Erst wenige Monate wohnte ich im Hinterhaus der Regenbogenfabrik, als das Hoffest der Regenbogenfabrik stattfand, u.a. mit dem Trödelstand. Johanna war nicht nur meine (für mich neue) Mitbewohnerin, sondern ist auch eine zentrale Kraft, den Trödel vorzubereiten, zu verkaufen und danach wieder alles abzubauen. Ich schlenderte also über mein erstes Mal Hoffest, freute mich über die live Musik und das bunte Leben mit den Ständen und Aktivitäten. Und dann die große Auswahl an Klamotten beim Trödel! Eine gute Gelegenheit, mir was Neues zum Anziehen zu besorgen, ohne dass es neu produziert werden muss. Eine sommerliche, türkise Bluse zog mich an. Eine Farbe, die ich bis dahin nie trug. Und auch so was dünnes, leicht durchsichtiges. OK, ein Hemdchen drunter lassen und anprobieren. Fühlte sich gut an, aber ungewohnt. Also fragte ich Johanna, was sie dazu meint. Sie sagte, es stünde mir prima. Ich wollte das nicht so recht glauben, und gab zurück, „Das sagst du doch nur, um es zu verkaufen“. „Nee“ meinte sie, „schließlich wohnen wir zusammen, da sehe ich das dann ja öfter…“ 😉 Leider ist das zauberhafte Stück, das ich echt gerne trage, inzwischen morsch am Rücken. Es liegt noch auf einem Stapel für eine Schneiderin, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben hat. Vielleicht kreiert sie noch etwas Neues aus den intakten Ärmeln?
Um all die Spenden für den Trödel zum Verkauf herzurichten, braucht es immer einige helfende Hände. Ich habe gerne mitgemacht.“ (Andrea)
Ihr findet hier die Aufzeichnung des ersten Café-Gesprächs vom Sonntag, dem 28.03.21 im RegenbogenCafé
Ein Gespräch über Fakes, Subversion und Ironie im politischen Kampf für bessere Verhältnisse für alle Menschen. Und über Jean’s Buch „Wenn die Hoffnung stirbt, geht’s trotzdem weiter – Geschichten aus dem subversiven Widerstand„, gerade erschienen im S. Fischer Verlag.
Jean Peters, Jahrgang 1984, ist Journalist*in, Aktionskünstler*n und Mitbegründer*in des medientaktischen Kollektivs Peng!, mit dem er regelmäßig Unternehmen unterwandert, auf mehreren Kunst-Biennalen ausstellt und das mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde. Jean Peters lebt in Berlin.
Andy Wolff, „ü60“, ist Fotograf*in, war Aktivist*in in verschiedenen Politikfeldern und ist seit langem Kollektivist*in in der Regenbogenfabrik. Er beschäftigt sich gerne mit der Vergangenheit und der Gegenwart politischer Kämpfe um Selbstbestimmung. Darüber hinaus sieht und zieht er gerne Zusammenhänge zwischen damals und heute. Mit Jean begann die Regenbogenfabrik die Café-Gespräche, die – in einer hoffentlich langen Reihe – spannende und für uns relevante Veröffentlichungen und Themen aus Vergangenheit und Gegenwart den Zuhör*innen und -schauer*innen nahe bringen möchten. Erst mal nur online, aber bald … Die Zeiten werden sich ändern!
Kurz vor meinem fünften Geburtstag zog ich in der Nähe der Regenbogenfabrik ein, mein erster Eindruck war nicht gerade sehr begeisternd. Aber nach fünfzehn Jahren ist die Regenbogenfabrik fester und wichtiger Bestandteil meiner Kindheit geworden. Es finden dort nette Veranstaltungen statt und von den Basaren bleibt mir vor allem der Winterbasar im Gedächtnis. Eines der wichtigsten Gebäude der Regenbogenfabrik ist ohne Zweifel das Kino, es hat mich als erstes in die Regenbogenfabrik gelockt später auch die Fahrrad Werkstatt als ich mit sechs mein Fahrrad bekam. Mit den Jahren gewannen auch andre Gebäude der Regenbogenfabrik für mich an Bedeutung wie die Holzwerkstatt, dort habe ich ein paar Sachen gebaut z.B. ein Holzschiff. Mit der Zeit ich aß auch hin und wieder in der Kantine.
Zusammengefasst, in der Regenbogenfabrik finden schöne Veranstaltungen statt aber sie hat mich auch in all den Jahren mit ganz alltäglichen Dingen schön versorgt.
Fortsetzung von Marias Geschichte, die am 28. März begann:
Schon als Kind konnte ich nicht verstehen, wieso alle über sie in Verzückung gerieten.
In meiner Kindheit und Jugend war Corona noch ferne unerahnte Zukunft und dennoch stand der obligate familiäre Spaziergang unaufhaltbar auf dem Sonntagprogramm. Womöglich mag ich seit jenen Tagen das Spazierengehen nicht besonders. Wandern ja, aber Spazieren? Gut, damals wusste ich noch nichts von Lucius Burckhardts Spaziergangswissenschaften. Die Kenntnis jener änderte zumindest meinen Blick aufs Spazieren, nicht aber auf den Spaziergang selbst.
Der einzige Trost, das Einzige, was mich dann in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts dann doch jeden Sonntag friedlich und fröhlich mitgehen liess, war die Aussicht auf das Ausklingen der langweiligen Spaziergänge im Café Zimmermann, der ersten Konditorei am Platz meiner Geburtsstadt St.Gallen.
In eben jener Konditorei, die mir wie das reinste Paradies erschien, gab es die köstlichsten Kuchen und Torten.
Zu meinem Leidwesen war für mich und meine ältere Schwester immer ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte vorgesehen. Erst als Jugendliche gelang es mir diesen unverrückbaren Automatismus abzustellen. Geschmacklich konnte ich der Schwarzwälder Kirschtorte durchaus was abgewinnen. Aber wieso mussten diese eingelegten Kirschen den Genuss trüben? Klar das Rausklauben der Kirschen war nicht ganz so aufwendig und peinlich, wie es die Rosinenpulerei beim klassischen Gugelhupf war.
So fanden wir uns also nach dem ungeliebten Spaziergang durch Feld, Wald und Wiese im angesagtesten Café der Stadt. Ich drückte mir die Nase platt an all den unglaublichen Kreationen, die, Kunstwerken und Miniskulpturen gleich, geschützt hinter Vitrinen, in ihrer Buntigkeit mein Begehren weckten. Nicht nur die Kuchen, Torten und Canapés (für die jüngeren Leser*innen: Canapés sind edel belegte Toastbrotschnittchen und werden auf Spiegel-, Glas- oder Silberplatten sortenrein angerichtet) waren von erster Güte, auch das Interieur zeugte von noblem Luxus. 1912 wurde in dem Gründerzeitgebäude eine Bäckerei eingerichtet, 1920 eröffnete Ernst Zimmermann darin zusätzlich sein Café Zimmermann.
Die aussergewöhnliche Innenausstattung aus seltenem Vogelaugen-Ahorn und den Sitznischen stammt aus den 1930er Jahren und wurde von einer Appenzeller Schreinerei handgefertigt. Dieses rotgoldene Täfer war poliert und erinnerte mich an edlen Marmor. Lange Perserteppiche, dunkelrot und hellgrün gepolsterte Ledersessel, Wandleuchten, filigrane Garderoben und eine hölzerne Telefonkabine vervollständigten dieses Kleinod an Konditorei Café. Eine solche historische Ausstattung wäre heute unbezahlbar. Sie wirkt noch heute grossstädtisch.
Damals wusste ich noch nichts von Schichten, Klassen oder soziologischer Segregation. Aber in kindlicher Feinfühligkeit erkannte ich die Unplatziertheit meiner proletarischen Familie in diesem St.Galler Unikat. Mein sizilianischer Gastarbeitervater und wir gehörten hier nicht hin. Alles wirkte reich in seiner schicken Wohlgeformtheit. Aber zugleich fühlte ich mich wohl in dieser schönen, mir fremden Welt. Vielleicht stammte mein Wunsch aufzusteigen, genau von diesen Besuchen im Café Zimmermann her?
Für meinen Vater und meinen viel älteren Bruder wurde immer Zuger Kirschtorte bestellt. Eine in ihrer Schlichtheit dennoch manieriert wirkende Torte, die so gar nicht zu einem sizilianischen Arbeiter zu passen schien. Wenn Reste der rosabepuderten Sahne sich im Oberlippenschnauzer meines Vaters verfing, sah er nicht wie ein Arbeiter aus, eher wie ein attraktiver schwuler sizilianischer Filmschauspieler. Und ich kicherte. Ich kicherte auch, wenn es mir gelang, die eine oder andere Gabel dieser kirschgetränkten Torte zu erbetteln. Es war wohl der Kirsch, der diese Torte zur Herrentorte machte.
Maria ist noch nicht fertig mit ihrer Erzählung. Freut euch auf eine Fortsetzung am 16. Juni 2021