in memoriam – Jutta

1953 – 1992

Jutta war gerne im Stadtteilzentrum vorne in der Lausitzer Straße gewesen und war gut befreundet mit den Leuten in der Fahrradwerkstatt. Als die Werkstatt in die Regenbogenfabrik zog, ist sie mitgekommen. So ist sie in den frühen Jahren der Regenbogenfabrik einfach da gewesen, hat sich eingesetzt, wo es gebraucht war, sei es beim Kulturevent in der Tresenschicht, sei es, wie auf dem Bild, bei einer Protestaktion. Bis sie im Wedding eine Arbeit als Bürokauffrau gefunden hat und dann auch mit ihrer Tochter und ihrem Liebsten, Arno, in den Wedding gezogen ist.

Als sie an Krebs erkrankte hat sie mutig gekämpft, sie hat gehofft und am Ende den Kampf verloren. Sie hat aber gelebt und geliebt. Arno blieb noch, bis die Tochter aus dem Haus ging, dann kehrte er in die Regenbogenfabrik zurück.

Unvergessen ist sie uns geblieben als Seeräuber-Jenny. Ihr zu Ehren stellen wir den Song hier vor.

in memoriam – Helmut Markmann

Verrückt manchmal. 40 Jahre leben wir in der Stadt, hier im Haus. Viel haben wir erlebt. Wie entsteht dieser Eindruck, dass die ersten fünf Jahre länger scheinen als alle darauf folgenden zusammen?

Alte schwarz-weiß Bilder, selber in der Dunkelkammer abgezogen oder Dias in tief verstauten Kisten. An Mobiltelefone hat noch keiner gedacht, sie als sci-Fi Marotte abgetan, Bilder waren selten. Macht das die Bilder wertvoller, die Erinnerung präziser? Oder ist auch das Illusion?

Die Bilder aus den ersten beiden Jahren im Hinterhaus der Regenbogenfabrik zeigen Helmut. Helmut von Gegensatz. Gute Adresse, wie die Kreuzberg-Novizin bald lernt. Dort wird unter anderem der Südost Express produziert. Das neueste vom Neuen, gedruckt wird nicht mehr mit bleiernen Lettern, sondern im Fotosatz. Wow, ist das nun der Fortschritt, der auch Laien das Gestalten ermöglicht oder ist das der große Jobkiller? Oder endlich der Ausweg in die vier-Tage-Woche?
Fragen, die uns heute weit weg erscheinen und doch wieder neu gestellt werden. Aber das ist jetzt ein Nebenschauspiel, wichtig, aber eine Ablenkung davon, dass es darum geht, einen alten Mitstreiter aus der Besetzerzeit zu würdigen. Und dann gibt es doch nur ganz kleine Erinnerungsschnipsel. Helmut im Liegestuhl mit der taz, super typisch das Bild. Helmut vor dem Café mit Achim und Heinz, den Austausch genießend. Helmut in der Menge der Zuschauer beim türkischen Theaterstück im Regenbogenhof.

Die Bilder, was haben sie ausgelassen? Die Arbeitseinsätze, wenn Helmut sich handwerklich eingebracht hat im besetzten Haus. In den ersten Besetzerjahren jeden Herbst mit Hand angelegt, das Haus winterfest zu machen. Und alte Böden raus gerissen, um den Schwamm zu bekämpfen. Um dann nach getaner Tat mit der „Gourmetgruppe“ immer wieder zum Festmahl zusammenzukommen.

Lange war er im Kollektiv tätig, mit allen Sorgen und Nöten. Einerseits die Freiheit, sich Aufträge aussuchen zu können. Nicht für Kredithaie und auch nicht für jemanden arbeiten, der unbedingt auf Motive mit sexuellem Charakter in der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit Wert legt. Sich darüber Gedanken machen können, wer mit den eventuellen Gewinnen unterstützt werden kann.

Ein paar Jahre geht’s gut, dann fressen die Kosten allen die Haare vom Kopf. Die unsolidarische Rechtsform bürdet die Verantwortung den sogenannten Geschäftsführern auf, die kollektive Arbeitsweise zerbricht an den Widersprüchen, man trennt sich.

Helmut arbeitet an anderer Stelle weiter, engagiert sich, weiß wofür. Er will nochmal alles auf eine Karte setzen. Genug Geld, um in Thailand das Leben neu zu beginnen. Dazu kommt es nicht mehr, die Arbeit fordert alles, das Herz hält nicht stand. Im Sommer 1991 stirbt Helmut, bevor er seinen Traum umsetzen konnte.

chz

in memoriam – Achim Sand

Einöd-Ingweiler in der Nähe von Zweibrücken, das ist die Palz, die dort auch noch ins Saarland reicht. Auf jeden Fall noch Pfälzer Wald, oder? Also nicht der Weinberg um die Ecke, doch die Nähe zu Frankreich sorgt dafür, dass die Leut wissen, wie mensch es sich gut schmecken lassen kann. Leben und leben lassen.

Als Fußballfan wird zwangsläufig zu Kaiserslautern gehalten, das ist klar. Leidenschaftlicher Roter Teufel und gutmütiger Weihnachtsmann in Personalunion, wer hat das gesagt? Ist schon was dran. Automechaniker werden, Bundeswehrflüchtling, Berlin ruft!

Arbeiten in Berlin? In der Regenbogenfabrik, gerne! Und leben und immer da sein mit und für alle im Seitenflügel, im Café und auf dem ganzen Gelände.

Nach den ersten Jahren in der Fahrradwerkstatt gab es eigentlich in der Regenbogenfabrik keine Wand, an die Achim nicht gemeinsam mit der Baugruppe Hand angelegt hat.

Die größte Baustelle war sicherlich die Dachsanierung über dem Kino, parallel zum Neubau von Hostel und Seminarraum. Mit skeptischem Blick und doch voller Stolz sitzen die Helden der Baubrigade auf dem Träger über dem Abgrund. Allen Grund haben sie, stolz zu sein auf ihr Werk.

Gern gekocht und gern gegessen hat Achim, Geselligkeit ist ein wichtiger Teil des Lebens, nicht nur im Café, das sein zweites Wohnzimmer war. Da konnten alle Freundinnen und Freunde von profitieren. Das war als Zapfer und Grillmeister bei so einigen Fabrikfesten auch gut auszuleben.

Segeln gehen mit dem Freund aus alten Fahrradwerkstatt-Tagen, Genuss und Sport auf der Ostsee. Füreinander aufgelegt, weil die Musik war wichtig und der Geschmack aneinander geschult.

Den ernsteren Seiten des Lebens ist Achim dann auch nicht ausgewichen und hat sich für viele Jahre für den Vorstand des Vereins Regenbogenfabrik zur Verfügung gestellt.

Liebevoller Freund für Jung und Alt, um einen flotten Spruch mit freundlichem Spott ist Achim nicht verlegen gewesen. Hat auch gern mal einen auf den Arm genommen. Keinen aufs Podest gehoben und keinen klein gemacht. Kann mensch was Besseres sagen über einen?

Skatrunden, jahrelang reihum organisiert von Seitenflügel über Hinterhaus bis raus nach Spandau. Viel Rauch, viel Bier und immer mal wieder eine volle Spielkasse, die dann gepflegt auf einer kleinen Reise niedergemacht wurde.

Der blöde Krebs sorgt dafür, dass das Leben endet. Hoffentlich ist ihm die Erde leicht geworden.

Nun ein direkter Nachbar von Anette auf die Luisenstädtischen Friedhof. Suse ist ihm bald gefolgt. Mögen sie und alle, die schon auf dem Friedhof logieren, auf uns warten, bis wir uns auch auf den Weg machen.

Achim 16.12.1955 – 8.6.2018

in memoriam – David

Hier ist echte Auferstehung! Georg geht neben mir im Rhythmus der Trommeln und versucht, gegen die Lautstärke anzukommen. Ich antworte ihm mit einem kurzen Kopfnicken, dann lassen wir uns vom Schlagen der Trommeln wieder einfangen und werden mit der Menge weitergetragen. Der Himmel ist wolkenverhangen und leichter Nieselregen geht nieder. Das Wetter scheint so gar nicht zur Stimmung zu passen, die ein bisschen an Karneval in Rio erinnert, so wie ich ihn mir zumindest vorstelle. Aber es ist auch gar nicht Karneval und wir sind nicht in Rio. Wir gehen über nass glänzendes Kopfsteinpflaster in der Hobrechtstraße, Berlin-Neukölln. Und das Wetter scheint dem Anlass angemessen: David wird beerdigt.

Gerade 11 Jahre ist er alt geworden, bevor ein Unfall seinem Leben ein Ende setzte. Mitten im Spiel stürzte die selbstgegrabene Höhle ein, Massen von Sand begraben ihn. Sein Freund wird Zeuge des Unglücks, alarmiert die Feuerwehr, doch jede Hilfe kommt zu spät. Sie haben ihn aufgebahrt, seine Eltern, zuhause, im Wohnzimmer. Und alle kommen, um Abschied zu nehmen von David, dem mutigen Bruder, dem Freund, neben dem in der Schule alle sitzen wollten, dem Clown und Einrad-Artisten vom Kinderzirkus Cabuwazi, dem Jungen mit den vielen Ideen.
Wenn er auf Reisen ging, dann nahm er immer eine leere Tasche mit für die vielen Dinge, die er im Laufe der Reise finden würde. Keine Frage, mit David ist – wie mit jedem Kind, das stirbt – ein Stück unserer Hoffnung gestorben.

Jetzt hat er seine letzte Reise angetreten und wir begleiten ihn ein Stück dabei. Von der Lausitzer Straße in Kreuzberg geht’s zum Thomasfriedhof in Neukölln. Die Stelzenläufer vom Kinderzirkus sperren die Kreuzungen für diesen bunten, merkwürdigen Beerdigungszug mit seiner Mischung von Trauer und Lebensfreude. Die Trommeln schlagen die ganze Zeit „Hier ist Auferstehung!“.
Georg neben mir lässt sich einfangen von dieser Stimmung. Er spricht eher mit sich selbst als zu mir. Er braucht meine Bestätigung nicht, er ist sich sicher. Einer hat es auf den Punkt gebracht. Er schickte Davids Eltern eine Karte mit einem Clown. Darauf stand: „Es ist vielleicht ungewöhnlich, mit einer Clownskarte Beileid zu wünschen. Aber es ist auch ungewöhnlich, von einem Toten zu sagen, dass er lebt!“

Berlin, 15. Mai 1997, Radiosendung: Worte für den Tag – Hans-Joachim Ditz

1993