1971 | Rauchhausbesetzung

ein Veranstaltungshinweis:

50 Jahre Rauchhausbesetzung am 8.12.1971 –

50 Jahre Besetzungen und Kämpfe für selbstbestimmtes Wohnen und Leben

Die Besetzung des Rauchhauses am 8.12.1971 war nach dem Jugendzentrum Kreuzberg im Juni 1971 die zweite erfolgreiche Besetzung in Westberlin und gleichzeitig ein entscheidender Schritt für den Erhalt des ehemaligen Krankenhauses Bethanien in kommunaler Hand. Die Spekulant*innenpläne mit Abriss und Neubau wurden erfolgreich verhindert.

Die Besetzung war der Auftakt zu einer Vielzahl von Besetzungen und Kämpfen für selbstbestimmtes Wohnen und Leben und gegen Spekulation und Zerstörung in den nächsten Jahrzehnten. Weißbecker-Haus, Putte im Wedding, Alte Feuerwache, Instandbesetzungsbewegung 80/81, Besetzungen in Ostberlin 1990, New Yorck im Bethanien, Ohlauer Straße am 8.12.2011 bis zu den Besetzungen der letzten Jahre und der Verteidigung gegen Räumung von Häusern, Projekten, Plätzen…

Wir wollen am Mittwoch, 8.12.2021, den „Geburtstag“ des Rauchhauses und den Beginn unserer Bewegungen und Kämpfe feiern, auf dem Mariannenplatz, vor dem Bethanien, mit dem „Rauchhaussong“ von Ton Steine Scherben als Geburtstagslied und „Kreuzbergaise“.

Mit Glückwünschen und Grüßen von allen, die in den letzten 50 Jahren für ein selbstbestimmtes Wohnen und Leben weiter besetzt und weiter gekämpft haben. Und nicht zuletzt von denen, die sich heute und morgen dafür einsetzen, die weiter besetzen werden, die bedrohte Mieter*innen, Häuser, Projekte, Plätze weiter verteidigen werden, die den Traum von einer Welt ohne Besitzer und Ausbeuter weiter träumen und leben werden.

Wann: Mittwoch, 8.12.2021, 19 Uhr

Wo: Mariannenplatz, Rondell und Treppe vor dem Haupteingang Bethanien

Wie: Chöre/Musik/ Rauchhaussong und andere Bewegungs- und Widerstandslieder

abwechselnd mit kurzen Beiträgen und Glückwünschen von den Besetzungen, Erfolgen, Kämpfen, Niederlagen von 1971 bis heute und morgen

Abschluss: alle Rauchhaussong und Bella Ciao (?)

50 Jahre Rauchhausbesetzung – und wie geht es heute?

Am 08. Dezember 1971 besetzten ca. 300 junge Menschen das frühere Schwesternwohnheim Martha-Maria-Haus auf dem Krankenhausgelände des Bethanien. Noch am selben Abend kamen zahlreiche Unterstützer*innen von einer Veranstaltung der TU zum Anlass der Erschießung von Georg von Rauch um die Besetzer*innen zu unterstützen und wurden von der Polizei angegriffen. Seitdem heißt das Haus „Georg-von-Rauchhaus“ und wird heute 50 Jahre alt. Diese Geschichte und noch viel mehr ist oft erzählt und niedergeschrieben worden.
Zum Anlass des 50. Geburtstags gab es jetzt mehrere Treffen von den Besetzer*innen und einigen Bewohner*innen des heutigen Rauchhauses. Wir haben zusammen eine Feier, eine Ausstellung und ein Dankeschön-Essen geplant, bis die Pandemie auch uns letztlich dazwischengegrätscht ist. Im nächsten Sommer soll diese Feier nachgeholt werden. Eines der Treffen entwickelte sich spontan zu einem interessanten Gespräch in dem klar wurde, dass es auf beiden Seiten viel Neugier gibt. Wie leben wir heute zusammen? Und was ist von den Ideen von damals übrig geblieben? Wie konnte es gelingen, das Haus zu halten in einem Berlin, in dem der Kampf um kollektive Freiräume immer mehr der neoliberalen Selbstverwirklichung weicht. Am Abend des ersten Jubiläumstreffens war das Rauchhaus wieder von Polizisten belagert. Diesmal um den Köpi Wagenplatz zu räumen. Ein seltsames und doch allmählich fast gewohntes Gefühl.
Auch im Rauchhaus sind viele der Ideen von damals nicht mehr wiederzufinden. Es gibt zwar weiterhin den Versuch eines Plenums, das kollektiv versucht, die Entscheidungen zu treffen. Den Weg auf dieses Plenum finden allerdings nicht mehr viele Bewohner*innen. Von gemeinsamen politischen Aktivitäten oder kollektivem Kochen fehlt fast jede Spur.
Statt der geplanten Festivitäten wird es heute auf dem Mariannenplatz ein Geburtstagsständchen – gesungen von verschieden Chören aus Kreuzberg- geben. Dazu seid ihr alle herzlich eingeladen. Auf die nächsten 50 Jahre …

Foto: Jutta Matthess

2012 | Besetzung der ehemaligen Gerhard-Hauptmann Schule

Am 8. Dezember 2012 besetzten Aktivist:innen des Refugee Protest Camps das leerstehende Gebäude der Gerhart-Hauptmann-Schule. Das Camp stand seit dem Sommer 2012 am Oranienplatz. Die Besetzungen gingen aus einem Protestmarsch von Flüchtlingen 2012 gegen die Unterbringung in „Lagern“, die Residenzpflicht und das Arbeitsverbot von Würzburg nach Berlin hervor und wurden zunächst vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg geduldet. Das Haus soll in erster Linie als Schlaf-Unterkunft für die Protestierenden dienen. Gleichzeitig wurde auf demselben Gelände ein weiteres Gebäude okkupiert und als Soziales Zentrum „Irving-Zola-Haus“ wiedereröffnet.

Zwei Jahre lang hielten Refugees die Schule besetzt. Im Juni 2014 beendete ein Großaufgebot der Berliner Polizei die Besetzung. Die Räumung stellt in vielerlei Hinsicht eine Zäsur dar.
Zum Einen, weil die Grünen nach dem Oranienplatz ein weiteres Mal direkt dabei halfen, einen symbolträchtigen Ort der Refugeebewegung zu aufzulösen. Zum Anderen, weil erstmalig eine Berliner Polizei ein ganzes Straßenviertel über zehn Tage lang quasi in Haft genommen hat. Und zum Schluss, aber nicht zuletzt, weil die Refugee-Bewegung, wie selten zuvor Mobilisierung erfahren hat und Unterstützung von allen Seiten her bekam.

Foto: Christina Palitzsch

Geburtstagskind des Tages – Sahdu

Wir haben uns für das kleine Interview kurz auf dem Stockwerk zusammengesetzt. Und natürlich ist mir dann gleich wieder eingefallen, wie Sahdu im Sommer die erste Frage schon einmal beantwortete; damals, als wir im Fabrikhof den Kauf des Hauses durch die Genossenschaft feierten. Vier von uns hatten sich vorgenommen, den Gästen über das Haus zu berichten und wir traten in der Reihenfolge unseres Einzugs auf die Bühne. Sahdu war an dritter Stelle. Und sagte: Ich hab noch nie woanders gewohnt, seit meine Mutter mich aus dem Krankenhaus hier hineingetragen hat. Also:

1. Seit wann bist bzw. von wann bis wann warst Du hier und in welchem Bereich?

Seit 2002 wohne ich im 3. Stock des Hinterhauses, nie woanders.

2. Welches ist Dein Lieblingsort auf der Fabrik?

Im Haus auf jeden Fall die Essensgruppe und der Balkon. Das Kino und die Holzwerkstatt. Wenn ich mich entscheiden muss, dann ist mir der allerliebste Platz die Dachterrasse.

3. Mit einem Wort: Was ist die Fabrik für Dich?

Zuhause.

4. Lieblingsessen in der Kantine?

Chili con carne.

5. Was wünschst Du der Fabrik zum Geburtstag?

Dass sie noch lange hält und noch mehr Leuten ein gutes Zuhause bietet.