„Da erhält die Frau einen kleinen Brillantring …“

21.8.1989 taz – Ewa Schweitzer

Die lange Geschichte vom Aufstieg und Fall der Wohnbau-Design / 130 Millionen Mark Sanierungsgelder und die Kontaktpflege beim Bausenator / Ehemals besetzte Regenbogenfabrik noch immer im Besitz der Firmengruppe

„Ohne uns wäre das anders gekommen“, sagt Ulli Lautenschläger, ehemaliger Besetzer der Regenbogenfabrik. Die liegt in der Lausitzer Straße in SO 36 und gehört seit 1979 der Vogel/Braun-Gruppe und ihrem weitverzweigten Firmenimperium. Das firmierte zu Besetzerzeiten noch unter dem Namen der Dachgesellschaft Wohnbau-Design – damals eines der meistgehasstesten Bauunternehmen.
Die Regenbogenfabrik sollte abgerissen werden, statt dessen wurde sie im März 1981 besetzt. Während der Verhandlungen stellten die Besetzer*innen fest, daß der Firma um die hundert Häuser, ein Großteil davon in Kreuzberg, gehört. Und an denen wollte man verdienen.

Unter Bausenator Harry Ristock (SPD) kassierte die Vogel -Braun-Gruppe 45 Millionen Mark für 23 Häuser aus dem sogenannten ZIP-Programm, einem staatlichen Modernisierungsprogramm. Das entsprach der Hälfte der gesamten ZIP-Gelder, die für ganz Berlin zur Verfügung standen. Danach förderte die Wohnungsbaukreditanstalt (WBK) 32 weitere Vogel/Braun-Häuser nach dem §17-Programm, mit weiteren 86 Millionen.

Damit die Wohnbau-Design ihre vielen Häuser modernisieren konnte, mußten die Mieter*innen raus. Und da begannen die Probleme. Ihre Häuser wurden reihenweise besetzt. Auch die verbliebenen Mieter*innen wehrten sich, denn §17 bedeutet Luxusmodernisierung und Mieten wie im sozialen Wohnungsbau damals 4,60 Mark kalt pro Quadratmeter. Nach langen Verhandlungen und unter dem Druck der Hausbesetzungen einigte man sich auf einen Mietpreis von 3,10 Mark pro Quadratmeter. Dafür wurde der Standard gesenkt: Keine Aufzüge im Haus, kaum noch Grundrißveränderungen in den Wohnungen, was eigentlich Voraussetzung für eine Förderung nach §17 ist. Die Kostenmiete betrug nur noch 21 statt 22 Mark, der Anteil an der Kostenmiete, den die WBK bezahlte, blieb mit etwa 17 Mark pro Quadratmeter gleich. Die restlichen fünfzig Pfennig Verlust trugen die Kommanditisten.

Nun ist Voraussetzung für die Bewilligung von Modernisierungsgeldern nach §17 der Nachweis eines „wesentlichen Bauaufwands“. Der Rechnungshof, der sich darüber nicht so sicher war, schaltete sich ein und berichtete 1982 Unschönes: Die Unterlagen der Wohnbau-Design seien nicht hinreichend aussagekräftig, das Verfahren der WBK zur Beurteilung der Förderungsvoraussetzung sei unzureichend. Außerdem seien an die Wohnbau-Design höhere Förderbeträge pro Wohnung bezahlt worden, als im Berliner Durchschnitt üblich.

Einen von der AL beantragten Untersuchungsausschuß lehnte das Abgeordnetenhaus ab. Trotzdem kam ans Licht, daß die Truppe über gute Drähte zur Senatsbauverwaltung und zur WBK verfügte, nachdem Firmengründer Willy Freitag, der sich nach Luxemburg abgesetzt hatte, dem NDR-Magazin Panorama 1984 einiges erzählte:

„Wir hatten da einen tüchtigen und bekannten Mann, das ist der Herr Frieser… Und der ging ein und aus im Senat und beim Bausenator… Und wenn wir irgendein Problem hatten mit der Förderung, dann wurde Herr Frieser eingeschaltet… Da erhält mal die Frau einen kleinen Brillantring oder einen Perserteppich oder ein Verwandter eine günstige Wohnung.“
Und wen kannte Frieser? „Zum Beispiel den Herrn Peters (ehemaliger Vorstand der WBK, ist nun bei Becker & Kries), Herrn Schröder (damaliger Abteilungsleiter der WBK) oder Herrn Baumert (Abteilungsleiter beim Bausenator, danach Beirat bei einigen Wohnbau-Design-Firmen).“

Personelle Konsequenzen in WBK oder Bauverwaltung wurden weder aus dem Panorama-Beitrag noch aus dem Rechnungshofbericht gezogen. Die Wohnbau-Design stolperte letztlich darüber, daß Peter Braun 1985 zu drei Jahren und zehn Monaten Haft wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde. Für ihn trat Ingo Weißer in die Firmengruppe ein. Aber Braun ist heute schon wieder gut im Geschäft.

Heute besitzen die Gesellschaften der Bellevue GmbH, wie die Dachgesellschaft inzwischen heißt, fast 200 Häuser, davon 160 Altbauten. Auch die Regenbogenfabrik gehört noch dazu, in der seit langem ein Zentrum für den Kiez mit Kino und Café ist. Die Unsicherheit für die ehemaligen Besetzer*innen, die einen befristeten Vertrag haben, bleibt. Denn es gibt zwar seit gut vier Jahren einen Beschluss des Kreuzberger Bezirksamtes, die Fabrik den Betreibern in Erbpacht zu geben. Dies scheiterte bisher, denn weder der zuständige Kreuzberger Finanzstadtrat Peter (CDU) noch der frühere Finanzsenator Rexrodt (FDP) zeigten allzu großes Interesse. Offizieller Grund: Niemand will die Kosten in Millionenhöhe für die Beseitigung einer alten Bodenverseuchung tragen.

Das Bild am Beginn des Texts stammt aus der Ausgabe von Juli/August 1985 des Südost Express.

Künstler*innen des Tages – Ewa Maria Slaska

1. Wie heißt Du/ihr (und wie viele seid ihr)?

Ich heiße Ewa Maria Slaska, aber ich hieß in meinem Leben schon verschieden und mit jedem Namen, jeder Namen-Kombination oder jedem Pseudonym war ich ja auch eine ein bisschen andere Person: Ewa Bogucka, Ewa Bogucka-Slaska, Ewa Slaska, Z boku (bedeutet so viel wie am Rande; dies wurde ab und zu verkürzt zum Z.B.), Maria Bezdomna (Maria Wohnungslos), Redaktorka (Redakteurin), Panna Pierwsza oder Panna Prymarna (Erstes Fräulein) und letztens auch Adminka (Verniedlichungsform von Administratorin des Blogs)

2. Wie beschreibt ihr/beschreibst Du, was ihr macht/du machst?

Hmmm, ich mach sehr viel und so verschieden, dass ich vermuten kann, ich bin so eine Art menschlicher Schampoo, in dem 3, 4, 7 oder gar mehr Funktionen vereint sind. Versuchen wir Mal:

– Schriftstellerin & Literaturübersetzerin, manchmal Dichterin
– Journalistin, Publizistin, Redakteurin, Herausgeberin
– Filmemacherin und ab und zu auch, ja!, Schauspielerin
– Bloggerin (aktueller Blog: ewamaria.blog – unbedingt besuchen! und ich lade zum Mitmachen ein!)
– Projektmanagerin (kulturelle und soziale Projekte) und Organisatorin (hier sowohl bürokratische Kämpfe samt Finanzamtsabrechnungen als auch Kochprojekte!)
– Aktivistin vor allem im Bereich Polen im Ausland, Frauen, Klima, aber ich lasse mich für viel Projekte spontan begeistern und helfe gern mit
– Wanderin und Pilgerin
– Tochter, Mama, Oma, Schwester, Tante auch für Zieh-Verwandten
– Freundin, Beraterin, Retterin
– Lehrerin
– Vegetarierin oder Halb-Veganin

3. (Seit wann seid ihr zusammen und) wann wart ihr/warst du das erste Mal in der Regenbogenfabrik?

Vor Jahren (wieviele es sind, weiss ich nicht, das weißt die ChefBloggerin hier, Christine Ziegler! Sie muss hier ihren Senf zugeben [no comment, denn irgendwann sind es sowieso dreißig Jahre, chz]). Wir machten hier fast alles: Veranstaltungen, Festivals, Jugend-Workshops, Konzerte, Performances, Bazarstände, Geburtstage, Lesungen, Filme zeigen und machen, Bücher herauszugeben, Praktika, Ausstellungen, Sitzungen; wir überstanden auch viel zusammen, wie z.B. den Klau der vier Laptops bei einer Werkstatt! Daran kann jede Zusammenarbeit mal kaputtgehen, und wir sind auch daraus heil rausgekommen. Und vor allem: FREUNDSCHAFT!!!!!

4. Spielst du/spielt ihr lieber drinnen oder draußen?

Egal wo und was, Hauptsache spielen

5. Was erwartet ihr/erwartest du von eurem/deinem Publikum? Singen, klatschen, tanzen?

Mitreden, fragen, reagieren, von sich selber erzählen, streiten, TUN und sich freuen! FREUDE!

6. Was ist euer/dein wichtigster Corona-Fluch?

Am Anfang war ich wütend, als ich gehört habe, man muss die Beschränkungen einführen, um uns ältere Menschen zu schützen. Ich bin selber jetzt 72. Ich vermutete, dass es zu regelrechtem Generationenhass führen wird. Göttin sei es dank, man hat darauf relativ schnell verzichtet.

Im Allgemeinen hasse ich, dass MAN (Mann, obwohl manchmal, habe ich gehört, sind es auch Frauen) mit einer sehr klugen Miene eine ewighaltende Wahrheit verkündet, die nach zwei Wochen oder zwei Monate absolut nicht mehr gilt; mehr noch – nicht mehr geht. Dies lässt vermuten, dass alles was aufgrund von solcher Aussagen angeordnet wird (mit strengsten Lockdowns) eine beliebige Aktion ist, ein Alibi-Tatendrang, um etwas zu tun, egal – was. Es wäre für mich angemessener, wenn man mir gesagt hätte: Sorry, wir wissen nicht, aber wir vermuten, dass Masken, Abstandhalten und Kontaktbegrenzung sozial gesehen vernünftig sind und bitten drum, sich an diese Regeln zu halten.
Die einfachen Regeln, die zu meinem Verantwortungssinn appellieren:

Wir sind alle verantwortlich.
Wenn man sich um sich selbst nicht sorgt (wie ich), soll er sich um die anderen sorgen.
Masken! Abstand! Lüften! Impfen! Auch wenn es Nebenwirkungen hat. Dann machen wir uns solidarisch darauf gefasst. Soll uns allen nach der Impfung der zweite Kopf wachsen, dann haben wir halt seitdem ALLE zwei Köpfe!
Benehmen wir uns so, als ob wir krank wären, vielleicht sind wir es grade.
Wir tun das alles nicht für uns selber, sondern für uns zusammen.

Also: SOLIDARISCH!

Aber (das muss ich zugeben) vielleicht ist eine Consensus-Regel nicht für einen Staat anwendbar.

Und – sorry – aber ich denke, dass sehr viele Leute sich in der Lockdown-Situation bequem eingenistet haben und die Lage erbarmungslos ausnutzen. Erstbestes Beispiel: Angestellte aller Bezirksämter! Wieso wartet man jetzt Monate auf einen Anmeldetermin? Wieso vier Monate auf Beerdigungstermin? Oder ein anderes erstbestes Beispiel: Lehrer! Wieso arbeiten die Schulen nicht richtig mit dem Zoom, wieso vermittelt man den Schülern ein Gefühl, es ist eh unwichtig, ob ihr lernt und was ihr lernt! Hauptsache wir haben Ruhe!

Und am Ende eine kleine Information und zugleich vielleicht eine Warnung: denken wir nicht, dass es mit der Pandemie gleich vorbei geht. Wir haben es schon seit Frühling 2020 erlebt – nichts gilt, es wartet immer die nächste Welle. Dann wollte ich etwas in Erinnerung bringen: Das, was Camus beschrieben hat, die Pest in Oran, dauerte 9 Jahre und die erste archäologisch bewiesene Epidemie – 700 Jahre. Ja, richtig: Sieben Hundert!

7. Was wünscht ihr euch/du dir und uns für die Zukunft?

Ein bißl Arbeit, die wieder bezahlt ist. Es muss nicht immer sein, ich mache gern viele Sachen ohne Bezahlung, aber ab und zu, so wie es vor der Pandemie war, ab und zu Arbeit, für die man bezahlt ist, es ist so schön.

8. Bist du/seid ihr auch in anderen Formationen unterwegs, die vielleicht auch ins Regenbogenprogramm passen?

Alles, was ich tue, passt! An alles, was Ihr tut, kann ich mich anpassen und mitmachen (jetzt sogar mit meinem Fahrrad)! TUN!

Foto Monika Sędzierska

Geburtstagskind des Tages – Mathes

1. Seit wann bist bzw. von wann bis wann warst Du hier und in welchem Bereich?

Seit September 2012 bin ich hier. Ich hab was gesucht und hab es hier gefunden.

2. Welches ist Dein Lieblingsort auf der Fabrik?

Die Schornsteinspitze ist mein Sehnsuchtsort. Doch sonst ist es die Fabrik an sich.

3. Mit einem Wort: Was ist die Fabrik für Dich?

Ein Bund(t) fürs Leben, würde ich gerne sagen, wenn es nicht so anderswo verbraucht wär.

4. Lieblingsessen in der Kantine?

Zitronenpolenta

5. Was wünschst Du der Fabrik zum Geburtstag?

Ein glückliches langes Leben.

Creative Director – Şerife

Heute wird es höchste Zeit, eine unserer wichtigsten Teamplayer vorzustellen. Ohne ihre warmherzigen und witzigen Bilder hätte unser Blog gar keinen Rahmen. Und wir haben mit ihr eine unbestechliche Beobachterin und eine (leider viel zu streng mit sich selbst) kreativ Berichtende aus Haus und Hof. Doch ihr Augenmerk gilt natürlich nicht nur der Regenbogenfabrik. Wo Şerife schon geschaut und gewirkt hat, das könnt ihr hier erfahren:

http://serife.nl/

Wir möchten aber unbedingt auch berichten, dass Şerife nicht nur den Blog mit ihren Bildern und Illustrationen verschönert, sondern auch der Fabrik analog immer einen liebevollen Anstrich verpasst: Manchmal wortwörtlich, wenn sie Pinsel&Farbe schwingt, wie bei der Tischtennisplatte (siehe Blogbeitrag vom 6. April). Ihre freundlichen Schilder helfen allen, ungeliebte Regeln, wie aktuell die Maskenpflicht oder generelle Dauerbrenner wie Abwasch in der Gemeinschaftsküche, erträglicher zu machen.

Bunte Details wie Zimmernummern oder Selbstgenähtes für die Gästezimmer zaubern den Gästen ein Lächeln ins Gesicht. Allerdings mussten wir so den einen oder anderen Gast schon davon abhalten, bei Abreise die Vorhänge im Koffer verschwinden zu lassen. Und wer Şerifes Style schon kennt, weiß auch gleich, welche Flyer und Plakate von Hostel und Fabrik von ihr gestaltet wurden, um die Menschen bunt und kreativ in unsere Mitte zu lotsen.