2020 | Die Stimmung der Welt

Dies ist die Erinnerung an einen Abend, an dem wir schon über Corona redeten, aber überhaupt nicht ahnten, was uns ins Haus stehen könnte. Was für ein Glück, dass wir uns nochmal verzaubern lassen konnten von dieser ungewöhnlichen Buchvorstellung.

Jede:r hat von Johann Sebastian Bachs Wohltemperiertem Klavier gehört – aber über seine Reise nach Fis-Dur weiß kaum jemand etwas.

Im März des Jahres 1700, kurz vor seinem fünfzehnten Geburtstag, macht Johann Sebastian Bach sich auf den Weg. Sein Ziel: die vollkommene Musik zu schaffen, eine Musik, die Himmel und Erde in Harmonie vereint.

Seine Suche führt ihn schließlich nach Lübeck, wo er Andreas Werckmeister und die wohltemperierte Stimmung kennenlernt. In dieser Stimmung – das ist neu! – kann man alles spielen, alle Tonarten, in Dur und in Moll. Aber die Vollkommenheit hat ihren Preis: Alle Töne werden ein bisschen »temperiert«, das heißt verfälscht, die Musik hat von nun an einen Hauch von Künstlichkeit. Und nicht nur die Töne, auch die Natur und die Menschen werden temperiert.

Gärten werden mit geometrischer Exaktheit angelegt, Flüsse kanalisiert, Städte neu entworfen. Die Nacht wird durch die Straßenbeleuchtung zum Tag, die Taschenuhr erlaubt es, die Zeit mitzunehmen, die Stimmgabel den Chorton. Der Weg in eine künstliche Welt hat begonnen.

Als Bach das Wohltemperierte Klavier vollendet hat, befällt ihn der abgrundtiefe Zweifel: Ist dieses Werk nicht » nur von dieser Welt «, perfekt, künstlich, profan?

»Bachs Leben besteht für uns vor allem aus biographischen Lücken. Man weiß einiges, aber man weiß vieles nicht. Diese Lücken sind die Chance für den Romancier. Die Fakten waren meine Fessel, aber sie waren auch meine Inspirationsquelle. Frei im Sinne von willkürlich erfunden habe ich nichts.« Jens Johler.

Jens Johler las aus seinem Buch, Christine Kessler spielte dazu passend ausgewählte Musik von Bach auf dem Cembalo.

2001 | Interview mit Marten

von Ewa Maria Slaska

Marten gehört zu der Gruppe, die am 14. März 1981 das Haus und die Fabrik besetzte.

Geboren 1949, Akademiker, mit nicht abgeschlossenem Studium als Germanist und Politologe an der FU. Er kam 1971 nach Berlin, angezogen von der „magischen Kraft“, die diese Stadt vor allem die Freie Universität und insbesondere der „OSI“ – Otto-Suhr-Institut, aber auch der sich in Kreuzberg allmählich aufbauende alternative Lebensstil, auf alle politisch engagierten Menschen der Bundesrepublik ausübte.

Er studierte an der FU, arbeitete als Betreuer im Knast und in Jugendprojekten: allesamt Aufgaben, die dem Geist der Zeit entsprachen, genauso wie die Ausbildung zum Erziehen, die er nach Abbruch des Studiums absolvierte.

Man versuchte, die neuen Lebensformen zu entwickeln und dazu gehörte, dass die Männer die sog. Frauenberufe ausüben sollten und umgekehrt.

Marten meint, dass ein anderes, ebenso wichtiges Merkmal dieser Zeit die verschiedenen kommunenartigen Wohnformen waren. Er wohnt zuerst, noch in seiner Heimatstadt Braunschweig, in einer der ersten Wohngemeinschaften, die es dort gab, dann in Berlin in einem Studentenwohnheim und wieder in einer WG in Kreuzberg. So bildete das Zusammenleben mit einer Gruppe in einem besetzten Haus eine durchaus natürliche Entwicklungsstufe des gesellschaftlichen Miteinanders, die es zu erproben galt.

Fast sofort begann er Pläne für das breitangelegte Kinderbetreuungsprogramm mit zu entwickeln, wie z.B. einen Jugendklub für die türkischen Jugendlichen aus der Nachbarschaft. Diese waren 12 bis 18 Jahre alt, zu alt also für die Kita. So ist der „FC Regenbogen“ entstanden, der fabrikeigene Fußball Club.
Bevor er in der Kita arbeitete, machte er ein Praktikum in einem Projekt für Schüler aus sozial benachteiligten Milieus und bekam später eine ABM-Stelle in der Jugendkulturarbeit.

Wie es aber in der Fabrik typisch ist und zu dem alternativen Lebensstil gehört, bleibt man nie bei einer Beschäftigung auf Lebenszeit, sondern probiert neue Formen und neue Betätigungsfelder aus. So ist er nach fünf Jahren Arbeit in der Kita ins kalte Wasser gesprungen: in die Organisation des Kinderkinos; eine Arbeit, die er bis heute macht.

In dieser Zeit hat er sich mit Susanne befreundet, sie waren ineinander verliebt, zogen zusammen, alle fünf: Susanne, ihre zwei Töchter, er und seine Tochter. Sie haben einen gemeinsamen Sohn und wohnen immer noch zusammen, obwohl einmal auch eine Trennung eintrat und sie alle beide mit jemand anderem liiert sind.

Marten gehört zum Vorstand der Regenbogenfabrik und arbeitet im Team des RegenbogenKinos.

Ich habe die Gelegenheit gehabt, Marten und seine Freundin Chris besser als viele andere in der Fabrik kennenzulernen, weil sie zu der „Arbeitsgruppe CD“ gehörten. Chris ist eine fröhliche Persönlichkeit, Marten eher nachdenklich.

Ich hatte immer das Gefühl, er sei ein ausgeglichener, glücklicher Mensch. Auch glücklich verliebt. Ich habe jedoch nicht gefragt. Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich stelle diese Frage lieber den Frauen als den Männern. Man wusste aber, dass ich kreuz und quer und über die Fabrik laufe und stets frage: Bist du glücklich?

Es war Marten, der mir nach unserem Gespräch, als ich schon gehen wollte, sagte: „Warum fragst Du mich nicht, ob ich glücklich bin? Ich bin glücklich. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche in und durch die Fabrik bekomme: Arbeit, Geld und Beziehung.“

1981 | Besetzung Heilehaus

Wir gratulieren dem Heilehaus zum 41. Geburtstag! ´Zu diesem Anlass zeigen wir den Weg zum Film

Carlos – Der Heilehausfilm
„Barfussmedizin im Dschungel der Großstadt“

http://rbo-berlin.de/

Der Film ist 1984 entstanden, finanziert durch „Initiativen vor Ort-Stadtteilgruppen aus Kreuzberg stellen sich vor“, ein Projekt im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 1984, gefördert durch den Senat für Bau- und Wohnungswesen.

Drehbuch und Musikauswahl: Heilehauscrew und Benno Wenz
Kamera, Regie und Schnitt: Benno Wenz
Originalton und Mischung: Th. Knüppel
Sprecher: H. Eckhardt

Der Film wurde 2021 wiederaufbereitet
Bildbearbeitung: Screenshot Berlin
Tonbearbeitung: Caroline Moos

Wer nochmal zur Geschichte des Heilehauses nachlesen will, wird hier fündig:
https://heilehaus-berlin.de/geschichte/
https://dann-machen-wir-es-selbst.org/materialien#heilehaus

Manteuffels Bauhof von Bewohnerin Erna erklärt

An einem grauen Dienstag spaziere ich in den Straßen von Kreuzberg mit einem festen Ziel: mich mit einer Bewohnerin eines ganz speziellen Hausprojektes zu treffen, um mehr davon zu erfahren. Ich biege in die Manteuffelsstraße ab und schon bin ich da: der ehemalige Bauhof. Ich klingele und werde von der Stimme von Erna willkommen geheißen, die mir ganz genau erklärt, wie ich weiter hochkomme: durch den Innenhof, durch die rote Tür rechts und dann die Treppe hoch. Erschöpft und außer Atem komme ich in der letzten Etage an und begrüße zum ersten Mal Erna. Sie lebt hier seit 1999, mein Geburtsjahr: da weiß ich schon jetzt, dass ich heute viel erfahren werde.

Bei einer warmen Tasse Tee mit Honig fängt das Gespräch an:
Ich habe zwar Fragen vorbereitet, weil ich natürlich professionell bin, aber die Diskussion läuft frei raus, so als ob wir alte Bekannte wären. 

Die Hausgemeinschaft und die Food co-op

1981 wurde das Haus in der Manteuffelsstraße besetzt und wurde zum Bauhof, wo andere instandbesetzte Häuser Material holen konnten, um Reparaturen und Bauarbeiten durchzuführen.

Am 7.Februar 1981, um genau zu sein, feierte man den Anfang dieses Projektes und so lange wie es die Hausgemeinschaft gibt, gibt es auch das gemeinsame Küchenprojekt. Am Anfang war alles sehr improvisiert, weil es sehr kaputt und viel zu tun war, jetzt ist es aber zu einer richtigen Tradition geworden. Über die Anfänge des Projektes, weiß Erna leider nicht so viel, denn sie ist später angekommen. Aber das meiste kann man durch einen Film über das besetzte Haus, herausgebracht vom WDR im Juli 1982, lernen; Interviews mit den Erstbesetzer:innen sind auch vorhanden. Mittlerweile sind es 36 Bewohner:innen + 6 Kinder, richtig generationsübergreifend, die Altersverteilung rangiert gerade von 10 bis 79 Jahren, manche sind sogar hier geboren und leben ihr ganzes Leben schon im Hausprojekt.  Sie haben eine gemeinsame Haushaltskasse.
Wöchentlich wird bei einem Biogroßhandel bestellt und die Lebensmittel werden im Vorratsraum abgestellt, für alle benutzbar. Milch, Butter, Käse, Kaffee, Gemüse, Obst aber mittlerweile auch andere Produkte wie Waschpulver und Seife. Wenn etwas fehlt, ist immer jemand bereit und holt irgendwo nochmal 20 Dosen davon. Alkohol und Zigaretten werden nicht von der Haushaltskasse bezahlt. Zahnpasta, Parfum, Hygieneartikel usw. werden mittlerweile auch nicht von der Kasse bezahlt, da das Geld nicht ausreichen würde. Denn es wird so organisiert, dass jeder 30€ die Woche bezahlt. Kinder unter 18 bedienen sich aber kostenlos. Nur die Miete wird von den Eltern bezahlt.

In der ersten Etage des Hauses gibt es die Gemeinschaftsräume, wo der Vorratsraum, die Küche, der Essenssaal, ein Wohnzimmer und die Waschküche sich befinden. Alles was bestellt wird, wird im Vorratsraum abgestellt und jede:r kann sich bedienen.

Das alles scheint sehr viel Organisation zu sein, aber Erna behauptet, das sei eigentlich kein Problem, da das System mit der Zeit wie eine gut geölte Maschine funktioniert. Natürlich muss jede:r ein bisschen Verantwortung übernehmen, aber das wird auch schon bei der Auswahl der Mitbewohner:innen berücksichtigt: Wer hier wohnen will, soll auch zur Gemeinschaft mehr oder weniger beitragen.

Generell kümmern sich 2 Personen um die Bestellung beim Biogroßhandel, immer abwechselnd jede Woche. Die Bewohner:innen teilen sich das selbst auf und wer keine Lust mehr hat oder für eine längere Zeit im Urlaub fährt kann es einfach ansagen und jemand anders wird die Verantwortung übernehmen.
Eine Tafel mit Magneten (siehe Foto) zeigt, wer sich um was kümmert. Erna zum Beispiel ist für Gewürze verantwortlich. Ein paar Sachen werden für diese große Gruppe auch in der Metro gekauft, da es meistens billiger ist. Wer was Bestimmtes kochen will, schickt seine Wünsche den Leuten, die Einkaufen gehen. Erna meint, die Aufgabe des Bestellens und Einkaufens wird langsam langweilig, nachdem sie es tatsächlich schon 2 Jahre lang gemacht hat. Dass es abwechslungsreich bleibt, ist manchmal eine Herausforderung. Immer werden 3-4 Gemüse bestellt und 4-5 Obstsorten, je nach Jahreszeit. Es muss auch günstig bleiben.

Um mitzumachen, muss man natürlich da leben, in die Kasse zahlen und auch jede:r muss einmal im Monat mit jemanden anderen für alle kochen. Nicht alle machen immer mit, aber Erna kocht meistens für 28 Leute, zwischen 12 und 24 kommen regelmäßig, manchmal sind auch alle da und da gibt es richtig Feststimmung! Früher gab es jeden Tag diese Essen und vor der Pandemie auch schon 2 bis 3 Mal die Woche. Jetzt hat Corona auch leider die Frequenz dieser Abende stark verringert, sogar auf null gebracht, als die Krankheit angefangen hat. Natürlich können auch nicht immer alle mitmachen, wenn sie irgendwelche Hobbys haben. Aber es bleibt immer Essen übrig, was jede:r auch genießen kann, wenn sie abends zurückkommen.

Ein ganz besonderes Projekt, von Nachhaltigkeit getragen

Nachhaltigkeit im Haus ist sehr wichtig. Lokale und saisonale Produkte werden auch bevorzugt. Vor ein paar Jahren hatte das Haus selbst Bienenstöcke, aus denen die Bewohner:innen Honig ernten konnten. Sie befanden sich auf der Dachterrasse. Es gab auch früher ein Blockheizkraftwerk, das die Gemeinschaft mit 7 anderen Häusern in Kreuzberg betrieben hat.
Ich musste natürlich eine kurze Internetsuche machen, um rauszufinden, was es genau ist: eine Anlage die Wärme und Strom produziert, mit wenig Energieverlust. Der produzierte Strom wird vor Ort benutzt und das nicht gebrauchte wird an das öffentliche Stromnetz verkauft. Es wird in der Hausgemeinschaft besonders darauf geachtet, dass wenig Wasser und Strom verbraucht wird. Aber die Anlage musste letztendlich abgeschafft werden, da das Finanzamt Probleme gemacht hat: zu viel Strom wurde überflüssig produziert und bei einem Stromversorger eingespeist. Damit handelt es sich um einen Gewerbebetrieb, den die Genossenschaft nicht abdeckt.
In der nahen Zukunft kriegt das Haus wieder eine Grauwasseranlage: dadurch wird das Abwasser von der Dusche, von den Waschbecken, von der Küche und von den Waschmaschinen im Keller gesammelt und gereinigt und wird dann für die Klospülung benutzt.

Die Küche ist hauptsächlich vegetarisch, obwohl es nicht ausschließlich fleischlos ist. Im Haus selbst gibt es nur wenige Vegetarier:innen. Beim Kochen von Gerichten mit Fleisch, wird auch immer eine vegetarische Version daneben mitgekocht. Ein Standard beim Essen ist aber: immer Salat dazu und immer Nachtisch. Erna erzählt mir auch, dass das Essen immer anstrengungslos gesund ist, da die Lieferungen immer viel frisches Gemüse enthalten. Dazu kommt noch eine Anekdote aus früheren WG-Zeiten:
Eines Tages, die Sommersonne schien, mussten zwei Bewohner:innen kochen und hatten keine Lust. Da haben sie einfach eine Raviolidose auf den Teller von jeder Person gestellt und sind Schwimmen gegangen.
Die Stimmung ist scheinbar schon sehr entspannt, aber obwohl Erna es mit großen Lachen erzählt, meint sie, dass man es so nicht machen kann.

Trotz Corona sind die Bestellungen und Lieferungen gleichgeblieben. Plenum aber ist, wie viele Sachen in unserem allgemeinen Alltag, jetzt auf Zoom angewiesen. Im Sommer wurde das Plenum im Hof gemacht.
Am Ende des Sommers wurde wieder angefangen. in der Küche zu kochen. Aber mit der dritten Welle ist es wieder zu einem Stopp gekommen.
Erna meint auch, dass die Ängste vis-à-vis Corona auch in der Hausgemeinschaft sehr unterschiedlich sind. Mit den Lockerungen war es aber tatsächlich schwierig, die Essensgruppe wieder in Gang zu kriegen.

Die heutigen Bewohner:innen und ihre Verwaltung

Da es ein besetztes Haus war, konnte durch die Gründung einer Genossenschaft 1986 die Autonomie bewahrt werden. Die Bewohner:innen entschieden über eine gerechte Miete, die heute sehr gering ist im Vergleich zum üblichen Berliner Wohnungsmarkt. Jede:r bezahlt einen fixen Preis pro Quadratmeter, der Preis ist für alle Häuser gleich. Im ganzen Gebäude gibt es verschiedene Wohnungsformen: Familienwohnungen, Einzelwohnungen und WGs. Die Genossenschaft verwaltet mehr als 20 Häuser in Berlin, alles ehemals besetzte Häuser.
In der Genossenschaft selbst sind noch 10 selbstverwaltete Mitgliedshäuser, wie der Hausverein von Erna und die anderen bestehen aus Einzelwohnungen. Der Hausverein zahlt der Genossenschaft eine Miete. Dadurch besteht für das Haus sehr viel Entscheidungsmacht, insbesondere darüber, wer hier einzieht.
Wenn ein Zimmer im Haus frei wird, wird eine neue Mieterin / ein neuer Mieter meist durch Bekanntschaft ausgesucht.
Erna selbst ist auch über einen Bekannten eingezogen. Untervermieten ist generell nicht erlaubt. Aber wenn mal ein Ausnahmefall eintritt, dann muss die Person auch vorgestellt werden, die anderen Bewohner:innen müssen einverstanden sein und die Miete muss die gleiche bleiben, kein Profit.
Über die Einzelwohnungsmieter wird hingegen vom Vorstand der Genossenschaft entschieden. Jedes Haus kann zwei Personen zum Aufsichtsrat schicken, um die größtmögliche Mitbestimmung zu haben.

Entscheidungen werden mit der Genossenschaft zusammengetroffen:
Letztens wurde diskutiert, statt eines Fahrstuhl für die älteren Bewohner:innen einen Treppenlift einzubauen. Ein paar Erstbesetzer:innen sind tatsächlich dem Projekt treu geblieben und leben seit 1981 hier.

Wenn irgendwas im Haus kaputt geht, gibt es auch ein sehr gut geplantes System: Neben der Miete zählt das ganze Haus eine bestimmte Summe pro Monat auf ein Extrakonto bei der Genossenschaft, um große Reparaturen zu bezahlen. Kleine Sachen wie Betriebskosten sind schon in der Warmmiete einbezogen: Glühbirnen wechseln, Hausmeister bezahlen, usw.

Zusammenleben: ein Leitmotiv des Hauses

Gemeinschaftsleben ist das ausschlaggebende Wort hier. Manche Leute wollen ihr Leben lieber allein führen, hier ist aber das Alltagsleben wie eine kleine perfekte Gesellschaft aufgebaut. Und die Essensgruppe verstärkt auf jeden Fall das Gemeinschaftsgefühl: Essen bringt Leute zusammen. Gemeinschaft wird auch durch Filmvorstellungen im Gemeinschaftsraum gestärkt, wo eine Leinwand eingerichtet wurde. Die gemeinsamen Räume werden auch von den Bewohner:innen selbst geputzt. Als Großfamilienkind bevorzugt Erna das WG-Leben. Sie wollte schon immer in einer großen Gemeinschaft leben. Sie wünscht sich mehr Räume, wo gleichgesinnte Leute ihren Platz in so einem ähnlichen Kollektiv finden können.

Für die Zukunft geht Erna davon aus, dass der Zustand der Essensgruppe von vor der Pandemie wiederkommen wird, auch wenn es ein bisschen dauert. Zusammen wieder Feste feiern wünscht sich Erna auch und Beweis dafür, dass es schnell wieder zum normalen Alltag werden könnte, ist eine Geburtstagsfeier, die schon in derselben Woche geplant wurde. Geburtstagspartys, Hochzeiten oder auch Beerdigungen: alles wurde schon im Haus organisiert. 
Tradition des Hauses ist es auch, am 7. Februar immer Erbsensuppe mit Würstchen zu kochen, denn das war das erste Gericht was im Hause geteilt wurde. Beim 20. Geburtstag des Hauses haben sich 100 bis 150 Leute diese Suppe geteilt.

Erna fühlt sich auch unglaublich dankbar dafür, hier in diesem Haus zu wohnen, wo das Leben besonders schön ist. Das Gemeinschaftsgefühl begleitet sie täglich, aber es kann sich auch in ganz konkreten Situationen zeigen, dass eine Gesellschaft Zusammenarbeit braucht und sich auf gegenseitiges Helfen stützt:
Letztes Jahr hatte Erna ein schweren Unfall mit langem Krankenhausaufenthalt. Als sie nach Hause kam, mitten in der Corona-Krise, empfand sie dieses Haus als einen Segen. Sie konnte kaum laufen und für sich selbst sorgen, aber da alle zuhause waren, haben alle mitgemacht, um sich um sie zu kümmern. Es schien für alle wie eine Selbstverständlichkeit.
Auch als ein anderer Bewohner krank oder sogar Corona hatte, bekamen sie immer Unterstützung und was zu essen von jemanden im Haus.

Es wird nie wirklich ausgemacht, die Leute machen es einfach; weil sie wissen, dass alle dasselbe für sie machen würden. Das stellt den Sinn des Hauses gut dar.

Charlotte Castillon-Weiss