Myanmar | Ein Jahr nach dem Putsch – Ein Blick vor und Zurück

Die Veranstaltung findet vor allem via Livestream statt. Die Plätze in  Berlin vor Ort sind sehr begrenzt. Keine Teilnahme vor Ort, ohne Einladung und Ticket möglich! Für den Stream kannst Du dich hier registrieren und bekommst den Link dann vorher von uns zugeschickt:
https://forms.gle/N9nFCQQfEFshMN7x7

Hintergrund Seit dem Putsch am 1. Februar 2021 schlägt das Militär in Myanmar friedliche Proteste der myanmarischen Bevölkerung mit immer weiter eskalierender Gewalt nieder. Das Land ist durch diese Gewalt und die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen dem Militär und bewaffneten ethnischen Gruppen nahezu lahmgelegt. Internationale Beobachter*innen sehen Myanmar am Rande des staatlichen Zerfalls. Am Jahrestags des Putsches lädt der Verein German Solidarity with Myanmar Democracy zu einer Veranstaltung ein, um die politischen und humanitären Entwicklungen in Myanmar – aber auch myanmarische Kunst, Kultur und Cuisine – einem deutschen Publikum näher zu bringen.

Organisator*innen

German Solidarity with Myanmar Democracy e.V.

Länge: 180 Minuten

Format: Hybrid (in Präsenz, mit Livestream)

Fundstücke, die Geschichten erzählen und Erinnerungen wach rufen

Heute: Ein unscheinbares Schlüsselset mit fragwürdiger Beschriftung.

Vorweg ein paar geschätzte Hintergrundzahlen:

Alleine auf dem eigentlichen Gelände der Regenbogenbogenfabrik gibt es nach unvollständiger Überschlagung etwa 50 Schlüssel, bzw. Türschlösser. Bei allen gibt es mindestens 4 Personen, die sie nutzen. Macht summa summarum also ca. 200 aktive Schlüssel. Uff. Und dann geht ein Schloss kaputt, oder ein Schlüssel geht auf gefährliche Wanderschaft. Da behalte mal Ruhe und Gelassenheit…

Beim neusten Versuch, einen Überblick über das immerwährende Schlüsselchaos zu bekommen, ist uns ein Schlüssel mit der Aufschrift „Münztelefon“ in die Hände gefallen:

Münztelefon? Wo soll das denn sein? Ist jemand lange genug hier, um das zu wissen? Manchmal hilft die handschriftliche Notiz auf dem Schlüsselanhänger. Aber auch für diesen kriminologischen Ansatz braucht es Veteran:innen früher Stunde.

Wir haben es selbstverständlich herausbekommen!

Es ist der Schlüssel zum Münztelefon im Hostel. Das wurde damals, in einer Zeit ohne W-Lan und Mobiltelefonen, gekauft, um den Gästen den individuellen Kontakt zur Heimat zu ermöglichen. Und nebenbei, um vielleicht 1-2 Mark zu verdienen. 1-2 Mark, da lag das Problem in der guten Idee: Das Telefon war so überraschend günstig zu bekommen, Ende der 90er Jahre… 2001 dann der Zaunpfahl am Kopf: Bye Bye D-Mark, Hello Euro! Und unser Münztelefon, das konnte doch nur D-Mark. Nun gut, schnell so viele Münzen wie möglich horten und im Tausch gegen Euro an die Gäste herausgeben. Wie Duschmarken, nur nicht zur Körper-, sondern zur Seelenhygiene unser Gäste.

Der gefundene Schlüssel war also zum Leeren des Geldfachs des Telefons. Geld, das für uns plötzlich kein eigentliches Geld mehr war, sondern Telefonmark(en).

Den Apparat gibt es längst nicht mehr. Ob die Münzen ein Teil der ca. 6,6 Milliarden verschwundenen Münzmark sind, in dem sie im Keller (oder hinter einer verschlossenen Tür, zu der der Schlüssel fehlt) schlummern, bleibt ein weiteres Rätsel.

Ach ja, die Beschriftung konnten wir am Ende auch zu ordnen: Sie stammt wohl von Susanne, der Gründerin unseres Hostels.

p.s.: Welch Hohn sich da bei genauerer Betrachtung der Schlüssel selber noch aufdrängt: „Euro Locks“ heißen sie. Kannste Dir nicht ausdenken.

16.1.1972 | Vor fünfzig Jahren wurde die Anrede „Fräulein“ per Erlass des Innenministeriums aus dem Sprachgebrauch verbannt

Diese Nachricht hatte ich aus der taz gefischt. Zeitung lesen macht einfach Spaß!

Und war gleich in meine Jugendzeit zurückgebeamt. Das war mir präsent, als wäre es gestern gewesen: Meine erste Post von der Krankenkasse war mit Fräulein adressiert. Uh, ich war so sauer. Und tatsächlich hab ich mir die Mühe gemacht und hingeschrieben: „Wenn Sie an meinen Bruder mit Herrlein den Brief beginnen würden, ich nähme das Fräulein an.“
Der nächste Brief war dann tatsächlich mit Frau geschrieben, nur zum Herrlein ist es nie gekommen.

Der taz-Artikel lehrt mich, dass ich in der österreichischen Schriftstellerin und Feministin Franziska von Kapff-Essenther ein engagiertes Vorbild hätte finden können. Die hatte sich schon 1871 darüber aufgeregt. Weiter heißt es im Artikel von Lenard Brar Manthey Rojas:

„Erst ab 1972 wurde der Begriff „Fräulein“ gänzlich aus der Sprache der Ämter gestrichen. Die Formulierung, die durch die Verkleinerungsfrom „-lein“ immer auch ein wenig so wirkte, als würde man sich gerade mit einem kleinen Mädchen unterhalten und nicht mit einer erwachsenen Person, wurde damals als nicht mehr zeitgemäß empfunden.“

Ich erinnere mich aber auch daran, dass so manche Lehrerin auf ihrem Titel „Fräulein“ sogar stolz bestand. Stolz darauf, den Beruf über alles andere zu stellen. Das greift allerdings auch auf Zeiten zurück, in denen Frauen den Lehrberuf aufgeben mussten, wenn sie heirateten.
Mehr dazu in einem Wikipedia-Artikel über das Lehrerinnenzölibat.

Heute ist Fräulein nur noch als lustig gemeinte Referenz an alte Zeiten eingesetzt. Schau ich mich im benachbarten Neukölln um, dann wird heute der Schnaps oder das Eis vom Fräulein angeboten, aber nicht von einem Herrlein vermarktet. Soweit kommts noch.

Interessant die Schlussfolgerung des taz-Autoren:

„Wenn von Gleichstellung im Sprachgebrauch und dem zeitgemäßen Selbstverständnis der Frau die Rede ist, drängen sich Überschneidungen mit aktuellen Debatten geradezu auf. In gewisser Weise war dieser Erlass von 1972 ein Schritt hin zu dem, was wir heute gendergerechte Sprache nennen. Von diesem Tag an war es für die Anrede in Behörden gleichgültig, ob eine Frau verheiratet war oder nicht. Dabei hat man doch derzeit in manchen Diskussionen den Eindruck, als wäre Sprache in Ämtern noch niemals seit Gründung der Bundesrepublik verändert worden.
All jene, die beispielsweise in Gender-Diskussionen mit dem Argument „das hat es noch nie gegeben“ jegliche Veränderung der Sprachform als ungeheuerliche Erscheinung bezeichnen, werden zugeben müssen, dass nicht erst mit dem Gender-Sternchen unsere Ausdrucksweisen einem Wandel unterliegen. Man denke in diesem Falle also einfach an das Wort „Fräulein“, das eines Tages aus den Behörden verschwand.“

Also: fröhlich Gendern üben!

chz

Cioma Schönhaus: der Passfälscher

Am Sonntag, den 21. Mai 2006 hat die Regenbogenfabrik zusammen mit und in der Ölberggemeinde Berlin Kreuzberg den Autoren und Widerstandskämpfer Cioma Schönhaus willkommen geheißen, um über seine Lebensgeschichte zu berichten.

Anlässlich des Tags des offenen Denkmals der Regenbogenfabrik kam die Idee auf, sich am Projekt Stolpersteine zu beteiligen.
„Stolpersteine“ ist ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, mit dem an Menschen erinnert wird, die zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Menschen, deren Existenz zu einer Nummer reduziert wurde, werden so mit ihrem Schicksal und ihrer Identität wieder sichtbar. 4 Stolpersteine, die der Familie Steinmesser gewidmet sind, wurden im selben Jahr vor dem Haus Lausitzer Straße 31 gesetzt. Doch dazu wollte die Projektgruppe auch die Seite des Widerstands zeigen und deswegen wurde die Vorstellung des Buches „Der Passfälscher“ organisiert, als Fortsetzung des Vortrages „Hilfen für Verfolgte während der NS-Diktatur“ von Herrn Sandvoss von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Die Veranstaltung wurde von der Ölberggemeinde und dem Steigenberger Hotel unterstützt. Aus der Schweiz hat der Autor den weiten Weg gemacht, um mit uns seine unglaubliche Geschichte zu teilen. Vom jungen Graphiker zum Widerstandskämpfer zum Flüchtling. Zur Veranstaltung wurde Daniel Kahn eingeladen, um das Programm musikalisch zu unterstützen durch jüdische Lieder und Klezmer.

Cioma war ein junger Mann in Berlin während des Aufstiegs des Nationalsozialismus. 1942 entschied er, in den Untergrund zu gehen, um Verfolgungen zu entkommen. Da entdeckte er sein Talent für Papierfälschung und könnte dadurch sein Leben und hunderte Andere retten mit perfekt gefälschten Ausweispapieren. Nach einer Weile wurde er aufgedeckt und er organisierte seine Flucht per Fahrrad in die Schweiz, was wieder auch mit selbstgefälschten Papieren möglich wurde.

Demnächst kommt auch die Verfilmung der Geschichte raus mit Louis Hoffman in der Hauptrolle.

Das Ausmaß an Findigkeit und Lebenslust dieser Geschichte macht sie ganz besonders und beweist vielleicht, dass Einfallsreichtum gegen große Mächte trotzdem gewinnen kann. Ein sehr empfehlenswertes Buch für all diejenigen, die auf der Suche nach ein bisschen Hoffnung sind.

Cioma Schönhaus ist am 22. September 2015 gestorben.

Charlotte Chastillon