trotz Totalverweigerung einziehen wollte.
„Als ich hier angekommen bin und Kreuzberg gesehen habe, dachte ich:
Also hier halte ich das nicht lange aus.“

Wer Geld hatte, verließ Kreuzberg

Noch heute wohnt der gelernte Elektromechaniker in einer Kreuzberger
Fabriketage, ganz in der Nähe des Stadtteilmuseums. Dessen Leiter Martin
Düspohl skizziert die Situation Kreuzbergs in den 1960er-Jahren:
„Wer zum Mittelstand gehörte, wer das nötige Kleingeld hatte, der hatte zu diesem Zeitpunkt eigentlich Kreuzberg bereits verlassen, in entsprechende Neubauten, in die besseren Viertel.
Nach dem Mauerbau war eigentlich klar: Dieses Viertel gerät ins Abseits, es ist nicht mehr Stadtmitte, es ist Stadtrand. Nichts gegen Stadtrand, aber in diesen maroden Altbauten, die nicht mehr gepflegt wurden, sahen viele keine Zukunft mehr.“
Viele Kreuzberger zogen in die Gropiusstadt, eine moderne Satellitensiedlung, die später die triste Betonkulisse zum Film „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ abgab.

Für jede freie Wohnung 30 bis 50 Bewerber

In Westberlin gab es damals eine gesetzliche Mietpreisbindung, den sogenannten
„Schwarzen Kreis“. Altbauwohnraum musste billig sein, was es wiederum vielen Hausbesitzern schwer machte, in ihre Immobilien zu investieren. Die Häuser verfielen. Wer blieb, waren die Alten und die Großfamilien, die zu immobil oder zu arm waren, um das Viertel zu verlassen. Wer kam, waren die sogenannten „Gastarbeiter“, die als Zwischenmieter gerne gesehen wurden. Und die Studenten, die in den Universitätsvierteln wie Charlottenburg keine Wohnungen mehr fanden.

„Da haben die Leute sich auf die Lauer gelegt: Wenn die Zeitung rauskam, hat einer die Zeitung geholt, ein anderer hatte schon eine Telefonzelle besetzt, und dann ging’s im Laufschritt zur Telefonzelle und dann wurden die Sachen durchgecheckt“, erzählt Gerhard Gottsleben alias „Ringo“, der 1966 als Student nach Berlin kam.
„Da gab es für jede Wohnung, die angeboten worden ist, 30 bis 50 Bewerber.“
Schwarz-weiß-Aufnahme von einer Straße in Berlin-Kreuzberg Anfang der 1980er-
Jahre. Auf der linken Seite werden Altbauten restauriert, auf der rechten stehen Abrisshäuser. Im Vordergrund parkt ein VW Käfer. Bis in die 1980er-Jahre hinein war Berlin-Kreuzberg ein vernachlässigter Stadtteil, aus dem wegzog, wer es sich leisten konnte.
© picture alliance / Chris Hoffmann

1969 zog er nach Kreuzberg zu Klaus Freudigmann in die Admiralstraße. Im selben
Jahr zogen auch die drei Brüder Peter, Gert und Ralph Möbius von Charlottenburg und Schöneberg in die Kreuzberger Oranienstraße. Genau wie Klaus Freudigmann und Ringo mieteten sie eine der vielen Fabriketagen, die durch die Abwanderung der Industrie leer standen. Die Brüder machten hier ein Improvisations- und Mitmachtheater, das sich vor allem an junge Lehrlinge wandte. Berlin war in diesen Jahren nicht nur Frontstadt des Kalten Krieges, sondern auch Labor für neue
Lebensentwürfe. Und diese gediehen in Kreuzberg, im Schatten der Mauer, am besten.

Nach Jahrzehnten des Schweigens war ein ungeheures Bedürfnis da,
miteinander zu reden.

Wolfgang Seidel, Ur-Kreuzberger

„Es gab zu dieser Zeit ein ungeheures Bedürfnis, miteinander zu reden“,
erinnert sich Wolfgang Seidel, Ur-Kreuzberger und erster Schlagzeuger
von Ton Steine Scherben.
„Jeder redete mit jedem. Manche Sachen wirken von heute aus befremdlich,
also, wenn man hört, dass es fast keine Theateraufführung gab, wo nicht
irgendwann einer im Publikum aufstand und sagte: ‚Da müssen wir jetzt drüber diskutieren’. Aber das gibt ganz gut die Stimmung in dieser Zeit wieder. Nach Jahrzehnten des Schweigens war ein ungeheures Bedürfnis da, miteinander zu reden.“
Das Problem: Fast alle Angebote für Jugendliche in Kreuzberg waren damals
kommerzieller Natur.
„Man wollte nicht in der Disko hängen, zugedröhnt werden und dafür auch noch
bbezahlen“, sagt Wolfgang Seidel. Schüler und Lehrlinge wollten freier leben.
Zwar gab es in Kreuzberg ein Jugendfreizeitheim, aber das machte in der Woche um 19 Uhr zu, hatte am Wochenende überhaupt nicht auf und unterstand zudem einer rigiden Leitung, wie die Jugendlichen fanden.
 
In Kreuzberg probte zu Beginn des Jahres 1970 auch die Theatergruppe
„Rote Steine“. Die Kreuzberger Lehrlinge hatten sich vom Mitmach-Theater der
Möbius-Brüder abgespalten. Sie spielten Szenen aus ihrem Alltag – über Ausbeutung am Arbeitsplatz und beengte Wohnverhältnisse.
Zwischen ihren Improvisationen spielte eine Musikgruppe, die damals noch keinen
Namen hatte. Die Botschaft: Wir wollen anders leben.

Kurz darauf gründete sich in Kreuzberg eine Schülerarbeitsgruppe, in der politisch bewegte Studenten Schüler bei ihren Hausaufgaben halfen. Sie bezogen ein altes Fabrikgebäude in der Mariannenstraße.
„Erst war eine Etage direkt angemietet, und der Hausbesitzer war der Meinung, das ist so ein linker Treff, also links-beeinflusst. Als wir mehr Räume anmieten wollten – die standen leer – , hat der sich geweigert, die zu vermieten. Erst dann gab es die Besetzung.“
Ein Konzert in der Mensa gibt den Anstoß. Die „Roten Steine“ und andere Gruppen verbreiteten den Plan im Kiez. Am 3. Juni gaben Ton Stein Scherben ein Konzert in der Mensa der Technischen Universität. Die damalige Kinderkrankenschwester und heutige Mediengestalterin Irina Hoppe erinnert sich:

„Da gab es einen Aufruf am Ende des Konzertes oder so: Die Jugendlichen, die da sind, haben überhaupt kein Jugendzentrum, nichts, überhaupt keinen Treffpunkt, und dass man Räume bräuchte und da steht ein leeres Haus – und dann sind alle dahin gefahren.“

Für die gebürtige Berlinerin war es das erste Mal, dass sie nach Kreuzberg fuhr. Heute wohnt sie dort.
„Da war kein Licht, kein Strom, nichts, aber das ist ja total romantisch, war schön. Und dann kam die Polizei. Das war das erste Mal für die Polizei, dass es so eine Besetzung gab, glaube ich. Die wussten überhaupt nicht, was sie machen sollten! Sie haben dann erst mal alle mitgenommen, weil ja gar kein Licht da war. Da rauchten sie alle weiter in den Zellen, das waren so zehn Leute in einer Zelle. Und die Polizei –
das war nicht ihre Hausmarke, da jetzt Jugendliche aus irgendwelchen Häusern, die man nicht mehr brauchte, rauszuholen. Das fanden sie, glaube ich, absurd.“

„Und dann war es ein Jugendzentrum“

Wie die Polizei auf die Besetzer aufmerksam wurde, ist – wie vieles aus dieser Zeit – nicht eindeutig überliefert. Die einen vermuten, dass einer der politisch motivierten Besetzer die Polizei anrief, um die Besetzung quasi aktenkundig zu machen. Andere glauben, dass ein CDU-Abgeordneter auf seinem Heimweg Licht in dem Gebäude gesehen hatte.
Wie dem auch gewesen sein mag: die Besetzung hatte Erfolg.
„Und dann war aber jeder morgens wieder raus, weil… die haben dann einfach nur die Personalien kontrolliert. Und dann wusste man ja nicht, wohin jetzt und dann ist man da wieder hingegangen. Und dann war’s das Jugendzentrum.“

Wie unbedarft die Polizei dem Phänomen Hausbesetzung damals noch
gegenüberstand, zeigt sich auch an dem Nachspiel, von dem Klaus Freudigmann berichtet:
„Es stellte sich heraus, dass die Hausbesitzer oder der Hausbesitzer gar keine Anzeige gestellt hatten, und – die Räumung war widerrechtlich. Und einige Zeit später, ich kann das nicht mehr genau datieren, kam jemand von der Polizeiführung und musste sich entschuldigen.“ – Notfall-Hämmerchen von der Polizei
Man begann, das stark beschädigte Haus zu renovieren. Die Polizei steuerte als „Wiedergutmachung“ ein paar Kartons eingetrockneter Farben und Notfall-Hämmerchen aus Bussen als „Werkzeugspende“ bei.
Nun hatte man einen Ort zum Treffen, zum Diskutieren, zum Arbeiten. Aber, so
„Ringo“ Gerd Gottsleben:

 „Es hat sich gezeigt, dass das größere Problem der meisten Jugendlichen, die ins Jugendzentrum kamen, weniger die Freizeitgestaltung war, sondern dass ganz viele halt was zum Wohnen haben wollten. Wo sie auch repressionsfrei wohnen konnten.“

Da stand dieser Riesenkomplex und man wusste, es ist voll geheizt. Das hat natürlich Begehrlichkeiten geweckt.
Klaus Freudigmann
Immer mehr Jugendliche blieben auch über Nacht im Jugendzentrum, was dazu führte, dass die „normale“ Arbeit bald stark eingeschränkt war. Von der Mariannenstraße, in der das Jugendzentrum lag, sahen die Jugendzentrumsbesucher direkt auf das 1847 erbaute Bethanien-Krankenhaus, das seit 1970 leer stand, nahe an der Mauer, sozusagen: am Ende der Welt.

„Die Räume waren leer und das Haus wurde beheizt. Wir waren unter den geschilderten schlechten Bedingungen im Jugendzentrum, wo es  kalt war.
Wir haben zwar auch viel renoviert, aber gerade im Winter war es da nicht angenehm. Und da stand dieser Riesenkomplex und man wusste, es ist voll geheizt … das hat natürlich Begehrlichkeiten geweckt“, sagt Klaus Freudigmann.

Gert Möbius ergänzt: „Und dann haben wir auch den Heizer da getroffen, der das Ganze beheizen musste und der hat gesagt, er macht die Heizung dann an, wenn wir kommen. Das war ein alter KPD-Mann.“
Gert Möbius, der Mittlere der drei Möbius-Brüder. Er hatte sich zu diesem Zeitpunkt wieder den Aktivitäten der Roten Steine und der Band seines kleinen Bruders zugewandt. Letztere waren wieder mal im Fokus, als die Redaktion von „Jour Fix“ nun auch in Berlin auftauchte, um dort die Arbeit im Jugendzentrum zu filmen.
Der Ruf von „Ton Steine Scherben“ als Band, die den Soundtrack zu Hausbesetzungen machte, festigte sich.
Die Band Ton Steine Scherben steht bei einem Konzert auf der Bühne (Foto
aus den 1980er-Jahren) ieferten den Soundtrack der Hausbesetzungen: Ton Steine Scherben, hier bei einem Konzert Anfang der 1980er.
© picture-alliance / jazzarchiv

Die Gruppe, die zuvor schon die Besetzung des Jugendzentrums geplant hatte, machte sich nun an die nächste Besetzung. Das ganze Bethanien-Krankenhaus war zu groß, aber das Martha-Maria-Haus, ein ehemaliges Schwesternwohnheim, schien ideal: kleine Zimmer zum Wohnen, große Räume für Versammlungen, Essen und andere gemeinsame Aktivitäten.
Als Stichtag für die Besetzung wurde kurzfristig der 8. Dezember 1971 gewählt – aus zwei sehr pragmatischen Gründen, wie Ringo erläutert:
„Das eine war, dass wir von Leuten vom Bezirksamt gehört haben, dass Erwin Beck von der linken SPD, der Jugendstadtrat in Kreuzberg war, in der nächsten Woche in Urlaub gehen würde. Und man hat erwartet, dass mit Erwin Beck unsere Möglichkeiten, das Haus zu halten, höher sind. Und dass, wenn der nicht da ist, wir das besser gar nicht besetzen.
Das andere war, dass am 8. Dezember das Konzert von Ton Steine Scherben im
Audimax der TU stattfinden sollte.“

Ein Stadtguerillero wird erschossen

Mitten in die Vorbereitungen platzten die Ereignisse des 4. Dezember. An diesem Tag wurde in Berlin-Schöneberg der Stadtguerillero Georg von Rauch erschossen, ein Student aus dem Umfeld des sogenannten „Blues“, dem anarchistischen Westberliner Untergrund.
Die politische Stimmung war aufgeheizt. Dreieinhalb Jahre waren seit dem Mordversuch an Rudi Dutschke vergangen. Der große Traum der Studentenbewegung von der Weltrevolution hatte sich aufgelöst in viele linke Träume, Utopien, Strategien: kommunistische, leninistische, maoistische, anarchistische, reformistische, autonome.
An der Spitzerevolutionärer Entschlossenheit: die im Mai 1970 gebildete „Rote Armee Fraktion“ und die Stadtguerilleros, aus denen an der Jahreswende 1971/72
die militante Bewegung 2. Juni hervorging.
Nach dem Tod Georg von Rauchs gab es für die Besetzer keine Zeit mehr, ein Plenum einzuberufen, die Anwesenden entschieden sich im Jugendzentrum spontan dafür, das Haus nach Georg von Rauch zu benennen. An einer nächtlichen Straße in Berlin im Dezember 1971 stehen Polizisten neben geparkten Autos.
Im Bezirk Schöneberg kam es am 4.12.1971 zu einem Schusswechsel, bei dem
Georg von Rauch getötet und ein Kriminalbeamter schwer verletzt wurde.
©picture alliance / Chris Hoffmann

Am Abend des 8. Dezember 1971 wurde nach dem Ton-
Steine-Scherben-Konzert der Aufruf zur Besetzung verlesen. Ein Teil der
Kreuzberger Jugendlichen war bereits am Bethanien, um die Besetzung vorzubereiten. Als die Unterstützer vom Konzert kamen, ging ein Teil der Gruppe in das Haus und verbarrikadierte sich, in der Nacht tauchte dann wie erhofft Jugendstadtrat Erwin Beck auf.
„Erwin Beck war zu der Zeit nicht mehr der Jüngste, ich fand es immer sehr mutig, dass er darauf eingegangen ist, auch für ihn eine unbestimmte Situation: Wer ist da drin? Was sind das für Leute? Sind die aggressiv? Wir haben ihn zum Fenster reingehievt, und dann ist im brechend vollen späteren Kinoraum mit Erwin Beck verhandelt worden. Er ist aus seiner Sicht in die Höhle des Löwen gegangen.“

Beck habe sich persönlich in einem großen Konflikt befunden, sagt Museumsleiter Martin Düspohl: „Sie müssen überlegen, Beck stammt aus dem Jugendwiderstand gegen die Nazis – der hat ganz andere Sachen erlebt als jetzt die Rauch-Haus-Besetzung.“

Lehrlinge wurden zu Sozialarbeitern

Die Verhandlungen dieser Nacht und auch die darauffolgenden verliefen erfolgreich. Erwin Beck verwendete sich für das Experiment, das er in einem Fernsehinterview 1972 folgendermaßen beschrieb:
„Für uns war eines eine neue Sache – und das hat auch unsere Senatsverwaltung als sehr günstig angesehen und von einer Arbeit neuer Qualität gesprochen – nämlich, dass hier Lehrlinge und junge Sozialarbeiter sich um diese am Rande der Gesellschaft lebende Schicht von Trebegängern kümmern wollen.“
Trebegänger waren ausgerissene Heimzöglinge oder aus dem Elternhaus abgehauene Kinder und Jugendliche. Unter ihnen verbreitete sich die Nachricht von der Besetzung wie ein Lauffeuer. So kam es, dass die Lehrlinge im Rauch-Haus plötzlich auch Sozialarbeit leisteten.
Da sie vom Senat, der anfangs noch Gelder zur Verfügung stellte, finanziell unabhängig sein wollten, gingen sie arbeiten und hielten die Trebegänger zum Schulbesuch an. Alle mussten in eine Gemeinschaftskasse einzahlen. Wer sich nicht um Arbeit kümmerte oder nicht zur Schule ging, für den konnte es auf dem nächsten Plenum unangenehm werden.
Eine Hymne fürs Rauch-Haus.

Auch Ton Steine Scherben blieben nicht untätig. Rio Reiser schrieb den
Rauch-Haus-Song. 1993 sprach er dem Ghostwriter seiner Autobiografie
Folgendes ins Mikrofon:

„Rauch-Haus-Song war auch ein Auftragssong eigentlich, aber nicht, würde man nicht sagen, da müsste man eigentlich fragen: Wer hat denn da den Auftrag gegeben vom Rauch Haus? Sondern, das stand so da und hatte irgendwas damit zu tun, dass es ein großes Rauch-Haus-Teach-In geben sollte, mit der Bedrohung, dass also wieder da geräumt werden sollte… also, da war der für das Teach-In geschrieben. Also, wir wollten auch, wurde so angedacht, man müsste auch mal so´ ne Hymne machen fürs
Rauch-Haus. Also und auch das dadurch stärken…“
Hier endet die Aufnahme.
Mit der Hymne sorgte Rio Reiser dafür, dass das Rauch-Haus bundesweit zu einem festen Begriff unter Jugendlichen wurde.

Doch die Leute im Rauch-Haus
die riefen: ’Ihr kriegt uns hier nicht raus
Das ist unser Haus!
Schmeißt doch erst mal Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus!’

 „Schmidt und Press und Mosch – das sind stadtbekannte Spekulanten
gewesen in der damaligen Zeit“, erklärt Martin Düspohl.
„Aber das waren nicht unbedingt Leute, die jetzt Geld hatten oder reich waren. Die tatennur so. Die hatten ein paar Ideen, und die wussten vor allen Dingen, wie man mit den für West-Berlin geschaffenen Subventionsmöglichkeiten im öffentlichen Wohnungsbau umgehen konnte.“
Eine Hochhausanlage, davor die Gleise und der Bahnhof einer Hochbahn.
Das Neue Kreuzberger Zentrum, hier in einer Aufnahme aus den 1990er-Jahren.
© imago images/Christian Ditsch
Die Folgen sehe man heute noch, sagt Wolfgang Seidel. „Jeder, der am Kottbusser Tor aus der U-Bahn aussteigt, sieht ja dieses damals ‚Neues Kreuzberger Zentrum‘ getaufte Betonmonstrum. Da war der Herr Schmidt, dem wurde dann später von bezahlten Revolvermännern in der Tiefgarage aufgelauert. Aber das war nicht die RAF, sondern das waren seine Geschäftsfreunde, mit denen er sich bei der Verteilung der Beute irgendwie überworfen hatte, vermutet Seidel.

„Protestlieder, stinkende Küche und eine Katze“

Unter dem Generalverdacht, Verbindungen zur RAF zu haben, stehen zu dieser Zeit alle irgendwie als „linksorientiert“ eingestuften Projekte.
Im April 1972 findet im Rauch-Haus eine Razzia statt, an der laut Selbstauskunft 600 Polizisten teilnehmen. Das Ergebnis war spärlich, reichte aber für die Verhaftung des Trebegängers John Banse, der 14 Tage später wieder freigelassen wurde. Und es reichte auch für eine Schlagzeile in der Bild-Zeitung:

„Großrazzia. Kripo entdeckte Bombenwerkstatt. Gruppenschlafzimmer, Protestlieder, stinkende Küche und eine Katze.“
Das wurde wiederum von Ton Steine Scherben aufgenommen:

Und vier Monate später stand in Springers heißem Blatt, das Georg-von-Rauch-Haus hat eine Bombenwerkstatt. Und die deutlichen Beweise sind zehn leere Flaschen Wein und zehn leere Flaschen können schnell zehn Mollis sein.
„Also Bomben oder so was wurden darin nicht gebaut, das war nicht, das wollte auch keiner. Also das wär’ nicht gegangen“, sagte Rio Reiser später.

„Ich glaube, die RAF hätte da keine großen Stiche gemacht, dazu hätten sie zu hochgestochen gesprochen, aber Bommi [Baumann] zum Beispiel, der hatte eine Berliner Schnauze und der hat nicht lang was von Lenin und Marx erzählt. Und wenn, dann hat er dabei höchstens noch irgendwie gegrinst, ja? Und hat eben auch einen Joint geraucht. Gut, und sie wussten, dass da gekifft wird.“
Wie radikal wollte man sein? Ausgerechnet die Aufnahme des Liedes, dass das Rauch-Haus zum „rolemodel“ aller Besetzungsvorhaben werden ließ, führte zu einem ersten Bruch zwischen Ton Steine Scherben und den Bewohnern des ehemaligen Schwesternheims.
Der Grund: Auf Anregung von Ringo forderten die Besetzer eine Veränderung im Text. Klaus Freudigmann erinnert sich:
„Die Formulierung war, dass der Mensch Meier den Bullen ‚auf die Fingerlein‘ haut. Und du hattest vertreten: die Köppe einhaut“, entsinne ich mich, weil, damit musste ich mich ja ständig auseinandersetzen. Und bis heute steht im Text „Fingerlein“. Also, das war Ralph zu drastisch, dass Mensch Meier, wenn das Rauch-Haus geräumt wird, den Bullen die Köppe einhaut.“

Womit Ralph Möbius alias Rio Reiser auch 1993 noch hörbar unzufrieden war – weshalb er bei Auftritten der Gruppe, wo das Lied immer wieder gewünscht wurde – stets seine Version sang.
Zwei Menchen schauen auf grosse historische schwarzweiss Plakate von Haubesetzern am „Rauch-Haus“ in Berlin Kreuzberg.
Heute auch eine Erinnerungsstätte an die alten revolutionären Zeiten:
das Rauch-Haus in Berlin.
© AFP / David Gannon

Schmidt und Press und Mosch sind heute längst vergessen – der
Rauch-Haus-Song ist dagegen fast zu einer Art modernem Volkslied geworden, ein Protest-Klassiker, der zu vielen Gelegenheiten gesungen oder gespielt wird. Man könnte auch sagen:
Das Lied ist zu einem Stimmungsmacher für ein diffus empfundenes Protest-Gefühl geworden, es ist entkontextualisiert worden.

Wieder geht es gegen die Macht der Banken

Die Hausbesetzer der ersten Stunde, Klaus Freudigmann und Gerhard
„Ringo“ Gottsleben, verließen beide Mitte der 70er-Jahre das Rauch-Haus
– beide hatten eine Frau kennengelernt, mit der sie zusammenziehen wollten.
Ringo hatte während seiner Zeit im Rauch-Haus eine Lehre als
Werkzeugmacher absolviert.
Gegen Ende der 70er-Jahre ging er nach Nicaragua. Das Land war nach dem Sturz des Diktators Somoza und der sandinistischen Revolution zu einem Hoffnungsträger für die linke Bewegung geworden. 30 Jahre später lebt Ringo heute wieder in Kreuzberg.
Klaus Freudigmann demonstriert seit sieben Jahren jeden Montag gegen die
Auswirkungen der Agenda 2010.
Beide sehen in Stadtteilen wie Kreuzberg die Gefahr der Verdrängung der
einkommensschwachen Bewohner durch Gentrifizierung. Und beide sehen in
den heutigen Protesten gegen Hartz IV und die Macht der Banken eine
notwendige Fortsetzung dessen, was sie 1971 begonnen haben. Auf jeden
Fall empfinden sie ihre Zeit im Rauch-Haus nicht als verlorene Zeit, auch wenn sie die Ziele, die sie damals im Kopf hatten, nicht erreicht haben:

„Gesellschaftlich können wir sagen, ja, also, das war nicht ganz umsonst, aber das, was wir letztlich erreichen wollten, haben wir bei Weitem nicht erreicht“, sagt Ringo.
Im Gegenteil, die Widersprüche, die Lebensfeindlichkeit dieser Gesellschaft, die haben sich noch sehr verschärft!“

Es war die wichtigste Zeit in meinem Leben.
Klaus Freudigmann, Ex-Hausbesetzer


Klaus Freudigmann meint, dass das Rauch-Haus vielen, die dort gelebt haben, eine neue Perspektive eröffnet habe. „Und ich sage von mir selbst: Es war mit die wichtigste Zeit in meinem Leben. Nämlich zu begreifen, man kann sein Leben selbst organisieren, man kann das auch demokratisch untereinander organisieren, trotz aller Widersprüche, da gab’s natürlich auch oft Schwierigkeiten, es gab harte Auseinandersetzungen, aber dass die lösbar sind. Und das ist so eine kleine Spur von: es ist eine andere Gesellschaft möglich.“

Beitragsfoto: Michael Kipp – das ist aber 1980

Danke an