Damals und Heute

Blick auf Rezeption und Kinderbereiche – April 2021

Hier geht der Blick aus dem Hof hinüber zur Durchfahrt im Vorderhaus. Der Zeitsprung ist groß – 38 Jahre sind vergangen. Was ist gleichgeblieben? Es stehen Fahrräder vor dem Haus. Bunter ist es bestimmt geworden, viel zu Reparieren gab es damals und heute wieder. Verräterisch ist der Streifen mit dem Kleinpflaster im neuen Bild, darunter liegt die Gasleitung für den Herd in der Kantine.

Das Vorderhaus wurde saniert und hat seine Treppenhausfenster mit der schönen Aufteilung verloren. Schön war das schon in den 80er Jahren nicht, allet Plastik halt.

Das Telefon in der Bülow 52

Praxis Bülowbogen ist der Titel einer Vorabendserie des Ersten Deutschen Fernsehens, die von 1987 bis 1996 von der ARD produziert und gesendet wurde.

Im Mittelpunkt der Serie steht die Praxis des Arztes Dr. Peter Brockmann (dargestellt von Günter Pfitzmann). Die Praxis befindet sich in der Zietenstraße 22, nahe dem Bülowbogen, einer Kurve der Bülowstraße bzw. der dort als Hochbahn fahrenden U-Bahn-Linie U2 im Berliner Ortsteil Schöneberg. Neben den vielen Alltagsproblemen seiner Patienten hat sich Brockmann selbst mit seiner schwierigen Familie auseinanderzusetzen und nebenher seine Beziehungsprobleme, insbesondere zu seiner Arzthelferin Gabi Köhler (Anita Kupsch), zu meistern. So weit, so schön, wer hat sich erinnert?

Im Gegensatz zur Fernsehserie kommt die folgende Geschichte wirklich aus der Bülowstraße:

Es passierte im ersten Jahr der Bülow 52, Aufgang 5

Es gab nur ein Telefon im Aufgang 5, ein Spätnachmittag ; es klingelt, ich gehe an s Telefon und melde mich mit B-52, Mile, mein Spitzname aus Schulzeiten.

Dann:  Am anderen Ende zunächst …:erstauntes Schweigen. „Bitte geben Sie mir die Redaktion Fernsehen!“

Ich: sie haben sich wohl verwählt, hier ist die Bülowstr. 52

Er: Junger Mann, machen Sie keine Scherze ich habe keine Zeit…! Geben Sie mir die Fernsehredaktion

Ich: aber Sie sind im besetzten Haus gelandet…

Er: Wie meinen Sie das? Besetztes Haus ? Ich spreche doch mit dem NDR Hamburg

Ich: Nein, das ist hier ein besetztes Haus

Er: Lacht, junger Mann jetzt ist‘s aber gut ich habe hier eine automatische Wahleinstellung beim Bayerischen Rundfunk und habe die Nummer des NDR eingespeist….!

Ich: Aber glauben Sie mir wir sind ein besetztes Haus…!

Er: Jetzt reicht es mir ….geben Sie mir ihren Abteilungsleiter!

Ich: Hier gibt es keinen Abteilungsleiter … Sie telefonieren  hier mit einem  besetzten Haus in Berlin-Schöneberg …. 

Er: Das kann gar nicht sein, ich telefoniere jede Woche auf dieser Nummer mit dem NDR….So eine Frechheit ist mir noch nie passiert; ich will Ihren Chef sprechen…

Ich: …lache und sage: Tut mir leid und lege auf

Leider habe ich diesen Dialog nicht noch weiter geführt, später hatten wir Ideen dazu: der Bayerische Rundfunk meldet: der NDR wurde durch Hausbesetzer gekapert und löst damit einen Polizeieinsatz in Hamburg aus…

Oder: Auch der Abteilungsleiter kann nur bestätigen dass er nicht mehr frei ist sondern den Aufforderungen der Besetzer folgt usw. usf…..

Ich weiß bis heute nicht wie es zu diesem Telefonat kam, ob der Journalist vom Bayerischen Rundfunk versehentlich eine falsche Taste betätigt hat und statt 040 auf 030 gedrückt hat… ich werde es nie erfahren…es bleibt eine Anekdote im Besetzer-Alltag 1981/82

Michael

PS.: Die Bülowstraße gehört zum sogenannten Generalszug in den Berliner Ortsteilen Charlottenburg, Schöneberg und Kreuzberg. Es handelt sich um eine großzügig angelegte Straßen- und Platzfolge, deren Namen an die Befreiungskriege 1813–1815 gegen Napoleon I. erinnert. Er basiert, mit Ausnahme der Umfahrung des späteren Gleisdreieckgeländes, auf älteren Planungen von Peter Joseph Lenné (ab 1841 bis 1855) und dem Hobrecht-Plan von 1862. Die Benennungen wurden zum 50-jährigen Gedenken durch Kabinettsorder vom 9. Juli 1864 verfügt. Der Straßenzug wurde bis etwa 1880 fest ausgebaut. In West-Ost-Richtung wurden die Generäle geehrt, die Plätze und Querstraßen erhielten die Namen von wichtigen Schlachten des Krieges.

Eine ziemlich bellizistisch gefärbte Ausprägung von Stadtentwicklung, oder?

zum Nachschlagen: https://de.wikipedia.org/wiki/Generalszug

Geburtstagskind des Tages – Marten

Marten bekam bei uns im Blog das erste Wort mit seinen schönen Worten zur Geschichte der Regenbogenfabrik, aufgeschrieben anlässlich des 25. Geburtstag im Jahr 2006. Die folgenden Worte hat Gregor Eisenhauer nach einem langen Gespräch mit uns Freund*innen im Juni 2014 auf der Nachrufseite im Tagesspiegel veröffentlicht. Bis hierher haben wir im Blog schon oft von Abschieden berichten müssen. Es wird auch weiter so sein, es ist nun mal Teil des Lebens, dass es mal zu Ende ist. Dieses einzusehen braucht wohl ein ganzes Leben.

Marten | 19. Juli 1949 – 27. Februar 2014

Wir befinden uns im Jahr 1981. Ganz Kreuzberg droht in die Hände von Spekulanten zu fallen. Ganz Kreuzberg? Nein, nicht ganz Kreuzberg. Es gibt ein, zwei, es gibt hunderte besetzte Häuser. Eins davon in der Lausitzer Straße: Die Regenbogenfabrik. Marten hat nach 25 Jahren dieses Märchen vom Kiezdorf, das so trotzig Widerstand gegen die Besatzer leistete, eigenhändig aufgeschrieben, er hatte schließlich mal Germanistik studiert. „Seht, das ist eine wahre Geschichte …

Es begann alles sehr konspirativ, im Hinterzimmer einer Kneipe. „Jeder, der etwas auf sich hielt, nahm ja an, dass der Verfassungsschutz nicht nur sein Telefon abhört, sondern auch gleich die ganze Wohnung verwanzt hatte.“

Wer sein Haus verkommen lässt, hat es nicht verdient, eins zu besitzen. Das war die Parole. Und so nahmen Marten und seine Freunde das 114. Haus in Besitz. „Besetzungsakt“ tauften sie die Übernahme, es wurde viel gelacht in diesen Tagen und noch mehr geträumt. „Wir sind der Frühling im deutschen Herbst.“

Ein Haus ist schnell besetzt, es instand zu halten, hingegen harte Arbeit. Da braucht es mehr als revolutionären Eifer, da braucht es eine Menge Spucke und Tatendrang.

Die Wohnungen waren durch den langen Leerstand völlig heruntergekommen. Im Hof lagerte Chemiemüll der alten Fabrik. Die Kinder quengelten, und Jobs hatte man ja auch noch, denn ohne Geld war nicht viel zu reißen. Kein Wunder, dass die Nerven manchmal blank lagen. Zumal die Erwartungen so hoch waren.

Alle können alles, das war die kollektivistische Lösung, die Vorteile der Spezialisierung wurden konsequent ignoriert. Im Wohnhaus sortierten sich die Lebensgemeinschaften, in der Fabrik richteten sich die Werkstätten ein, und über allem sollte sich bunt der Regenbogen wölben. Aber so friedlich war es nicht.

Es kam immer wieder zum Streit, die Verhandler gegen die Nichtverhandler, die Maximalisten gegen die Kompromissler. Marten war Verhandler. Er wollte, dass etwas bleibt. „All or nothing“ ist keine Parole für den Alltag. Zumal, wenn immer wieder die Räumung droht. Und der Bankrott.

Solidarische Ökonomie muss auch ökonomisch sein. Also wurden im Lauf der Jahre Musikübungsräume eingerichtet, Gästezimmer, eine Kantine, eine Schulfernsehsendung in der Reihe „Ökologo“ entstand, Titel „Unser kleines Dorf“.

Immer wieder planen und reden, reden, lange Sitzungen, und wenn es zu viel wurde: Ab auf den Bolzplatz. Der FC Roter Zorn, gelegentlich in Roter Korn umgetauft, war gefürchtet, wenn er denn mal vollzählig antrat.

„Wir wollen lachen, leben, lieben … “ Ein einfacher Dreisatz. Am besten ging das all die Jahre im Kino. Marten war der Mann der Träume. Vom ersten Tag an gab es dank ihm 1-A-Kintopp. Das Bettlaken an die Wand, ein Projektor angeschmissen, und los ging die Reise. Nicht nur Agitprop, alles, was Spaß machte, alte Italowestern, Kinderfilme, ein Blockbuster für die Kasse, fürs Herz und die Seele und den Kopf, für alle sollte was dabei sein.

Marten hatte in der Regenbogenfabrik seinen Platz fürs Leben gefunden, sein Zuhause. Von seinen Eltern redete er selten, sie waren sehr streng gewesen, unnahbar. Er selbst war ganz anders, als Vater und als Erzieher. Keiner war liebevoller zu den Kindern. Er lebte ihnen seinen Traum vor, damit sie selbst träumen lernen. Denn eine gute Zukunft, die kann man nicht kaufen und nicht versprechen, die kann man nur mit anderen zusammen leben, von einem Tag auf den nächsten.

Es gibt immer die, die viel reden. Und es gibt die, die mit anpacken und sich nicht davon stehlen. Marten war da, wo er sein wollte. Und wenn es ihn mal wegzog, fuhr er an die Ostsee. Die Träume blieben lebensnah. Was ihm wehtat: Dass sein Sohn Willi so früh starb. Er hat weitergelebt, trauriger halt. Aber nicht nachgelassen. Er war stolz auf das, was sie alle zusammen auf die Beine gestellt hatten.

„Das System existiert noch. Wir aber auch! Und wenn uns sonst niemand dafür feiern will, dann feiern wir uns halt selbst!“ Marten war nicht der, der am lautesten sang an solchen Tagen. Er war der, der am treuesten zu seinen Versprechen stand. „We’d live the life we choose / we’d fight and never lose / for we were young and sure to have our way.“

Gregor Eisenhauer im Tagesspiegel vom 20. Juni 2014

taz: 29.03.2014

Künstler*innen des Tages – Höhen und Tiefen

Liebe Menschen der Regenbogenfabrik,

wir sagen immer: Höhen & Tiefen gibt es in jedem Leben. Das könnt ihr sicher auch bestätigen, oder? Wir wünschen euch, dass ihr in diesem Jahr ein echtes Jubläumshoch erleben könnt! Und derzeit gibt es ja noch eine große Steigerungsmöglichkeit: Nämlich das Abflauen der Pandemie und der Beginn einer neuen Ära von Begegnungen und kulturellem Austausch.

Wir sind das Duo Höhen & Tiefen mit Julia Tornier am Saxophon (meistens) und Henning Lieske am Sousaphon. In unseren Programmen stellen wir Stücke zusammen, in denen es um die ganze Welt menschlicher Hochgefühle und Tiefschläge geht, oder um die ganz großen Fragen der Menschheit. Und manchmal auch einfach nur um den Jazz, diesen wunderbaren Schmelztiegel für Musik und Kulturen von überall und zu allen Zeiten.

In der Regenbogenfabrik sind wir seit 2018 mehrfach im Café als Duo aufgetreten. Einige Male haben wir Freund*innen dazu geholt und uns perkussiv erweitert. Danke dafür an Karin Czwinkalik und Daniel Tornier!

Schöne Erinnerungen haben wir an einen Auftritt auf dem Weihnachtsmarkt im Hof der Fabrik vor einigen Jahren.

Wir spielen gern beweglich und unverstärkt, begleiten Vernissagen und Lesungen, festliche oder politische Anlässe oder liefern Hintergrundmusik für einen Abend am Lagerfeuer. Immer her mit Ideen und Vorschlägen! Der Einladung von Menschen mit eigenen Höhen und Tiefen folgen wir liebend gern und tauschen mit euch unsere Geschichten aus.

Wir sind gut vernetzt und bringen häufig weitere Künstler*innen mit. So spielen wir beide z.B. auch noch in der Brassband Blechblase Berlin, die auch schon in der Regenbogenfabrik zu hören war. Immer wieder helfen wir auch in befreundeten Projekten aus. So entwickeln wir uns immer weiter und freuen uns des Lebens.

YouTube: https://m.youtube.com/channel/UCCOgkSRiF1bB5tkdW0QgNAg

Wir hoffen, dass wir uns alle bald wieder persönlich sehen und hören können. Alles Gute! Es lebe der Regenbogen!

Kontakt: http://hoehen-und-tiefen.de/

schon im Blog vorgestellt: Blechblase Berlin