

Das Dokument hat schon länger nicht mehr das Licht der Sonne gesehen. Wie gut, dass in diesen Wochen der Eine und die Andere auf den Hängeböden und alten Ordnern kramt.
Vielen Dank dafür!


Das Dokument hat schon länger nicht mehr das Licht der Sonne gesehen. Wie gut, dass in diesen Wochen der Eine und die Andere auf den Hängeböden und alten Ordnern kramt.
Vielen Dank dafür!
Von der „Freistadt Barackia“ 1872 über die gelungene Besetzung einer verlassenen Fabrik bis hin zur heutigen Diskussion um Gentrifizierung in Kreuzberg spannt sich der Bogen der Auseinandersetzung um Mieterrechte und bezahlbare Lebensräume. „Wir bleiben alle“ lautet auch heute das Motto der Regenbogenfabrik. Das denkmalgeschützte Ensemble rund um das ehemalige Dampfsägewerk von 1877 ist Symbol für die im 19. Jahrhundert entstandene Kreuzberger Mischung.
Zum Tag des offenen Denkmals im September 2011
Zeigten wir unsere Ausstellung
Kreuzberger Ansichten
150 Jahre Alltag und Veränderung
Ausstellung
Hier ein paar Textauszüge:
„Schon seit Ende des Winterhalbjahres 1870/71 fiel in Berlin zunehmend die Obdachlosigkeit nicht nur einzelner Personen, sondern ganzer Familien auf, in deren Folge vor den Toren Berlins Barackensiedlungen entstanden waren; die erste im Sommer auf dem Tempelhofer Feld. Später folgten weitere „wilde Siedlungen“ – von den Berlinern BARACKIA genannt – vor dem Frankfurter, dem Landsberger und dem Kottbusser Tor. Auf wüstem Gelände hatten Wohnungslose Parzellen abgeteilt und aus Brettern, Fenstern und Türen von Abrissbaustellen, an denen oft noch Reste alter Tapeten oder Ölfarben klebten, notdürftige Unterkünfte gezimmert. Manche Hütten hatten einen Anbau mit Vorratsraum und Küche, aus dem das herausgesteckte Ofenrohr qualmte.“ (aus: Eduard Bernstein: Die Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung, Berlin 1907)
Situation
Noch bevor Berlin Kaiser- und Reichshauptstadt wurde, wuchs mit dem rasanten Anstieg der Industrieproduktion auch die Bevölkerung: von 613.000 im Jahre 1860 auf 824.000 ein Jahrzehnt später. Im Krieg 1870/71 fand praktisch kein Wohnungsneubau statt, die Zuwanderung jedoch hielt unvermindert an. Manche Berliner Stuben waren von drei Familien belegt. Die Behörden ließen obdachlose Familien auf städtischen Holzplätzen provisorisch unterkommen. Die in Beschlag genommenen Baracken auf dem Tempelhofer Feld waren ursprünglich Holzhäuser für kranke französische Kriegsgefangene. Was sich „vor dem Kottbuser Tor auf der Schlächterwiese und vor dem ehemaligen Landsberger Tor hinter dem Friedrichshain“ abspielte, wurde in der damaligen Presse sehr bildhaft beschrieben, die gutbürgerliche vermarktete die aus der Not geborenen Zustände „mit einem Hauch von exotischer Gemütlichkeit“.
Da hieß es: “Die Leute sind zufrieden, erfreuen sich ihrer selbsterbauten Heimat, haben sie vielfach mit Gärtchen geschmückt, Flaggen mit den Reichsfarben und dem Reichsadler wehen lustig auf einigen Hütten …“
Die ungeschminkten Gründe für den „Umzug“ tausender Menschen in Bretterhütten wurden selten genannt.
Die Obrigkeit reagierte auf ein ihr ungeheuerliches und unangenehmes Geschehen (damals wie heute) mit Kriminalisierung. Recht offensichtlich war für keine der Notunterkünfte ein Bauantrag gestellt worden. Obgleich es mehrere Delegationen von Barackia gab, die beim Berliner Oberbürgermeister wie auch beim Polizeipräsidenten ihr Bleiberecht oder lebbare Alternativen einforderten, wurden die Hütten im August 1872 „als ihre Insassen nicht gutwillig gingen“ mit Polizeigewalt abgerissen. Den Vertriebenen wiesen sie das „Arbeitshaus“ am Alexanderplatz – allgemein als Tiefpunkt des sozialen Abstiegs angesehen – als vorläufiges Obdach zu. Am Planufer vor dem Kottbusser Tor, wo kurz davor noch 150 Hütten standen, begann die Bebauung mit vornehmen Bürgerhäusern.
Widerstand
Die Barackenplätze wurden auf direkte Order von Kaiser Wilhelm I. geräumt, der aus seinem Kurort Wiesbaden angesichts der „Blumenstrassenkrawalle“ seinen Innenminister anwies, die Vorgänge in Berlin „nicht als Bagatelle“ zu behandeln.
Was war geschehen:
Im Juli 1872 befand sich Berlin, wie im Neuen Social-Demokrat zu lesen war, „fast ohne Unterbrechung im Zustande der Revolte, die bald hier, bald dort in den einzelnen Stadtvierteln sich geltend machte.“ Es gab unzählige Beispiele, wie Hauswirte unter allen möglichen Vorwänden versuchten, bestehende Mietverträge aufzukündigen, um am steilen Höhenflug der Mieten teilzuhaben. Diese Vermieterwillkür stieß auf heftigen Widerstand der Hausbewohner*innen, so auch in der Blumenstrasse am Strausberger Platz, als ein armer Tischler auf die Strasse gesetzt wurde. Die Folge war „eine gewaltsame Säuberung, welche durch Berittene und Schutzleute zu Fuß bewirkt wurde“.
Als wenige Tage später Feuerwehr und Polizei begannen, die Baracken der Obdachlosen vor dem Frankfurter Tor niederzureißen, war das ganze Stadtviertel in Aufruhr: „Die Masse warf überall die Gaslaternen ein, hob die Rinnsteinbohlen aus und bildete aus denselben Barrikaden… Der Polizei wurde heftiger Widerstand entgegengesetzt; aus vielen Häusern wurde mit Steinen, Flaschen und dergleichen auf sie geworfen… Man zerschlug die Straßenlaternen, brach die Brenner ab und entzündete das ausströmende Gas, so dass mächtig auflodernde Flammen von den verübten Gewalttätigkeiten weithin Kunde gaben.“
Quellen: Kurt Wernicke: in http://www.luise-berlin.de und Joachim Berger: Kreuzberger Wanderbuch. Wege ins widerborstige Berlin
Wenn wir heute durchs Internet stromern, finden wir erneut interessante Aufbereitungen der alten Quellen:
Manch großer Worte überdrüssig, machten wir uns auf die Suche nach einer Bildersprache; eine, die der Lebendigkeit, mit der Menschen sich hier und anderswo wehren, gerecht wird.
Wir Schreibenden, ihr Lesenden, wir haben schon bei einigen Beiträgen davon profitieren können, dass die engagierten Leute von UMBRUCH in alle Richtungen sammeln. Heute wollen wir sie nochmal selber zu Wort kommen lassen:


Wenn euch das Ganze anspricht, könnt ihr euch auch gerne selbst beteiligen, mit eigenen Fotos oder einer Spende, um die Arbeit des Archivs zu sichern. Die Umbruch-Fotograf:innen können nicht überall sein und freuen sich über eure fotografische Unterstützung.

Umbruch braucht Hilfe!
1998 | Mit Schreiben aus dem Bezirksamt (Grundstücksamt) wird uns mitgeteilt, dass die Gebäude der Regenbogenfabrik und das dazugehörende Vorderhaus unter Denkmalschutz stehen. Da waren wir schon verblüfft: „Das Landesdenkmalamt hat uns nunmehr schriftlich davon in Kenntnis gesetzt, dass die auf o.g. Grundstück vorhandene Remise und der Schuppen ebenso wie das Wohnhaus auf dem Vorderland unter Denkmalschutz gestellt wurden. Veränderungen im oder am Gebäude müssen ab sofort mit der zuständigen Denkmalschutzbehörde abgesprochen und abgestimmt werden.“

Erst mal waren wir baff. Und dann auch besorgt. Was kommt da auf uns zu? Wird es Auflagen geben, die wir schwer erfüllen können? Doch dann drehten wir den Spieß um und beschlossen, uns einzureihen in der großen Menge von Denkmalen in der Stadt und freuen uns Jahr für Jahr daran, den Denkmal- und geschichtsbegeisterten die Türen zu öffnen und unsere Geschichten mit ihnen zu teilen.
Die Erforschung unseres industriegeschichtlichen Baudenkmals machte zunehmend deutlich, was die Regenbogenfabrik an städtebaulicher und kulturhistorischer Besonderheit repräsentiert. Das Gebäudeensemble ist ein Beispiel für eine frühe industrielle Produktionsstätte an der Schwelle zwischen ländlichem Leben und städtischer Bebauung im ausgehenden 19. Jh. Die zweigeschossigen Remisen sind als Dampfsägewerk und später bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts als Chemiefabrik genutzt worden.
2021 beteiligt sich die Regenbogenfabrik zum 18. Mal am Tag des offenen Denkmals, dieser großen, europaweiten Veranstaltung. Seit 2005 sind wir regelmäßig dabei.
Jedes Mal laden wir ein zu Basar im Hof, zu Musik und Kultur, zu leiblichen Genüssen und Spielen für die Kinder ein. Eine Führung durch das Ensemble gehört unbedingt dazu und ermöglicht Einblicke in aktuelle Aktivitäten und gibt Gelegenheit zu geschichtlichen Rückblicken.
Das alte Dampfsägewerk von 1877 ist ein echtes Denkmal! Hier in Kreuzberg wurde Industriegeschichte gelebt. Und heute wird in den Werkstätten die handwerkliche Kunst gepflegt. Am Standort in der Vorderen Luisenstadt stellt sich bis heute die Frage nach der guten Mischung von Leben und Arbeiten. Über die Zeiten hinweg lautet die Parole: Wir bleiben alle! Entschlossen, solidarisch, lebendig und nachhaltig mischen wir uns ein. Und das seit 1981.
Die Erhaltung eines Gebäudes ist fast immer ökologisch und ressourcenschonend.
Eingriffsminimierung, Reparatur vor Austausch, Reversibilität und Verwendung natürlicher Baustoffe sind die wichtigen Stichworte. Und je länger die Lebensdauer eines Gebäudes aufrechterhalten wird, desto größer ist der Beitrag zur Ressourcenschonung. Weil jede*r beträchtliche Mengen an Abrissenergie und Energie für einen Neubau einspart.
Nachhaltigkeit ist uns seit 1981 ein Anliegen. Uns faszinieren die fünf R:
rethink, refuse, reduce, reuse, recycle.Die beiden Selbsthilfewerkstätten leben dieses von Anbeginn. Die Reparatur alter Möbel, die Aufarbeitung des ollen Drahtesels tragen zur Produktlebensverlängerung bei und der Verleih von Rädern ermöglicht es unseren Gästen und Nachbar*innen, sich in nachhaltiger Weise durch die Stadt zu bewegen. Ein Fahrrad ist Mobilität auf für den schmalen Geldbeutel.
Bei Instandsetzen und Modernisieren folgte die Materialauswahl ökologischen Überlegungen. Ein Teil der Regenbogenfabrik erhält Strom und Wärme durch ein Blockheizkraftwerk. Im Hof der Fabrik legen wir Wert auf naturnahe und heimische Bepflanzung.
Unser (Mindest-)lohn ist zwar niedrig, aber für uns alle gleich. Niedrige Preise fördern die Möglichkeit der sozialen Teilhabe aller Nachbar*innen und Gäste. Mit unseren beiden Integrationsstellen tragen wir zur sozialen Inklusion bei. Denn Nachhaltigkeit beschäftigt sich nicht nur mit Ökonomie und Ökologie, sondern auch mit sozialen Fragen.
Nicht stehenbleiben, die Diskussion suchen; wir hoffen, dass wir mit unserem Hoffest unseren Teil am notwendigen ökologischen Umbau leisten können. Jetzt, wo so langsam alles wieder hochgefahren wird, dürfen wir die Nachhaltigkeit nicht vergessen.
Auch beim Klimawandel gibt es eine Kurve, die wir flachhalten müssen.