10 Jahre Verhandlung – 10 Jahre Verarschung. Jetzt reichts! Wir besetzen erneut! Große Besetzergala Konzert mit den Gruppen Dos contra Dos und Die Braut haut ins Auge



10 Jahre Verhandlung – 10 Jahre Verarschung. Jetzt reichts! Wir besetzen erneut! Große Besetzergala Konzert mit den Gruppen Dos contra Dos und Die Braut haut ins Auge



von Werner von Westhafen
Das Haus mit der Nummer 55 tanzt aus der Reihe: Es ist zu niedrig, es ist zurückgesetzt, und es hat einen Vorgarten.
Es ist nur ein winzig kleiner Punkt. Aber es ist der einzige auf der Karte von 1834, der auf ein Haus an der Bergmannstraße hinweist. Dieses Haus war das Anwesen eines Steinmetzes, der gegenüber dem Jerusalemfriedhof Grabsteine für die Toten meißelte, die auf den neuen Friedhöfen zwischen den Weinbergen bestattet wurden.
Es könnte ein Mann namens Sperner gewesen sein, dessen Name etwa 150 Jahre später auf einer alten Visitenkarte im Haus mit der Nummer 55 auftauchte, und der auf dem Grundstück gegenüber den Friedhöfen offensichtlich einen Schuppen errichtet hatte. Alte Bauakten verzeichnen seinen Namen schon im Jahre 1810, als zwischen den Weinbergen noch keine einzige Leiche ruhte.
Es könnte aber auch sein, dass das Haus auf der alten Karte längst schon einem anderen Steinhauer gehörte. Ebenso könnte es sein, dass noch eine ganze Reihe anderer Handwerker mit ihrem Meißel Buchstaben und Zahlen in Grabsteine meißelten, bis im Jahre 1883 der Steinmetzmeister Hermann Albrecht das Anwesen mit den beiden Grundstücken kaufte. 13 Jahre später auf jeden Fall wird die erste fotografische Aufnahme von der kleinen Steinmetzwerkstatt gemacht. Vielleicht hat Meister Albrecht gerade den Entschluss gefasst, das Fachwerkhäuschen aus Lehmziegeln, das noch immer einsam in einer Garten- und Wiesenlandschaft zwischen der Bergmannstraße und der Gneisenaustraße lag, demnächst einmal abreißen zu lassen.
Am 4. September 1899 wird mit dem »Lageplan von dem in der Bergmannstraße 55/56 belegenen im Grundbuche von Tempelhof verzeichneten Grundstücke des Steinmetzmeisters Herrn H. Albrecht zu Berlin« das Land vom Regierungslandvermesser Hildebrandt neu vermessen und der Abriss des alten Häuschens, das sich in der Mitte beider Grundstücke befand, genehmigt. Ein Jahr später baute Albrecht sich auf dem Grund der Nummer 55 eine neue Werkstatt mit drei Wohnzimmern in der 1. Etage. Das Grundstück mit der Nummer 56 verkaufte er an einen Investor, der schon bald ein Wohnhaus errichtete. Noch heute liegt das niedrige Haus des Steinmetzmeisters Albrecht zurückgesetzt und eingezwängt zwischen der geschlossenen Reihe aus Gründerzeitfassaden. Es ist das einzige Haus der Bergmannstraße, das einen Vorderhof besitzt, und damals wie heute standen dort keine Bäume, sondern Grabsteine.
Zwar hatte der Steinmetz nun drei Zimmer über der Werkstatt, doch er baute auch eines der stattlichsten Wohnhäuser in der Bergmannstraße mit großen Balkonen und viel Stuck: Das Eckhaus im Schnittpunkt zwischen Bergmannstraße und Gneisenaustraße am damaligen Kaiser Friedrich Platz.
Als 1932 die Familie Rüdiger den Betrieb des alten Albrecht übernahm, wurde auch das Haus auf dem Grundstück Nr. 55 höher:
Eine Fotografie von 1934 zeigt schon jene drei Stockwerke, die es noch heute gibt. In der ersten Etage wohnte in drei nebeneinander liegenden Zimmern Margarete Rüdiger und im zweiten Stock ihr Sohn Helmut, der die Geschäfte des verstorbenen Betriebsgründers fortführte. Im dritten Stock lagen Waschküche und Dachzimmer. Als Margarete starb, zog Helmut mit seiner Frau in die erste Etage, darüber lagen drei Kinderzimmer und ganz oben »Opa Pietsch, der wurde fast 100. Det war hier immer ne große WG: Onkel, Tanten, Kinder, und im Krieg haben sie oben in der Waschküche auch noch zwei Schweine gehalten!«
Frank Rüdiger ist der Urenkel Margaretes. Mit seinem Bruder Bodo hält er die Tradition des Familienbetriebes aufrecht.
Auch sie haben weiter gebaut, den Hof unterkellert und eine neue Werkstatt angebaut. Anstelle des fast 30 Meter hohen Gerüstturmes der »Baumertschen Patenthebemaschine«, die 1887 zu Versuchszwecken auf dem Grundstück des Steinmetzbetriebes errichtet worden war, bewegt nun ein moderner Schiebekran die schweren Steine. Von der Hebemaschine existieren nur noch die Pläne. Auch von dem hübschen Lagergebäude, dessen Bau 1894 genehmigt wurde, ist keine Spur mehr erhalten. Vielleicht wurde es nie errichtet.
Geblieben aber ist ein kleines Stück Granit. Es hat die Form einer Raute und ist blank poliert wie ein Grabstein. Das Schild wies schon der trauernden Kundschaft den Weg zum »Kontor«, als 1896 die erste Fotografie von der Steinmetzwerkstatt an der Bergmannstraße aufgenommen wurde, und als am Fuße der Tempelhofer Weinberge überall noch Wiesen und Gärten lagen.
Frank Rüdiger hat das alte Schild jetzt endlich wieder angeschraubt.
Vielen Dank an die

Foto: Martin Cames
Nachtrag von heute:
Da gehen noch mehr von uns spazieren!
Und wie schön, beim Steinmetz blüht auch ein Regenbogen. Vielen Dank an Johanna für die beiden Bilder.


von Hans W. Korfmann vor 20 Jahren veröffentlicht.
»Sie gehen … – wir auch!« So stand es auf dem Titel der »Allerletzten« Ausgabe des Südost Express, der Nr.141 vom Juli 1990. Damit verabschiedete sich die wohl erfolgreichste »Kreuzberger Lokalzeitung« von ihren Lesern. Das Titelbild zeigt zwei amerikanische Soldaten, die wenige Monate nach dem Fall der Mauer von einem Fenster am Checkpoint Charlie aus einen vermeintlich letzten Blick in den einst feindlichen Osten werfen.
Doch es war nicht das Feindbild des Yankees, von dem sich der Südost Express hätte verabschieden müssen. Denn der Südost Express war mehr als ein einseitiges politisches Sprachrohr. Auf der allerletzten Seite dieser letzten Nummer haben sie das noch einmal betont: »Der SOE war nie Zentralorgan eines Zentralkomitees, Politbüros oder Geschäftsführenden Ausschusses einer Partei oder Liste.« Wenn sich der Südost Express mit diesem letzten Titelbild von etwas verabschiedete, dann war es das Kreuzberger Exil. Es war das kleine politische und kulturelle Biotop im Schutz der Mauer, in dem sich Studenten, Fotografen und Autoren zusammengefunden hatten, um 13 Jahre lang eine Zeitung zu machen, ohne je eine Mark daran zu verdienen.
Begonnen hatte alles mit einem achtseitigen, grobschlächtigen Faltblatt – der Nullnummer im Dezember 1977. Herausgeber war die inzwischen legendäre Bürgerinitiative SO36. Nach 77 Ausgaben beging die Redaktion ein erstes Jubiläum: »Die einzige Kreuzberger Stadtteilzeitung von unten feiert Geburtstag.« Im 7. Jahr hat sie 170000 Exemplare verkauft, ist auf 40 Seiten angewachsen, hat Gerichtsverfahren überstanden, innere Querelen und die schlaflosen Nächte der Produktionswochenenden. Waren sie zu Anfang noch drei oder vier, saßen nun bis zu 30 Mitarbeiter und Mitstreiter in den Redaktionsräumen in der Wrangelstraße.
Das bald glänzende Blatt hatte sich stets an großen Zeitschriften orientiert, pflegte Stil und Sprache, sogar das Layout der Titelseite hätte ohne Deutschlands bekanntestes Nachrichtenmagazin wahrscheinlich anders ausgesehen. Auch inhaltlich unterschied sich die Stadtteilzeitung deutlich von den bislang erschienen Druckwerken aus den Kreuzberger Kellern und Hinterhöfen. Mit der politisch eher einäugigen 883 etwa oder der Radikal hatte der Südost Express nichts mehr zu tun. Zwar erschien kaum ein Heft ohne einen Beitrag über Kahlschlagsanierung, Gewobag und Besetzerszene – doch nahm man sich auch im weiteren Sinne des Wortes »kein Blatt« vor den Mund und berichtete ebenso über die Wiederbelebung der Wannseebahn, über historische Themen und kulturelle Ereignisse, die den politisch korrekten Linken keine Zeile Wert gewesen wären.
Sogar mit den Kreuzberger Autonomen legte man sich an. Im September 1987 persiflierte der Express die Psychotestseiten gängiger Frauenzeitschriften und stellte die Frage: Bin ich ein echter Revolutionär? Jeweils drei Antworten – a, b, und c – standen zur Auswahl:
Den Test bestand, wer möglichst häufig das »C« ankreuzte und über 1500 Punkte erreichte. Der Südost Express gratulierte: »Bravo, du bist einE echteR RevolutionärIN«, und mit diesen echten Revolutionären gäbe es bald »keine Bullen, Ausbeutung, Schickis, AL-Fritzen, Sympis, Wähler, Orlowskys, Sozialamtscheißer …« mehr.
Daß angesichts solch offensichtlicher Zweifel an der geistigen Gesundheit der Linksradikalen eines Tages drei Autonome in der Redaktion des Südost Express auftauchten und mit der Zerstörung der Einrichtung drohten, war nicht weiter verwunderlich. Zwar konnten die Schwarzmützen den Zeitungsmachern weder Profitgier noch rechtsgelagerte politische Positionen vorwerfen, doch Kritik an ihrer Strategie vertrugen sie nicht. Und Diskussionen darüber, ob man mit Wort und Bild einen Beitrag zum Kampf gegen Mißstände und Ungerechtigkeiten führen könnte, hielten die wahren Autonomen längst für romantisch und veraltet.
In der Redaktion aber blieben sie immer ein Thema, und nicht selten gingen die Meinungen weit auseinander. Viele der Mitarbeiter verließen im Lauf der Jahre die Redaktion, Neugierige kamen einmal und nie wieder. Besonders an Volker Härtig, der seit dem ersten Jahr in der Redaktion saß, gleichzeitig aber der AL angehörte und immer wieder in Verdacht geriet, den SOE zum AL-Blättchen zu machen, schieden sich mitunter die Geister. Denn wenn es eine Maxime für den Südost Express gab, dann war es die, »Sprachrohr einer Bürgerinitiative« zu bleiben, die gegen die »Methoden der staatlichen Wohnungspolitik wetterte«. Konsequent veröffentlichte die Zeitung umfangreiche Listen leerstehender Häuser, und es bedurfte dabei weder der AL noch der SEW. Tausend leerstehende Wohnungen einerseits und die Wohnungssuchenden andererseits: Das war das Thema im Südosten Berlins. Und der Kampf gegen die Abrißbirne einte die unterschiedlichsten Gruppen.
Deshalb auch expandierte der Südost Express Anfang der achtziger Jahre bis in den Chamissokiez. Doch scheiterte dieses Unternehmen am Lokalpatriotismus der 36er. Sogar Raimund Thörnig – neben Dieter Kramer, Michael Rädler und einigen anderen Aktivisten der 1. Stunde – »fand die Ausweitung nicht gut.« Es gäbe »zu viele Seiten«, die der Kreuzberger aus 36 nicht mehr lese. Volker Härtig dagegen meinte in einem Interview aus dem Jahr 1984: »Vielleicht erscheint das in den Augen einiger Leute als Größenwahn, aber es gibt keine vernünftige Bezirkszeitung für ganz Kreuzberg. (…) Insofern finde ich die Ausweitung notwendig und richtig. Wir sind kein Gemeindeblättchen, die Zeitung hat eine andere Dimension bekommen.«
Dennoch war auch ihre Zeit einmal abgelaufen. Die Journalisten, die sich im Südost Express allmählich profiliert hatten, landeten als Redakteure bei der ARD, bei taz und zitty, oder sie fotografieren heute für Geo und Spiegel. Nach dem Fall der Mauer gelang es den wenigen Verbliebenen nicht mehr, Nachwuchs für die Redaktion zu rekrutieren. Und so verabschiedete sich der legendäre Südost Express ein wenig melancholisch auf der allerletzten Seite seiner »Allerletzten« Ausgabe mit einer Bemerkung über Vergänglichkeit und Vergeßlichkeit: »Ein für allemal: Südost Express schreibt man genau so, also nicht SüdOstExpress, Süd-Ost-Express« oder sonstwie. Aber das muß sich jetzt niemand mehr merken.«

Kindertagesstätten in der Stadterneuerung durch Umnutzung und Neubau
– 26 Projekte in der Luisenstadt und im Strategiengebiet Kreuzberg SO 36
Ein Beitrag von Anette Schill über die Elterninitiativ-Kindertagesstätte Kinder- und Jugendbereich „Yapma“ Regenbogenfabrik Lausitzer Straße 22
Auszug: Offene Kinder- und Jugendarbeit
Als vor nunmehr fast sechs Jahren das Gelände der Regenbogenfabrik besetzt wurde, trafen die Instandbesetzer auf eine zahlenmäßig ziemlich beachtliche Gruppe, die schon weit früher und auf unspektakulärere Weise den nämlichen Akt vollzogen hatte. Es waren die Kinder und Jugendlichen aus der unmittelbaren Nachbarschaft, deren Findigkeit das brachliegende und so wunderbar verkommene Fabrikgrundstück mit seinen brüchigen „Schuppen“ und der interessanten Schrottsammlung natürlich keineswegs entgangen war und die sich dort den scheinbar tollsten – tatsächlich hochgradig vergifteten! – selbst verwalteten Abenteuerspielplatz erobert hatten.
Die neuen Besetzer wurden von ihnen zunächst misstrauisch beäugt, doch bald schon ließen sie sich überzeugen, dass der Zugewinn durch Spielaktionen und gelegentliche Kinderfeste die partiellen Einmischungsversuche in ihre gewachsene Selbstorganisation, ja sogar Schimpfkanonaden wegen Werkzeugklaus oder Gewalt-gegen-frisch-eingesetzte-Fensterscheiben-Orgien bei weitem wettmachte.
Als dann gar eine ortsansässige kleine türkische Fußballmannschaft, alle zwischen 10 und 14 Jahren junge auf dem Besetzerplenum auftauchte und erwartungsvoll den Antrag stellte, sich nach den bewunderten Okkupanten „F.C. Regenbogen“ taufen zu dürfen, reagierten die gerührten und selbstverständlich geschmeichelten – Instandbesetzer nicht nur mit Zustimmung zu diesem Ansinnen, sondern stellten ihren Fans auch einen selbstverwaltbaren Raum zur Verfügung, der noch nicht unmittelbar für andere Zwecke genutzt werden konnte.

So fing das alles, was das Zusammenlegen der alten kleinen und der neuen großen Besetzer betraf – von alltäglichen Banden – oder Clan-Kämpfen sowie gelegentlichem Zank zwischen den Kindern und den Regenbogenfabriklern einmal abgesehen – recht idyllisch an.
Und das blieb im Wesentlichen so, während der Jahre der Illegalität und der vergeblichen Bemühungen um finanzielle Unterstützung dieser Kinder- und Jugendarbeit, wenngleich der zermürbende Abwehrkampf gegen Räumungsgelüste staatlicher und spekulantenseits, zunehmend zeitraubender Instandsetzungsarbeiten und der Zustrom weiterer Kids aus dem mit pädagogischen Einrichtungen und Spielplätzen dünnbesäten Umgebung eine wirklich kontinuierliche Arbeit nur auf ehrenamtlicher Basis zunehmend unmöglich machte.
Die Frage einer Professionalisierung der Kinder- und Jugendarbeit in der Regenbogenfabrik stellte sich im Interesse einer kontinuierlichen Betreuung sehr früh und entsprechend dem Charakter der schon vorgefundenen naturwüchsigen Struktur war von vornherein klar, welchen Kriterien eine solche Arbeit würde genügen müssen. In den Diskussionen der hauptsächlich Kinderinteressierten kristallisierten sich vier Grundbedingungen heraus, die zur Bewältigung der bereits existierenden „Belegung“ des Geländes mit genau diesen, ganz überwiegend ausländischen Kindern vonnöten wären:
Mit dieser vorläufigen Bestandsaufnahme über die Richtung, die eine sich schrittweise entwickelnde und sich professionalisierende Kinderarbeit einzuschlagen hätte, wurde schon bald nach der Inbesitznahme des Regenbogenfabrik-Geländes mit dem Abklappern potentieller Geldquellen begonnen.

Die Ergebnisse dieser Fühlungsnahmen waren niederschmetternd: positive Gutachten über die Gesamtkonzeption von Nachbarschaftsarbeit in der Regenbogenfabrik und die in diesem Rahmen geplante Kinder- und Jugendarbeit waren durchaus wohlfeil zu haben. Überzeugt von den Ideen und dem Engagement der Regenbogenbesetzer überboten sich Bezirk und Senat, Internationale Bauausstellung und Standortorganisationen, Sozialprojekte und Kirchen, Anwohner wie Kiez-VIPs in wohlwollenden Stellungnahmen und Unterstützungsversicherungen.
Konkrete finanzielle Hilfe für die projektierte Kinder- und Jugendarbeit aber kam
– gemessen an den ersichtlich gewordenen Notwendigkeiten – nur tröpfchenweise und speiste sich überwiegend aus dem privaten Engagement von Initiativen oder Individuen. So finanzierte die katholische Kirche St. Michael aus der Kreuzberger Waldemarstraße übergangsweise eine Honorarkraft für offene Spielplatzbetreuung: so engagierte sich die IBA für die vordringliche Entgiftung des täglich genutzten Spielgeländes; so trafen von vereinzelten Sachbearbeitern unterschiedlicher Ämter und Abteilungen Möbel, Spielgeräte und Gartenwerkzeugspenden ein; so unterstützte und finanzierte die Jugendförderung des Bezirks Kreuzberg als einzige der eigentlich zuständigen Stellen eine Großpflegestelle und half dadurch, wenigstens einen kleinen Trakt des Fabrikgebäudes mit tagtäglichem Kinderleben zu erfüllen.
Für die ursprünglichen Kinder-Besetzer aber änderte sich dadurch insgesamt nicht viel: einer halbjährig bezahlbaren Honorarkraft standen über vier Jahre von notgedrungen sporadischer Ehrenamtlichkeit gegenüber, in vergiftungsgefahrlosen und doch weitgehend wieder selbstüberlassenem Spiel setzten sich immer wieder die „harten Gesetze der Straße“ gegen die Schwächeren und Minoritäten durch. Ebenfalls aber kaum eine Veränderung brachte die einzige auf der Regenbogenfabrik geförderte Kindergruppe, die Großpflegestelle, der es trotz eifrigen Bemühens nicht gelang, dauerhaft jüngere Kinder aus dem vorhandenen multinationalen Potential an sich zu binden. Weil nämlich den ausländischen Eltern deren Versorgtheit durch die älteren Geschwister gewohnheitsgemäß gewährleistet schien, weil ohnehin keine Möglichkeit zur Mitaufnahme derselben qua Förderungs-Richtlinie gegeben war und weil den Eltern diese Organisationsformen allemal fremd war, musste sich das Engagement der Erzieher und der mithelfenden Eltern daher auf gelegentliche gemeinsame Spielaktionen beschränken, die zudem bei der Unübersichtlichkeit und Fluktuation innerhalb der Gruppe der infrage kommenden etwa gleichaltrigen kleinen „A…Klientel meist im Chaos und mit der Verweigerung der eigentlich Betreuten endete.

Ein dazu paralleler Versuch, das Problem des vorhandenen Kinder an wenigstens einem Zipfel zu packen, indem man mit einigen schon aufgeschlossenen Familien der Nachbarschaft eine Kita für ältere und altersgemischte Kinder anging, scheiterte an der offensichtlich falschen Ortswahl das auserkorene Parterre der Fabrik vorgelagerten Stockwerkes, die als multinationales Projekt ausgewiesen waren, sang- und klanglos geräumt.
Weitere xxx Förderungsmöglichkeiten scheiterten an den immer gleichen beiden Klippen: „Offene Kinderarbeit“ wurde und wird von den Jugendförderungen nicht weiter finanziert und die „Berliner Linie“ des Umgangs mit besetzerischen Elementen untersagt prinzipiell eine Mittelvergabe auf die unterstützungswürdigsten Aktivitäten im Rahmen nichtlegalisierter Inbesitznahme-Verhältnisse.
So entstand dann, im Vakuum der zunächst gescheiterten Pläne in Bezug auf eine offene Kinder- und Jugendarbeit in der Regenbogenfabrik, immerhin erst mal genügend Raum für eine kritische Würdigung und Revision des bisher Entwickelten. Die begrenzten Förderungserwartungen vor allem aber auch die zunehmenden Erfahrungen aus den Spielaktionen und die nähere Bekanntschaft mit den Kindern, den Eltern und ihren jeweiligen Lebensumständen und Problemen erlaubten, den Rahmen des Machbaren und Wünschenswerten immer präziser abzustecken.
So wurden allmählich auch die zu erwartenden Mängel einer bloßen Konzipierung von offener Kinderarbeit sichtbar. Ins Auge springend war von vornherein das Bedürfnis der meisten Kinder selbst nach intensiveren Kontakten mit den zeitweiligen Spielplatzbetreuern: diese stellten für fast alle ausländischen Kinder, aber auch für die deutschen „Straßenkinder“ aus überwiegend problembeladenen Unterschichtsfamilien die ersten Erwachsenen dar, die sich spielerisch intensiv mit ihnen befassten und die so natürlich permanent individuelle „Krall-Versuche“ auf sich zogen.
Die Unmöglichkeit, diesen allzu verständlichen Verhaltensweisen gleichzeitig entsprechen zu können, verschlechterte die Situation auf dem Gelände, indem sie Ursache wurde für heftige Konkurrenzkämpfe auch innerhalb der ehedem eher solidarischen Grüppchen wurde. Auch wurde mit fortschreitender Beobachtung dessen, was inmitten dieses Gewimmels von 2-14jährigen, nationalitäts-…-geschlechtermäßig mehr oder weniger gespaltenem Haufen wirklich en Detail ablief. Klar, dass eine eingehende Betreuung der damit verbundenen Probleme unerlässlich war, und dass nur ein etwas festerer Rahmen mit täglichem Umgangszwang die immer deutlicher sichtbaren Rassismen, Sexismen und die oft in Gewalt oder Bevormundung ausartende Verantwortlichkeit der Älteren gegenüber den Jüngeren würde aufweichen können.
Was darüber hinaus noch mit wachsendem Vertrauen zwischen den zeitweiligen Betreuern und den Betreuten an Erzähltem herauskam, häusliche Verhältnisse etwa, Sonderschulbesuche oder kriminelle Aktivitäten, manchmal alles zusammen, ließ allmählich auch die buntverlockensten Vorstellungen von allen Möglichkeiten eines schwerpunktmäßig offenen Kinderarbeits-Projekts auf der Regenbogenfabrik etwas verblassen – zugunsten der Einsicht, dass für alle vorhandenen Kinder und Jugendlichen eine solide Basis von drei bis vier festen Betreuungseinrichtungen mit Gruppenstruktur vonnöten sein würde.
Für eine solche Fundierung würde zudem auch die effiziente Finanzierbarkeit nach der Legalisierung der Regenbogenfabrik sprechen: auf der anderen Seite war klar, dass sich eine legale Aufsplitterung des vorhandenen Potentials auf die vorgesehenen Kindergruppen mit unterschiedlichen Altersstufen ebenfalls als Fehllösung entpuppen müsste. So war ja aus den Erfahrungen bei der Gründung der Großpflegestelle, die seinerzeit mit dem ausländischen und den deutschen Unterschichtseltern gemacht worden waren, schon die Aversion gegen die ihnen als H und Dr“ erscheinenden Eröffnungstermine, dem Unbehagen an einer Aufteilung ihrer Kinder in diverse Gruppen, ihre Skepsis gegen organisierte feste Betreuung mit etwaigen Verpflichtungen, die sie im Vorhinein eingehen sollten, sowie gegen außerschulische Erziehung an sich bekannt. Damit würde sich also gangbarer Weg zur Strukturierung sukzessiver Einrichtung solcher Gruppeneinrichtungen wer zudem zunächst Ausschlüsse notwendig, würden Konflikte zwischen schon „Gruppen“-Kindern und den restlichen vorprogrammiert, würden ganze Teilgruppen von sich aus absagen, wenn nicht alle Mitglieder dabei sein könnten … Kurz: eine rigide Einteilung auf Einzeleinrichtungen könnte vielleicht Ergebnis dieses ausführlichen Diskussionsprozesses der Kinder-Interessierten auf der Regenbogenfabrik sein, dass weder eine rein einzelgruppenorientierte noch eine nur offene Kinderarbeit möglich sein würde.
Aus dieser Schlussfolgerung wurde die Grundkonzeption einer halboffenen / halbgeschlossenen Mischlösung geboren, die schrittweise institutionelle und finanziell abgesichert werden und mit einsetzender intensiverer Praxis allen noch möglichen Veränderungen und Verbesserungen zugänglich sein sollte.

Ein notwendiges Nebeneinander von verschiedenen Aktivitäten und Gruppen war plan- und durchführbar durch die außergewöhnlichen Möglichkeiten, die das Gelände mit seinem weitläufigen „Garten“ (zumindest in spe!) und den diversen, wenngleich noch teils unbenutzbaren Räumen hat.
Beim schrittweisen Ausbau in Selbsthilfe solle von vornherein eine kindergerechte Bebauung und Ausstattung auch der nicht zum eigentlichen Kinderbereich gehörenden Räumlichkeiten wie Tischlerei, Fahrradwerkstatt, Kultur- und Filmraum, Metallwerkstatt, Musikübungsräumen vorgesehen werden. Der Fabrikhof sollte schwerpunktmäßig als Spielgelände von den Kindern und Jugendlichen selbst mit Spielplatzgeräten und Hüttchen bestückt sowie begrünt werden, aber gleichzeitig als Nachbarschaftsbereich mit Sitzbänken, Grillstellen, Tischen, lauschigen Ecken, auf die die Eltern verweilen können und die für die übrigen Anwohner attraktiv werden und gelegentlichen Stadtteil-, Kinder- und sonstigen Festen, Open-Air-Konzerten, Freilufttheatern und vielleicht sogar gelegentlichen Freilicht-Kinovorstellungen Raum geben.
Da die Vielfalt der Möglichkeiten ohnehin jeden Wochenplan zu sprengen vermochte, sollten die diversen Angebote abwechselnd und nach den jeweiligen Bedürfnissen gestaltet sowie nach den ersten Arbeitserfahrungen erweitert bzw. modifiziert werden.
Daneben sollten zudem für die ständig anwesenden Jugendlichen – mittlerweile ebenfalls auf weit mehr als eine Fußballmannschaft angewachsen – zusätzliche Angebote gemacht werden. Darin sollten auch die sogenannten „Lückenkinder“ einbezogen werden; also diejenigen, die wegen ihrer Zwischen-Kinder- und Jugendlichen-Altersgruppe aus sämtlichen Förder-Richtlinien herauskippen. Ideen dazu gingen in die Richtung von Holz- und Metall-Werkkursen, Fahrradzusammenbau und –Reparatur. Filmvorführ-Lehrgänge und wöchentliche Jugend-Disco.
Mit diesem bunten Regenbogen-Programm im Hinterkopf gelang es den Kinder-Befassten endlich Mitte 1985, im Hinblick auf die bevorstehende Legalisierung Starthilfe-Gelder für den Ausbau zunächst einer Eltern-Initiativ-Kindertagesstätte für 20 Kinder zu erhalten.
Obwohl von Anfang an klar war, dass eine solche Förderung angesichts der geschilderten Ausgangssituation völlig unzureichend sein würde, das Problem des „Herausfallens“ eine bestimmten Gruppe aus dem Gesamtkontingent kaum lösbar sein würde, ein „Run“ der verschiedenen Nationalitäten und Clans zwecks Besetzern dieser Einrichtung mit „ihren“ Leuten einsetzen würde, die Geschwister – und Altersfrage unlösbar sein würde, von Elternmitarbeit geschweige denn von Elterninitiativen keine Rede sein konnte… – trotz aller dieser absehbaren Misslichkeiten also entschloss sich eine Gruppe von drei Leuten aus dem Kreise der Kinder-Interessierten dieses einzig mögliche Angebot eine regelmäßigen Finanzierung wahrzunehmen, um auf einer vorerst schmalen Basis die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen auf der Regenbogenfabrik von wenigstens einer Ecke her angehen zu können.
Anette Schill

Fotos: aus der Broschüre