Theo Pinkus und Amalie Pinkus-de Sassi gründeten im Jahre 1972 die Stiftung „Salecina“. Ziel der Stiftung war, Lehrlingen, Studenten und Leuten mit wenig Einkommen Ferien zu ermöglichen und Bildungsveranstaltungen durchzuführen. Das konnten einige von uns auch schon nutzen. 2012 gab es ein prima Seminar: Politik ist stressig – Ein Seminar mit Erkenntnisgewinn und Bewegung, da wurde ausgeglichen Wert auf Reflektion der eigenen Situation und auf Bewegung in der grandiosen Natur gelegt.
Salecina Herbst 2012 – Blick vom Haus zur Staumauer
Da hatte ein Jahr später unser Delegation zum Seminar Selbstverwaltete Projekte stellen sich vor, dann leider Pech mit dem Wetter. Vier Tage lang hielt dichter Nebel den Kolleg:innen die schöne Aussicht fern. Sie glaubten bis fast zum Schluss nicht an die Berge, die sich um sie herum auftürmen. Und die wunderschöne Herbstfärbung der Lärchen blieb ihnen verborgen.
Erleben konnten wir ein Haus, das einen wirklich interessanten Weg gefunden hat, den Hüttenalltag so selbstverwaltet wie möglich zu organisieren. Ein engagiertes Hüttenteam flankiert die Besucher:innen, die im Wechsel das Frühstück vorbereiten, das Kochen der gemeinsamen Abendmahlzeit übernehmen und das Saubermachen ist auch in Regie der Gäste.
Schade, dass es so weit weg von Berlin ist und die Preise in der Schweiz machen es trotz solidarischer Preisgestaltung etwas schwer, sich auf die Angebote einzulassen. Und doch: Probiert es mal aus! Schon die Anreise mit der Bahn ist ein wunderbares Abenteuer.
Runde Geburtstage fordern heraus zu großen Feierlichkeiten. Die kündigen sich jetzt an. Vielleicht ist eine Anregung dabei, die euch lockt.
H24 steht für 24 Stunden am Tag. 24 Stunden im Leben einer Frau. Jede Stunde erlebt sie etwas, was durch die patriarchale Gesellschaft gefördert wird. Die Mini-Serie von Arte beschäftigt sich mit echten Geschichten, die nachgefilmt werden, um die Realität von Frauenleben darzustellen.
Getragen von talentierten Schauspielerinnen verschiedener Länder und Herkunft wie Diane Krüger und Camille Cottin stellen die 24 Folgen von etwa 4 Minuten jede 1 Stunde dar. Die Videos werden auch in verschiedenen Sprachen gefilmt, um die Diversität der Probleme zu zeigen und zur selben Zeit die Tatsache klarzulegen, dass egal wo, Frauen die gleichen Ungerechtigkeiten und die gleiche Realität erleben.
Die Realität, dass man als Frau nicht existieren kann, ohne angegriffen zu werden. Ob es in der Straße, im Stadium, beim Sport, beim Ausgehen, bei der Arbeit oder in ihren eigenen Wohnungen, Frauen werden jeden Tag damit konfrontiert, dass sie unbelästigt nicht frei sein können. Dass das Frausein einfach die Arschkarte ist, die man nicht aussuchen kann und nicht ändern kann, egal wieviel vernünftige Ratschläge man sich von Gutmenschen anhören muss.
Ich fand Arte schon immer gut: Die diversen Dokumentarfilme und multikulturellen Projekte der Plattform beweisen immer wieder, dass es sich vielleicht lohnt, den Rundfunkbeitrag zu bezahlen. Ein richtig augenöffnendes Projekt ist mit H24 gelungen, sehr künstlerisch ausgeführt und auf jeden Fall lohnenswert zu sehen.
Hier die Beschreibung direkt auf der Webseite, wo alle Filme auch Gratis verfügbar sind:
„Basierend auf 24 realen Begebenheiten macht diese von 24 international renommierten Autorinnen geschriebene Reihe sichtbar, was Frauen im Alltag erleben, von den banalsten Dingen bis zu den fürchterlichsten Dramen. 24 knallharte Kurzfilme mit 24 außergewöhnlichen Schauspielerinnen – feministische Filmmanifeste, die sich gegen alle Formen von Gewalt gegen Frauen richten.“
PS.: der Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen ist allgemein für den 25.11.2021 terminiert. Es ist gut, einen Monat später wieder dran zu erinnern. Jeder Tag ist wichtig.
Das war der Anfang. Als im Herbst 2015 Tausende von Flüchtlingen, die im Spätsommer nach Berlin kamen, wochenlang warteten, bis sie von der Berliner Polizei erfasst werden. Der Wille, sie aufzunehmen, war (schon) da: Was jedoch versagte, ist die Bürokratie.
Damals, vor sechs Jahren, habe ich das erste Mal von Anna Alboth gehört, einer Polin, die unter den Flüchtlingen in Berliner Parks Essen, heißen Tee und Schlafsäcke verteilt. Damals, vor sechs Jahren, haben wir uns kennengelernt. Ein Jahr später, nach dem Anna Alboth im Fernsehen eine Bombardierung Aleppos gesehen hat, die das letzte funktionierende Kinderkrankenhaus zerstörte, weinte sie zuerst viele Stunden und dann schrieb sie an uns, ihre Freunde, eine kurze Mail:
Wenn ich einen Protestmarsch nach Aleppo organisiere, wirst du mitmachen?
Wir haben ja gesagt.
Einen Monat später, am 26. Dezember 2016 in Berlin-Tempelhof, starteten drei Tausend Leute zu einem beispiellosen Marsch nach Aleppo. Sie erreichten die syrische Grenze nach 232 Tagen Marsch am 14. August 2017 im Libanon.
Bevor wir / sie starteten schrieben wir / sie in vielen Sprachen:
Manifest
Es ist Zeit zu Handeln. Wir können nicht weiter vor unseren Bildschirmen sitzen und nichts tun; schreiben, wie schrecklich das ist; behaupten, dass wir machtlos sind. Nein, wir sind nicht machtlos. Dafür sind wir sind viel zu viele!
Wir gehen von Berlin nach Aleppo über die sogenannte „Flüchtlingsroute“, nur in die andere Richtung.
Uns wurde beigebracht, uns der Situation und dem Krieg zu fügen. Uns wurde beigebracht, uns vor den Mächtigen, die die Fäden ziehen, zu fürchten. Wir wurden dazu gebracht, auf der Seite der „Guten“ zu stehen und den „Bösen“ die Schuld zu geben; die Aufteilung von Menschen in die Besseren und die Schlechteren zu akzeptieren; diejenigen, die nachts in Sicherheit in ihrem warmen Bett schlafen können und diejenigen, die um ihr Leben bangen und flüchten müssen. „So ist das eben“, wurde uns gesagt.
Aber wir können das nicht länger akzeptieren. Wir haben unsere stille Zustimmung widerrufen. Wir sind bereit, der Machtlosigkeit ein Ende zu bereiten. Wir wollen losgehen und Menschen helfen, die genau so sind wie wir, außer dass sie eben nicht das Glück haben, in Berlin, London oder Paris geboren zu sein. Als Bürger für Bürger werden wir marschieren, Hand in Hand, von Berlin über die Tschechische Republik, Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien, Mazedonien, Griechenland und die Türkei, nach Aleppo. Es ist ein langer Weg. Genau so lang wie der, den die Geflüchteten nehmen mussten, um ihr Leben zu retten. Jetzt wollen wir dasselbe tun, um weitere Leben zu retten. Und wir werden dies zusammen, in einer großen Gruppe tun.
Wir sind ganz normale Menschen. Wir repräsentieren keine bestimmte politische Partei oder Organisation. Wir werden weiße Flaggen tragen, um der Welt unsere Nachricht mitzuteilen: Genug ist genug. Dieser Krieg muss enden!
Und dieser Krieg kann beendet werden. Dazu sind nur ein paar Unterschriften nötig. Aber während wir darauf warten, dass dies passiert, können wir dem Leid der Bewohner Aleppos nicht weiter tatenlos zusehen. Kein Mensch verdient es, das durchzumachen. Es ist kein „normaler“ Krieg mehr, wenn Kinderkrankenhäuser zu Zielen werden. Wir wollen nicht weiterhin aus sicherer Distanz dabei zusehen. Und wir werden es nicht tun! Wir sind fest entschlossen, dieses Gefühl von Machtlosigkeit abzuschütteln und zu handeln. Wir sind entschlossen, wir sind vereint und wir werden so lange marschieren, wie nötig. Für den Frieden.
Denkst du auch, dass es jetzt reicht? Willst du auch mehr tun, als vor deinem Bildschirm zu weinen? Wir sind schon zu lange tatenlos geblieben. Unsere Tränen und unsere Wut müssen in Handlung umgesetzt werden. Dies ist unsere Handlung. Wir gehen nach Aleppo. Was wird dort passieren? Werden sie eine Gruppe von 5000 Menschen bombardieren? Werden sie es wagen, das zu tun? Du denkst, wir sind verrückt? Wir denken, dass es verrückt ist, weiterhin tatenlos herumzusitzen und zu warten, bis alle sterben.
Lasst uns nicht weiter warten. Lasst uns einfach losgehen und diesen Wahnsinn stoppen.
Wir gehen am 26. Dezember von Berlin aus los. Wirst du uns begleiten?
***
Es war ein Friedensmarsch. 3.500 Teilnehmer:innen aus 62 Ländern sind mitgelaufen, manche länger, manche nur ein paar Tage. Egal. Es gab auch ganz viele Leute, die den Marsch online unterstützt haben, Bürger:innen Deutschlands, Tschechiens, Österreichs, Kroatiens, Bosniens, Serbiens, Mazedoniens, Griechenlands, Bulgariens, die für uns Pressearbeit machten, Geld gesammelt haben, sich um Übernachtungsplätze gekümmert haben und geholfen haben, gemeinsam Veranstaltungen zu organisieren.
Der Civil March war nicht von Profi-Aktivisten oder Organisationen mit vielen Ressourcen organisiert, sondern von normalen Bürger:innen, die sehr spontan ihre Zeit, Energie und Geld für die Sache einsetzten. Es war eine einmalige neunmonatige Aktion. Es hat einerseits die Kraft von bürgerschaftlichem Graswurzel-Aktivismus ohne eine dahinterstehende Organisation bewiesen und andererseits die Wichtigkeit von Aktionen mit einer niedrigen Teilnahme-Schwelle unterstrichen. Der Friedensmarsch hat es jedem möglich gemacht, teilzunehmen und Solidarität mit den zivilen Opfern Syriens zu zeigen. Wir haben während des Marsches viele Dörfer und Städte durchquert, die Flüchtlinge und Asylsuchende mit offenen Armen empfangen haben und so viele Menschen getroffen, die ihnen ihre Türen geöffnet haben.
Wir wollen die direkten Folgen des Krieges unterstreichen: Die Millionen, die auf der Flucht sind und die Zurückweisung von Asylsuchenden durch EU Mitgliedsstaaten. Während die EU selbst vielleicht nur begrenzten Einfluss hat, den Syrienkonflikt alleine zu lösen, kann niemand ihre Kapazität in Frage stellen, Flüchtlinge und die, die internationalen Schutz benötigen, aufzunehmen. Der Civil March für Aleppo hat bewiesen, dass vielen EU Bürger:innen, nicht nur den Teilnehmer:innen des Friedensmarsches, das Schicksal der Flüchtlinge wichtig ist.
Wir wollen, dass sich diese Einstellung in der aktuellen Flüchtlingspolitik wiederfindet und rufen alle Entscheidungsträger in der EU dazu auf, eine menschliche Einwanderungspolitik zu schaffen, die auf den Werten von Solidarität und Menschlichkeit beruht. Dies sind die Werte, die den meisten EU-Bürger:innen unendlich wichtig sind.
***
Im Sommer 2018 wurde der Marsch für den Friedensnobelpreis nominiert. Im November erfuhren wir, dass Denis Mukwege und Nadia Murad ausgezeichnet wurden für ihren Einsatz gegen Gewalt an Frauen. Wir fanden es gerecht und gratulierten.
***
Wenn ich diesen Text genau fünf Jahre später, im Dezember 2021, schreibe, denke ich, dass wir das, was wir damals im Manifest geschrieben haben, jetzt fast wortgleich über die Ereignisse an der Weißrussisch-Polnischen Grenze schreiben können.
Und wir müssen wiederholen:
Tu was! Tu was! Tu was! Zwinge die Mächtigen dieser Welt zu diesen ein paar Unterschriften, die fehlen, um diesen hybriden Krieg zu beenden, den Putin und Lukaschenko mit Europa führen, in dem die Flüchtlinge als Waffe eingesetzt werden.
An der Grenze sterben die Menschen.
Und Anna Alboth ist wieder dabei. Dort, wo es schmerzt. Auf dieser Grenze.
Anna Alboth mit einem Flüchtlingskind in Narewka, Polen, an der Grenze zu Weißrussland
Foto: Jana Cavojska/SOPA/Rex/Shutterstock
Bitte: Hier kann Geld eingezahlt werden, das bei denen ankommt, die an der polnisch-weißrussischen Grenze die Hilfe leisten: Grupa Granica. Zahlt ein!
Dank unserer Spenden können die Freiwilligen an der Grenze, aber auch andere Helfende, Rechtsanwält:innen, Psycholog:innen und die ganze Armee der Menschen guten Willens das machen, was sie machen. Danke: https://zrzutka.pl/8br4cy
Anmerkung zum Einzahlen: versuche nicht, sich von diesem Link einzuloggen; er funktioniert nicht und ich weiß nicht weshalb; kopiere den Code und mach es direkt vom Browser.
Frei von Repressionen und bürgerlichen Zwängen leben: Vor 50 Jahren begann in Kreuzberg die erste Hausbesetzerbewegung West-Berlins. Den Soundtrack dazu lieferte die Band „Ton Steine Scherben“, vor allem mit ihrem „Rauch-Haus-Song“.
Im Juni 1971 werden Zuschauer der Jugendsendung „Jour Fix“ in der ARD Zeuge einer Hausbesetzung, die 14 Tage zuvor in der Baden-Württembergischen Kleinstadt Schwetzingen stattgefunden hatte. „Diese Hausbesetzung, die wir damals live mitgefilmt haben, ist etwa 60 Minuten lang“, erinnert sich der frühere „Jour Fix“-Redakteur Werner Schretzmeier. „Erst nachdem das ausgestrahlt war, ist dann im Rundfunkrat ein Sturm losgegangen, dass man sozusagen eine komplett rechtswidrige Geschichte in der ARD ausstrahlt.“ Werner Schretzmeier und sein Team gaben damals Jugendlichen landauf, landab Anleitungen, wie man sich ein Jugendzentrum erkämpft. Unerwartete Schützenhilfe bekam die Redaktion vom damals frischgebackenen Minister für Soziales, Gesundheit und Sport des Landes Rheinland-Pfalz. Der habe das Fernsehteam ganz entspannt in seinem Büro erwartet, erinnert sich Schretzmeier und vor laufender Kamera aus dem Jugendwohlfahrtsgesetz zitiert er: „Aufgrund des Jugendwohlfahrtsgesetzes sind die Jugendämter, das heißt, die Landkreise und die Städte, gesetzlich verpflichtet, diese Einrichtungen der Jugendhilfe zu schaffen. Das ist kein Gnadenerweis, sondern eine gesetzliche Verpflichtung.“
Sprachrohr der Hausbesetzerbewegung
In derselben Sendung war neben Heiner Geißler auch eine Rockgruppe zu sehen: In einer spärlich ausgeleuchteten Fabriketage in Berlin-Kreuzberg standen vier Musiker von Anfang 20: Ton Steine Scherben.
Was wir wollen, können wir erreichen Wenn wir wollen, stehen alle Räder still Wir haben keine Angst zu kämpfen denn die Freiheit ist unser Ziel.
In der Folge wurde die Gruppe um den Songschreiber und Sänger Ralph Möbius, der sich später Rio Reiser nannte, zum Sprachrohr der Hausbesetzerbewegung. Über diese Geschichte, über die prominenteste Hausbesetzung Westberlins und der Bundesrepublik, ist viel geschrieben worden, aber es gibt darüber keine allgemeingültige Geschichtsschreibung, wohl bis in alle Ewigkeit nicht. Stattdessen: Geschichten. Dies ist eine davon.
Das Feature ist eine Wiederholung von 2011
Sechs Wochen nach der Besetzung in Schwetzingen fand auch in Westberlin eine Besetzung eines Jugendzentrums statt. Allerdings war die Ausgangsposition eine völlig andere.
„Als ich nach Berlin gekommen bin, ’62, hatte ich den Eindruck, das ist kurz nach 1945. Es gab noch einzelne Ruinen und vom Kottbusser Tor aus gesehen, Dresdner Straße, Oranienplatz runter, gab es ein riesiges, unbebautes Feld, und es war sehr ärmlich“, sagt Klaus Freudigmann, der aus Ulm nach Westberlin gezogen war – wie viele andere auf Flucht der Bundeswehr, die ihn trotz Totalverweigerung einziehen wollte. „Als ich hier angekommen bin und Kreuzberg gesehen habe, dachte ich: Also hier halte ich das nicht lange aus.“
Wer Geld hatte, verließ Kreuzberg
Noch heute wohnt der gelernte Elektromechaniker in einer Kreuzberger Fabriketage, ganz in der Nähe des Stadtteilmuseums. Dessen Leiter Martin Düspohl skizziert die Situation Kreuzbergs in den 1960er-Jahren: „Wer zum Mittelstand gehörte, wer das nötige Kleingeld hatte, der hatte zu diesem Zeitpunkt eigentlich Kreuzberg bereits verlassen, in entsprechende Neubauten, in die besseren Viertel. Nach dem Mauerbau war eigentlich klar: Dieses Viertel gerät ins Abseits, es ist nicht mehr Stadtmitte, es ist Stadtrand. Nichts gegen Stadtrand, aber in diesen maroden Altbauten, die nicht mehr gepflegt wurden, sahen viele keine Zukunft mehr.“ Viele Kreuzberger zogen in die Gropiusstadt, eine moderne Satellitensiedlung, die später die triste Betonkulisse zum Film „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ abgab.
Für jede freie Wohnung 30 bis 50 Bewerber
In Westberlin gab es damals eine gesetzliche Mietpreisbindung, den sogenannten „Schwarzen Kreis“. Altbauwohnraum musste billig sein, was es wiederum vielen Hausbesitzern schwer machte, in ihre Immobilien zu investieren. Die Häuser verfielen. Wer blieb, waren die Alten und die Großfamilien, die zu immobil oder zu arm waren, um das Viertel zu verlassen. Wer kam, waren die sogenannten „Gastarbeiter“, die als Zwischenmieter gerne gesehen wurden. Und die Studenten, die in den Universitätsvierteln wie Charlottenburg keine Wohnungen mehr fanden.
1969 zog er nach Kreuzberg zu Klaus Freudigmann in die Admiralstraße. Im selben Jahr zogen auch die drei Brüder Peter, Gert und Ralph Möbius von Charlottenburg und Schöneberg in die Kreuzberger Oranienstraße. Genau wie Klaus Freudigmann und Ringo mieteten sie eine der vielen Fabriketagen, die durch die Abwanderung der Industrie leer standen. Die Brüder machten hier ein Improvisations- und Mitmachtheater, das sich vor allem an junge Lehrlinge wandte. Berlin war in diesen Jahren nicht nur Frontstadt des Kalten Krieges, sondern auch Labor für neue Lebensentwürfe. Und diese gediehen in Kreuzberg, im Schatten der Mauer, am besten.
Nach Jahrzehnten des Schweigens war ein ungeheures Bedürfnis da, miteinander zu reden. Wolfgang Seidel, Ur-Kreuzberger
„Es gab zu dieser Zeit ein ungeheures Bedürfnis, miteinander zu reden“, erinnert sich Wolfgang Seidel, Ur-Kreuzberger und erster Schlagzeuger von Ton Steine Scherben. „Jeder redete mit jedem. Manche Sachen wirken von heute aus befremdlich, also, wenn man hört, dass es fast keine Theateraufführung gab, wo nicht irgendwann einer im Publikum aufstand und sagte: ‚Da müssen wir jetzt drüber diskutieren’. Aber das gibt ganz gut die Stimmung in dieser Zeit wieder. Nach Jahrzehnten des Schweigens war ein ungeheures Bedürfnis da, miteinander zu reden.“ Das Problem: Fast alle Angebote für Jugendliche in Kreuzberg waren damals kommerzieller Natur. „Man wollte nicht in der Disko hängen, zugedröhnt werden und dafür auch noch bbezahlen“, sagt Wolfgang Seidel. Schüler und Lehrlinge wollten freier leben. Zwar gab es in Kreuzberg ein Jugendfreizeitheim, aber das machte in der Woche um 19 Uhr zu, hatte am Wochenende überhaupt nicht auf und unterstand zudem einer rigiden Leitung, wie die Jugendlichen fanden.
In Kreuzberg probte zu Beginn des Jahres 1970 auch die Theatergruppe „Rote Steine“. Die Kreuzberger Lehrlinge hatten sich vom Mitmach-Theater der Möbius-Brüder abgespalten. Sie spielten Szenen aus ihrem Alltag – über Ausbeutung am Arbeitsplatz und beengte Wohnverhältnisse. Zwischen ihren Improvisationen spielte eine Musikgruppe, die damals noch keinen Namen hatte. Die Botschaft: Wir wollen anders leben.
Kurz darauf gründete sich in Kreuzberg eine Schülerarbeitsgruppe, in der politisch bewegte Studenten Schüler bei ihren Hausaufgaben halfen. Sie bezogen ein altes Fabrikgebäude in der Mariannenstraße. „Erst war eine Etage direkt angemietet, und der Hausbesitzer war der Meinung, das ist so ein linker Treff, also links-beeinflusst. Als wir mehr Räume anmieten wollten – die standen leer – , hat der sich geweigert, die zu vermieten. Erst dann gab es die Besetzung.“ Ein Konzert in der Mensa gibt den Anstoß. Die „Roten Steine“ und andere Gruppen verbreiteten den Plan im Kiez. Am 3. Juni gaben Ton Stein Scherben ein Konzert in der Mensa der Technischen Universität. Die damalige Kinderkrankenschwester und heutige Mediengestalterin Irina Hoppe erinnert sich:
„Da gab es einen Aufruf am Ende des Konzertes oder so: Die Jugendlichen, die da sind, haben überhaupt kein Jugendzentrum, nichts, überhaupt keinen Treffpunkt, und dass man Räume bräuchte und da steht ein leeres Haus – und dann sind alle dahin gefahren.“
Für die gebürtige Berlinerin war es das erste Mal, dass sie nach Kreuzberg fuhr. Heute wohnt sie dort. „Da war kein Licht, kein Strom, nichts, aber das ist ja total romantisch, war schön. Und dann kam die Polizei. Das war das erste Mal für die Polizei, dass es so eine Besetzung gab, glaube ich. Die wussten überhaupt nicht, was sie machen sollten! Sie haben dann erst mal alle mitgenommen, weil ja gar kein Licht da war. Da rauchten sie alle weiter in den Zellen, das waren so zehn Leute in einer Zelle. Und die Polizei – das war nicht ihre Hausmarke, da jetzt Jugendliche aus irgendwelchen Häusern, die man nicht mehr brauchte, rauszuholen. Das fanden sie, glaube ich, absurd.“
„Und dann war es ein Jugendzentrum“
Wie die Polizei auf die Besetzer aufmerksam wurde, ist – wie vieles aus dieser Zeit – nicht eindeutig überliefert. Die einen vermuten, dass einer der politisch motivierten Besetzer die Polizei anrief, um die Besetzung quasi aktenkundig zu machen. Andere glauben, dass ein CDU-Abgeordneter auf seinem Heimweg Licht in dem Gebäude gesehen hatte. Wie dem auch gewesen sein mag: die Besetzung hatte Erfolg. „Und dann war aber jeder morgens wieder raus, weil… die haben dann einfach nur die Personalien kontrolliert. Und dann wusste man ja nicht, wohin jetzt und dann ist man da wieder hingegangen. Und dann war’s das Jugendzentrum.“
Wie unbedarft die Polizei dem Phänomen Hausbesetzung damals noch gegenüberstand, zeigt sich auch an dem Nachspiel, von dem Klaus Freudigmann berichtet: „Es stellte sich heraus, dass die Hausbesitzer oder der Hausbesitzer gar keine Anzeige gestellt hatten, und – die Räumung war widerrechtlich. Und einige Zeit später, ich kann das nicht mehr genau datieren, kam jemand von der Polizeiführung und musste sich entschuldigen.“ – Notfall-Hämmerchen von der Polizei Man begann, das stark beschädigte Haus zu renovieren. Die Polizei steuerte als „Wiedergutmachung“ ein paar Kartons eingetrockneter Farben und Notfall-Hämmerchen aus Bussen als „Werkzeugspende“ bei. Nun hatte man einen Ort zum Treffen, zum Diskutieren, zum Arbeiten. Aber, so „Ringo“ Gerd Gottsleben:
„Es hat sich gezeigt, dass das größere Problem der meisten Jugendlichen, die ins Jugendzentrum kamen, weniger die Freizeitgestaltung war, sondern dass ganz viele halt was zum Wohnen haben wollten. Wo sie auch repressionsfrei wohnen konnten.“
Da stand dieser Riesenkomplex und man wusste, es ist voll geheizt. Das hat natürlich Begehrlichkeiten geweckt. Klaus Freudigmann Immer mehr Jugendliche blieben auch über Nacht im Jugendzentrum, was dazu führte, dass die „normale“ Arbeit bald stark eingeschränkt war. Von der Mariannenstraße, in der das Jugendzentrum lag, sahen die Jugendzentrumsbesucher direkt auf das 1847 erbaute Bethanien-Krankenhaus, das seit 1970 leer stand, nahe an der Mauer, sozusagen: am Ende der Welt.
„Die Räume waren leer und das Haus wurde beheizt. Wir waren unter den geschilderten schlechten Bedingungen im Jugendzentrum, wo es kalt war. Wir haben zwar auch viel renoviert, aber gerade im Winter war es da nicht angenehm. Und da stand dieser Riesenkomplex und man wusste, es ist voll geheizt … das hat natürlich Begehrlichkeiten geweckt“, sagt Klaus Freudigmann.
Die Gruppe, die zuvor schon die Besetzung des Jugendzentrums geplant hatte, machte sich nun an die nächste Besetzung. Das ganze Bethanien-Krankenhaus war zu groß, aber das Martha-Maria-Haus, ein ehemaliges Schwesternwohnheim, schien ideal: kleine Zimmer zum Wohnen, große Räume für Versammlungen, Essen und andere gemeinsame Aktivitäten. Als Stichtag für die Besetzung wurde kurzfristig der 8. Dezember 1971 gewählt – aus zwei sehr pragmatischen Gründen, wie Ringo erläutert: „Das eine war, dass wir von Leuten vom Bezirksamt gehört haben, dass Erwin Beck von der linken SPD, der Jugendstadtrat in Kreuzberg war, in der nächsten Woche in Urlaub gehen würde. Und man hat erwartet, dass mit Erwin Beck unsere Möglichkeiten, das Haus zu halten, höher sind. Und dass, wenn der nicht da ist, wir das besser gar nicht besetzen. Das andere war, dass am 8. Dezember das Konzert von Ton Steine Scherben im Audimax der TU stattfinden sollte.“
Am Abend des 8. Dezember 1971 wurde nach dem Ton- Steine-Scherben-Konzert der Aufruf zur Besetzung verlesen. Ein Teil der Kreuzberger Jugendlichen war bereits am Bethanien, um die Besetzung vorzubereiten. Als die Unterstützer vom Konzert kamen, ging ein Teil der Gruppe in das Haus und verbarrikadierte sich, in der Nacht tauchte dann wie erhofft Jugendstadtrat Erwin Beck auf. „Erwin Beck war zu der Zeit nicht mehr der Jüngste, ich fand es immer sehr mutig, dass er darauf eingegangen ist, auch für ihn eine unbestimmte Situation: Wer ist da drin? Was sind das für Leute? Sind die aggressiv? Wir haben ihn zum Fenster reingehievt, und dann ist im brechend vollen späteren Kinoraum mit Erwin Beck verhandelt worden. Er ist aus seiner Sicht in die Höhle des Löwen gegangen.“
Beck habe sich persönlich in einem großen Konflikt befunden, sagt Museumsleiter Martin Düspohl: „Sie müssen überlegen, Beck stammt aus dem Jugendwiderstand gegen die Nazis – der hat ganz andere Sachen erlebt als jetzt die Rauch-Haus-Besetzung.“
Lehrlinge wurden zu Sozialarbeitern
Die Verhandlungen dieser Nacht und auch die darauffolgenden verliefen erfolgreich. Erwin Beck verwendete sich für das Experiment, das er in einem Fernsehinterview 1972 folgendermaßen beschrieb: „Für uns war eines eine neue Sache – und das hat auch unsere Senatsverwaltung als sehr günstig angesehen und von einer Arbeit neuer Qualität gesprochen – nämlich, dass hier Lehrlinge und junge Sozialarbeiter sich um diese am Rande der Gesellschaft lebende Schicht von Trebegängern kümmern wollen.“ Trebegänger waren ausgerissene Heimzöglinge oder aus dem Elternhaus abgehauene Kinder und Jugendliche. Unter ihnen verbreitete sich die Nachricht von der Besetzung wie ein Lauffeuer. So kam es, dass die Lehrlinge im Rauch-Haus plötzlich auch Sozialarbeit leisteten. Da sie vom Senat, der anfangs noch Gelder zur Verfügung stellte, finanziell unabhängig sein wollten, gingen sie arbeiten und hielten die Trebegänger zum Schulbesuch an. Alle mussten in eine Gemeinschaftskasse einzahlen. Wer sich nicht um Arbeit kümmerte oder nicht zur Schule ging, für den konnte es auf dem nächsten Plenum unangenehm werden. Eine Hymne fürs Rauch-Haus.
Auch Ton Steine Scherben blieben nicht untätig. Rio Reiser schrieb den Rauch-Haus-Song. 1993 sprach er dem Ghostwriter seiner Autobiografie Folgendes ins Mikrofon:
„Rauch-Haus-Song war auch ein Auftragssong eigentlich, aber nicht, würde man nicht sagen, da müsste man eigentlich fragen: Wer hat denn da den Auftrag gegeben vom Rauch Haus? Sondern, das stand so da und hatte irgendwas damit zu tun, dass es ein großes Rauch-Haus-Teach-In geben sollte, mit der Bedrohung, dass also wieder da geräumt werden sollte… also, da war der für das Teach-In geschrieben. Also, wir wollten auch, wurde so angedacht, man müsste auch mal so´ ne Hymne machen fürs Rauch-Haus. Also und auch das dadurch stärken…“ Hier endet die Aufnahme. Mit der Hymne sorgte Rio Reiser dafür, dass das Rauch-Haus bundesweit zu einem festen Begriff unter Jugendlichen wurde.
Doch die Leute im Rauch-Haus die riefen: ’Ihr kriegt uns hier nicht raus Das ist unser Haus! Schmeißt doch erst mal Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus!’
Unter dem Generalverdacht, Verbindungen zur RAF zu haben, stehen zu dieser Zeit alle irgendwie als „linksorientiert“ eingestuften Projekte. Im April 1972 findet im Rauch-Haus eine Razzia statt, an der laut Selbstauskunft 600 Polizisten teilnehmen. Das Ergebnis war spärlich, reichte aber für die Verhaftung des Trebegängers John Banse, der 14 Tage später wieder freigelassen wurde. Und es reichte auch für eine Schlagzeile in der Bild-Zeitung:
„Großrazzia. Kripo entdeckte Bombenwerkstatt. Gruppenschlafzimmer, Protestlieder, stinkende Küche und eine Katze.“ Das wurde wiederum von Ton Steine Scherben aufgenommen:
Und vier Monate später stand in Springers heißem Blatt, das Georg-von-Rauch-Haus hat eine Bombenwerkstatt. Und die deutlichen Beweise sind zehn leere Flaschen Wein und zehn leere Flaschen können schnell zehn Mollis sein. „Also Bomben oder so was wurden darin nicht gebaut, das war nicht, das wollte auch keiner. Also das wär’ nicht gegangen“, sagte Rio Reiser später.
„Ich glaube, die RAF hätte da keine großen Stiche gemacht, dazu hätten sie zu hochgestochen gesprochen, aber Bommi [Baumann] zum Beispiel, der hatte eine Berliner Schnauze und der hat nicht lang was von Lenin und Marx erzählt. Und wenn, dann hat er dabei höchstens noch irgendwie gegrinst, ja? Und hat eben auch einen Joint geraucht. Gut, und sie wussten, dass da gekifft wird.“ Wie radikal wollte man sein? Ausgerechnet die Aufnahme des Liedes, dass das Rauch-Haus zum „rolemodel“ aller Besetzungsvorhaben werden ließ, führte zu einem ersten Bruch zwischen Ton Steine Scherben und den Bewohnern des ehemaligen Schwesternheims. Der Grund: Auf Anregung von Ringo forderten die Besetzer eine Veränderung im Text. Klaus Freudigmann erinnert sich: „Die Formulierung war, dass der Mensch Meier den Bullen ‚auf die Fingerlein‘ haut. Und du hattest vertreten: die Köppe einhaut“, entsinne ich mich, weil, damit musste ich mich ja ständig auseinandersetzen. Und bis heute steht im Text „Fingerlein“. Also, das war Ralph zu drastisch, dass Mensch Meier, wenn das Rauch-Haus geräumt wird, den Bullen die Köppe einhaut.“
Schmidt und Press und Mosch sind heute längst vergessen – der Rauch-Haus-Song ist dagegen fast zu einer Art modernem Volkslied geworden, ein Protest-Klassiker, der zu vielen Gelegenheiten gesungen oder gespielt wird. Man könnte auch sagen: Das Lied ist zu einem Stimmungsmacher für ein diffus empfundenes Protest-Gefühl geworden, es ist entkontextualisiert worden.
Wieder geht es gegen die Macht der Banken
Die Hausbesetzer der ersten Stunde, Klaus Freudigmann und Gerhard „Ringo“ Gottsleben, verließen beide Mitte der 70er-Jahre das Rauch-Haus – beide hatten eine Frau kennengelernt, mit der sie zusammenziehen wollten. Ringo hatte während seiner Zeit im Rauch-Haus eine Lehre als Werkzeugmacher absolviert. Gegen Ende der 70er-Jahre ging er nach Nicaragua. Das Land war nach dem Sturz des Diktators Somoza und der sandinistischen Revolution zu einem Hoffnungsträger für die linke Bewegung geworden. 30 Jahre später lebt Ringo heute wieder in Kreuzberg. Klaus Freudigmann demonstriert seit sieben Jahren jeden Montag gegen die Auswirkungen der Agenda 2010. Beide sehen in Stadtteilen wie Kreuzberg die Gefahr der Verdrängung der einkommensschwachen Bewohner durch Gentrifizierung. Und beide sehen in den heutigen Protesten gegen Hartz IV und die Macht der Banken eine notwendige Fortsetzung dessen, was sie 1971 begonnen haben. Auf jeden Fall empfinden sie ihre Zeit im Rauch-Haus nicht als verlorene Zeit, auch wenn sie die Ziele, die sie damals im Kopf hatten, nicht erreicht haben:
„Gesellschaftlich können wir sagen, ja, also, das war nicht ganz umsonst, aber das, was wir letztlich erreichen wollten, haben wir bei Weitem nicht erreicht“, sagt Ringo. Im Gegenteil, die Widersprüche, die Lebensfeindlichkeit dieser Gesellschaft, die haben sich noch sehr verschärft!“
Es war die wichtigste Zeit in meinem Leben. Klaus Freudigmann, Ex-Hausbesetzer
Klaus Freudigmann meint, dass das Rauch-Haus vielen, die dort gelebt haben, eine neue Perspektive eröffnet habe. „Und ich sage von mir selbst: Es war mit die wichtigste Zeit in meinem Leben. Nämlich zu begreifen, man kann sein Leben selbst organisieren, man kann das auch demokratisch untereinander organisieren, trotz aller Widersprüche, da gab’s natürlich auch oft Schwierigkeiten, es gab harte Auseinandersetzungen, aber dass die lösbar sind. Und das ist so eine kleine Spur von: es ist eine andere Gesellschaft möglich.“