Muanana

Samstag, 16 Uhr. Jede Woche treffen sich die Muananas zum Nähen im Abstellraum der RBF. Bis zum Umzug 2017. Inzwischen ist dort eine Kita für die ganz Kleinen entstanden. Nach und nach trudeln alle ein: H., ein Tuareg aus dem Niger, der inzwischen super nähen kann. Durch das Projekt hat er seine Freude am Nähen entdeckt. Er näht viel für sich selbst. Er hat ein Angebot für einen Ausbildungsplatz zum Schneider, leider steht aber noch der Kampf um einen Aufenthalt im Vordergrund. Kurz danach kommt der andere H. Er bereichert mit seinen Erzählungen, seiner Fürsorge um die andern und der Sonne, die er stets mitbringt, das Projekt. Er ist ein Tubu aus dem Tschad. Wir freuen uns alle mit ihm, als er nach 3 Jahren Kampf endlich Asyl bekommt. Mühsam bringt er sich lesen und schreiben bei. Die nächste Schule war 100 km von seinem Heimatort entfernt. Wie viele andere konnte er deshalb nur 2 Jahre eine Koranschule besuchen. Seit Jahren fordern die Bewohner*innen eine staatliche Schule. Bei einer der Demonstrationen dafür wurden im letzten Jahr 6 Menschen erschossen.   I. aus Mali hat mit Unterstützung der Kirche inzwischen einen Aufenthalt. Er ist sehr fleißig. Er kommt immer zum Nähen, außer, wenn er krank ist. Auf den Märkten hat er stets sein Deutschbuch aufgeschlagen und bittet um Hilfe bei seinen Hausaufgaben. M. ist ein Freund aus Mali. Wie I. hat er inzwischen das Nähen gelernt. Er kämpft noch um seinen Aufenthalt. Er sammelt Geld für einen tiefen Brunnen für sein Dorf, mit einer Wasserpumpe. Dort gibt es noch keine Elektrizität, und der bestehende Brunnen hat nur in der Regenzeit Wasser. Hilfe von der Regierung ist nicht zu erwarten. Deshalb liegen hohe Erwartungen auf ihm. M. ist in Libyen aufgewachsen, ein Teil seiner Familie lebt im Niger. Er ist stets multitasking, trotz 2 Jobs und unzähligen Aktivitäten kommt er fast immer zum Nähen. Inzwischen hat er einen festen Aufenthalt. M. ist Schneider aus dem Senegal. Er bereichert das Projekt mit seinen Ideen: er zaubert wunderschöne Haarbänder,  mit den Ornamenten von afrikanischen Stoffen kreiert er wunderschöne Jacken, Hemden, Kleider und Vieles mehr. Und dann bereichert noch A., ein Tuareg aus dem Niger, unser Projekt: nach der Räumung des Camps am Oranienplatz ging er zunächst zurück nach Italien. Die Chancen für Geflüchtete aus Afrika, dort einen Job zu finden, sind mehr als gering. A. jedoch kaufte sich mit wenig Geld ein gebrauchtes Auto. Er überlebte fast eineinhalb Jahre als informeller taxi-driver. Irgendwann hatte er so viele Aufgriffe durch die Carabinieri, dass sie ihm mit Gefängnis drohten. Daraufhin machte er sich Anfang 2017 auf die Rückreise nach Berlin. Er brauchte 2 Anläufe, beim ersten Versuch wurde er in Österreich inhaftiert und zurückgeschickt. In Berlin war er dann einer der ersten vom ehemaligen Oranienplatz-Camp, die mit Unterstützung der Kirche einen Aufenthalt bekamen. Er telefonierte – damals noch auf Englisch – mit Hilfe des Internets viele Firmen ab und fand sofort Arbeit, er wollte nie etwas mit dem Jobcenter oder Sozialamt zu tun haben. Im Sommer 2017 kam er irgendwann zum Nähen und eröffnete uns: „Ich werde jetzt eine Band gründen“. Er hatte einen Gitarristen kennengelernt, der ihn beeindruckte. Er wollte traditionelle Tuareg-Lieder singen, dazu eigene Kreationen. Ein alter Freund hatte bereits im Niger auf der Djembé gespielt. Wenig später traten sie zum ersten Mal auf…und bis zum Lockdown hatten sie so viele Kontakte und Auftritte, dass sie sich vor Anfragen teilweise kaum retten konnten.

Nun, Jahre später, nach Lockdowns und dem Ausfallen der für uns wichtigen Feste und Märkte, ist Muanana mehr denn je zum festen Bestandteil der Kerngruppe geworden. Es kamen weitere Teilnehmer*innen dazu, untereinander sind sie stets im Austausch, unterstützen sich gegenseitig.  Als S. in das Urban-Krankenhaus kommt, bringt ihm M. noch am gleichen Tag Kopfhörer vorbei. Als H. seinem gehbehinderten Bruder einen Rollstuhl in den Tschad schicken muss, machen sich alle auf die Suche nach einer Transportmöglichkeit. Alle sind in der gleichen Situation: die Familien bitten sie, Geld für das Schulgeld der Geschwister zu schicken, für Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte, teilweise einfach für Essen, um mit der Familie über die Runden zu kommen. Der Erlös aus den genähten Utensilien trägt ein Stück weit mit dazu bei, etwas von diesem Druck wegzunehmen. Nicht wenige vom ehemaligen Oranienplatz-Camp haben die Unsicherheit, was aus ihnen werden würde, und den Druck von allen Seiten nicht ausgehalten. Sie wurden krank, begannen, sich – mit was auch immer – dicht zu machen. Mit dem Projekt wollten wir ein Stück weit mit dazu beitragen, dass sich die Geflüchteten hier willkommen fühlen. Ich hoffe sehr, dass uns dies gelungen ist.

Christa

https://www.muanana.de/onlineshop/

Werner Orlowsky

Heute, am 8. April, wäre mein Vater Werner Orlowsky 93 Jahre alt geworden.

Das hat er leider nicht geschafft.

Er ist am 16. Februar 2016 nach langer Krankheit in der Datsche seiner 2. Gattin verstorben.

Ich befand mich zu dieser Zeit im Urlaub auf Gomera und hatte dort Zeit, mir über Trauerfeier und Beerdigung Gedanken zu machen, Tränen fließen zu lassen.

Die „Abschiedsfeier“ in der Kirche am Marheineckeplatz war würdig, gut besucht, nach der Urnenbeisetzung mit sehr sehr vielen Menschen aus Politik, Bezirksamt, Inis, Vereinen und Privatleben ging’s zum „Fell versaufen“ nochmal in das Seitenschiff des Kirchenhauses. Bei Blechkuchen, Kaffee und so einigen Schnäppeken wurde viel gelacht, erinnert, kennengelernt,  wiedererkannt. Das hat Spaß gemacht, manche Kontakte sind mir geblieben.

Im Februar diesen Jahres war ich wieder auf Gomera (jaja, trotz Pandemie!) und habe die Orte meiner ersten Trauerphase besucht.

Dabei kamen sie: die Filme über die gemeinsamen Erlebnisse in unser beider Leben – Bilder durch das innere Kino laufen zu lassen ergab sich dabei wie von selbst. An Fantasie hat es in unserer Familie noch nie gemangelt.

Dass bei einem Familienleben, in dem beide Elternteile noch als Jugendliche die Nazizeit und den 2. Weltkrieg miterlebt haben (Werner war Flakhelfer im Humboldtbunker), nicht immer nur positive Erinnerungen haften bleiben, das kann jede*r aus unserer – der 1980er-Generation – sicherlich nachvollziehen und abnicken.

Erinnerungen an Erzählungen über die Großeltern, die im deutschen Faschismus nicht nur „normale Bürger“ sondern Täter*innen, Mittäter*innen oder Mitläufer*innen – in den selteneren Fällen Opfer  oder Widerstandskämpfer*innen – waren, tauchen auf, verdichten sich, wenn ein nahes Familienmitglied aus dieser Generation gestorben ist.

Zum Glück hat meine mit knapp 92 noch quicklebendige Mutter vieles ausgegraben, Wunden eröffnet, die natürlich nie verheilen können. Für die auch sie belastende Recherchearbeit bin ich ihr bis heute sehr dankbar.

Meinen Opa väterlicherseits, der von Zeug*innen schwer „belastet“ und bis zu seinem frühen Tod inhaftiert wurde, habe ich nie kennengelernt.

Es sind aber nicht nur diese „anstrengenden“, zur Verantwortungsübernahme aufrufenden „Nie wieder Faschismus!“ Narrative, die mich in den letzten Jahren – mal im Traum, mal „einfach so“ – quasi anfallen, wenn ich ein Erinnerungsstück von Werner – die geliebten LPs von Ella Fitzgerald und Louis Armstrong oder alte Familienfotos  – in den Händen halte.

Ab und an an seinem Grab auf dem Friedhof in der Bergmannstraße stehe und stille Gespräche mit meinem widersprüchlichen Vater führe, dessen lebensbejahendes Lachen ich aus der Urne aufsteigen höre.

Es gibt da eben sehr viele lustige Momente aus Kindheit, Jugendzeit, bei gemeinsamen Reisen und Ausflügen, Schabernack (konnte er ganz gut und mit Verve) und kleine „Gesetzesübertretungen“ im Alltag (die mittlerweile verjährt sind…), die mich noch jetzt zum Schmunzeln bringen, über die ich mit meiner Schwester plaudere: das ist für mich die Phase nach der Trauer, wenn wir loslassen können.

Werner war in seinem Job als Baustadtrat von (damals „nur“) Kreuzberg in den Jahren 1981-89 zeitlich sehr eingespannt, er musste sich vieler Feind*innen erwehren. Wir waren uns politisch oft uneins. Als damalige Hausbesetzerin habe ich mich dennoch öfters ins sein Büro gemogelt, um ihn mal wieder zu sehen und war dort gerne willkommen. Auch dank seiner bezaubernden „Vorzimmerdame“, wie er sie nannte.

Ich erinnere mich z. B. an eine heftige verbale Auseinandersetzung mit einem LKA-Beamten, der als Personenschutz abgestellt war, nachdem mein Vater nachts von einem Nazi körperlich angegriffen wurde. Werners Sekretärin hat dann „Ansage gemacht“.

Zu den lustigen Begebenheiten zwischen Werner und mir gibt es – jenseits seines zeitraubenden nervigen bürokratischen Alltags, den mein Vater wirklich gehasst hat – eine ungewöhnliche Story, die mir lebhaft in Erinnerung geblieben ist:

Empfang bei „den Amis“

Alljährlich wurden Kreuzberger Bezirksstadträte und Bürgermeister in der Vorweihnachtszeit von ranghohen Alliierten empfangen. So auch im Jahr 1982.

Doch das ist eine andere Geschichte, die erzählen wir später.

Claudia O.

Die Fotos in der Diaschau wurden von der Autorin zur Verfügung gestellt.

Das Titelfoto stammt von © Manfred Kraft  |  Polizeikessel anläßlich des Reaganbesuchs in Berlin am Nollendorfplatz am 11.6.82

Geburtstagskind des Tages – Dietmar

Dietmar ist Bewohner des Hausprojekts erster Stunde. Er hat im Sommer 1981 Heimat, Familie, ein zu Hause und vor allem Vertrauen und Zugehörigkeit hier gefunden und er ist gekommen, um zu bleiben. Er berichtet, er kann sich als einer von wenigen noch genau an den Tag seines „Einzugs“ ins Projekt erinnern. Er war einen Tag vorher aus dem Knast entlassen worden. Damals wie heute geht er offen damit um, damals wie heute, hat genau damit keine*r ein Problem.
Junge Mütter im Projekt vertrauten ihm ohne zu zögern ihre Kinder an und diese Kinder wiederum wurden zu seiner Familie. Durften „politisch unkorrekte“ Burger, Coca-Cola und Barbie-Puppen von ihm bekommen und als in den 00er-Jahren Halloween nach Deutschland kam, war längst die übernächste Generation an seiner Tür angekommen, um klebrige Totenköpfe einzusacken. Für viele von ihnen ist er Onkel Dietmar und für alle Großen und Kleinen ist er Teil einer großen Gemeinschaft, in der jede*r willkommen ist.

  1. Seit wann bist bzw. von wann bis wann warst Du hier und in welchem Bereich?
    Seit Sommer 1981. Genauer gesagt, seit 5. Juli 1981 wohne ich im Hinterhaus, also im Wohnhaus der Regenbogenfabrik.
  2. Welches ist Dein Lieblingsort auf der Fabrik?
    Meinen Lieblingsort gibt es so nicht mehr. Es war immer das Café. Der große runde Tisch am Fenster.
  3. Mit einem Wort: Was ist die Fabrik für Dich?
    Heimat
  4. Lieblingsessen in der Kantine?
    Alles mit Fleisch.
  5. Was wünschst Du der Fabrik zum Geburtstag?
    Na ja, wie soll ich das sagen. Ich wünsche mir und der Fabrik, dass das Café wieder aufmacht.

deutsch-polnische Begegnung

Drei Jahre war die Regenbogenfabrik eine von der Stiftung für Jugend und Familie geförderte deutsch-polnische Begegnungsstätte, 1998 bis 2000. Ein großes Abenteuer entwickelte sich da, gab es doch zu diesem Zeitpunkt mit Aloys genau einen Kollegen, der des polnischen überhaupt mächtig und schon jenseits der Oder gewesen war. Wir hatten, mit anderen Worten, eigentlich keine Ahnung. Aber viel Wollen.

1997, bei einem Treffen der „Freunde der Regenbogenfabrik, wurde die Idee das erste Mal vorgestellt und dort wurden wir auf die Stiftung hingewiesen. Wir nahmen die Herausforderung an, stellten im Sommer den Antrag und bekamen kurz vor Beginn des Projekts den ersehnten Bescheid.

Inzwischen hatten wir schon die Fühler ausgestreckt, mit dem Polnischen Sozialrat gesprochen, die ersten Fahrten in die Kreuzberger Städtepartnerstadt Szczecin unternommen und alle Ideen vorangetrieben. Denn wenn schon, denn schon, alle Bereiche der Fabrik sollten in den Genuss der Begegnung kommen und das ist uns gelungen. Das Kino bereitete eine polnische Filmreihe vor, was sie nicht zum ersten Mal taten. Bereits 1993 hatten sie gemeinsam mit dem Kino fsk „Letzte Bilder vom Schiffbruch“ gezeigt, ein Festival osteuropäischer Regisseurinnen.

Doch was bot sich noch für die anderen Fabrikgruppen an? Begegnung funktioniert am besten, wenn Aufgaben gemeinsam gelöst werden. Also heckte die Fahrradwerkstatt eine Radtour entlang der Oder nach Stettin aus, die Holzwerkstatt überlegte sich einen Workshop.

Uns wurde klar, wir lernen jetzt polnisch, ohne Sprachkenntnisse geht gar nichts. Wir entwickelten Seminare, um die Geschichte unserer Nachbarn besser kennenzulernen. Wir hatten feine Bündnispartner, vom Polnischen Sozialrat bis zum Kreuzberg Museum, zur Stettiner Zeitung Kurier Sczczecinski und zu den sogenannten Sozialräten in verschiedenen Stadtteilen von Stettin. Besonders verrückt war der Versuch, das Lernsystem des Tandems auf eine Gruppe zu übertragen. Wir haben sprachlich nicht so viel gelernt, doch uns untereinander recht gut miteinander bekannt gemacht.

Endlich ging es am 4. April 1998 los mit kulturellen Veranstaltungen. Die Literaturvereinigung WIR hatte uns eine großartige Veranstaltung geschenkt: Eine Einladung zur Präsentation „DichterInnen aus dem Dunkel“. Gedichte von Gertrud Kolmar, Grazyna Chrostowska, Zuzanna Ginczanka. Bericht aus Ravensbrück.

Zur Literatur trat die Musik, natürlich, tanzen und Musikhören das geht auch ohne Reden, ohne gemeinsame Sprache und trotzdem kommt ganz viel rüber. So hab ich auch Dikanda aus Szczecin kennengelernt, meine Lieblingsband bis heute .

In die Tiefe gingen wir dann mit Schreibwerkstätten und Übersetzerinnen-Workshops, Filmprojekten und Stammtischen. Es war eine spannende Zeit und schön ist, dass wir über die Jahre hinweg im Kontakt mit Szczecin und mit der Polonia in Berlin immer wieder lehrreiche, spannende, beglückende, Zusammentreffen ermöglichen konnten.

Wirklich wichtig wurden uns da auch die Kochevents, erst mal zu Ostern und zu Weihnachten. Später, nach dem Projektende noch eine Weile als Polnische Woche in der inzwischen aufgebauten Kantine.

Sowieso ist dann eine längere Pause für die deutsch-polnischen Events eingetreten. Ohne Moos war weniger los, wir waren beidseitig anderweitig unterwegs. Und sind auch noch einige krank geworden. Und das Kino wurde ab 2007 umgebaut, 2 Jahre lang. Vorher, 2004, war Ania Krenz noch zu Gast im Regenbogenkino im Rahmen eines internationalen Monats.

2013 haben wir mit einer Boxergeschichte von Ewa Maria Slaska erneut begonnen, der Wiederanfang geschah also noch einmal über die Literatur. Um dann ab 2015 sehr regelmäßig Veranstaltungen in Kooperation mit dem Verein Städtepartner Stettin zu verfolgen. Informationsveranstaltungen zu Stadtgeschichte, Architektur, Stadtentwicklung fanden, durchaus zu unserer Überraschung, ein interessiertes Publikum in Berlin. Auch zur Fête de la Musique haben wir uns zur Promotion einer Band zusammengetan. Mir ist zu Ohren gekommen, das auf diese Weise auch die Menschen im Kulturhaus in Skolwin (auch ein Stadtteil von Szczecin) Lust darauf bekommen haben. Lesungen aus dem Blog von Ewa Maria brachten uns regelmäßig im RegenbogenCafé zusammen. Seit 2016 gehört eine Veranstaltung zum Frauentag unbedingt dazu. 2020 hat es dann leider dazu nicht mehr gereicht. Nun muss der Lockdown langsam zu einem Ende kommen, wir haben weiter viel vor!

Christine