Wie soll das gute Leben nach der Pandemie aussehen?

Ein Reblog von Ewa Maria Slaska, die ihren Beitrag in ihrer eigenen Seite für uns absichtlich eine Stunde früher veröffentlicht hat, damit wir es für Sonntag schaffen.

Ja, wie soll unser Leben nach der Pandemie aussehen? Wie wird es aussehen? Was wollen wir und was wird über unsere Köpfe hinweg passieren?

Vor einem Jahr träumten wir von hellen Himmeln, klaren Wassern, stillen, ruhigen Städten. Glaubten wir daran?

Ja, ich glaube, wir glaubten daran. Wir glaubten, dass wir daran glauben dürfen. Dahinter versteckten sich zwei vollkommen verschiedene Gedanken: “Wir werden uns ändern” und “DIE werden es einsehen, dass WIR UNS ändern müssen (sonst stirbt das Leben auf der Erde)”.

Ja, WIR und DIE. Die WIR Seite sollte viel stärker sein als DIE Seite, endlich Mal sollten DIE an UNS hören. Endlich Mal werden WIR gewinnen. Endlich Mal wissen WIR, was WIR wollen und wollen, dass DIE es wissen. WIR werden besser und werden DIE zwingen zur Verbesserung der Welt. In letzter Sekunde vor der Katastrophe, als Greta Thunberg eigentlich nur weinte, weil Fridays for Future nix brachten, schlug die Natur zurück und brachte UNS allen (d.h. für WIR und für DIE) eine NEUE Erkenntnis: Wenn WIR überleben sollen, müssen WIR uns und die Welt beruhigen, verlangsamen, heilen helfen, UNS gegenseitig unterstützen, solidarisch werden…

Den ganzen Frühling 2020 haben wir so geträumt.

Es war schön. Die Regierung gab UNS das Geld, um die Pandemie zu überstehen. Home office schien ein Arbeitsideal zu sein. Ruhig, in unserem eigenem Tempo arbeiten, selber entscheiden, was wichtig ist, wann WIR was tun oder eben nicht.

Die Läden waren zu, man brauchte aber nichts und musste nichts kaufen. Nur einfache Sachen, etwas zum Essen, ein bisschen mehr zu Trinken, Kino und die Bibliothek waren zu Hause, Konzerte auf der Straße oder auf den Balkonen. WIR machten Ordnung, teilen gute Sachen mit den Anderen. Lächelten mehr und malten schöne Regenbogen oder Herzen auf den Fenstern.

Und WIR träumten bis UNSERE Kinder ohne Schule verblödeten und zuhause nervten, WIR vom Home office Nase voll hatten und dicker wurden. In der Welt draußen begannen alle die Waren online zu bestellen, UNSERE mit Kartons vollgepackten Mülltonnen sind ein Asyl für Ratten geworden, die Transportburschen übernahmen die heimliche Macht in der Welt, UNSER Geld war alle und WIR wussten, dass Jeff Bezos von Amazon es UNS allen wegnahm. Oder Elon Musk.

So wurde in ein paar Monaten eine UTOPIE zu einer DYSTOPIE.

Was können WIR also jetzt tun, ein Jahr später? Das Geld ist alle, der Frühling ist bitter kalt, die Lockdownmaßnahmen scheinen höchstens ein Alibi für Reiche und Mächtige zu sein, dies verdeckend, was wir alle jetzt spüren, dass uns unsere demokratische Freiheiten und Rechte weggenommen sind, wohl wissend, dass wenn die Macht dir schon etwas weggenommen hat, wird sie es NIE freiwillig zurückgeben. Harari schrieb letztens, dass es uns einfacher fällt, uns das Weltende vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.

Haben wir wieder den Moment verschlafen, dass wir zurückschlagen sollten? Schliefen wir zu lange? Träumten zu viel? Badeten wir uns immer noch in klaren Wasser in Venedigs Kanälen, als DIE (wer auch immer SIE plötzlich geworden sind) uns schon alles wegnahmen?

Wie wird also die Welt aussehen? Unsere Arbeit, unser Wohlstand, unsere Sicherheit? Haben wir noch etwas in der Hand?

Ich schaue mich um. Vielleicht ist noch nicht alles verloren. Vielleicht haben wir doch etwas gelernt von dem bitteren Erwachen. Die Grünen gewinnen jetzt an Unterstützung und sind auf dem besten Weg, eine Volkspartei zu sein. Wird es politisch umschlagen? Gewinnt Annalena die Wahlen im September?

Harari meint, das Einzige was uns hilft, ist sich selber besser kennenzulernen. PM, dass wir alles wieder klein machen sollen. Kleine Gruppen, kleine Ziele, kleine Aufgaben, k(l)eine Gewinne. Zurück in die Zukunft. Klein und gemeinsam.

Und dann fehlt mir wieder die Regenbogenfabrik ein, mein Lieblingsbeispiel, wie das Leben eigentlich aussehen soll. Ein Squatprojekt, das sich im Laufe von 40 Jahren zu moderner nachhaltiger Utopie entwickelt hatte. Viel über sich selber wissend und alles klein, gemeinsam und solidarisch haltend. Irgendwann, vor 20 Jahren, schrieb ich über die Fabrik, dass sie für mich eine moderne Mischung aus einem Kloster und einem Kibbuz ist. Also ein Traum.

Von der Besetzung bis zur Legalisierung dauerte es Jahrzehnte – heute ist die Regenbogenfabrik eines der erfolgreichsten Lebens- und Wohnprojekte, schrieb zum 40 Geburtstag des Projekts Gerd Nowakowski im Tagesspiegel.

Auf dem Höhepunkt der Hausbesetzerzeit, als im damaligen West-Berlin über 100 Häuser vor der Abrissorgie im Namen einer fehlgeleiteten Stadterneuerung gerettet wurden, wurde das heruntergekommene und Abriss-bedrohte Industriegelände am 14. März 1981 von den Aktiven „instandbesetzt“. Eine verlassene Chemiefabrik und das Hinterhaus, beide in der Lausitzer Straße in Kreuzberg, sind heute Genossenschaft geworden. Auf den vier Etagen des Hinterhauses leben 33 Menschen – große und kleine. In der ehemaligen Fabrik findet man Radwerkstatt, Hostel und Kantine, Kita, Tischlerei und Bauwerkstatt, das Regenbogen-Kino und den Kultursaal. Manche Bestandteile des Projekts gibt es nicht mehr, das Café ist verschwunden, ebenfalls Seminar- und Proberäume, ein Kunstatelier, dazu kommen aber die neuen, wie z.B. Sauna im Hinterhaus oder manche Projektbüros. Auch Projekte kommen und gehen. Fete de la Musique kam schon zweimal hin, polnische Kochwochen blühten ein paar Jahre lang und wurden fallen gelassen. Lag es an mir? Ich weiß es nicht. Es gibt Winterbasare und Sommerhofpartys, Wanderungen und Fahrradtouren durch die Stadt, seit Jahren nimmt die Fabrik an den Tagen des offenen Denkmals teil. Das gesamte Gelände ist seit vielen Jahren ein Baudenkmal. Was hier geschieht, ist aber nicht museal, sondern ein lebendiges Projekt. Die Vision eines anderen Zusammenlebens und eines selbstbestimmten Arbeitens mit gemeinschaftlichen Eigentumsverhältnissen ist hier über Jahrzehnte immer wieder neu diskutiert und verwirklicht worden. (…) „Das Leben in der Gemeinschaft war oft schwierig“, erzählten Aktive zum 25. Jubiläum: „Äußere und innere Feinde waren zu bekämpfen; es flossen Tränen und einige MitstreiterInnen und Prinzipien sind auf der Strecke geblieben. Unter dem Motto ‚Zusammen wohnen, leben und arbeiten‘ wurde eine Gratwanderung zwischen Glück und völligem Genervtsein gewagt, was mitunter ernüchterte. Dennoch wurde nie aufgegeben.“

So ein schönes Projekt. Immer wieder versuche ich zu verstehen, weshalb ich die Fabrik nur beobachte und (noch) nie ein Teil davon geworden?

Harari meint, man soll sich selbst erkennen. Muss ich ja auch wohl.

Schaut es euch unbedingt auf Ewas Blog an, so schön krieg ich es jetzt nicht hin, sagt die müde Säzzerin.