Wie alles anfing – der Kreuzberger GesangsBund genannt der KGB

Die nebulösen Erinnerungen der Tamara Bronski

Wir schreiben das Jahr 1988: In wochenlanger Arbeit hatten Olaf und Gero Noten und Texte von Arbeiterliedern gesucht, zusammengetragen, kopiert und in eine ansprechende Form gebracht. Heraus kam ein Arbeiterlied-Gesangsbuch, was in kleiner Auflage unter uns Freunden die Runde machte. Darunter Klassiker des Widerstands wie die Moorsoldaten oder Belle Ciao genauso wie die Internationale.

Im Seitenflügel der Regenbogenfabrik fand kurz danach ein erstes Treffen zum Absingen dieser sehr schön zusammengestellten Lieder statt. Dicht gedrängt standen wir im ersten Stock um einen ausrangierten Klavierflügel der Hochschule der Künste, den Inka günstig erworben hatte. Dieser Flügel war so groß, dass für uns kaum noch Platz blieb, aber es war lustig und das Singen machte verdammt viel Spaß. Das wurde nun jeden Sonnabend ein fester Zeitvertreib. Mehr Lieder kamen hinzu – die sogenannten Schmetterlieder. Inka haute in die Tasten und wir sangen Tucholskys „Küsst die Faschisten“, „In Hamburg sind die Nächte lang“ und „Schöner Gigolo“. Alles einstimmig, schließlich wollten wir erst einmal die Töne treffen. Inka leitete uns an und hatte Versuchskaninchen, um die pädagogischen Grundsätze ihrer Musiklehrerausbildung auszuprobieren. Wir waren  an die 10 Leute und hinterher wurde dann in großen Mengen leckeres Jever in einer der zahlreichen Kneipen in der Reichenberger, Wiener oder Ohlauer eingenommen. Damals ahnten wir noch nicht, wie sich das alles entwickeln würde. Fortsetzung folgt….

Potse – Berlins ältestes autonomes Jugendzentrum

Am 19.05. um 8 Uhr soll die Potse geräumt und damit Berlins ältestes autonomes Jugendzentrum zerstört werden!

Die Potse und das Drugstore sind seit Jahrzehnten ein Inbegriff selbstorganisierter Jugendarbeit in Berlin. Doch seit einigen Jahren kämpfen die Projekte gegen die Stadtumstrukturierung und Verdrängung.

Diesen Monat waren zwei Vertreter:innen der Projekte zum Café-Gespräch bei uns zu Gast.

In der Veranstaltung ging es natürlich um den Austausch über die aktuelle Situation und den Stand der Auseinandersetzung. Aber auch an die letzten Jahrzehnte wurde erinnert: Wie entstanden die Projekte und welche Entwicklungen haben sie durchgemacht? Wofür stehen die Potse und der Drugstore? Wie funktioniert die Selbstorganisierung?

Senat schäm dich! Trotz Pandemie wird die Serie von Räumungen selbstverwalteter Orte für Profitinteressen fortgesetzt.
Lasst es sein, unsere Stadt kaputtzumachen.

Hier gehts zur Aufzeichnung vom Café-Gespräch vom 18.4.

Wer es bisher noch nicht geschafft hatte, hinzugehen, bekommt hier einen lebendigen Eindruck von dem, was auf dem Spiel steht.

Wie soll das gute Leben nach der Pandemie aussehen?

Ein Reblog von Ewa Maria Slaska, die ihren Beitrag in ihrer eigenen Seite für uns absichtlich eine Stunde früher veröffentlicht hat, damit wir es für Sonntag schaffen.

Ja, wie soll unser Leben nach der Pandemie aussehen? Wie wird es aussehen? Was wollen wir und was wird über unsere Köpfe hinweg passieren?

Vor einem Jahr träumten wir von hellen Himmeln, klaren Wassern, stillen, ruhigen Städten. Glaubten wir daran?

Ja, ich glaube, wir glaubten daran. Wir glaubten, dass wir daran glauben dürfen. Dahinter versteckten sich zwei vollkommen verschiedene Gedanken: “Wir werden uns ändern” und “DIE werden es einsehen, dass WIR UNS ändern müssen (sonst stirbt das Leben auf der Erde)”.

Ja, WIR und DIE. Die WIR Seite sollte viel stärker sein als DIE Seite, endlich mal sollten DIE an UNS hören. Endlich Mal werden WIR gewinnen. Endlich mal wissen WIR, was WIR wollen und wollen, dass DIE es wissen. WIR werden besser und werden DIE zwingen zur Verbesserung der Welt.
In letzter Sekunde vor der Katastrophe, als Greta Thunberg eigentlich nur weinte, weil Fridays for Future nix brachten, schlug die Natur zurück und brachte UNS allen (d.h. für WIR und für DIE) eine NEUE Erkenntnis: Wenn WIR überleben sollen, müssen WIR uns und die Welt beruhigen, verlangsamen, heilen helfen, UNS gegenseitig unterstützen, solidarisch werden…

Den ganzen Frühling 2020 haben wir so geträumt.

Es war schön. Die Regierung gab UNS das Geld, um die Pandemie zu überstehen. Home Office schien ein Arbeitsideal zu sein. Ruhig, in unserem eigenem Tempo arbeiten, selber entscheiden, was wichtig ist, wann WIR was tun oder eben nicht.

Die Läden waren zu, man brauchte aber nichts und musste nichts kaufen. Nur einfache Sachen, etwas zum Essen, ein bisschen mehr zu Trinken, Kino und die Bibliothek waren zu Hause, Konzerte auf der Straße oder auf den Balkonen. WIR machten Ordnung, teilen gute Sachen mit den Anderen. Lächelten mehr und malten schöne Regenbogen oder Herzen auf den Fenstern.

Und WIR träumten, bis UNSERE Kinder ohne Schule verblödeten und zuhause nervten, WIR vom Home Office Nase voll hatten und dicker wurden. In der Welt draußen begannen alle, die Waren online zu bestellen, UNSERE mit Kartons vollgepackten Mülltonnen sind ein Asyl für Ratten geworden, die Transportburschen übernahmen die heimliche Macht in der Welt, UNSER Geld war alle und WIR wussten, dass Jeff Bezos von Amazon es UNS allen wegnahm. Oder Elon Musk.

So wurde in ein paar Monaten eine UTOPIE zu einer DYSTOPIE.

Was können WIR also jetzt tun, ein Jahr später?
Das Geld ist alle, der Frühling ist bitter kalt, die Lockdown-Maßnahmen scheinen höchstens ein Alibi für Reiche und Mächtige zu sein; dies verdeckend, was wir alle jetzt spüren, dass uns unsere demokratische Freiheiten und Rechte weggenommen sind, wohl wissend, dass wenn die Macht dir schon etwas weggenommen hat, wird sie es NIE freiwillig zurückgeben.
Harari schrieb letztens, dass es uns einfacher fällt, uns das Weltende vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus.

Haben wir wieder den Moment verschlafen, dass wir zurückschlagen sollten? Schliefen wir zu lange? Träumten zu viel? Badeten wir uns immer noch in klaren Wasser in Venedigs Kanälen, als DIE (wer auch immer SIE plötzlich geworden sind) uns schon alles wegnahmen?

Wie wird also die Welt aussehen? Unsere Arbeit, unser Wohlstand, unsere Sicherheit? Haben wir noch etwas in der Hand?

Ich schaue mich um. Vielleicht ist noch nicht alles verloren. Vielleicht haben wir doch etwas gelernt von dem bitteren Erwachen. Die Grünen gewinnen jetzt an Unterstützung und sind auf dem besten Weg, eine Volkspartei zu sein. Wird es politisch umschlagen? Gewinnt Annalena die Wahlen im September?

Harari meint, das Einzige was uns hilft ist, sich selber besser kennenzulernen. PM, dass wir alles wieder klein machen sollen. Kleine Gruppen, kleine Ziele, kleine Aufgaben, k(l)eine Gewinne. Zurück in die Zukunft. Klein und Gemeinsam.

Und dann fehlt mir wieder die Regenbogenfabrik ein, mein Lieblingsbeispiel, wie das Leben eigentlich aussehen soll. Ein Squatprojekt, das sich im Laufe von 40 Jahren zu moderner nachhaltiger Utopie entwickelt hatte. Viel über sich selber wissend und alles klein, gemeinsam und solidarisch haltend. Irgendwann, vor 20 Jahren, schrieb ich über die Fabrik, dass sie für mich eine moderne Mischung aus einem Kloster und einem Kibbuz ist. Also ein Traum.

Von der Besetzung bis zur Legalisierung dauerte es Jahrzehnte – heute ist die Regenbogenfabrik eines der erfolgreichsten Lebens- und Wohnprojekte, schrieb zum 40 Geburtstag des Projekts Gerd Nowakowski im Tagesspiegel.

Auf dem Höhepunkt der Hausbesetzerzeit, als im damaligen West-Berlin über 100 Häuser vor der Abrissorgie im Namen einer fehlgeleiteten Stadterneuerung gerettet wurden, wurde das heruntergekommene und Abriss-bedrohte Industriegelände am 14. März 1981 von den Aktiven „instandbesetzt“. Eine verlassene Chemiefabrik und das Hinterhaus, beide in der Lausitzer Straße in Kreuzberg, sind heute Genossenschaft geworden. Auf den vier Etagen des Hinterhauses leben 33 Menschen – große und kleine. In der ehemaligen Fabrik findet man Radwerkstatt, Hostel und Kantine, Kita, Tischlerei und Bauwerkstatt, das Regenbogen-Kino und den Kultursaal.
Manche Bestandteile des Projekts gibt es nicht mehr, das Café ist verschwunden, ebenfalls Seminar- und Proberäume, ein Kunstatelier; dazu kommen aber die neuen, wie z.B. Sauna im Hinterhaus oder manche Projektbüros. Auch Projekte kommen und gehen. Fete de la Musique kam schon zweimal hin, polnische Kochwochen blühten ein paar Jahre lang und wurden fallen gelassen.
Lag es an mir? Ich weiß es nicht. Es gibt Winterbasare und Sommerhofpartys, Wanderungen und Fahrradtouren durch die Stadt, seit Jahren nimmt die Fabrik an den Tagen des offenen Denkmals teil. Das gesamte Gelände ist seit vielen Jahren ein Baudenkmal. Was hier geschieht, ist aber nicht museal, sondern ein lebendiges Projekt. Die Vision eines anderen Zusammenlebens und eines selbstbestimmten Arbeitens mit gemeinschaftlichen Eigentumsverhältnissen ist hier über Jahrzehnte immer wieder neu diskutiert und verwirklicht worden. (…) „Das Leben in der Gemeinschaft war oft schwierig“, erzählten Aktive zum 25. Jubiläum: „Äußere und innere Feinde waren zu bekämpfen; es flossen Tränen und einige Mitstreiter:innen und Prinzipien sind auf der Strecke geblieben. Unter dem Motto ‚Zusammen wohnen, leben und arbeiten‘ wurde eine Gratwanderung zwischen Glück und völligem Genervtsein gewagt, was mitunter ernüchterte. Dennoch wurde nie aufgegeben.“

So ein schönes Projekt. Immer wieder versuche ich zu verstehen, weshalb ich die Fabrik nur beobachte und (noch) nie ein Teil davon geworden?

Harari meint, man soll sich selbst erkennen. Muss ich ja auch wohl.

Schaut es euch unbedingt auf Ewas Blog an, so schön krieg ich es jetzt nicht hin, sagt die müde Säzzerin.

Räumungsklage gegen Kisch und Co

22.4.2021 | zur Räumungsklage gegen Kisch & Co lassen wir die Ladenbetreiber*innen zu Wort kommen:

Liebe Freundinnen und Freunde,
sicherlich habt ihr alle schon vom Ausgang des Räumungsklageprozesses gegen unsere Kiezbuchhandlung Kisch & Co in der Oranienstraße gehört. Dieser Zivil-Prozess fand im Kriminalgericht Moabit in einem Hochsicherheitssaal statt, der normalerweise  vom Strafgericht bei Schwerstkriminalitäts- oder sog. „Terroristen“-prozessen benutzt wird. Der Verhandlungssaal ist ein riesengroßer Saal, in dem normalerweise 20 Medienvertreter und ca. 100 Zuhörer Platz finden.

Zugelassen hatte das Gericht nur 8 Journalisten, die sich vorher akkreditieren mussten und 10 Zuhörer. Die Anwälte, wir und die Zuschauer mussten sich einer knapp halbstündigen Durchsuchung unterziehen und den Ausweis ablichten lassen.  Den Anwälten der Spekulanten war es erlaubt worden, nur per Videoschalte aus Frankfurt teilnehmen zu müssen. Diese Anwälte haben im gesamten Verfahren nur einen Satz gesagt. Auf die Frage des vorsitzenden Richters nach einer gütlichen Einigung: „Wir haben kein Mandat für eine gütliche Einigung“. Der Richter hat sich dann damit rausgeredet, dass er nach den Gesetzen entscheiden muss und der Sichtweise unserer Anwälte nicht folgen wird, dass es im Gewerbemietrecht eine Regelungslücke gibt, wonach dies gemäß dem Wohnraummietrecht anzuwenden wäre. Er verwies darauf, dass es Sache der Politik und des Gesetzgebers wäre, dies neu zu regeln. Er hat sich also einen schlanken Fuß gemacht und weggeduckt. Wir haben dann noch unser Prozessstatement verlesen, dann wurde das Urteil verkündet. Anschließend stürmte die Presse auf uns ein.

Vor dem Gericht gab es eine fast 2,5 stündige Kundgebung. Neben vielen Redebeiträgen und Musik, haben die Unterstützer*innen von „Volle Breitseite für unsere Kiezbuchhandlung Kisch & Co“ in satirischer Theaterform einen „Gerechtstermin“ aufgeführt. Die Darsteller*innen zeigten in neun kurzen Szenen, wie sich die (Ge)Rechtslage von Gewerbemieter*innen dramatisch verbessern lässt.

Zu der Kundgebung kamen zu frühmorgentlicher Stunde um 9.00 Uhr an einem Arbeitstag insgesamt ca. 200 Leute. Grandios !!!

Nach Prozess und Kundgebung haben wir trotz gerichtlicher Niederlage die Sektkorken knallen lassen und vor dem Gericht noch ein bisschen gefeiert. Wir haben beschlossen, dass es jetzt natürlich weiter geht.

Zu erwähnen ist, dass sogar der britische „Guardian“ einen längeren Beitrag gemacht hat. Am Sonntag Abend wird dann noch ttt – Titel, Thesen, Temperamente berichten.

Unser Statement vor Gericht:

Wir wollen im Sommer nächsten Jahres zusammen mit unseren Kundinnen und Kunden, mit unseren Freundinnen und Freunden das 25 jährige Jubiläum von unserer Buchhandlung Kisch & Co in der Oranienstraße 25 feiern. Und wir würden dafür  gerne nach dieser Gerichtsverhandlung unseren Unterstützer*innen die ersten Einladungen aussprechen.

Wir sitzen hier, weil wir natürlich auch um unsere Existenz kämpfen, für den Erhalt unserer

Buchhandlung und die Arbeitsplätze unserer tollen Mitarbeiter.

Aber darüber hinaus geht es auch um den Erhalt des gesamten Kultur- und Sozialstandorts Oranienstraße 25.  In den nächsten Monaten und Jahren laufen bei allen Projekten die Mietverträge aus. Kein Mieter im Haus wird die angestrebten Mieterhöhungen, die im Angebot an ein erstes Projekt, das 3-fache der bisherigen Miete beträgt, bezahlen können.

Zufällig waren wir als Buchhandlung die Ersten, die betroffen sind. Dafür sind wir aber sicherlich dank der Unterstützung von Anwohnern*innen und Initiativen das Projekt mit der größten öffentlichen Zugkraft. Und damit stehen wir  natürlich in vorderster Front und somit auch in der Verantwortung dem Druck des Fonds  der Victoria Immo Properties V. standzuhalten. Das Schicksal dieses Hauses  als Kulturstandort wird ganz entscheidend vom Ausgang dieses Prozesses abhängig sein. Auf der einen Seite steht das Profitinteresse einiger steinreicher anonymer privater Spekulanten, die sich in Lichtenstein hinter treuhänderisch agierenden Anwälten verstecken. Auf der anderen Seite steht jahrelange Arbeit von Kulturschaffenden, Galerien, Museen u.a. mit den Anwohnern zusammen, die auf einen Schlag kaputt gemacht oder verdrängt wird. Wir wollen dem aggressiven, spekulativen Geschäftsmodell Entmietung vor einem zielgerichteten Verkauf mit Rendite nicht tatenlos zusehen.

Gemeinsam haben wir alle die Verantwortung unseren Kindern und Enkelkindern gegenüber den gewachsenen kulturellen und sozialen Strukturen unserer Kieze und Städte ein Fundament zu hinterlassen, auf dem weitere Gestaltung möglich ist. Gemeinsam müssen wir als Bewohner*innen und Mieter*innen dafür Sorge tragen, dass unser Recht auf Wohnraum auch ein legitimes Recht beinhaltet, mit zu bestimmen in welchen Läden wir einkaufen wollen und welches soziale und kulturelle Umfeld sich in der Nachbarschaft ansiedelt.

Eine Sozialverpflichtung der Fondseigentümer, wie Sie im Grundgesetz bei Eigentum vorgeschrieben ist, können wir wohl von diesen freiwillig nicht erwarten.

Wir dürfen die Innenstädte und die noch lebendigen Kieze nicht dem Kapitalüberfluss der Immo Properties dieser Welt überlassen. Die Uhr tickt. Die Waage beginnt bedenklich in Richtung der falschen Seite zu pendeln. Für jede und jeden von uns stellt sich die immer drängendere Frage, die von Politik und auch von Gerichten mit beantwortet werden

muss: Wem gehört die Stadt? Den Menschen, die sie bewohnen und beleben, oder den anonymen Spekulanten in den weltweiten Steueroasen.

Wir wollen diesen Prozess nun aber auch als Chance begreifen, für uns was Großes aber eigentlich auch Selbstverständliches zu erreichen und für die Gesellschaft einen kleinen Schritt in die richtige Richtung zu tun.

Wir fordern daher die Gegenseite auf, dies letztendlich ebenfalls als Chance zu nutzen, um mit uns in substanzielle, nachhaltige Verhandlungen über einen weiterführenden Mietvertrag zu annehmbaren Konditionen einzutreten.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.