Kein Betonklotz in die Hinterhöfe

1981 | Bewohnerversammlung in der Ölberggemeinde:

„Lebhaft und ohne falsche Zurückhaltung verlief die Versammlung der Bewohner der Ecke Lausitzer/Reichenberger Straße Anfang Mai in den Räumen der Ölberg-Gemeinde.“, schrieb der Südost Express in seiner Ausgabe im Juni 1981. Weiter im Text geht es so:

Ungefähr siebzig anwesende deutsche und türkische Mieter, Besetzer, Gewerbetreibende, Hausmeister, Vertreter der Bürgerinitiative, des Vereins SO 36, der IBA und in dem Block beschäftigte Architekten lieferten sich heftige Redegefechte, auf denen alle heißen Themen angepackt wurden. Hausbesetzungen überhaupt, die vielen Ausländer, das nicht sehr vorbildliche Verhalten von Deutschen, der Verfall der Häuser, versprochene und nicht erhaltene Umsetzwohnungen und einiges mehr. Mieter und Zeitungsladeninhaber, Besetzer und Planer schenkten sich nichts, um am Ende in unerwarteter Einigkeit auseinanderzugehen. Nachdem lange aufgestaute Aggressionen und Vorwürfe abgelassen waren, gingen die Versammlungsteilnehmer aufeinander ein und kamen sich näher. Insbesondere die Beiträge einiger türkischer Mieter ebneten den Weg der Verständigung. Der gemeinsame Gegner hatte, wenn auch durch Abwesenheit glänzend, nichts mehr zu lachen: die Bauherrengruppe Vogel&Braun und ihre Spekulationsfirmen mit ihrer Sanierungsplanung für die Blockecke.

Südost Express von Juni 1981, Seite 16

weiterlesen im Archiv:

Regenbogenfabrik, verstanden als radikales Archiv

eine Betrachtung von Alexander Vasudevan

Vor vierzig Jahren erreichte eine große Welle städtischer Hausbesetzungen in West-Berlin ihren Höhepunkt. Häuser wurden besetzt und, in vielen Fällen, sorgfältig repariert. Besetzte Häuser wurden zu Orten, um neue Identitäten zu erkunden, Wut und Solidarität auszudrücken, sich der Autorität zu widersetzen und autonom zu leben. Sie waren Orte intensiver Debatten (und Auseinandersetzungen), aber auch Orte der Fürsorge und des Gemeinwesens. Während einige der Hausprojekte aus dieser Zeit überlebt haben, sind andere einfach spurlos verschwunden; noch andere sind weiterhin von Räumung bedroht. Die Regenbogenfabrik nimmt in dieser Geschichte einen wichtigen Platz ein. Dies ist eine Geschichte der Wohnungsnot. Es ist aber auch eine Geschichte des Widerstands und der Möglichkeiten, die wichtige Lehren dafür liefert, wie wir in Städten anders leben können.

Ich bin Geograph, Historiker und Urbanist, und die Regenbogenfabrik hat maßgeblich dazu beigetragen, mein eigenes Verständnis der Geschichte der Hausbesetzerbewegung in Berlin zu formen. Ich habe diese Geschichte in einem Buch von 2015 untersucht, Metropolitan Preoccupations: The Spatial Politics of Squatting in Berlin, während sich ein neueres Buchprojekt mit einer detaillierten Beschreibung der Geschichte der Besetzerbewegung in Europa und Nordamerika befasst.

In meiner Forschung habe ich die alltäglichen Erfahrungen, Praktiken und Gefühle von Hausbesetzern und die Rolle, die sie bei der Schaffung radikaler politischer Vorstellungen gespielt haben, nachvollzogen. Ich habe versucht, den Praktiken der Hausbesetzer, der von ihnen angewandten Taktiken und den von ihnen geschaffenen Räumen, gerecht zu werden. Zu diesem Zweck habe ich die verschiedenen Stimmen, Ideen, Praktiken und Kenntnisse gesammelt und kuratiert, die von Hausbesetzern produziert wurden, wie sie in Magazinen, Flugblättern, Filmen und anderen Quellen dokumentiert wurden, die in der Hitze des Augenblicks geschrieben und aufgezeichnet wurden.

Diese kurzen Überlegungen zielen weder darauf ab, die Geschichte der Regenbogenfabrik zu überdenken, noch untersuchen sie eine Geschichte der Besetzerbewegung in Kreuzberg, die mittlerweile gut etabliert ist. Ich hoffe vielmehr, ein paar Gedanken anstellen zu können, wie die Regenbogenfabrik einen bescheidenen Plan bieten könnte, um die Stadt auf gerechtere Weise zurückzugewinnen und zu bewohnen. Dies ist ein zunehmend dringendes Projekt. Wir erleben schließlich eine sich verschärfende Wohnungskrise, aber auch einen Moment, in dem die Idee der Stadt als Ort des sozialen Wandels einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt ist.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass Hausbesetzer in West-Berlin nicht nur neue Formen der Basisorganisation entwickelten, sondern auch erhebliche Energie darauf verwendeten, ihre eigenen Praktiken und Darstellungen zu archivieren und ihr Verständnis der Stadt als Ort politischer Möglichkeiten zu dokumentieren. Für viele Hausbesetzer ist es immer noch wichtig, an diesen Räumen festzuhalten; ganz zu schweigen von den Aktionen, die sie belebten; insbesondere in einer Stadt, die sich zunehmend dafür einsetzt, die Spuren eines alternativen städtischen Milieus zu beseitigen.

Meine eigene Forschung wäre daher ohne die enorme Großzügigkeit von Archiven wie Papiertiger und Umbruch-Bildarchiv und die Arbeit so vieler Menschen in der Regenbogenfabrik nicht möglich gewesen. Ich denke nicht, dass es schwierig wäre, Hausbesetzer und andere Wohnungsaktivisten als radikale Verwalter einer anderen Art von Stadt zu betrachten, die nicht nur für Wissenschaftler, Aktivisten, sondern auch für andere Bürger erkennbar und zugänglich ist.

Die Grenzen zwischen Archiv und Stadt waren schon immer durchlässig. Meine eigene Arbeit zur Geschichte des Besetzens in Berlin hat versucht zu zeigen, wie Städte selbst von Besetzern in ein lebendiges Archiv alternativer Kenntnisse, Materialien und Ressourcen verwandelt wurden.

Die Regenbogenfabrik ist ein solches „radikales Archiv“, das uns daran erinnert, dass die Geschichte der Wohnungskämpfe im heutigen Berlin lebendig ist. Als soziales Zentrum und Wohnungsprojekt hat es die jüngste Geschichte Berlins und Kreuzbergs geprägt. Und doch ist dies ein Vermächtnis, das sich weit über die Mauern von Kniebeugen hinaus erstreckt und die von ihnen erzeugten breiteren Netzwerke und sozialen Räume umfasst. Das breite Spektrum der von Hausbesetzern entwickelten Standorte und Aktivitäten sprach für eine expansive soziale Infrastruktur, die einen alternativen Urbanismus bot. Allein in Kreuzberg umfasst dies Buchhandlungen und Cafés, Kinos, Gemeinschaftsgärten, Konzertsäle, Fahrradwerkstätten, Kindertagesstätten, Galerien, soziale Zentren in der Nachbarschaft und Werkstätten. Die Regenbogenfabrik bleibt das Herzstück dieser alternativen Geographie.

Das Wort „Infrastruktur“ wurde von Wissenschaftlern und politischen Entscheidungsträgern oft überstrapaziert, obwohl ich das Besetzen von Häusern als einen wichtigen Versuch verstehe, radikale Basisinfrastrukturen aufzubauen, die das Design und die Beteiligung der Gemeinschaft mit dem Verständnis der gebauten Umwelt als Quelle kontinuierlicher Erfindungen verbinden. Dies ist eine Art Infrastruktur – selbst immer prekärer -, die es gewöhnlichen Menschen ermöglicht, die Kontrolle über ihr eigenes Leben zu übernehmen und ihre eigenen Wohnbedürfnisse zu gestalten sowie anderen Unterstützungen und Pflege anzubieten. Ich habe die Regenbogenfabrik in den letzten 10 Jahren als soziales Zentrum und Hausprojekt kennengelernt, das die gebaute Umwelt – und die von ihr unterstützte breitere Infrastruktur – in den Dienst eines größeren Projekts stellt, um die Stadt neu zu gestalten und zu verändern.

Dies bleibt ein wichtiges Projekt angesichts einer Stadt, die sich zum Ziel gesetzt hat, ihre radikale Vergangenheit zu löschen. Wenn Berlin zu einer zunehmend ungleichen Stadt geworden ist, erinnern uns Orte wie die Regenbogenfabrik an andere urbane Zukunftsaussichten und wie wichtig sie für die Stadt schon immer waren.

2016 stellte Alexander Vasudewan im RegenbogenCafé sein Buch „Metropolitan Preoccupations“ zur Diskussion. Während seine Recherchen in Berlin war er häufig unser Gast. Heute ist Alex Professor in Oxford.

In der britischen Zeitung The Guardian hat er mit einem Kollegen über den Mietendeckel geschrieben:

https://www.theguardian.com/commentisfree/2021/apr/23/berlin-rent-cap-defeated-landlords-empty

Es war einmal im Jahr 1999

Ich wollte einfach raus… Raus aus dem spießigen Spandau, wo ich seit 1974 wohnte und 3x umgezogen bin. Ganz viele meiner Freundinnen / Bekannten lebten in Kreuzberg und ich war sehr oft dort – ich genoss diese bunte Atmosphäre, die netten Menschen und träumte schon lange davon, in diesem mir lieb gewonnenen Stadtteil endlich wohnen zu können.
Da begab es sich, dass eine Freundin von einer freien, barrierefreien Wohnung im Hinterhaus der Regenbogenfabrik hörte und mir davon berichtete. Mein Herz schlug höher bei dem Gedanken, meinen Traum evtl. wahr werden zu lassen – und schwuppdiwupp saß ich auch schon auf dem Hausplenum, stellte mich vor und bekundete mein riesengroßes Interesse, in der Hausgemeinschaft wohnen zu wollen. Ein paar Monate später hatte ich es geschafft:
Endlich angekommen im wunderschönen Kreuzberg! Mein Motto war: „Hier werde ich alt!“
Die Liebe hatte 2019 jedoch etwas anderes mit mir vor!

Ich war so happy! Meine Wohnung lag im 2. Hinterhof und ging zum Garten raus – eine Idylle vom Feinsten!
Das Fenster vom Kino-Vorführraum ging ebenfalls zum Garten raus und ich hörte oft – vor allem in den Sommermonaten das Programm bzw. die Filme mit. Manchmal war es schon etwas nervig, doch irgendwann gewöhnte ich mich daran.
Witzig ist, dass ich es später sogar vermisst habe :).

Da ich im Alltag Assistenz benötige, kamen und kommen 2x täglich Assistentinnen (also eine morgens, eine abends). Den Satz einer Assistentin werde ich nie vergessen:
„Das ist ja wie Urlaub hier!“
Den Blick in den Garten verglich sie mit Italien…
Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch so manches Eichhörnchen, das den Garten wohl auch genossen hat.

Mehr und mehr schloss ich die Regenbogenfabrik in mein Herz und 2006 fing ich dort im Büro im Bereich Öffentlichkeit an, wo ich bis heute und hoffentlich noch sehr lange arbeiten kann.
Es macht mir nach wie vor großen Spaß, verschiedene Aufgaben zu erledigen – einerseits wegen unseres Einheitslohns und dem Ansatz „Jede Arbeit ist gleich viel wert!“ und andererseits sind meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt sehr gering. Leider sind einige Menschen der Meinung: Wenn mensch so ein Handicap (Spastik) hat wie ich, gehört sie/er in eine Werkstatt (da rollen sich immer sämtliche Fußnägel bei mir auf; allein schon wegen des Wortes „Werkstatt…..“).
Dann sage ich immer gerne: Warum denn das bitte!?!?
Aus eigenen Erfahrungen ist in so einem abgeschirmten Raum der Ausbau der eigenen persönlichen Fähigkeiten überhaupt nicht möglich.

Deshalb bin ich auch so unglaublich froh, dass ich trotz meines Umzuges in 2019 nach Köln auch weiterhin in der Regenbogenfabrik via Telearbeitsplatz arbeiten kann, was dank des digitalen Zeitalters wirklich sehr gut funktioniert.
Wir haben 2 Inklusions-Arbeitsplätze.

In den vergangenen Jahren hat sich in der Regenbogenfabrik vieles verändert: Menschen kommen; einige bleiben nicht lange – andere wiederum bleiben für immer!
Manchmal gibt es hin und wieder teilweise nur schwer auflösbare Streitigkeiten. Klar, wo in einer großen Gemeinschaft gibt es das nicht? Aber auch, wenn es seit über einem Jahr alles andere als einfach ist, gemeinsam durch diese Pandemie zu kommen, geben wir nicht auf!
Hier sollen unsere treuen Unterstützer*innen auch wieder ihre Erwähnung finden! Denn was wären wir ohne sie?!
Umso mehr freuen wir uns auf die Zeit, in der keine Vorschriften, Kontaktbeschränkungen etc. mehr bestehen und wir unseren Gästen wieder wie gewohnt unsere Kulturveranstaltungen mit großer Freude anbieten können!

Wir tragen allesamt Verantwortung für dieses wunderbare, brilliante Projekt und möchten mit unserer Kraft, unserem Mut und unseren Ideen einen Beitrag leisten für ein besseres, bunteres und sozialeres Leben in Kreuzberg.

*** Ein Hoch auf die nächsten 40 Jahre ***