Blockversammlung in der Ölberg-Gemeinde

(Fast) „Genau ein Jahr nach ihrer Besetzung wurde das Schicksal der Regenbogenfabrik in der Lausitzer Straße besiegelt. [Wow, „Schicksal“ was für Worte!] Am 4. März fand in der Ölberg-Gemeinde eine Bürgerversammlung statt, um den Anwohner:innen der Lausitzer/Ecke Reichenberger Straße das Konzept der Regenbogenfabrik zu erläutern. Ein Jahr lang renovierten die Besetzer:innen des Hinterhauses Lausitzer Straße 23 ihre Wohnungen, bauten die Fabrik um, die später einem Brandanschlag zum Opfer fiel, und fingen noch einmal von vorn an. Jetzt ging es um die Entscheidung im Bezirksamt, die Vorhaben zu unterstützen. Die Anwohner sollten vorher gefragt werden.“

Ich kann mich daran erinnern, dass die Stimmung im Saal nicht eindeutig war. Freundliches Interesse schon, auch war es interessant, um die eigene Meinung gefragt zu werden. Doch Besetzer gut finden, das ging dann manchen doch etwas zu weit. Den Umschwung brachten nach meiner Erinnerung zwei Menschen. Zum einen das Statement einer aufgebrachten Frau über die Entwicklung der Miethöhe für sich und ihre Familie nach Modernisierung. Diese Enttäuschungen brachte sie dazu, gut zu finden, was „die jungen Leute“ da machten. Zum anderen die Solidaritätsadresse eines türkischen Nachbars, der die Besetzer rund heraus als gute Nachbarn begrüßte. So wuchs das Gefühl, hier angekommen zu sein.

Christine

Von der Feuerwache zur Regenbogenfabrik

Die Regenbogenfabrik wurde am 14. März 1981 besetzt.

In das Geburtstagsjahr starteten wir mit einem Vortrag zur Vorgeschichte.

Am Sonntag, den 14. März haben wir das live gesendet aus dem RegenbogenCafé.

Andy zeigte im Vortrag den langen Weg/Kampf um ein Kulturzentrum im Kiez und erklärte dabei unter anderem, welcher geschichtliche Zusammenhang zwischen der UFA-Fabrik, dem Mehringhof und der Regenbogenfabrik besteht.

Wir freuen uns sehr, dieses Ereignis – jetzt nochmal neu geschnitten – gemeinsam mit Euch virtuell zu begehen.

Bericht von der Besetzung der Regenbogenfabrik

Der Südost Express berichtete in seiner Ausgabe vom April 1981:

Instandbesetzung in der Lausitzer Straße

In einer Blitzaktion besetzten eine Gruppe Gewerkschafter, eine Gruppe alleinstehender Frauen mit Kindern sowie einige Mitarbeiter und Freunde der Bürgerinitiative SO die leeren Wohnungen in der Lausitzer Straße 22a und 23 und die Fabrikgebäude in der Lausitzer 22. Unterstützt wurden sie von der Bürgerinitiative SO 36, dem Stadtteilzentrum Lausitzer Straße, Wohnen und Leben e.V. und durch viele Zusprüche von Nachbarn, der Ölberg-Gemeinde und anderen mit der Sanierung offiziell Betrauten in SO 36.

Der Bau des Hostels

Durch den Umzug der Musiker in die neu fertiggestellten ( vom Kultursenat geförderten) Musikübungsräume im Keller waren hinten in der Ecke des L-Stücks der Regenbogenfabrik freie Räumlichkeiten entstanden.

Das heißt: sie waren nicht wirklich „frei“, denn unser eifriger Hausmeister Flocki hatte schon immer zum Wohle der Fabrik alle möglichen Sachen gesammelt, die frau/man irgendwann einmal gut würde gebrauchen können. So war jeder freie Winkel gut genutzt.

Trotzdem kam mir angesichts der neuen Gegebenheiten die Idee, hier Übernachtungsmöglichkeiten für Leute mit schmalem Geldbeutel zu schaffen.

Ich kannte von früheren Reisen in den 70er Jahren die günstige Möglichkeit, in sogenannten „SleepInns“ zu nächtigen, beispielsweise in Christiania in Kopenhagen oder in Amsterdam. Das waren meist große Säle oder Fabriketagen ohne feste Strukturen, wo man sich mit oder ohne Bett irgendwo hinpackte, teilweise Schlafsack an Schlafsack. Das kostete nur 3 Gulden, und wenn man sich bereiterklärte, am nächsten Tag auszufegen, durfte man noch einmal umsonst übernachten.

Das war zum einen eine tolle Möglichkeit für Jugendliche (die damals meist per Anhalter unterwegs waren) auch ohne Geld die Welt zu sehen, wurde aber natürlich andererseits von zwielichtigen Gestalten auch zum Klauen, dealen und sonstigen „Schandtaten“ ausgenutzt.

Also: die SleepInns hatten dann doch irgendwann einen schlechten Ruf.

Ganz so strukturlos sollte es bei uns nicht zugehen. Jede/r sollte ein Bett bekommen und auch Duschen und Kochgelegenheit sollte es geben. Aber: es sollte für jede/n erschwinglich sein!

Durch ein solches SleepInn (Arbeitstitel, den wir uns später nur schwer wieder abgewöhnen konnten) würde auch neuer Wind auf die Fabrik kommen: Menschen aus aller Welt würden herumlaufen, in unserem Café frühstücken, Fahrräder aus unserer Fahrradwerkstatt ausleihen, abends unser Kino besuchen oder die gelegentlich stattfindenden Partys bereichern. Nebenbei würde auch ein bisschen Geld hereinkommen, was dringend notwendig war.

Ich fand die Idee klasse und war etwas enttäuscht, als mir auf dem Fabrikplenum großflächig Skepsis entgegenschlug. Es gab viele Einwände und Ängste. „Da kommt doch eh Keener!“ sagten die Einen, „Die machen nur Lärm und alles kaputt!“ die Anderen. Viele befürchteten, dass alles aus dem Ruder laufen könnte, da doch nachts niemand auf der Fabrik war und wir höchstens im nebenan liegenden Wohnhaus vielleicht was mitkriegen würden. Das schlechte Image des „SleepInns“ war da natürlich auch nicht sonderlich hilfreich.

Nach vielen Diskussionen fand die Idee dann aber doch genügend BefürworterInnen. Wir sollten es versuchen…, wenn es nicht klappen würde, könnten wir es ja wieder abschaffen. Die SkeptikerInnen gaben sich erstmal geschlagen und stimmten basisdemokratisch zu.

Eine gewisse Geldsumme musste ja auch bewilligt und zur Verfügung gestellt werden – leihweise, versteht sich, und sollte von den ersten Einnahmen zurückgezahlt werden (was selbstverständlich längst geschehen ist).

Und dann ging es los!

Zuerst musste alles leergeräumt werden. Wohin bloß mit all dem Zeug ??? Ich weiß heute nicht mehr, wie wir das geschafft haben. Es kamen sogar noch Räume zum Vorschein, von denen wir vorher gar nichts gewusst hatten!

Um ehrlich zu sein: die Räumlichkeiten wirkten dunkel, es gab nur wenig bis gar keine Fenster ; die Wände waren bröselig und teilweise feucht; die Raumhöhe ließ auch zu wünschen übrig; Heizung gab es gar keine.

Nun: die Leute sollten ja zum Schlafen hierher kommen, da war das mit der Dunkelheit ja kein vorrangiges Problem – dachten wir uns.

Zuerst mussten unsere Sanitärexperten ran. Die Zentralheizung des Wohnhauses nebenan, betrieben durch ein Blockheizkraftwerk, wurde bis hierher „verlängert“ und Sanitäranschlüsse und Bodenabflüsse verlegt. Die Wände wurden verrigipst, gemalert und gefliest , ein Teppichboden verlegt und schon sah alles viel freundlicher aus. Die „neuen“ Fenster waren gebraucht von irgendwelchen Baustellen in der Nachbarschaft, ebenso so manche Tür und manches Waschbecken. Durch Stellen von Rigipswänden wurden zwei Schlafräume und dazwischen der fensterlose Aufenthaltsraum mit Kühlschrank und Kochgelegenheit geschaffen. Es gab einen Eingangsflur, von dem aus ein Waschraum sowie Herren- und Damen-WC und Duschen zu erreichen waren.

Ganz kurz vor dem geplanten Eröffnungstermin kam der Ikea-Einkauf: 9 Doppelstockbetten, 18 Matratzen, Kopfkissen, Laken und pro Bett eine karierte Wolldecke.

Mein Versuch, Ikea als Sponsor zu gewinnen, da wir doch das komplette SleepInn mit diesen Utensilien ausstatteten, schlug leider fehl.

In einer Nacht schraubten wir zu zweit alle diese Betten zusammen! Die Holzwerkstatt hatte Regale für die Koffer der Gäste gezimmert. Vorhänge wurden genäht. Flyer in verschiedenen Sprachen wurden gedruckt und verteilt. Die Kinder spendierten für jedes Bett ein Kuscheltier.

Sehr erschöpft, aber zufrieden saßen wir dann bei der Einweihungsparty, der viele der Skeptiker allerdings leider fernblieben.

Die aber, die gekommen waren, zeigten sich positiv überrascht, was aus der ehemaligen „Räuberhöhle der Musiker“ doch Nettes geworden war.

Wenig später erschien der erste Gast, der auch längere Zeit der einzige blieb: Horst aus Siebenbürgen! Er kam dann noch öfter und war ganz gerührt von unserer ungeteilten großen Aufmerksamkeit.

Wir führten die „vornehmere“ Bezeichnung „Hostel“ ein, und so langsam aber sicher kam Schwung in die Sache!

Kurzum: die Zweifler wurden eines Besseren belehrt und viele haben ihre Ansichten verwundert ändern müssen.