Geburtstagskind des Tages – Rafael

Kurz vor meinem fünften Geburtstag zog ich in der Nähe der Regenbogenfabrik ein, mein erster Eindruck war nicht gerade sehr begeisternd. Aber nach fünfzehn Jahren ist die Regenbogenfabrik fester und wichtiger Bestandteil meiner Kindheit geworden. Es finden dort nette Veranstaltungen statt und von den Basaren bleibt mir vor allem der Winterbasar im Gedächtnis. Eines der wichtigsten Gebäude der Regenbogenfabrik ist ohne Zweifel das Kino, es hat mich als erstes in die Regenbogenfabrik gelockt später auch die Fahrrad Werkstatt als ich mit sechs mein Fahrrad bekam. Mit den Jahren gewannen auch andre Gebäude der Regenbogenfabrik für mich an Bedeutung wie die Holzwerkstatt, dort habe ich ein paar Sachen gebaut z.B. ein Holzschiff. Mit der Zeit ich aß auch hin und wieder in der Kantine. 

Zusammengefasst, in der Regenbogenfabrik finden schöne Veranstaltungen statt aber sie hat mich auch in all den Jahren mit ganz alltäglichen Dingen schön versorgt.

Von Schwarzwälder Kirsch zur Zuger Kirschtorte

Fortsetzung von Marias Geschichte, die am 28. März begann:

Schon als Kind konnte ich nicht verstehen, wieso alle über sie in Verzückung gerieten.

In meiner Kindheit und Jugend war Corona noch ferne unerahnte Zukunft und dennoch stand der obligate familiäre Spaziergang unaufhaltbar auf dem Sonntagprogramm. Womöglich mag ich seit jenen Tagen das Spazierengehen nicht besonders. Wandern ja, aber Spazieren? Gut, damals wusste ich noch nichts von Lucius Burckhardts Spaziergangswissenschaften. Die Kenntnis jener änderte zumindest meinen Blick aufs Spazieren, nicht aber auf den Spaziergang selbst.

Der einzige Trost, das Einzige, was mich dann in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts dann doch jeden Sonntag friedlich und fröhlich mitgehen liess, war die Aussicht auf das Ausklingen der langweiligen Spaziergänge im Café Zimmermann, der ersten Konditorei am Platz meiner Geburtsstadt St.Gallen.

In eben jener Konditorei, die mir wie das reinste Paradies erschien, gab es die köstlichsten Kuchen und Torten.

Zu meinem Leidwesen war für mich und meine ältere Schwester immer ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte vorgesehen. Erst als Jugendliche gelang es mir diesen unverrückbaren Automatismus abzustellen. Geschmacklich konnte ich der Schwarzwälder Kirschtorte durchaus was abgewinnen. Aber wieso mussten diese eingelegten Kirschen den Genuss trüben? Klar das Rausklauben der Kirschen war nicht ganz so aufwendig und peinlich, wie es die Rosinenpulerei beim klassischen Gugelhupf war.

So fanden wir uns also nach dem ungeliebten Spaziergang durch Feld, Wald und Wiese im angesagtesten Café der Stadt. Ich drückte mir die Nase platt an all den unglaublichen Kreationen, die, Kunstwerken und Miniskulpturen gleich, geschützt hinter Vitrinen, in ihrer Buntigkeit mein Begehren weckten. Nicht nur die Kuchen, Torten und Canapés (für die jüngeren Leser*innen: Canapés sind edel belegte Toastbrotschnittchen und werden auf Spiegel-, Glas- oder Silberplatten sortenrein angerichtet) waren von erster Güte, auch das Interieur zeugte von noblem Luxus. 1912 wurde in dem Gründerzeitgebäude eine Bäckerei eingerichtet, 1920 eröffnete Ernst Zimmermann darin zusätzlich sein Café Zimmermann.

Die aussergewöhnliche Innenausstattung aus seltenem Vogelaugen-Ahorn und den Sitznischen stammt aus den 1930er Jahren und wurde von einer Appenzeller Schreinerei handgefertigt. Dieses rotgoldene Täfer war poliert und erinnerte mich an edlen Marmor. Lange Perserteppiche, dunkelrot und hellgrün gepolsterte Ledersessel, Wandleuchten, filigrane Garderoben und eine hölzerne Telefonkabine vervollständigten dieses Kleinod an Konditorei Café. Eine solche historische Ausstattung wäre heute unbezahlbar. Sie wirkt noch heute grossstädtisch.

Damals wusste ich noch nichts von Schichten, Klassen oder soziologischer Segregation. Aber in kindlicher Feinfühligkeit erkannte ich die Unplatziertheit meiner proletarischen Familie in diesem St.Galler Unikat. Mein sizilianischer Gastarbeitervater und wir gehörten hier nicht hin. Alles wirkte reich in seiner schicken Wohlgeformtheit. Aber zugleich fühlte ich mich wohl in dieser schönen, mir fremden Welt. Vielleicht stammte mein Wunsch aufzusteigen, genau von diesen Besuchen im Café Zimmermann her?

Für meinen Vater und meinen viel älteren Bruder wurde immer Zuger Kirschtorte bestellt. Eine in ihrer Schlichtheit dennoch manieriert wirkende Torte, die so gar nicht zu einem sizilianischen Arbeiter zu passen schien. Wenn Reste der rosabepuderten Sahne sich im Oberlippenschnauzer meines Vaters verfing, sah er nicht wie ein Arbeiter aus, eher wie ein attraktiver schwuler sizilianischer Filmschauspieler. Und ich kicherte. Ich kicherte auch, wenn es mir gelang, die eine oder andere Gabel dieser kirschgetränkten Torte zu erbetteln. Es war wohl der Kirsch, der diese Torte zur Herrentorte machte.

Maria ist noch nicht fertig mit ihrer Erzählung. Freut euch auf eine Fortsetzung am 16. Juni 2021

Tag der Haustiere

Auf den Tag haben wir jetzt schon ein bisschen gewartet. Denn wir wollten euch doch endlich das Eichhörnchen vorstellen, auf das wir immer im Zusammenhang mit dem Blog zu sprechen kommen.

Allerdings ist es nicht das einzige Tier, das uns hier im Hof fasziniert. Die steinerne Stadt ist belebter als wir manchmal denken, wir müssen nur Ausschau halten. Und das hat Serife bei uns getan. Schaut her, wie schön!

labournet.tv

Wir sind labournet.tv, ein kleines Neuköllner Frauenkollektiv. Seit zehn Jahren betreiben wir ein online Archiv mit Filmen aus der Arbeiter_innenbewegung: labournet.tv.

Dort haben wir bisher 850 Filme über Streiks und Klassenkämpfe gesammelt die kostenlos angeschaut und heruntergeladen werden können. Wir drehen auch selber Videos über Streiks in Berlin, manchmal produzieren wir auch längere Filme. Daneben haben wir, bis die Pandemie ausbrach, auch regelmäßig Filmaufführungen und Veranstaltungen organisiert.

Unter anderem im Regenbogenkino.

Wir schätzen die informelle und warme Atmosphäre, die die Betreiberinnen dort herstellen. Man spürt, dass der Ort das Ergebnis jahrzehntelanger Selbstverwaltung ist, kein neutraler Boden, kein Kino, in dem es darum geht einen Riesenumsatz zu machen, sondern eben um etwas anderes. Die Art, wie die Betreiberinnen miteinander und mit uns Veranstalterinnen umgehen, macht den Ort aus.

Respektvoll, zugewandt, leise und solidarisch, mit einem Augenzwinkern und dem selbstverständlichem Selbstbewusstsein von Frauen, die schon viel gewuppt haben, aber nicht für ihre eigenen Karriere, sondern für alle.

Eine Veranstaltung, die mir sehr in Erinnerung ist, war eine aus unserer Reihe Cinéma Klassenkampf. Das ist eine Veranstaltungsreihe, zu der wir streikende Belegschaften einladen, aus erster Hand zu erzählen, was bei ihnen los ist.

Wir hatten Krankenhausarbeiter_innen der Vivantes Tochterfirma VSG eingeladen, damit sie über ihren Streik berichten. Das war am 1. August 2018. Als Auftakt zeigten wir zwei Videos, die wir bei einer Streikversammlung der VSG im Mai desselben Jahres gedreht hatten.

In einem der Videos, einem Mitschnitt der Streikversammlung, bezeichnet die Streikleitung, die verdi Bezirksfachsbereichleiterin, sich selbst als „Advocatus Diaboli“, weil sie „als Mitglied des Vivantes Aufsichtsrates „die andere Seite“ vertrete. Ja, das hat sie gesagt. In der Veranstaltung wurde das mit Beschäftigten und dem Publikum diskutiert: was bedeutet das? Wer steht auf welcher Seite?

Die Veranstaltung hat einen Raum geschaffen, den es sonst so nicht gibt, einen Raum in dem die Aktiven aus dem Betrieb, über ihren Streik berichten und gemeinsam überlegen können wie es weitergeht, unterstützt durch ein interessiertes, solidarisches Publikum. Solche Möglichkeiten sich auszutauschen können für Streikende und ihre Selbstorganisation sehr wichtig sein, auch zu sehen, dass interessierte Menschen kommen, weil sie die Streikenden unterstützen wollen, ist sicher hilfreich, – wer weiß? – für den nächsten Streik, die nächste Mobilisierung.

Eine andere Veranstaltung im Regenbogenkino, an die ich mich lebhaft erinnere, haben wir am Ende Februar 2019 als Vorbereitung auf den Berliner 8. März organisiert, in Kooperation mit dem Frauen*streik Berlin.

Eine Genossin der feministischen Streikkommission berichtete von dem landesweiten Frauen*streik 2018 in Spanien, an dem 5 Millionen Frauen teilgenommen hatten!

Wir zeigten drei Videos, mit Aufnahmen von den Protesten und Interviews mit streikenden Frauen.

Der Abend im Regenbogenkino sollte für den Frauen*streik in Berlin werben. Wir wollten etwas darüber lernen, wie die Frauen in Spanien 2018 so eine massenhafte Mobilisierung hingekriegt hatten. Die wenig überraschende Antwort: das fällt nicht vom Himmel, es gab in den Jahren davor massenhafte stetige feministische Versammlungen in den Stadtteilen.

Die Veranstaltung war gut besucht und endete in leicht euphorischer Stimmung.

Das Regenbogenkino war ein sehr passender Ort für beide Abende. Danke.