2016 | „Blackbocks“ | Lesung mit Mathes Bock im RegenbogenCafé

Dieter und ich hielten gar nicht erst an, sondern fuhren gleich weiter zum Hospital Municipal. Es war Mittwoch – kein Feiertag. Beste Karten, uns im Durchmarsch den Gelbfieberstoß abzuholen. Dachten wir. Ein bisschen war es dann ja auch so. Nur eben anders!
Auf einem langen leeren Flur empfing uns – immerhin sah das weiße Kärtchen am Kragen etwas nach Visite aus – im ersten Augenschein kein Arzt, sein bunt geringeltes T-Shirt ließ nicht mal auf einen Abiturienten schließen, einzig der Titel prangte auf seiner Brust.
Wenn sich der Doktor so jung hielt, was mochte er wohl erst aus seinen Patienten rausholen?
Umständlich machte er uns klar, dass sie hier zwar impften, Serum jedoch nur in einer Zehnerampulle vorrätig sei. Es fehlten gerade noch sieben weitere Abnehmer. Nächsten Mittwoch seien gewiss alle beisammen, so sah es aus: «Muschkila? – Muuusch Muschkila!»
Seine 1A-Zahnreihe legte uns aufmunternd die Hände um die Schultern, als er uns hinausführte.
Der Assekrim, der Bordj du Pierre de Foucauld. Niger hätte doch Zeit. Tam sei sehr schön.
Kaum vor Ort, verkam mein wunderbares Tamanrhasset zum Kaff – was zum Henker sollten wir hier fast eine Woche lang beginnen! Seit wir hierhin unterwegs waren, hatten wir kaum erwarten können, neue Saiten aufzuziehen und unser Chevaux über die Fantasia zu treiben. Nun würden wir hier verschimmeln. Das Pärchen hatte bestimmt besseres zu tun, als mit uns auf einen Schuss zu warten, der sie gar nichts anging. Der Fichè in unseren Händen war nicht mal sicher. Aus einer Woche konnten schnell mal eben drei werden.
Einzig die große Überfahrt würde unseren Seelenfrieden wieder herstellen.
Die Spielzeugwüste neben der Straße hatte uns angefixt. Wir brauchten mehr. Nicht noch einmal das gestreckte Zeug, das hinter uns lag. Wir wollten den richtigen Stoff, die wirklich sichelscharfen Dünen, Sandfelder, die Einsamkeit. Auch wenn es erst einmal nicht weiter ging, war doch eine Etappe erreicht und auch, wenn das niemand zugegeben hätte, waren wir mehr als froh, noch ein paar Tage sicher im Hafen zu liegen. Obschon am Rand der Wüste fühlten wir uns wie die Todesspringer auf dem Kliff von Accapulco – beklommen.
Merkwürdig, dass wir einen Ort der alles andere als Zivilisation vermittelte als sicheren Anker begriffen. Nach den Maßstäben unserer Mütter waren wir längst am Ende der Welt angelangt. Zwei Kilometer weiter war die Straße nach Europa zu Ende.
Und dann: Leinen Los! Wir würden unsere Nabelschnur trennen.
Auf den Spuren Mungo Parks, Rudolph Barths, Livingstons und wie sie alle hießen. Ich verstand, was sie einst getrieben hatte, gegen den Ruf ihrer Geliebten, Financiers und Könige, immer weiter in diesen Kontinent zu dringen gegen jeden Verstand und wider aller Vernunft. Als könne ich nicht einfach zurück, weil alles, was wir bisher aufgewendet, verschwendet schien, wenn es nicht weit genug reichte, das Unbekannte in seiner Gesamtheit zu begreifen.
Der Gedanke jedoch, noch eine Zeitlang der Mindestversorgung mit köstlichem Obst teilhaftig zu sein, hatte etwas für sich. So nörgelten wir ungeduldig wie Frühpubertierende, die kaum erwarten konnten, eigene Wege zu beschreiten, im Grunde aber gottfroh, dass es noch nicht richtig losging.
Eine Weile verschnaufen und noch mal kräftig zulangen. Wieder eine Wahnsinnstat!

Im Nachhinein finde ich keine Erklärung, was bei uns ausgesetzt hat oder warum – alles lief doch traumhaft.
Ich hatte mich gerade aklimatisiert, mehr noch: Ein Weg war gefunden, all den hässlichen Demütigungen zu begegnen, in die ich mich immer wieder hinein gezogen fühlte.
Die Pommes waren eine Wucht. Mit einem ordentlichen Schlag Ail’oli. Spezialrezept aus Suzannas Sippe. Wie gebannt verfolgte ich das wunderbare Werden dieses geheimnisvollen Gallerts. Keine halbe Stunde nach der Völlerei kündeten erste schweflige Eruptionen aus drei Mägen, dass rohes Vollei gar nicht unser Ding war.

Fotos: Mathes

Die Fabrik bekommt ein neues Tor

Jedes Ding braucht ein gutes Fundament, um ein gescheites Standing zu haben. Große Löcher müssen dafür gegraben werden und es war nicht einfach in dieser Kreuzberger Bodenmischung durchzukommen.
Danke Liri für diesen letzten großen Einsatz in deinem Freiwilligenjahr! Dann dauerte es noch ein Weilchen, bis das Tor aus der Zinkerei gekommen ist. Wir konnten es schon in Augenschein nehmen.

Liri kämpft sich durch den Kreuzberger Untergrund

Die Fundamente hatten noch Zeit, richtig durchzutrocknen, dann ging es an die Montage der Torpfosten.

So, die Pfosten stehen, nun kann bald ein Tor daraus werden. Et voilà!

Und jetzt? Ein Schloss noch und dann auch etwas mehr Farbe, oder? Ist doch Regenbogenfabrik, da ist der Name Verpflichtung.

Und zu guter Letzt der Blick in die Vergangenheit:

1984 | Blick zurück, da war das alte Tor noch da, fast an der gleichen Stelle

2004 | Hallo, Boker tov, Salam Aleikum!

Vier israelische Jugendliche zu Gast in der Regenbogenfabrik im Januar 2004

Die Geschichte beginnt mit drei Rätselfragen, also wie im Märchen: Sie sind noch nicht volljährig und doch schon Botschafter:innen ihres Landes. Wer sind die vier? …. Sie sind Schwestern und Brüder und doch nicht miteinander verwandt. Wer sind die vielen jungen Leute? …. Sie sind die Eltern und doch nicht Mutter und Vater. Wer sind die beiden?

Es begab sich zu einer Zeit…. Quatsch, das ist kein Märchen. Jedenfalls kein richtiges. Aber vielleicht doch ein kleines. Vier junge Leute kommen im Januar 2004 nach Deutschland. Sie sind eingeladen, als jugendliche Botschafter:innen ihres Landes mit jungen Leuten in Deutschland zu sprechen. Die vier, das sind drei Mädchen und ein Junge, zwei muslimische und zwei jüdische Israelis, 16 und 17 Jahre alt. Sie heißen Noy, Bissan, Yehuda und Heba.

Israel. Viele von uns denken da wohl zuerst an die Spannungen und Konflikte. Die Nachrichten liefern uns immer und immer wieder die „passenden“ Geschichten. Was viele Leute hier in Deutschland kaum erfahren, sind die vielen anderen Geschichten. Israel ist viel mehr.
Schon durch die unterschiedlichen Wurzeln der 4 jungen Israelis ergaben sich in den Januartagen des Jahres 2004 spannende Einblicke. Und zwar für alle Seiten. Denn wie sieht die andere Perspektive aus? Was denken Menschen in Israel über Deutschland? Es gab also gute Gründe, mit diesem Projekt Jugendliche aus Israel und Deutschland ins Gespräch zu bringen, Vorurteile abzubauen, Wissen zu teilen, kontrovers zu diskutieren, Kontakte zu ermöglichen.
Aber es wurde mehr daraus. Es entstanden Freundschaften; es wurden Schwestern und Brüder. Und das ist die Antwort auf die zweite Rätselfrage. Die Jugendlichen kamen von Schulen im Land Brandenburg. Sie begleiteten die israelischen Jugendlichen bei den Schulveranstaltungen, zu den Treffen in der Berliner Botschaft Israels, in die Gedenkstätte Sachsenhausen, zum Gespräch mit dem damaligen Brandenburger Bildungsminister, Steffen Reiche, zu den verschiedenen Berlin-Erkundungen und natürlich zum Shoppen.

Das Projekt wurde in Komplizenschaft der RAA Brandenburg und der Regenbogenfabrik angezettelt und durchgeführt. Und das ist die Antwort auf Frage Nummer drei. RAA, das sind Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie im Land Brandenburg. Die Idee der Zusammenarbeit hatte Michael, der am Brandenburger Bildungsministerium arbeitet und sowohl die RAA als auch die Regenbogenfabrik seit Langem kennt.
Und das Ministerium hatte auch das Projekt gefördert. In Israel unterstützte es bei der Auswahl und Vorbereitung der Jugendlichen Beit Berl College, Dept. of International Relations.

Über die Projektzeit war die Regenbogenfabrik so etwas wie die Basis-Station, die Zentrale. Hier wohnten die vier Jugendlichen, hier wurden Pläne geschmiedet, Verabredungen getroffen, trafen sich Menschen zum Gespräch.
Von hier aus fuhren die Jugendlichen in die Brandenburger Orte, um dort Leute zu treffen und an den Schulen zu diskutieren. Aber hier war eben auch ihr Rückzugsort nach anstrengenden Touren ins Brandenburgische und teils intensiven Diskussionen.

Es waren unvergessliche, sehr intensive Tage mit den jungen Leuten aus Israel und Deutschland. Aus Fremden, den jungen Israelis und den Jugendlichen aus Deutschland, wurden Freund:innen.
Was kann es Schöneres geben für die Projekteltern Christine von der Regenbogenfabrik und Jörg von den RAA Brandenburg? Es kann so leicht sein. Friede sei mit euch, Noy, Bissan, Yehuda und Heba!

Jörg Stopa

Aktuelles zur RAA Brandenburg findet ihr hier: https://raa-brandenburg.de/

2019 | „Von Bach bis Piazzolla“

Durch das Programm führt Euch Klaus Gutjahr.
So lautete die Einladung für den Freitag, den 8.2.2019 ins RegenbogenKino

Im Alter von 8 Jahren erlernte Klaus Gutjahr mit seinem Bruder Walter in Leverkusen das Bandoneonspiel von seinem Vater. Nach Abschluss einer Berufsausbildung als Fliesenleger ging er 1968 nach Berlin. Hier begann er ein Musikstudium und schloss dieses als Musiklehrer 1975 an der Staatlichen Musikhochschule (heute Universität der Künste) ab.
Seitdem arbeitet er als Musiker.

Seine musikalische Leidenschaft gilt der Barockmusik und dem argentinischen Tango. Beides Musikrichtungen, bei denen er mit den klanglichen Möglichkeiten seines Bandoneons brillieren kann.
Ach, seufzen hilft nüscht: 2020 hatten wir schon einen Plan für ein weiteres Konzert gefasst, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Wir hoffen auf entspanntere Zeiten.

Noch mehr über Klaus Gutjahr: http://www.klausgutjahr-musik.de/index.html