Wir machen einen Zeitsprung von März 1981 bis April 2008


Und noch eine Erinnerung an den ersten Begrünungsversuch im Hof. Der Zaun ist auf dem ersten Bild schon zu sehen. Der verschwand, als die Investoren modernisierten.
Wir machen einen Zeitsprung von März 1981 bis April 2008


Und noch eine Erinnerung an den ersten Begrünungsversuch im Hof. Der Zaun ist auf dem ersten Bild schon zu sehen. Der verschwand, als die Investoren modernisierten.
von Werner von Westhafen
Das Haus mit der Nummer 55 tanzt aus der Reihe: Es ist zu niedrig, es ist zurückgesetzt, und es hat einen Vorgarten.
Es ist nur ein winzig kleiner Punkt. Aber es ist der einzige auf der Karte von 1834, der auf ein Haus an der Bergmannstraße hinweist. Dieses Haus war das Anwesen eines Steinmetzes, der gegenüber dem Jerusalemfriedhof Grabsteine für die Toten meißelte, die auf den neuen Friedhöfen zwischen den Weinbergen bestattet wurden.
Es könnte ein Mann namens Sperner gewesen sein, dessen Name etwa 150 Jahre später auf einer alten Visitenkarte im Haus mit der Nummer 55 auftauchte, und der auf dem Grundstück gegenüber den Friedhöfen offensichtlich einen Schuppen errichtet hatte. Alte Bauakten verzeichnen seinen Namen schon im Jahre 1810, als zwischen den Weinbergen noch keine einzige Leiche ruhte.
Es könnte aber auch sein, dass das Haus auf der alten Karte längst schon einem anderen Steinhauer gehörte. Ebenso könnte es sein, dass noch eine ganze Reihe anderer Handwerker mit ihrem Meißel Buchstaben und Zahlen in Grabsteine meißelten, bis im Jahre 1883 der Steinmetzmeister Hermann Albrecht das Anwesen mit den beiden Grundstücken kaufte. 13 Jahre später auf jeden Fall wird die erste fotografische Aufnahme von der kleinen Steinmetzwerkstatt gemacht. Vielleicht hat Meister Albrecht gerade den Entschluss gefasst, das Fachwerkhäuschen aus Lehmziegeln, das noch immer einsam in einer Garten- und Wiesenlandschaft zwischen der Bergmannstraße und der Gneisenaustraße lag, demnächst einmal abreißen zu lassen.
Am 4. September 1899 wird mit dem »Lageplan von dem in der Bergmannstraße 55/56 belegenen im Grundbuche von Tempelhof verzeichneten Grundstücke des Steinmetzmeisters Herrn H. Albrecht zu Berlin« das Land vom Regierungslandvermesser Hildebrandt neu vermessen und der Abriss des alten Häuschens, das sich in der Mitte beider Grundstücke befand, genehmigt. Ein Jahr später baute Albrecht sich auf dem Grund der Nummer 55 eine neue Werkstatt mit drei Wohnzimmern in der 1. Etage. Das Grundstück mit der Nummer 56 verkaufte er an einen Investor, der schon bald ein Wohnhaus errichtete. Noch heute liegt das niedrige Haus des Steinmetzmeisters Albrecht zurückgesetzt und eingezwängt zwischen der geschlossenen Reihe aus Gründerzeitfassaden. Es ist das einzige Haus der Bergmannstraße, das einen Vorderhof besitzt, und damals wie heute standen dort keine Bäume, sondern Grabsteine.
Zwar hatte der Steinmetz nun drei Zimmer über der Werkstatt, doch er baute auch eines der stattlichsten Wohnhäuser in der Bergmannstraße mit großen Balkonen und viel Stuck: Das Eckhaus im Schnittpunkt zwischen Bergmannstraße und Gneisenaustraße am damaligen Kaiser Friedrich Platz.
Als 1932 die Familie Rüdiger den Betrieb des alten Albrecht übernahm, wurde auch das Haus auf dem Grundstück Nr. 55 höher:
Eine Fotografie von 1934 zeigt schon jene drei Stockwerke, die es noch heute gibt. In der ersten Etage wohnte in drei nebeneinander liegenden Zimmern Margarete Rüdiger und im zweiten Stock ihr Sohn Helmut, der die Geschäfte des verstorbenen Betriebsgründers fortführte. Im dritten Stock lagen Waschküche und Dachzimmer. Als Margarete starb, zog Helmut mit seiner Frau in die erste Etage, darüber lagen drei Kinderzimmer und ganz oben »Opa Pietsch, der wurde fast 100. Det war hier immer ne große WG: Onkel, Tanten, Kinder, und im Krieg haben sie oben in der Waschküche auch noch zwei Schweine gehalten!«
Frank Rüdiger ist der Urenkel Margaretes. Mit seinem Bruder Bodo hält er die Tradition des Familienbetriebes aufrecht.
Auch sie haben weiter gebaut, den Hof unterkellert und eine neue Werkstatt angebaut. Anstelle des fast 30 Meter hohen Gerüstturmes der »Baumertschen Patenthebemaschine«, die 1887 zu Versuchszwecken auf dem Grundstück des Steinmetzbetriebes errichtet worden war, bewegt nun ein moderner Schiebekran die schweren Steine. Von der Hebemaschine existieren nur noch die Pläne. Auch von dem hübschen Lagergebäude, dessen Bau 1894 genehmigt wurde, ist keine Spur mehr erhalten. Vielleicht wurde es nie errichtet.
Geblieben aber ist ein kleines Stück Granit. Es hat die Form einer Raute und ist blank poliert wie ein Grabstein. Das Schild wies schon der trauernden Kundschaft den Weg zum »Kontor«, als 1896 die erste Fotografie von der Steinmetzwerkstatt an der Bergmannstraße aufgenommen wurde, und als am Fuße der Tempelhofer Weinberge überall noch Wiesen und Gärten lagen.
Frank Rüdiger hat das alte Schild jetzt endlich wieder angeschraubt.
Vielen Dank an die

Foto: Martin Cames
Nachtrag von heute:
Da gehen noch mehr von uns spazieren!
Und wie schön, beim Steinmetz blüht auch ein Regenbogen. Vielen Dank an Johanna für die beiden Bilder.


Einige Rätsel geben wir uns manchmal auf. Wer von einem introvertierten Menschen nicht viel weiß, hat nicht genug gefragt. Als Ralf plötzlich nicht mehr unter uns war, haben wir festgestellt, dass wir von seinem Leben jenseits der Fabrik nichts wissen.
Doch das, was wir von ihm wussten, war aufregend genug. Als 25-jähriger begann er als Erzieher in der Kita zu arbeiten. Bis er eine Auszeit brauchte, die führte ihn nach Skandinavien. Als er nach einem Jahr zurückkehrte, wollte er nicht mehr in die Erzieherroutine zurück. Er wollte kreativ arbeiten, ohne sich dem Korsett einer Vorschulbildung zu unterwerfen. So wurde er Besetzer bei Besetzers. Ganz hinten, wo heute die Kantine residiert, war Leerstand. Denn wir hatten bis dahin keine Möglichkeit gehabt, die Räume herzurichten. Ralf waren sie so, wie waren gerade richtig. Er besorgte einen großen Tisch, einen Brennofen und jede Menge Ton. Und so konnte es losgehen. Die Kinder kamen gerne und es ist nicht einzuschätzen, wie viele Aschenbecher dort produziert wurden.
Aber mit Ralf konnte auch gesägt, geleimt, geraspelt werden. Ein Schlangentisch aus der Werkstatt hat noch Jahre im Hostel gestanden. Noch immer gibt es einen Fernsehtisch in den Umrissen von Australien.
In den Schiurlaub ist er mitgekommen. Langlauf war seine Leidenschaft. Ganz für sich, die anderen aus der Hüttengemeinschaft wuselten über die Piste. Und hinter der Hütte hat er dann nachmittags mit den Kindern ein echtes Iglu gebaut.
Im Dezember 2008 verabschiedete er sich in den Urlaub, am 6. Januar wurde er wieder erwartet. Als er nicht kam, sich nicht meldete, war den Kolleg:innen gleich klar, dass da etwas nicht stimmt. Niemals wäre Ralf so kommentarlos weggeblieben. Sie alarmierten die Feuerwehr, die ihn in seiner Wohnung fand. So ist er aus dem Leben gegangen
Gemeinsam mit den Leuten von der Ölberg-Gemeinde, wo er inzwischen auch arbeitete, versuchten wir den unbegreiflichen Abschied zu bewältigen. Zum Abschied trafen wir uns noch mal an dem von ihm gebauten funktionsfähigen Lehmbackofen im Garten der Ölbergkita.
von Hans W. Korfmann vor 20 Jahren veröffentlicht.
»Sie gehen … – wir auch!« So stand es auf dem Titel der »Allerletzten« Ausgabe des Südost Express, der Nr.141 vom Juli 1990. Damit verabschiedete sich die wohl erfolgreichste »Kreuzberger Lokalzeitung« von ihren Lesern. Das Titelbild zeigt zwei amerikanische Soldaten, die wenige Monate nach dem Fall der Mauer von einem Fenster am Checkpoint Charlie aus einen vermeintlich letzten Blick in den einst feindlichen Osten werfen.
Doch es war nicht das Feindbild des Yankees, von dem sich der Südost Express hätte verabschieden müssen. Denn der Südost Express war mehr als ein einseitiges politisches Sprachrohr. Auf der allerletzten Seite dieser letzten Nummer haben sie das noch einmal betont: »Der SOE war nie Zentralorgan eines Zentralkomitees, Politbüros oder Geschäftsführenden Ausschusses einer Partei oder Liste.« Wenn sich der Südost Express mit diesem letzten Titelbild von etwas verabschiedete, dann war es das Kreuzberger Exil. Es war das kleine politische und kulturelle Biotop im Schutz der Mauer, in dem sich Studenten, Fotografen und Autoren zusammengefunden hatten, um 13 Jahre lang eine Zeitung zu machen, ohne je eine Mark daran zu verdienen.
Begonnen hatte alles mit einem achtseitigen, grobschlächtigen Faltblatt – der Nullnummer im Dezember 1977. Herausgeber war die inzwischen legendäre Bürgerinitiative SO36. Nach 77 Ausgaben beging die Redaktion ein erstes Jubiläum: »Die einzige Kreuzberger Stadtteilzeitung von unten feiert Geburtstag.« Im 7. Jahr hat sie 170000 Exemplare verkauft, ist auf 40 Seiten angewachsen, hat Gerichtsverfahren überstanden, innere Querelen und die schlaflosen Nächte der Produktionswochenenden. Waren sie zu Anfang noch drei oder vier, saßen nun bis zu 30 Mitarbeiter und Mitstreiter in den Redaktionsräumen in der Wrangelstraße.
Das bald glänzende Blatt hatte sich stets an großen Zeitschriften orientiert, pflegte Stil und Sprache, sogar das Layout der Titelseite hätte ohne Deutschlands bekanntestes Nachrichtenmagazin wahrscheinlich anders ausgesehen. Auch inhaltlich unterschied sich die Stadtteilzeitung deutlich von den bislang erschienen Druckwerken aus den Kreuzberger Kellern und Hinterhöfen. Mit der politisch eher einäugigen 883 etwa oder der Radikal hatte der Südost Express nichts mehr zu tun. Zwar erschien kaum ein Heft ohne einen Beitrag über Kahlschlagsanierung, Gewobag und Besetzerszene – doch nahm man sich auch im weiteren Sinne des Wortes »kein Blatt« vor den Mund und berichtete ebenso über die Wiederbelebung der Wannseebahn, über historische Themen und kulturelle Ereignisse, die den politisch korrekten Linken keine Zeile Wert gewesen wären.
Sogar mit den Kreuzberger Autonomen legte man sich an. Im September 1987 persiflierte der Express die Psychotestseiten gängiger Frauenzeitschriften und stellte die Frage: Bin ich ein echter Revolutionär? Jeweils drei Antworten – a, b, und c – standen zur Auswahl:
Den Test bestand, wer möglichst häufig das »C« ankreuzte und über 1500 Punkte erreichte. Der Südost Express gratulierte: »Bravo, du bist einE echteR RevolutionärIN«, und mit diesen echten Revolutionären gäbe es bald »keine Bullen, Ausbeutung, Schickis, AL-Fritzen, Sympis, Wähler, Orlowskys, Sozialamtscheißer …« mehr.
Daß angesichts solch offensichtlicher Zweifel an der geistigen Gesundheit der Linksradikalen eines Tages drei Autonome in der Redaktion des Südost Express auftauchten und mit der Zerstörung der Einrichtung drohten, war nicht weiter verwunderlich. Zwar konnten die Schwarzmützen den Zeitungsmachern weder Profitgier noch rechtsgelagerte politische Positionen vorwerfen, doch Kritik an ihrer Strategie vertrugen sie nicht. Und Diskussionen darüber, ob man mit Wort und Bild einen Beitrag zum Kampf gegen Mißstände und Ungerechtigkeiten führen könnte, hielten die wahren Autonomen längst für romantisch und veraltet.
In der Redaktion aber blieben sie immer ein Thema, und nicht selten gingen die Meinungen weit auseinander. Viele der Mitarbeiter verließen im Lauf der Jahre die Redaktion, Neugierige kamen einmal und nie wieder. Besonders an Volker Härtig, der seit dem ersten Jahr in der Redaktion saß, gleichzeitig aber der AL angehörte und immer wieder in Verdacht geriet, den SOE zum AL-Blättchen zu machen, schieden sich mitunter die Geister. Denn wenn es eine Maxime für den Südost Express gab, dann war es die, »Sprachrohr einer Bürgerinitiative« zu bleiben, die gegen die »Methoden der staatlichen Wohnungspolitik wetterte«. Konsequent veröffentlichte die Zeitung umfangreiche Listen leerstehender Häuser, und es bedurfte dabei weder der AL noch der SEW. Tausend leerstehende Wohnungen einerseits und die Wohnungssuchenden andererseits: Das war das Thema im Südosten Berlins. Und der Kampf gegen die Abrißbirne einte die unterschiedlichsten Gruppen.
Deshalb auch expandierte der Südost Express Anfang der achtziger Jahre bis in den Chamissokiez. Doch scheiterte dieses Unternehmen am Lokalpatriotismus der 36er. Sogar Raimund Thörnig – neben Dieter Kramer, Michael Rädler und einigen anderen Aktivisten der 1. Stunde – »fand die Ausweitung nicht gut.« Es gäbe »zu viele Seiten«, die der Kreuzberger aus 36 nicht mehr lese. Volker Härtig dagegen meinte in einem Interview aus dem Jahr 1984: »Vielleicht erscheint das in den Augen einiger Leute als Größenwahn, aber es gibt keine vernünftige Bezirkszeitung für ganz Kreuzberg. (…) Insofern finde ich die Ausweitung notwendig und richtig. Wir sind kein Gemeindeblättchen, die Zeitung hat eine andere Dimension bekommen.«
Dennoch war auch ihre Zeit einmal abgelaufen. Die Journalisten, die sich im Südost Express allmählich profiliert hatten, landeten als Redakteure bei der ARD, bei taz und zitty, oder sie fotografieren heute für Geo und Spiegel. Nach dem Fall der Mauer gelang es den wenigen Verbliebenen nicht mehr, Nachwuchs für die Redaktion zu rekrutieren. Und so verabschiedete sich der legendäre Südost Express ein wenig melancholisch auf der allerletzten Seite seiner »Allerletzten« Ausgabe mit einer Bemerkung über Vergänglichkeit und Vergeßlichkeit: »Ein für allemal: Südost Express schreibt man genau so, also nicht SüdOstExpress, Süd-Ost-Express« oder sonstwie. Aber das muß sich jetzt niemand mehr merken.«
