LIZZY WILL ES WISSEN

Friedrich Engels zum 200. Geburtstag

Präsentiert vom Weber-Herzog-Musiktheater

Do., 14.10.2021 | 20:00 | RegenbogenKino

Liedtexte: Friedrich Engels, Bertolt Brecht, J.W. Goethe, Nazim Hikmet, Erich Mühsam, Pablo Neruda, Ernst Toller, Erich Weinert, Georg Weerth und Christa Weber.

Manuskript: Christa Weber
Musik: Christof Herzog

Mit Christa Weber, Christof Herzog und Edén Galán

In humorvollen wie gedankenreichen Spielszenen, Liedern und Dialogen zwischen Engels und seiner Lebensgefährtin Lizzy Burns, einer irischen Arbeiterin, zeigt das Stück Friedrich Engels als eine umfassend gebildete wie auch eingreifende und kämpferische Persönlichkeit.
Durch ihre zupackende Art bringt Lizzy Burns Friedrich Engels dazu, komplizierte wissenschaftliche Zusammenhänge und philosophische Themen in einer anschaulichen Weise zu erklären.

In vielen Zitaten aus den verschiedensten Schriften von Engels wird die Aktualität seines theoretischen wie politischen Wirkens veranschaulicht, wie z.B. der verhängnisvolle Zusammenhang zwischen kapitalistischer Produktion und Naturzerstörung.

Dauer ca. 90 Minuten.

Weitere Infos hier.

Es gilt die 3G-Regel.
Eintritt frei, Spenden willkommen.

Martha und der Drache

Den nachfolgenden Text hatten wir bereits 2004 gefunden, als wir uns auf unsere erstmalige Teilnahme am Tag des offenen Denkmals vorbereiteten. Wir wollten unseren Kiez neu kennenlernen und verwunderlich war es nicht, dass wir bei Klaus Duntze fündig wurden. 1977 initiierte er die „Strategien für Kreuzberg“. Über die muss auch noch berichtet werden. Da entstanden erste Ansätze, Planungsbeteiligte und Betroffene im Stadtteil zusammenzubringen.

Obacht: Der Text ist sehr lang, möge jede:r rausziehen, was interessant ist. Auf jeden Fall wird klar, wie viele verschiedene Akteure Kreuzberg über die letzten 150 Jahre geformt haben.

Klaus Duntze
Martha und der Drache

Dem Kundigen im Stadtteil, der sich die Martha-Kirche in SO 36 betrachtet, fällt eine überraschende Ähnlichkeit und Entsprechung auf: Der U-Bahnhof am Schlesischen Tor, vom Büro Griesebach gebaut, weist dieselben architektonischen Gestaltungsmerkmale auf, wie die Kirche im Hof der Glogauer Straße von Dinklage und Paulus. Das Rätsel der Urheberschaft läßt sich lösen: Von 1901 bis 1902 war August Dinklage (1849–1920) Mitarbeiter von Hans Griesebach (1848–1904) und hat selbständig, in seiner Handschrift, den Bahnhof Schlesisches Tor mit Turm, Gewölben und Treppenhäusern im Stil deutscher Renaissance entworfen. Was aber hat den Bahnhofsarchitekten bewogen, mit seinem Kollegen Ernst Paulus (1868–1935) zusammen die zwei Jahre später fertiggestellte Martha-Kirche ebenfalls im Renaissance-Stil zu bauen? Wenn es nicht Phantasielosigkeit war, muß es eine tiefer gehende Entsprechung zwischen dem Bahnhof und der Kirche geben, der die sich gleichende Formensprache angemessen schien. Diese Frage führt unmittelbar in die Entstehungsgeschichte des Berliner Südostens mit seinen Menschen und Gebäuden.

Seit der Separation in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts war das Köpenicker Feld im Berliner Südosten das wichtigste Gebiet der Stadterweiterung. Mit der Planung von Hobrecht 1862 und dem Bau des Kopfbahnhofes der Berlin- Görlitzer Eisenbahn – noch außerhalb der 1867/68 abgerissenen Akzisemauer – entstand eines der typischen Gründerzeitquartiere Berlins, die äußere Luisenstadt. Der Bedarf an Wohnraum wie an Arbeitsstätten in der später so genannten »Kreuzberger Mischung« war Ausdruck einer neuen Zeit, des Industriezeitalters. Massenproduktion verlangte nicht nur neue Techniken der Herstellung, sondern auch neue Verkehrssysteme, vor allem aber Massen von Arbeitskräften, die die Maschinen bedienten, die Güter transportierten, die Häuser und Fabriken bauten.

August Orth (1828–1901), der den Görlitzer Bahnhof errichtete, gab diesem Zweckbau des Transportwesens eine seiner Funktion weit überhöhende Gestalt; Bahnhöfe als »Kathedralen der Moderne« wurden zu Ikonen der neuen Zeit. Aber dieser Bahnhof im Berliner Südosten war auch das Einfallstor für die Massen, die vom Lande, aus der Lausitz, aus Schlesien in die Großstadt strömten, um dort ihr Glück zu machen. Viele blieben in der unmittelbaren Umgebung des Görlitzer Bahnhofs hängen; die Namen der umliegenden Straßen und Plätze sind Herkunftsnamen: Sorauer, Oppelner, Reichenberger, Ohlauer und Liegnitzer Straße, Lausitzer Platz und Spreewaldplatz.

August Orth war nicht nur Bahnhofsarchitekt, sondern auch Stadtplaner und einer der bedeutendsten Kirchenbauer im Berlin seiner Zeit. Als er 1891 bis 1893 die Emmauskirche am Lausitzer Platz baute – mit 2.400 Sitzplätzen die größte Berliner Kirche, größer als der Dom –, schuf er mit dem Görlitzer Bahnhof ein städtebauliches und architektonisches Ensemble, das programmatisch für dieses Zeitalter war. Denn die Industrialisierung aufgrund der technischen Erfindungen in Produktion und Verkehr brachte ja auch eine ungeheure soziale Umwälzung mit sich. Der Ansturm auf die Stadt Berlin, die unvorstellbare Notlage der entwurzelten Massen brachte die Gesellschaft aus den Fugen, machte Großstädte wie Berlin fast unregierbar. Und hinter den ökonomischen Problemen tauchte immer dringlicher die Frage nach dem gesellschaftlichen Konsens auf, in dem die Schichten und Klassen in Volk und Land zusammengehalten wurden. Die führenden Schichten, vor allem die Regierenden, setzten auf die Religion, konkreter hier: den preußischen Protestantismus als die integrierende Kraft, die bei allen Diskrepanzen und Brüchen, Klassengegensätzen und -schranken doch einen gemeinsamen Nenner darstellen und die soziale Frage entschärfen sollte. Wilhelm II., damals noch Kronprinz, hielt 1887 bei der Gründungsversammlung der Berliner Stadtmission, einer die Gemeindearbeit flankierenden kirchlich-sozialen Einrichtung, eine programmatische Rede:

In den großen Volksmassen, namentlich der großen Städte, nehmen die Umsturz- Ideen immer mehr überhand. Gesetze und Gewaltmaßregeln sind dagegen nicht ausreichend. Der wirksamste Schutz für Thron, Altar und Vaterland besteht darin, die der Kirche entfremdeten Massen zum Christenthum und zur Kirche zurückzuführen. Dazu muß der christlich-sociale Gedanke mehr Ausbreitung gewinnen. Durch die Verkündigung und Bethätigung des Evangeliums müssen wir uns besonders der armen, verwahrlosten Massen annehmen. Die Kirche ist die Macht, die hier hauptsächlich mit dauerndem Erfolg arbeiten kann und muß. Da aber die Kirche vorläufig keine ausreichende Macht in den großen Volksmassen besitzt, müssen nicht nur in Berlin, sondern in allen großen Städten Stadtmissionen und ähnliche Werke begründet und dauernd unterstützt werden. Dazu aber müßten sich alle treuen Männer ohne Unterschied der kirchlichen und politischen Parteistellung vereinigen und im gegenseitigen Vertrauen zusammenarbeiten zu einem nachhaltigen Widerstande gegen die Socialdemokratie und den Anarchismus, die sich in immer gefahrdrohenderer Weise organisieren. Somit werde eine Hebung der großen Volksmassen nicht nur kirchlich und moralisch, sondern auch politisch stattfinden …

Es war nur folgerichtig, daß der Gründung der Berliner Stadtmission 1887 im Jahre 1890 die Gründung des Evangelischen Kirchenbauvereins folgte, der sich zum Ziel setzte, in den so schnell wachsenden Arbeiterquartieren Kirchen und Gemeindehäuser zu errichten, um die missionarische Arbeit unter den proletarischen Massen in eine geordnete pariochale Betreuung überzuleiten. Hauptakteur dieses großangelegten Kirchbauprogramms war der Kammerherr ihrer Kaiserlichen Majestät, Graf Mirbach, von seiner Hohen Herrin darin tatkräftig – auch finanziell – unterstützt; ihr Spitzname „Kirchenjuste“ bezieht sich auf dieses Engagement im Rahmen der Konservativen Revolution, denn nichts anderes bedeutet ja diese Strategie, um die ökonomisch-technische und soziale Umwälzung der Gesellschaft zu bewältigen.
Wie die Bahnhöfe zu Symbolen der technisch-funktionalen Dimension der neuen Zeit wurden, so sollten die Kirchen der Arbeiterquartiere Symbole der religiössozialen Identität der Industriegesellschaft werden.

Der kirchliche Notstand im Berliner Südosten

Im Rahmen dieses Programms zur Unterstützung, Hebung und Kontrolle der Massen in den schnell erstandenen Arbeiterquartieren entstand auch die Martha-Kirche im Berliner Südosten. Wilhelm Betenstedt (1857–1926) und Otto Baumann (1859–1924), die Gründungspfarrer, beschreiben in der Festschrift die Situation im Stadtteil wie in der Kirche, die zur Schaffung der Martha-Gemeinde und den Bau ihrer Kirche geführt hat:

Die Emmausgemeinde wurde im Jahre 1887 von der Thomasgemeinde abgezweigt. Leider begann der kirchliche Notstand in Emmaus bereits mit der Abzweigung, denn die neue Gemeinde zählte schon bei ihrer Begründung ungefähr 70.000 Seelen, welche im Jahre 1890 auf 95.384, 1895 auf 100.634, 1900 auf 109.053 stiegen. Die 1893 eingeweihte Emmauskirche bot allerdings 2.100 Sitzplätze, konnte aber bei solchen Massen natürlich nicht genügen. Leider entsprach auch die geistliche Versorgung auf Jahre hinaus wenig dem Bedürfnis. Die Zahl der Geistlichen wurde 1889 von 2 auf 3 erhöht, blieb dann aber trotz der ungeheuren Größe der Gemeinde unverändert bis zum Jahre 1896, wo zunächst auch nur zwei Hilfsprediger hinzukamen; und welche Masse von Amtshandlungen war zu verrichten! 1890 wurden in der Gemeinde 2.593 Kinder getauft. 1.322 Konfirmanden unterrichtet, 240 Paare getraut, 435 Beerdigungen mit geistlicher Begleitung vollzogen. 1895 waren es bereits 2.797 Taufen, 1.723 Konfirmanden, 441 Trauungen, 455 Beerdigungen mit kirchlicher Begleitung!
Es ist selbstverständlich, daß solche Aufgaben beim besten Willen nicht von ein paar Geistlichen ordentlich erfüllt werden konnten. Und wie wenig konnte da durch seelsorgerliche Hausbesuche die so notwendige Fühlung mit der Gemeinde gewonnen und erhalten werden! Unter diesen Umständen war es nicht zu verwundern, daß sich die Propaganda der Katholiken und Sekten sehr fühlbar machte. 1900 waren für die 14.497 Katholiken bereits zwei gottesdienstliche Stätten innerhalb der Emmausgemeinde vorhanden. Dazu hatten die Methodisten (Reichenbergerstraße 74 a) einen Betsaal, die Heilsarmee (Manteuffelstraße 49) ein Versammlungslokal eingerichtet.
Auch andere Sekten, namentlich die Evangelische Gemeinschaft (Oranienstraße 33) machten sich bemerkbar. Nimmt man hinzu, daß der Südosten Berlins seit Jahren die unbestrittene Domäne der Sozialdemokratie ist, so leuchtet wohl ein, daß ein brennender kirchlicher Notstand in Emmaus vorhanden war, der dringend Abhilfe erheischte.

Ein Schritt der Abhilfe war die Zerlegung der riesigen Emmausgemeinde in drei Gemeindebezirke, aus denen nach der Jahrhundertwende drei eigenständige Gemeinden wurden: Emmaus, Martha und Tabor, zu denen 1920 noch als vierte die Ölberg-Gemeinde kam. Emmaus-Süd, die spätere Martha-Gemeinde, wurde durch eigene Gremien und Kreise schon auf die Selbständigkeit vorbereitet; Herzstück war das Projekt einer eigenen Kirche mit Pfarr- und Gemeindehaus.

Der Kirchbau in Emmaus-Süd, die Martha-Kirche

Für den Bau mußten erhebliche Schwierigkeiten überwunden werden. Die im Hobrechtplan, dem grundlegenden Plan für die Stadtentwicklung aus den 60er Jahren, für den Südosten vorgesehenen Stadtplätze wurden nicht realisiert, so daß die Stadtsynode (der verwaltungsmäßige Zusammenschluß der Berliner Kirchengemeinden) auf Grundstücke am Immobilienmarkt zurückgreifen mußte, und da war nicht mehr viel zu holen. Es blieb ein sogenanntes Hammergrundstück in der Glogauer Straße für 220.000 RM, 70 Meter tief, zur Straße 20 Meter, im Hof 50 Meter breit. Es wurde eine knifflige Aufgabe für die entwerfenden Architekten, darin Kirche, Pfarrhaus, Gemeinderäume und soziale Einrichtungen wie Kinderkrippe und Suppenküche unterzubringen. Die unkonventionelle Lösung war: Kirche und Gemeindehaus auf den Hof und das Pfarrhaus mit den Glockentürmen zur Straße. Damit entsprach diese kirchliche Anlage der »Kreuzberger Mischung«, wie sie sich in der Entwicklung der Luisenstadt von der Ackerbürgerstadt zum Mischgebiet von Wohnhäusern und Arbeitsstätten entwickelt hatte: Wohnen zur Straße, alles andere – Werkstätten, Fabriken, Schulen und sogar Kirchen – auf dem Hof.

Aber nicht nur in der Grundstücksnutzung lag der Bau für die Martha-Gemeinde im Zug der Zeit. Die programmatische Planung eines Gemeindezentrums mit Kirche, Gemeindehaus mit Sozialeinrichtungen sowie Wohnungen für zwei Gemeindeschwestern aus dem Diakonissenmutterhaus Bethanien machte deutlich, daß auch für diese allerhöchst geförderte Kirche der »christlich-sociale Gedanke« richtungweisend war. Zunächst konnte jedoch nur die Kirche selbst errichtet werden. Das Pfarrhaus entstand erst 1912, das Gemeindehaus-Projekt blieb in den Kriegs- und Nachkriegswirren stecken. Die Konflikte um die Finanzierung waren ebenfalls zeitgemäß:
Landeskirche und Magistrat von Berlin stritten sich bei jedem Kirchbau um die sogenannte Baulast, die sich aus dem Visitationsbescheid von 1573 herleitete und den Patron zur Bereitstellung von Grundstück und Materialien bzw. finanziellen Ersatzleistungen verpflichtete. Die Kommune weigerte sich seit 1868, diese Verpflichtung anzuerkennen, wurde aber regelmäßig durch »resolutorische Festsetzung« des Polizeipräsidenten zur Zahlung gezwungen, die sie jedoch nur unter Protest leistete, so daß sie nach der günstigen Entscheidung des Reichsgerichtes (1904) von der Stadtsynode über zwei Millionen RM zurückerstattet bekam, darunter auch die für die Martha-Kirche gezahlte Summe von 223.952,60 RM.

Doch nach dem Baubeginn im Dezember 1902 und der – verregneten – Grundsteinlegung am 14. April 1903 ging der Bau erstaunlich schnell vonstatten: Am 29. Mai 1904 wurde in Anwesenheit des Kronprinzen und unter Teilnahme der höchsten Würdenträger des Staates, der Stadt und der Kirche die Martha-Kirche eingeweiht. Die Schirmherrschaft der Kaiserin hatte der Kirche nicht nur eine kostbare Altarbibel und den Altar für 6.500 RM eingebracht, sondern auch die Zustimmung zu einem Namen, der für die künstlerische Ausstattung Programm werden sollte – doch dazu später.
Die eigenartige und bedrängte Grundstücksituation hatte den Architekten einiges an originellen Lösungsansätzen abverlangt. Zwei Seiten der Kirche, nach Osten und Süden, waren Brandmauern zu den Nachbargrundstücken, so daß in ihnen keine Fenster eingesetzt werden konnten. Die Architekten lösten die Belichtungsfrage für den Kirchraum, indem sie außer den übergroßen Nordfenstern zum Garten zwei große Oberlichter in die Gewölbeabschlüsse der beiden Joche einfügten und damit die Einseitigkeit des fast quadratischen Raumes milderten. Auch hinderte sie die stilistische Anlehnung an die deutsche Renaissance nicht, einen sehr modernen Dachstuhl aus Eisenträgern zu errichten. Die Lage im Hinterhof und die Versetzung der Glockentürme auf das Pfarrhaus degradierten den Turm an der Nordwestecke zum Aufgang zu den beiden Emporen mit einer höchst listig übereinander gewendelten Doppeltreppe. Durch die massive Ausbildung der Seitenemporen auf flachen Jochbögen, auf denen die Säulen mit eigener Basis neu ansetzten, wirkte jedoch der Kirchraum im Erdgeschoß streng längsorieniert, auf den erhöhten Altarraum samt Taufstein und Kanzel ausgerichtet.
Da die umlaufenden Emporen den Altarraum aussparten, standen die Säulen dort als Doppelsäulen übereinander; die Basis der oberen auf dem Kapitell der unteren. Diese architektonische Schwäche zeigte sich auch in der Ausgestaltung des Altarraums: Bis zur Höhe der Empore war ein Sockel gemalt, auf dem dann eine Gruppe alt- und neutestamentlicher Personen zur Anbetung der Dreifaltigkeit postiert waren. Diese »Krypta ohne Dach«, wie der Kirchraum im Parterre wirkte, seine Guckkastenausrichtung auf den Hochaltar und die architektonische Inkonsequenz des Altarraums waren wichtige Gesichtspunkte beim Umbau der Kirche 1970/71.

Die dienende und die bekennende Martha

Abgesehen von diesen Schwächen war ein eindrucksvoller Bau entstanden, dessen Ausgestaltung ebenfalls Antwort geben wollte auf die Herausforderungen der Zeit. Es ist nicht mehr festzustellen, was die Gremien der Emmaus-Gemeinde bewogen hatte, der kaiserlichen Schirmherrin den Namen der tätigen Freundin Jesu vorzuschlagen. In den Evangelien sind Martha zwei Geschichten gewidmet, in denen diese Frau in sehr verschiedenen Situationen gezeigt wird:
Im Lukas-Evangelium (Kap. 10, V. 38–42) wird erzählt, wie Jesus in ihrem und ihrer Schwester Maria Haus in Bethanien einkehrt; Martha kümmert sich bis zur Erschöpfung um das leibliche Wohl des Gastes, während Maria zu dessen Füßen sitzt und seinen Worten lauscht. Jesu Antwort auf Marthas Beschwerde – der Meister soll Maria in die Küche schicken –, ist ambivalent: »Martha, Martha, du machst dir wahrlich viel Sorge und Mühe um mich. Maria aber hat das bessere Teil erwählt, das soll nicht von ihr genommen werden.«
Der dienenden Martha bei Lukas aber steht die bekennende Martha im Johannes- Evangelium (Kap. 11, V. 20–27) gegenüber: Als die Schwestern Jesus nach Bethanien rufen, weil ihr Bruder Lazarus im Sterben liegt und Jesus sich so wenig beeilt, daß Lazarus bei seiner Ankunft schon drei Tage im Grabgewölbe ruht, da bekennt Martha auf Jesu Frage hin ihn als Messias, der auch die Toten wieder ins Leben rufen könne. So gab in der alten Martha-Kirche vor der Kriegszerstörung das eine der beiden großen Glasfenster an der Nordseite die dienende, das andere die bekennende Martha wieder. Darüber hinaus wurden in den kleineren Glasfenstern unter der Empore Frauengestalten des Alten und Neuen Testaments sowie der Kirchengeschichte und in den Reliefs an der Außenwand der Kirche Frauengestalten aus den Gleichnissen Jesu abgebildet. Die Reliefs in den Emporenbrüstungen stellten das Leben Jesu von der Verkündigung seiner Geburt bis zur Begegnung Maria Magdalenas mit dem Auferstandenen dar.
Auch in diesen Bildern dominieren die Frauen – das ikonographische Programm reizt zur Frage nach seiner Botschaft an dieses Berliner Arbeiterquartier. Es ist das religiös gefärbte Wunschbild von der Frau, wie es in der Kirche und den bestimmenden Schichten der bürgerlichen Gesellschaft zur Kaiserzeit lebendig war. Der Streit um das Frauenwahlrecht, das in der Kirche ebensowenig vorhanden und gewünscht war, wie in der Politik, die Abwehr von Frauenstudium und das Eindringen der Frauen in die akademischen Berufe, schon gar in politische Strukturen – die dienende Martha, reduziert auf Kinder, Küche und Kirche, erscheint in den Bildwerken dieses Kirchbaus in vielfältigen Varianten. Aber als bekennende Martha, die um Jesu willen nicht einmal den Tod, weder den ihres Bruders noch ihren eigenen, fürchtet, hat sie die inneren Kräfte, um auch als Proletarierfrau sich in die angeblich gottgewollte Klassen- und Geschlechterordnung zu fügen. Wie ernst es den geistlichen und künstlerischen Initiatoren dieses Programms war, kann in der Chronik der Gemeinde vor allem in den Kriegs- und Notzeiten nachvollzogen werden. Die notgedrungene Selbständigkeit der Arbeiterfrauen und Kriegerwitwen war den Geistlichen von St. Martha ebenso unheimlich wie den anderen staats- und kriegstragenden Schichten. Späteren Zeiten blieb es vorbehalten, einen anderen Blick auf die Schutzheilige dieser Kreuzberger Kirche zu werfen.

Kriegszerstörung, Wiederaufbau und Umbau

Die Kriegs- und Nachkriegsnöte des Ersten Weltkrieges, die Weimarer Zeit und die Vorkriegszeit des Dritten Reiches tangierten zwar die Substanz der Gemeinde erheblich, ließen die Kirche aber unverändert. Der Zweite Weltkrieg brachte dann erhebliche Zerstörungen an der Kirche und am Pfarrhaus.
Bombentreffer im Juni 1944, Granattreffer in den letzten Kriegstagen zerstörten den Treppenturm der Kirche, beschädigten Dach und Gewölbe schwer, machten die Orgel irreparabel und kappten die Spitzen der Glockentürme auf dem Pfarrhaus. Während die Wohnräume bald notdürftig wiederhergestellt waren und die Gemeinde sich für Gottesdienste und Veranstaltungen mit der Vorhalle behalf, dauerte die Instandsetzung der Kirche bis 1953, der Einbau der neuen Orgel von der Firma Schuke bis in die 60er Jahre. Die großen Glasfenster der Empore wurden vermauert, teils mit Glasbausteinen. Die Glasmalereien unter der Empore wurden unter Beibehaltung der Thematik neu gestaltet, den leidenden Christus in der Rosette an der Stirnseite der Kirche ersetzte eine stilisierte Martha, kniend, mit Schlüsselbund, die dienende.

Daran nahm niemand Anstoß; als 1966 ein neuer Pfarrer eingeführt wurde, fragte man ihn beim Empfang, welche der beiden Schwestern, Maria oder Martha, er denn geheiratet hätte, und lieferte die Antwort gleich mit: die dienende natürlich. Da weiß man doch, was man hat.

Erst in der Folge des gesellschaftlichen Umschwungs ab 1968 wurde im Kirchenkreis Kreuzberg (damals noch unter der alten Bezeichnung Kölln-Stadt) die Rolle der Gemeinden unter dem Motto »Kirche in der Stadt – Kirche für die Stadt« neu bedacht. In Martha war die Raumsituation der Auslöser für umfassendes Nachdenken und Planen: Der Kirchraum war für die auf ca. 3.500 geschrumpfte Zahl ihrer Mitglieder – ein Zehntel gegenüber der Gründungszeit! – viel zu groß, Arbeitsräume für Gemeindegruppen aber wurden immer dringlicher – das nie gebaute Gemeindehaus fehlte an allen Ecken.
So kam 1969 die Idee auf, die Kirche in ihrer Höhe zu teilen, um den Gottesdienstraum zu verkleinern und neu zu ordnen, im Erdgeschoß aber die Räume für Senioren, Jugend, Miniclub und einen großen Raum mit Bühne zu schaffen. Während für die Pfarrer, Mitarbeiter und den Gemeindekirchenrat dieses Projekt als ein Gegenmodell zur beginnenden Kahlschlagsanierung in Kreuzberg verstanden wurde (an dem die Umnutzung von funktionslos gewordenen Gebäuden der »Kreuzberger Mischung« demonstriert werden konnte), stellte der zuständige Oberkonsistorialrat bei einem Ortstermin die Frage: »Was kostet es, diese ganze Scheußlichkeit abzureißen und etwas Vernünftiges hinzubauen?«
Nun, der Umbau durch die Architekten Harting und Strauchmann 1970/71 kostete einschließlich der neuen Inneneinrichtung etwas über eine Million, brachte Martha ein Gemeindehaus unter einem Dach mit der Kirche und eine Neuordnung des Gottesdienstraumes nach einem zeitgemäßen Gemeindeverständnis: der Altar als einfacher Tisch in der Mitte des nun zentralen Raumes, die Gemeinde im Kreis um den Altar, Kanzel und Lesepult in der Kreislinie.
Eine bewegliche Bestuhlung ermöglicht auch eine andere Orientierung des Raumes, etwa die Ausrichtung zur Orgelempore bei Konzerten oder das Arbeiten mit Stellwänden bei Ausstellungen. Die Zwischendecke wurde in der Höhe der Emporen gezogen, so daß sie den Altarraum an der Stelle durchschneidet, wo die Doppelsäulen aufeinanderstießen; die Säulen auf den Seitenemporen stehen nun auf dem neuen Boden des Kirchraums. Gegen den Widerstand der kirchlichen Bauaufsicht wurde durchgesetzt, daß die Gestaltungselemente, vor allem die Glasfenster, Reliefs, das Altarbild und die Kanzel, wieder einen angemessenen Platz im Raum fanden; die alte Kirche sollte in der neuen aufgehoben sein, im doppelten Sinne dieses Wortes.
Die großen Fenster zur Gartenfront wurden von der Notvermauerung befreit, das Maßwerk ergänzt und in einem warmen hellen Grau verglast. Der Taufstein wanderte zwischen die Arme des neuen Treppenaufgangs und damit an den traditionellen Platz im Eingangsbereich des Kirchraumes. Unten wurde der Altarraum zur Bühne des Gemeindesaals, die Fenster zum Garten wurden zu Türen erweitert und zwischen die Stützpfeiler zwei Terrassen gesetzt, so daß von Miniclub und Gemeinderaum eine direkte Verbindung zum großen grünen Hofgarten entstand. Die Sakristei wurde zur Teeküche. Zwischen den Säulen unter den Emporen wurden bewegliche Stellwände eingefügt, so daß die einzelnen Räume zwar ihrer Bestimmung gemäß eingerichtet, in ihrer Größe aber veränderbar waren. Um die hallige Akustik des Kirchraums zu verbessern, wurden die Emporenwände an der Nordseite schallschluckend verkleidet, im Altarbereich wurde ein handgewebter Wollteppich ausgelegt.

Kirche im Stadtteil, Kirche für die Stadt

Getragen wurde dieser Umbau von einer neuen Orientierung der Gemeinde auf den Ort, an dem sie Gemeinde ist und wo die Kirche steht, den Stadtteil, den Kiez. Die Verantwortung nicht nur für das Seelenheil, sondern auch für das Wohl der Menschen einer Parochie war die zeitgemäße Erneuerung des »christlich-socialen Gedankens« aus der Kaiserzeit. Nun aber nicht mehr als Instrument der Staatserhaltung und Gesellschaftsbefriedung, sondern unter der Zielsetzung der Selbstverantwortung und Selbstverwaltung eines Gemeinwesens durch seine Bürger – ganz in der Tradition der Steinschen Städteordnung aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts, deren Verwirklichung in Berlin auch immer von den Bürgern und Honoratioren der Luisenstadt getragen wurde.
Ausdruck dieses neuen Aufbruchs war 1977 das Projekt »Strategien für Kreuzberg«, das von den Kirchengemeinden in SO 36 ausging und zu einer Stadterneuerung führte, bei der die Bewohner schon bei der Planung, dann aber auch bei der Realisierung und der Verfügung über die erneuerten Häuser, Straßen und Einrichtungen des Stadtteils mitbestimmen konnten.

Es war kein Zufall, daß der Bund Deutscher Architekten schon 1974 seinen Kongress zum Thema »Milieu« in der umgebauten Martha-Kirche abhielt und die Präsentation der Zwischenergebnisse zu den »Strategien« anlässlich des Deutschen Evangelischen Kirchentags im Juni 1977 dort standfand.

Als in dieser Zeit durch Wechsel in der Stellenbesetzung eine Pfarrerin die Verantwortung in der Gemeinde übernahm, erfuhr die Schutzheilige der Gemeinde noch einmal eine andere Wahrnehmung und Interpretation, an die die Gründungsväter der Martha-Kirche gewiß nicht gedacht hatten. In den frühchristlichen Legenden wird erzählt, daß Martha mit ihren Geschwistern Maria und Lazarus nach Südfrankreich verschlagen wurde. Dort besiegte sie im Rhonetal mit Kreuz und Weihwasser den furchtbaren Drachen Tarascus, und anders als der totschlaggewaltige St. Georg führte sie ihn an ihrem Gürtelband mit sich, gezähmt. Die Festschrift zum 80jährigen Bestehen von Kirche und Gemeinde zeigt die Drachenbändigerin als Titelemblem und steht für eine frauen- und emanzipationsorientierte Gemeindearbeit, die sich vor allem in der Einrichtung des Frauencafés ausprägte.
So stellt sich die Gemeinde mit ihrer Kirche immer wieder aufs Neue den Herausforderungen der Zeit, bleiben auch die Steine nicht tot, sondern in lebendiger Verwandlung.

Welche Zukunft Kirche und Gemeinde unter den finanziellen Einbrüchen der jüngsten Zeit haben, ist noch nicht abzusehen.

In SO 36 gibt es vier sehr große Kirchen – St. Thomas, Emmaus, Tabor, Martha – und die kleine Ölbergkirche für einen Bruchteil der Kirchenangehörigen gegenüber ihrer Entstehungszeit. Die Frage nach neuer Nutzung für diese alten Kirchen ist dringlich, und nicht nur in Martha, auch in Tabor und jüngst in Emmaus sind durch Einbauten und Umbauten die Nutzungsmöglichkeiten für die Gemeinden verbessert und erweitert worden.

Aber bei der Rücknahme der Gemeindeteilungen aus dem Anfang des Jahrhunderts werden wohl auch Kirchenstandorte aufgegeben werden müssen. Bei allen denkbaren Lösungen wird es aber darauf ankommen, daß die Würde des Raumes und seine Geschichte respektiert, ja mit der neuen Verwendung angenommen und beantwortet werden – das Alte in dem Neuen aufgehoben.

Quelle: https://berlingeschichte.de/bms/bmstext/9812prod.htm

Das Kurdische Film Festival Berlin 14.10. bis 20.10.2021

Nächsten Donnerstag beginnt die 11. Edition des kurdischen Filmfestivals in Berlin. Insgesamt 40 Filme werden im Kino Babylon in Berlin Mitte und im Kino Moviemento in Kreuzberg gezeigt, mit dem Themenfokus auf Bashur (Südkurdistan). Begleitend werden Gesprächsrunden stattfinden und es wird ein extra Kinderprogramm angboten.

Kurdistan ist ein Gebiet in Vorderasien, das Teile Syriens, Irans, Iraks und der Türkei umfasst. In der Türkei sind 25% des Territoriums kurdisch, hier stellen Kurden die größte Minderheit mit geschätzt 20-25% der Bevölkerung dar. Die Grenzen sind größtenteils nicht exakt definiert und es bestehen Konflikte mit Nachbarstaaten um das Territorium. Es ist kein offizielles Land, aber es gibt ein autonomes kurdisches Gebiet im Irak.
Besonders in Syrien und in der Türkei werden Kurden stark unterdrückt und dürfen ihre Kultur und ihre Sprache nicht frei benutzen und verbreiten. Deswegen sind viele kurdische Menschen geflüchtet und jetzt in der ganzen Welt präsent: es werden weltweit zirka 25-30 Millionen Kurden und fast 90.000 in Berlin gezählt.

Aus der Seite des Festivals:

Diverse Aufstände, die auch immer wieder in Filmen thematisiert werden, wurden zumeist zerschlagen, wodurch der Traum von einem unabhängigen Kurdistan inzwischen zum Albtraum geworden ist.

Das Kurdische Filmfestival Berlin, veranstaltet von mîtosfilm, wurde 2002 von Mehmet Aktaş gegründet und findet unter der Leitung von Roj Hajo zum elften Mal statt. In seiner Einzigartigkeit ist das Festival die größte Veranstaltung zum kurdischen Film in Europa.
Das breitgefächerte Programm ermöglicht Einblicke in die Vielfalt der kurdischen Gesellschaft und schafft Raum für persönliche Begegnung und Austausch zwischen Filmschaffenden und dem Berliner Publikum. Das Programm setzt sich aus Kurz-, Dokumentar- und Spielfilmen zusammen und präsentiert sowohl Werke von Filmschaffenden aus den vier Teilen Kurdistans — Bashur (Süden), Rojhilat (Osten), Bakur (Norden) und Rojava (Westen) — und der Diaspora, als auch prägnante Werke europäischer Filmschaffender über Kurd:innen.
Ergänzt wird das Filmprogramm durch Rahmenveranstaltungen wie Filmgespräche, Podiumsdiskussionen und Konzerte.

Neben den physischen Aufführungen in den oben genannten Kinos ist das Programm mit einem Online-Pass auch dieses Jahr wieder für ein weltweites Publikum zu Hause am Bildschirm zu erleben.

https://www.baf-berlin.de/blog/archives/5947-11.-KURDISCHE-FILMFESTIVAL-BERLIN.html

Hier das PDF-Programm:

Seite zum Festival und Text:

https://www.baf-berlin.de/blog/archives/5947-11.-KURDISCHE-FILMFESTIVAL-BERLIN.html

Mehr Infos zur kurdischen Bevölkerung in Berlin:

http://kurdisches-zentrum.de/ueber-uns.html

Stolpersteine in der Lausitzer Straße

2005 beteiligte sich die Regenbogenfabrik zum zweiten Mal am Tag des offenen Denkmals. Das bundesweite Thema lautete „Krieg und Frieden“.

Das Motto nahmen wir zum Anlass, uns damit zu beschäftigen, was in der Fabrik und in der Nachbarschaft in der Zeit des Nationalsozialismus geschehen war.

Mit Hilfe des Bezirksmuseums Friedrichshain-Kreuzberg fanden wir heraus, dass jüdische Mitbürger:innen aus dem Haus Lausitzer Straße 31 deportiert und ermordet worden waren.
Wir beschlossen, zu ihrem Gedenken Stolpersteine verlegen zu lassen.

Stolpersteine sind in den Bürgersteig eingelassene, mit Messingtafeln versehene Pflastersteine, die vor der Haustüre der ehemaligen Wohnorte von Verfolgten des Naziregimes in den Boden gesetzt werden. Auf den Steinen, die je 10 x 10 cm groß sind, werden die Namen der Opfer des Nationalsozialismus sowie die Geburts- und Todesdaten eingraviert.

Von 1941 bis 1945 wurden etwa 55.000 jüdische Einwohner und Einwohnerinnen aus Berlin verschleppt und ermordet. Unter ihnen auch 7 Bewohner und Bewohnerinnen aus der Lausitzer Straße 31.
Dabei handelt es sich um vier Angehörige der Familie Steinmesser, Frau Kestel geb. Bach (Gans) und Kurt und Hulda Moses, geborene Spitz. Sie alle wurden zwischen 1942 und 1943 aus ihrem Wohnhaus an der Lausitzer Straße 31 deportiert, und gelten als verschollen und wurden in unterschiedlichen Konzentrationslagern ermordet.

Mit unserer Idee wandten wir uns an die Bewohner und Bewohnerinnen der Lausitzer Straße 31 und der Nachbarschaft, aber auch an die Besucher:nnen beim Denkmalfest und baten darum, die Verlegung der Stolpersteine finanziell zu unterstützen. Vier Gedenksteine für die Familie Steinmesser hatten wir uns als ersten Schritt vorgenommen. Das Setzen der Steine für die Familie Steinmesser fand am 15. Mai 2006 statt. Für Hulda und Kurt Moses wurden die Steine im Juli 2007 verlegt.

Noch ein paar Worte zu den Stolpersteinen: Anfang der 90er Jahre konzipierte der 1946 in Berlin geborene Künstler Gunter Demnig die „Stolpersteine“ als dezentrale Denk- und Mahnmale. Das Stolperstein Projekt erinnert an alle Opfergruppen: Juden, Roma und Sinti, Euthanasieopfer, Homosexuelle sowie Menschen, die aus politischer oder religiöser Überzeugung in Opposition zum Nationalsozialismus standen, seien dies Kommunist:innen, Sozialdemokrat:innen, Katholik:innen, Protestant:innen, Zeugen Jehovas oder andere. Denn jede und jeder, die bzw. der nicht ins Menschenbild des Nationalsozialismus passte oder sich nicht einfügte, hatte mit Repressalien, Folter und letztlich mit Vernichtung zu rechnen.
Mit einem Stolperstein bekommt eine vom Nationalsozialismus verfolgte und in dessen Folge zu einer Nummer degradierte Person ihren Namen wieder. Deren Identität und Schicksal sind, soweit bekannt, auf dem Stein ablesbar. Das Stolperstein Projekt erinnert an die Biographie der Verfolgten und macht zugleich die jeweilige Lokalgeschichte zur Zeit des Nationalsozialismus sichtbar.

Das „Stolpern“ findet im übertragenen Sinne, also gedanklich in den Köpfen derer statt, die den Stein wahrnehmen, innehalten, sich erinnern und nachdenken.

Gunter Demnigs Gedenksteine berühren, weil sie Menschen in die Gegenwart holen, die einst im eigenen Kiez oder sogar im eigenen Haus gelebt haben, aber ihrer Gegenwart beraubt und vernichtet worden sind.  „Auschwitz war das Ziel und Endpunkt, aber in den Wohnungen und Häusern begann das Unfassbare, das Grauen“, erklärte der Künstler zu seinem Stolperstein Projekt.

Das Projekt Stolpersteine erfreut sich bundes- und europaweiter Anerkennung und Durchführung und lebt von der Bürger- und Bürgerinnenbeteiligung vor Ort.

Das Thema Stolpersteine werden wir im Blog wieder aufnehmen, denn wir haben in der damaligen Recherche mehr gelernt, als in einen Beitrag passt. Doch heute wollen wir nicht schließen, ohne die Namen der ehemaligen Nachbar*innen zu nennen und zu dokumentieren, was auf den Stolpersteinen veröffentlicht wurde. Die Namen sollen nicht vergessen werden.

Frau Greta Steinmesser, geb. Kestel
geb. am: 12.02.1899
in Berlin
Wohnort: Lausitzer Straße 31
Dep.: 38. Osttransport am 17.05.1943 nach Auschwitz

Frau Thea Steinmesser
geb. am: 06.06.1923 in Berlin
Wohnort: Lausitzer Straße 31
Dep.: 31. Osttransport am 01.03.1943 nach Auschwitz

Herr Ludwig Steinmesser
geb. am: 02.09.1926
in Berlin
Wohnort: Lausitzer Straße 31
Dep.: 31. Osttransport am 01.03.1943 nach Auschwitz

Herr Joachim Steinmesser
geb. am: 10.07.1932
in Berlin
Wohnort: Lausitzer Straße 31
Dep.: 96. Alterstransport am 10.09.1943 nach Theresienstadt
und am 15.05.1944 nach Auschwitz

Herr Kurt Moses
geb. am: 12.3.1908
in Berlin
Wohnort: Lausitzer Straße 31
Dep.: 11. am 28.3.1942 nach Piaski-Trawniki

Frau Hulda Moses, geb. Spitz
geb. am: 15.4.1875
in Birnbaum
Wohnort: Lausitzer Straße 31
Dep.: 11. am 28.3.1942 nach Piaski-Trawniki

Für Frau Kestel konnten wir die Recherchen nicht zu Ende bringen, Dieser Stolperstein fehlt noch.

Was wir später herausfanden: Am 15. Mai 2006 hat auch eine andere Initiative einen Stein in der Reichenberger Straße setzen lassen.