Die Regenbogenfabrik

von Erwin Tichatschek

Dreißig Jahre lang existierte die ehemals besetzte Fabrik am Rande der Illegalität. Kürzlich wurde sie legalisiert.

Die Lausitzer Straße mit ihren unsanierten Miethäusern macht es auch geschickten Immobilienhändlern schwer, Kundschaft zu akquirieren. Während in der Nähe zum Kanal meterhohe, geschwungene Portale und ausladende Fenstersimse noch von besseren Zeiten und vornehmeren Mietern zeugen, wohnen in der eher schmucklosen Lausitzer Straße eher wehrhafte Türken und Studenten. Die schnörkellosen Fassaden tragen auch im Jahr 2012 noch das triste Grau der Nachkriegsjahre, und die einzigen Farbtupfer in der Großstadtkulisse sind Graffiti in Hauseingängen und an Häuserwänden. Der auffälligste dieser Farbkleckse befindet sich in der Lausitzer Straße Nummer 22.
Dort ist die gesamte Breite der Hauswand mit schrillen, glänzenden Ölfarben bemalt. Auch die daneben liegenden Eingänge zu den Hinterhöfen sind voller Buchstaben, Bilder und Plakate. Irgendwo zwischen dem bunten Chaos ist ein Schriftzug zu erkennen: Regenbogenfabrik.

Ihre Geschichte beginnt am 14. März 1981. Seit einigen Wochen werden in Kreuzberg Häuser von jungen Menschen besetzt, die nicht nur auf der Suche nach günstigem Wohnraum, sondern nach alternativen Lebensräumen sind. Mit Hausbesetzungen wehren sie sich gegen die staatlich subventionierte »Abrisspolitik«, die Grundstücksspekulanten Haus und Hof öffnet. Die Kreuzberger Protestwelle gewinnt schnell an Größe. Sind es am 12. Dezember noch 18 besetzte Häuser im Stadtteil Kreuzberg, so sind es im März schon über hundert.
Als die Polizisten in die Lausitzer Straße vorrücken, wo 60 Langhaarige ein Wohnhaus und eine alte Fabrik besetzt halten, kommentiert ein Polizist den Einsatz mit einer Bemerkung, die die Fabrikbesetzer so schnell nicht vergessen werden: »Das ist jetzt schon das 126. Haus!«

Drei Jahre später allerdings waren es nur noch zehn. Die Regenbogenfabrik gehörte dazu. Die Fabrik war ins Visier der Besetzer geraten, weil die Immobiliengesellschaft, die das Grundstück erworben hatte, Neubauten auf dem Gelände plante. Unter dem Motto »Kaputte Stadt retten« und »Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen« zogen die jungen Berliner in die leer stehenden Räume auf dem viele Quadratmeter großen Gelände.

Andy Wolff war nicht dabei am 14. März, aber eine Woche später, als man die gelungene Besetzung mit einem ersten Fest feierte, trank er mit. Jahre später brachte er seine Tochter in die Regenbogen-Kita, und heute, mehr als 30 Jahre danach, ist er einer von 80 Mitarbeiter:innen auf dem alten Fabrikhof. Mit 35 Festanstellungen, Arbeitsplätzen für Menschen aller Couleur scheint sich das alternative Wohn- und Lebenskonzept aus der Lausitzer Straße auch in den Augen der Politiker bewährt zu haben. In der Fabrikationshalle und den Remisen der alten Fabrik, deren Schornstein alle umgebenden Wohnhäuser überragt, sind verschiedene Projekte untergebracht. Nicht jede dieser Maßnahmen wird von einem Verein getragen und es gibt neben den gemeinnützigen auch wirtschaftlich rentable Unternehmungen wie das Café oder das Hostel, die als Gesellschaften Bürgerlichen Rechts auftreten. Der Geist aber ist der gleiche geblieben wie zu Anfang.
»Am Ende landet alles in einem Topf«, sagt Wolff. Die jeweiligen Wirtschaftsformen sind im Grunde nur für die Buchhaltung, am Ende ist das Gesamtkonstrukt ein reines Non-Profit-Unternehmen, und was an Geldern durch die Kantine, das Hostel, das Regenbogenkino oder das Regenbogencafé hereinkommt, fließt in gemeinnützige Projekte wie die Fahrradwerkstatt, in der jede:r gegen geringes Entgelt Beratung und Werkzeug erhält, die Tischlerei, in der sich jede:r seine eigenen Möbel bauen kann, oder das offene Kinderatelier, in dem Kinder aus allen Bevölkerungsschichten viele Jahre lang malen und töpfern konnten. Nicht zuletzt aber werden mit den Einnahmen Arbeitsplätze finanziert.

Das kleine Café in der ehemaligen Erdgeschosswohnung strahlt bis heute noch die Atmosphäre der 80er Jahre aus. Auf dem Boden liegt Linoleum, die Türen, die von einem Zimmer ins nächste führen, sind ausgehängt, die Rahmen sind im selben eigelbfarbenen Ton gestrichen wie die Heizkörper und die Fenster. Über die gesamte Länge einer Wand erstreckt sich eine hölzerne Bank, die dem Café ein bisschen Bahnhofsatmosphäre verleiht.
Ein junges Pärchen, das in einem Zweibettzimmer des Hostels übernachtet und das Frühstück für 3,50 vor sich hat, sitzt am Computer und plant die Tagestour: Jüdisches Museum, die archäologischen Ausgrabungen in Mitte, am Nachmittag ein Besuch auf dem stillgelegten Flughafen. »Aber vorher essen wir noch ein Stück von diesem Berliner Zupfkuchen!«

Der Zupfkuchen ist eigentlich ein russisches Rezept, aber Russland ist nicht weit in Berlin. Gebacken haben ihn die »Kuchenbäckerinnen«, einst arbeitslose junge Frauen, die sich unter dem Dach des Regenbogens zusammenfanden. Zuerst verkauften sie ihre süßen Backwaren über die Straße, dann wurde das ehemalige Vereinslokal in ein Café umgewandelt – das ist ohne die backenden Frauen gar nicht mehr denkbar.

So wie die »Kuchenbäckerinnen« sind auch die anderen auf dem Hof ansässigen Projekte eher zufällig entstanden und nicht von langer Hand geplant. Die Kantine, die sich heute mit ihrem Mittagstisch für 5 Euro und den Tischen im Hof mit seinen Bäumen und dem Spielplatz allgemeiner Beliebtheit erfreut, ist nicht das Resultat einer Geschäftsidee, sondern sie war, wie der Name schon sagt, die Kantine für die Mitarbeiter:innen der verschiedenen Projekte. Die aber brachten immer wieder Freunde mit; dann eröffnete das Hostel, immer mehr Gäste kamen und inzwischen kommen auch die Anwohner:innen aus der Nachbarschaft, um das kleine, aber feine gastronomische Angebot in Anspruch zu nehmen – sogar Kitas bestellen ihre Mahlzeiten in der Lausitzer Straße. Größer ist die Auswahl an Speisen trotz wachsender Nachfrage nicht geworden.
Zwei Gerichte stehen täglich zur Auswahl.

Der wichtigste finanzielle Grundpfeiler aber ist das Regenbogen-Hostel, das Reisenden in Mehrbettzimmern Übernachtungen ab 10 Euro bietet. Die Idee lag nahe, da man ohnehin Gästezimmer für die vielen Freunde und Gruppen brauchte, die sich zu politischen Seminaren und Workshops in der Fabrik trafen. Heute sind die Gäste nicht mehr hier, um über Marx und Hegel zu diskutieren. Es sind Urlauber und auf der Weltkarte, die im Vorzimmer der Rezeption hängt, weisen auf dem gesamten Globus verteilte kleine Fähnchen darauf hin, dass die Gäste aus allen Winkeln dieser Welt kommen.

Ein Grund dafür waren die niedrigen Preise, mit denen sich die Regenbogenfabrik unter den Gastronomen nicht nur Freunde machte. Inzwischen hat auch das alternative Hostel ähnliche Preise wie andere Backpacker-Herbergen in Berlin, nur mit dem Unterschied, dass in anderen Hotels und Hostels häufig noch Aufschläge für Wäsche, Zimmerdienst oder Hochsaison anfallen, während die Preise in der Lausitzer Straße »ehrliche Preise« sind.

Neu im Programm der Fabrik ist das Regenbogenbüro, das nicht nur von Gästen, Freunden und Mitarbeiter:innen genutzt wird, wenn sie Fragen oder Probleme haben, sondern eine Anlaufstelle für Menschen aus der ganzen Nachbarschaft und damit so etwas wie ein privates Bürgerbüro geworden ist.

Eines der schönsten und populärsten Projekte der Fabrik ist das RegenbogenKino, das nicht nur mit einer wunderbaren Auswahl von Zelluloidstreifen besticht, sondern auch mit einer professionellen technischen Ausstattung überrascht. Ein Highlight sind die bequemen Ledersofas, die vor der Leinwand aufgereiht sind. Es gibt in ganz Berlin keinen schöneren Kinosaal, als den unter dem Dach des alten Dampfsägewerks.

»Die Regenbogenfabrik ist eines der letzten noch funktionierenden alternativen Projekte in Berlin«, sagt Andy Wolff. Und sie wird es bleiben. Denn am 6. Dezember 2011, 30 Jahre nach der Besetzung des Fabrikgeländes und einer halb legalen, halb illegalen Existenz unterschreiben die Verantwortlichen der Regenbogenfabrik einen Erbpachtvertrag für weitere 30 Jahre.
Damit dürfte das Haus Numero 126 eines der letzten sein, das sich erfolgreich gegen die Immobilienhändler zur Wehr setzte.

1971 | Rauchhausbesetzung

ein Veranstaltungshinweis:

50 Jahre Rauchhausbesetzung am 8.12.1971 –

50 Jahre Besetzungen und Kämpfe für selbstbestimmtes Wohnen und Leben

Die Besetzung des Rauchhauses am 8.12.1971 war nach dem Jugendzentrum Kreuzberg im Juni 1971 die zweite erfolgreiche Besetzung in Westberlin und gleichzeitig ein entscheidender Schritt für den Erhalt des ehemaligen Krankenhauses Bethanien in kommunaler Hand. Die Spekulant*innenpläne mit Abriss und Neubau wurden erfolgreich verhindert.

Die Besetzung war der Auftakt zu einer Vielzahl von Besetzungen und Kämpfen für selbstbestimmtes Wohnen und Leben und gegen Spekulation und Zerstörung in den nächsten Jahrzehnten. Weißbecker-Haus, Putte im Wedding, Alte Feuerwache, Instandbesetzungsbewegung 80/81, Besetzungen in Ostberlin 1990, New Yorck im Bethanien, Ohlauer Straße am 8.12.2011 bis zu den Besetzungen der letzten Jahre und der Verteidigung gegen Räumung von Häusern, Projekten, Plätzen…

Wir wollen am Mittwoch, 8.12.2021, den „Geburtstag“ des Rauchhauses und den Beginn unserer Bewegungen und Kämpfe feiern, auf dem Mariannenplatz, vor dem Bethanien, mit dem „Rauchhaussong“ von Ton Steine Scherben als Geburtstagslied und „Kreuzbergaise“.

Mit Glückwünschen und Grüßen von allen, die in den letzten 50 Jahren für ein selbstbestimmtes Wohnen und Leben weiter besetzt und weiter gekämpft haben. Und nicht zuletzt von denen, die sich heute und morgen dafür einsetzen, die weiter besetzen werden, die bedrohte Mieter*innen, Häuser, Projekte, Plätze weiter verteidigen werden, die den Traum von einer Welt ohne Besitzer und Ausbeuter weiter träumen und leben werden.

Wann: Mittwoch, 8.12.2021, 19 Uhr

Wo: Mariannenplatz, Rondell und Treppe vor dem Haupteingang Bethanien

Wie: Chöre/Musik/ Rauchhaussong und andere Bewegungs- und Widerstandslieder

abwechselnd mit kurzen Beiträgen und Glückwünschen von den Besetzungen, Erfolgen, Kämpfen, Niederlagen von 1971 bis heute und morgen

Abschluss: alle Rauchhaussong und Bella Ciao (?)

50 Jahre Rauchhausbesetzung – und wie geht es heute?

Am 08. Dezember 1971 besetzten ca. 300 junge Menschen das frühere Schwesternwohnheim Martha-Maria-Haus auf dem Krankenhausgelände des Bethanien. Noch am selben Abend kamen zahlreiche Unterstützer*innen von einer Veranstaltung der TU zum Anlass der Erschießung von Georg von Rauch um die Besetzer*innen zu unterstützen und wurden von der Polizei angegriffen. Seitdem heißt das Haus „Georg-von-Rauchhaus“ und wird heute 50 Jahre alt. Diese Geschichte und noch viel mehr ist oft erzählt und niedergeschrieben worden.
Zum Anlass des 50. Geburtstags gab es jetzt mehrere Treffen von den Besetzer*innen und einigen Bewohner*innen des heutigen Rauchhauses. Wir haben zusammen eine Feier, eine Ausstellung und ein Dankeschön-Essen geplant, bis die Pandemie auch uns letztlich dazwischengegrätscht ist. Im nächsten Sommer soll diese Feier nachgeholt werden. Eines der Treffen entwickelte sich spontan zu einem interessanten Gespräch in dem klar wurde, dass es auf beiden Seiten viel Neugier gibt. Wie leben wir heute zusammen? Und was ist von den Ideen von damals übrig geblieben? Wie konnte es gelingen, das Haus zu halten in einem Berlin, in dem der Kampf um kollektive Freiräume immer mehr der neoliberalen Selbstverwirklichung weicht. Am Abend des ersten Jubiläumstreffens war das Rauchhaus wieder von Polizisten belagert. Diesmal um den Köpi Wagenplatz zu räumen. Ein seltsames und doch allmählich fast gewohntes Gefühl.
Auch im Rauchhaus sind viele der Ideen von damals nicht mehr wiederzufinden. Es gibt zwar weiterhin den Versuch eines Plenums, das kollektiv versucht, die Entscheidungen zu treffen. Den Weg auf dieses Plenum finden allerdings nicht mehr viele Bewohner*innen. Von gemeinsamen politischen Aktivitäten oder kollektivem Kochen fehlt fast jede Spur.
Statt der geplanten Festivitäten wird es heute auf dem Mariannenplatz ein Geburtstagsständchen – gesungen von verschieden Chören aus Kreuzberg- geben. Dazu seid ihr alle herzlich eingeladen. Auf die nächsten 50 Jahre …

Foto: Jutta Matthess

2011 | Abschluss Pachtvertrag

11.224 Tage nach der Besetzung und 6.923 Tage nach dem ersten Entwurf für einen Pachtvertrag ist die Fabrik legalisiert.

Zu diesem Anlass geben wir Anette das Wort. Sie hat den folgenden Beitrag für unseren Freundeskreis geschrieben. Wir warben um ihre Unterstützung, um die Kosten für den Erbpachtvertrag aufzubringen. Insgesamt 80.000 Euro waren in kurzer Zeit zu mobilisieren. Denn zu einem Pachtvertrag gehört auch eine Wertermittlung der Bauten auf dem Grund und der Eigentümer erhält einen Gegenwert. Wenn der Vertrag zu Ende geht und keine Folgevereinbarung getroffen wird, gehört dieses Geld wieder dem Verein Regenbogenfabrik. Geld, das wir erst mal nicht hatten. Oben drauf kamen weitere Kosten, denn der beratende Anwalt und der Notar waren zu bezahlen, auch die Eintragung ins Grundbuch ist mit Kosten verbunden. Möglich wurde die Finanzierung über einen Bürgenkredit bei der GLS. Und nochwas: die im Text erwähnte Genossenschaft ist nicht entstanden. Dafür müssen wir uns noch ganz anders aufstellen. Doch nun zum damals aktuellen Bericht:

Damals war’s: Die Entstehungsgeschichte der REGENBOGENFABRIK

Die REGENBOGENFABRIK wurde 1981 gegründet, als eine Gruppe von 60 jungen Menschen ein altes Fabrikgebäude und angrenzende Wohngebäude besetzten, um deren Abriss und die damit verbundene Neubauplanung zu verhindern. Die Eigen­tümergruppe „Vogel & Braun“ hatte – wie viele andere Gesellschaften – große Teile alter Bausubstanz aufgekauft, um sie mit steuerbegünstigten Abschreibungsmodellen abreißen oder luxusmodernisieren zu las­sen.

1981

Diese senatsgeförderte Spekulationspolitik, die nicht nur baupolitische unsinnig, sondern auch menschenverachtend war, da ganze Quartiere ausgelöscht und deren Bewohne­rInnen vertrieben werden sollten, stieß auf massiven gesellschaftlichen Widerstand. Wie in Bürgerprotesten gegen AKWs oder die Startbahn West in Frankfurt, formierte sich auch in Berlin ein breites Bündnis un­terschiedlichster Couleur: Die Westberliner „Instandbesetzerbewegung“ mit ihrem Motto „Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen“ wurde ebenso aktiv wie Bürgerinitiativen und Unterstützerkreise aus gesellschaftspoliti­schen Zusammenhängen sowie eine „neue“ Stadtplanergeneration, die unter dem Motto „Kaputte Stadt retten“ statt Kahlschlagsanie­rung eine betroffenen-orientierte „Behut­same Stadterneuerung“ forderte ( „Internati­onale Bauausstellung IBA 1984“).

….. So auch in der REGENBOGENFABRIK:

Mit der Besetzung des Geländes konnten die Abriss- und Neubaupläne in letzter Mi­nute, nachdem alle legalen Bemühungen dies zu verhindern, gescheitert waren, ge­stoppt werden. Gleichzeitig sollte in dem sozio-kulturell unterversorgten Kiez mit des­sen BewohnerInnen ein Nachbarschafts­zentrum aufgebaut werden. Es entstanden in kürzester Zeit ein Café, eine Fahrrad- und eine Holzwerkstatt, eine Kleinkindgruppe, Offene Kinder- und Jugendangebote, ein Musikübungsraum sowie ein Kino-  und Veranstaltungsraum. Weiterhin war ein – ebenfalls vom Abriss bedrohtes – Nachbar­wohnhaus besetzt worden, in das die meis­ten der Regenbogenaktiven, junge Hand­werkerInnen, alleinstehende Mütter mit Kin­dern und Mitglieder der BI S036, einzogen. Allen gemeinsam war der Wunsch nach einem alternativen, basisdemokratischen gemeinsamen Leben, das in der REGEN­BOGENFABRIK in einer „Einheit von Woh­nen, Leben und Arbeiten“ verwirklicht wer­den sollte. Unter dem Motto „Wir wollen lachen, leben, lieben“ entstand ein Selbst­hilfeprojekt, das nicht nur zur sozialen Ein­richtung sondern auch zum sozialen Le­bensraum für und mit dem Kreuzberger Kiez wurde.

1981 bis 2011: 30 Jahre REGENBOGENFABRIK

In den darauf folgenden drei Jahrzehnten wurde weiter am „Regenbogen gebaut“, was durchaus wörtlich zu verstehen ist, denn es galt, die maroden Gebäude vor weiterem Verfall zu retten, instand zu setzen und den Nutzungen entsprechend umzubauen und zu modernisieren. Dies geschah – abgese­hen von vergleichsweise wenigen öffentli­chen Fördergeldern – vorwiegend mit gro­ßem Eigenengagement in Form von Selbst­hilfe und Eigenmitteln, aber auch mit Hilfe zahlreicher UnterstützerInnen und FörderIn­nen. Gleiches gilt für alle Projektaktivitäten, die ebenso fast ohne staatliche Subventio­nierungen auskommen mussten.

Frühjahr im Hof

Der Regenbogen wuchs in all seinen bunten Facetten mit der Vielfalt und Verschiedenar­tigkeit seiner Aktivitäten und Menschen. „Altes“ verschwand oder änderte sich, neue Ideen und Angebote kamen hinzu. So ver­steht sich die REGENBOGENFABRIK auch heute noch als „Projekt“ im klassischen Sinne, das auf Bewährtes aufbaut, aber dennoch Raum für neue Entwicklungen lässt. In diesem Sinne ist sie auch Forum für politische und soziale Gruppierungen und veranstaltet bspw.  Film- und Themenreihen zu gesellschaftsrelevanten Schwerpunkten (z.B. „Aktionsnetzwerk Globale Landwirt­schaft“), beteiligt sich an öffentlichen Diskur­sen zum Kiez und darüber hinaus und un­terstützt Initiativen wie den „Berliner Was­sertisch“ oder (leider erfolglos?) die Berliner AktivistInnen gegen Stuttgart 21 „Schwa­benstreich Berlin“ und beteiligt sich an be­troffenenorientierten Netzwerken.

Das Kinoschild war da ganz neu

Die Projektgruppen und –bereiche sind nach wie vor im pädagogischen, sozio-kulturellen sowie kreativ-handwerklichen Bereich ange­siedelt, hinzu kamen vor einigen Jahren Bildungs- und Beschäftigungsprojekte und ein Gästebereich:

  • Regenbogencafé mit hauseigener Kuchenbäckerei
  • Offene Angebote für Kinder und Ju­gendliche
  • Kitagruppe für Vorschulkinder
  • Selbsthilfe-Fahrradwerkstatt
  • Nachbarschafts-Holzwerkstatt
  • Bau- und Instandsetzungsgruppe
  • Kino- und Kulturbereich
  • Kantine
  • Hostel
  • Integrationsbereich
  • Projektverwaltung und –koordinie­rung
  • Bildungs- und Beratungsbereich
  • Selbsthilfe-Wohnprojekt
Elefant am Lehräderschuppen

Die REGENBOGENFABRIK ist ein selbst­verwaltetes Projekt mit kollektiven Struktu­ren, in dem alle Arbeit gleich viel wert ist. Findung und Umsetzung der Projektziele erfolgen basisdemokratisch und die dafür notwendigen Beschlüsse werden nach dem Konsensprinzip entschieden. Dies war und ist nicht immer einfach, dennoch halten wir das für den für uns „besseren“ Weg, und sehen es – gerade in Zeiten von zunehmen­der Globalisierung und Fremdbestimmung – als gute Basis für weitere Regenbogenjahr­zehnte an.

Die REGENBOGENFABRIK und ihre Zukunft…

Nach 30 Jahren als Kreuzberger Kiezprojekt mit Bezügen in Berlin und darüber hinaus gelten wir als „Leuchtturm“ und erfolgreiches Beispiel einer nachhaltigen Stadtteilpolitik, die Berliner Abendschau nannte uns un­längst eine „Berliner Legende“, und immer wieder treffen wir auf Menschen, die sich die Regenbogenfabrik als Beispiel genommen haben oder nehmen wollen. Dies erfüllt uns mit einem gewissen Stolz, befremdet uns aber auch ein wenig, und auf gar keinen Fall dürfen wir uns auf diesen Lorbeeren ausru­hen, denn die Zeiten für sozio-kulturelle Zentren sind hart und mehr denn je brau­chen wir eine möglichst langfristige Projekt­sicherung:

Maus an der Wand der Rezeption

Auf dem Weg zur „Solidarischen Ökonomie“ und zur Genossenschaft

Einerseits profitieren wir von einem relativ hohen Bekanntheitsgrad und können ebenso ein hohes Maß an „sozialem Kapital“ (u.a. bedingt durch das hohe Engagement unserer MitarbeiterInnen) einbringen. Dem gegenüber steht jedoch ein massiver finan­zieller Druck, der unabdingbar wirtschaftli­ches Handeln und Tun fordert.

RegenbogenCafé

Seit einigen Jahren bemühen wir uns daher im Rahmen von „Solidarischer Ökonomie“ unsere sozio-kulturellen und politischen Ziele durch wirtschaftliche Aktivitäten zu realisieren, die nicht im Gegensatz zu die­sen stehen, sondern vielmehr Teil davon sind. Im Sinne von „not for private profit“ geht es dabei darum, unter solidarischen Bedingungen die gemeinsamen Ziele zu verwirklichen und dabei eine ebenso solida­rische Gewinnerzielung und –verteilung zu ermöglichen

Blick in die Kantinenküche

Dies geschah zunächst u.a. im gemeinnüt­zigen Kontext mit betroffenorientierten Be­schäftigungsmaßnahmen im Gästebereich. Nach massiven Mittelkürzungen wird dies nun ab dem 1. Januar 2012 im Rahmen einer UG fortgesetzt werden, deren Ge­winne dem gemeinnützigen Projektzweck zugute kommen. Genannte UG wird – ebenso wie der Verein Regenbogenfabrik – in absehbarer Zeit zur REGENBOGEN-GE­NOSSENSCHAFT werden, die sowohl die sozio-politische als auch wirtschaftliche Zu­kunft als basisdemokratisches Projekt si­chern helfen soll und dem solidarischen Grundprinzip der REGENBOGENFABRIK entspricht.

Spielplatz im Hof

Nach 30 Jahren endgültig legalisiert?

Der Abschluss eines Erbbauvertrages bis 2041

Parallel zu der Besetzung der REGENBO­GENFABRIK 1981 wurde mit breiter öffentli­cher Unterstützung umgehend nach Legali­sierungsmodellen gesucht, um den langfris­tigen Erhalt des Projektes zu sichern. Zwar konnten damit über Jahre hinweg die Räu­mung des Geländes verhindert werden, gleichzeitig schienen aber langfristig erfolg­reiche Vertragsverhandlungen unmöglich, da die Investorengruppe nach wie vor an ihrer Planung festhielt. 1984 wurde zwar im Rahmen der „Berliner Linie“, in der besetzte Häuser legalisiert oder geräumt wurden, ein befristeter Vertrag für ein Jahr geschlossen (der sich bis heute die einzige Vertrags­grundlage bildete!), dennoch blieb die Situa­tion unsicher, und das Projekt stand immer wieder vor dem Aus.

Der Neubau für den Gästebereich

Dies änderte sich erst als Land Berlin nach einem Abgeordnetenhausbeschluss zum „langfristigen und umfassenden Erhalt“ das Gelände 1992 kaufte und es in das Vermö­gen des Bezirks Kreuzberg übertrug, der es dann dem Projekt zur Nutzung überlies. Der erhoffte langfristige Vertrag kam dennoch nicht zustande, da es sich um eine ehema­lige Chemiefabrik handelt, was massive Umweltbelastungen zur Folge hatte, die zwar den Betrieb des Nachbarschaftszent­rums nicht gefährdeten aber das Grundwas­ser verseuchten. Über Jahre hinweg konnte daraufhin mit dem Bezirk keine nutzungs­vertragliche Lösung gefunden werden – ob­wohl dieser das Projekt als ausgesprochen unterstützenswert ansah – da die Altlasten­problematik immer wieder im Raum stand und eine einvernehmliche Lösung verhin­derte:

Winterbasar

Einerseits konnte der Verein Regenbogen­fabrik keinesfalls als Erbbauberechtigter die Spätfolgen der Chemiefabrik übernehmen, andererseits sah sich der Bezirk dazu ebenso wenig in der Lage. Nachdem in den vergangenen Jahren durch die zuständige Umweltsenatsverwaltung ein Weg zu einer – zumindestens langfristigen – Sanierung des Geländes gefunden wurde, konnten die Verhandlungen wieder aufgenommen und nun endlich ein Vertrag mit einer einver­nehmlichen Altlastenregelung abgeschlos­sen werden:

IG Blech beim 30. Geburtstag
aus der Ausstellung der Kita-Kinder

Am 5.12.2011 – 11.224 Tage nach der Be­setzung 1981 und 9.989 Tage nach Ab­schluss des „Legalisierungsvertrages“1984 – wurde endlich der heiß ersehnte Erbbauver­trag für die Regenbogenfabrik mit einer Laufzeit von 30 Jahren unterzeichnet:

fertig für den Winterbasar

Nach 30 Jahren relativer Unsicherheit wurde die REGENBOGENFABRIK endgültig lega­lisiert und blickt nun hoffnungsfroh in die Zukunft weiterer 30 Jahre!

Die Schrift über dem Eingang zu Kantine und Hostel | entstanden für die Dreharbeiten zu „Der ewige Gärtner“