In der BRD wurde 1975 mit dem Miethöhegesetz (MHG) der Mietspiegel als Instrument zur Bestimmung der ortsüblichen Vergleichsmiete eingeführt. Die wesentlichen Bestimmungen für Mieterhöhungen waren die zwölfmonatige Sperrfrist, die Kappungsgrenze von 30% innerhalb von drei Jahren und ein dynamischerer Begriff der ortsüblichen Vergleichsmiete. Im Gegensatz zu dem seit 1960 geltenden so genannten „Lücke-Gesetz“, das die Bildung der ortsüblichen Vergleichsmiete auch aus unveränderten Bestandsmieten erlaubte, ließ das Miethöhegesetz hierfür nur noch erhöhte Mieten und Vertragsneuabschlüsse zu. Mehrfache Bestrebungen in Westberlin in der Mietgesetzgebung die so genannte Rechtseinheit mit dem Bundesgebiet herbeizuführen, waren immer auf den erbitterten Widerstand der Mieter/innen gestoßen.
Zum Ende des Jahres 1987 wurde gegen das eindeutige Mietervotum die Mietpreisbindung* für Altbauwohnungen auf Betreiben des CDU/FDP-Senats in Westberlin abgeschafft. Auch die Mauerstadt sollte ein „Weißer Kreis“ werden. Eine halbe Million Unterschriften für die Beibehaltung der politischen Kontrolle der Mietentwicklung, die die Berliner MieterGemeinschaft, der Berliner Mieterverein und der Mieterschutzbund unter tatkräftiger Unterstützung von SPD, AL, SEW, Gewerkschaften etc. im Mai 1987 im Rahmen der Mieterabstimmung gesammelt und dem Berliner Abgeordnetenhaus übergeben hatten, wurden ignoriert. https://www.bmgev.de/mieterecho/311/10-historie-msp-ge.html
„Mit der Lichtkunstaktion „Berlin wird helle“ haben wir [das Büro für ungewöhnliche Maßnahmen] damals zum Frühjahrsbeginn 1987 mit dem Berliner Mieterverein gegen die Aufhebung der Mietpreisbindung in Westberlin protestiert. Wir projizierten auf Hunderte Häuserwände Protest-Dias der Mieter und Entwürfe eines großen Künstlerwettbewerbs. Das war im Rahmen einer Kampagne, die mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund und den Oppositionsparteien und allen Initiativen ein erfolgreiches Bürger-Mieter-Begehren startete. Das macht deutlich, dass die Aktionen von einer Massenbewegung unterstützt wurden, die es heute nicht gibt.“ https://taz.de/Aktionskunst-in-Berlin/!5362194/
Für einen ersten Eindruck hier zum Reinschmecken das Inhaltsverzeichnung des Berichts zum Werkvertrag.
Die ersten Jahre der baulichen Selbsthilfe waren – noch in der Besetzungszeit – vor allem Sicherungsmaßnahmen und notdürftige Winterfestmachung. Mit Beginn der offiziellen Selbsthilfe musste ein Maßnahmenkatalog abgearbeitet werden. Die Qualität musste endgültig stimmen und die Koordination der Aufgaben gewährleistet sein. Da war es schon gut, noch jemand an der Seite zu haben, der aus dem eigenen Wohnprojekt schon Erfahrung mitbrachte. Und es geht ja nicht nur um technische Fragen und Kostenkalkulation. Der Gruppendynamo muss auch immer neu justiert werden. Mut und Übermut abgewogen, was können wir selber, wo muss eine Firma ran? Was tun, wenn die Baukasse schon wieder leer, die Arbeit aber noch nicht abgeschlossen ist?
Wir sind gut durchgekommen! Unserem Komplizen Ulrich Küßner sei dafür an dieser Stelle nochmal ein später Dank ausgedrückt. Der Bericht ist auch im Archiv des Museums zu finden.
Frei von Repressionen und bürgerlichen Zwängen leben: Vor 50 Jahren begann in Kreuzberg die erste Hausbesetzerbewegung West-Berlins. Den Soundtrack dazu lieferte die Band „Ton Steine Scherben“, vor allem mit ihrem „Rauch-Haus-Song“.
Im Juni 1971 werden Zuschauer der Jugendsendung „Jour Fix“ in der ARD Zeuge einer Hausbesetzung, die 14 Tage zuvor in der Baden-Württembergischen Kleinstadt Schwetzingen stattgefunden hatte. „Diese Hausbesetzung, die wir damals live mitgefilmt haben, ist etwa 60 Minuten lang“, erinnert sich der frühere „Jour Fix“-Redakteur Werner Schretzmeier. „Erst nachdem das ausgestrahlt war, ist dann im Rundfunkrat ein Sturm losgegangen, dass man sozusagen eine komplett rechtswidrige Geschichte in der ARD ausstrahlt.“ Werner Schretzmeier und sein Team gaben damals Jugendlichen landauf, landab Anleitungen, wie man sich ein Jugendzentrum erkämpft. Unerwartete Schützenhilfe bekam die Redaktion vom damals frischgebackenen Minister für Soziales, Gesundheit und Sport des Landes Rheinland-Pfalz. Der habe das Fernsehteam ganz entspannt in seinem Büro erwartet, erinnert sich Schretzmeier und vor laufender Kamera aus dem Jugendwohlfahrtsgesetz zitiert er: „Aufgrund des Jugendwohlfahrtsgesetzes sind die Jugendämter, das heißt, die Landkreise und die Städte, gesetzlich verpflichtet, diese Einrichtungen der Jugendhilfe zu schaffen. Das ist kein Gnadenerweis, sondern eine gesetzliche Verpflichtung.“
Sprachrohr der Hausbesetzerbewegung
In derselben Sendung war neben Heiner Geißler auch eine Rockgruppe zu sehen: In einer spärlich ausgeleuchteten Fabriketage in Berlin-Kreuzberg standen vier Musiker von Anfang 20: Ton Steine Scherben.
Was wir wollen, können wir erreichen Wenn wir wollen, stehen alle Räder still Wir haben keine Angst zu kämpfen denn die Freiheit ist unser Ziel.
In der Folge wurde die Gruppe um den Songschreiber und Sänger Ralph Möbius, der sich später Rio Reiser nannte, zum Sprachrohr der Hausbesetzerbewegung. Über diese Geschichte, über die prominenteste Hausbesetzung Westberlins und der Bundesrepublik, ist viel geschrieben worden, aber es gibt darüber keine allgemeingültige Geschichtsschreibung, wohl bis in alle Ewigkeit nicht. Stattdessen: Geschichten. Dies ist eine davon.
Das Feature ist eine Wiederholung von 2011
Sechs Wochen nach der Besetzung in Schwetzingen fand auch in Westberlin eine Besetzung eines Jugendzentrums statt. Allerdings war die Ausgangsposition eine völlig andere.
„Als ich nach Berlin gekommen bin, ’62, hatte ich den Eindruck, das ist kurz nach 1945. Es gab noch einzelne Ruinen und vom Kottbusser Tor aus gesehen, Dresdner Straße, Oranienplatz runter, gab es ein riesiges, unbebautes Feld, und es war sehr ärmlich“, sagt Klaus Freudigmann, der aus Ulm nach Westberlin gezogen war – wie viele andere auf Flucht der Bundeswehr, die ihn trotz Totalverweigerung einziehen wollte. „Als ich hier angekommen bin und Kreuzberg gesehen habe, dachte ich: Also hier halte ich das nicht lange aus.“
Wer Geld hatte, verließ Kreuzberg
Noch heute wohnt der gelernte Elektromechaniker in einer Kreuzberger Fabriketage, ganz in der Nähe des Stadtteilmuseums. Dessen Leiter Martin Düspohl skizziert die Situation Kreuzbergs in den 1960er-Jahren: „Wer zum Mittelstand gehörte, wer das nötige Kleingeld hatte, der hatte zu diesem Zeitpunkt eigentlich Kreuzberg bereits verlassen, in entsprechende Neubauten, in die besseren Viertel. Nach dem Mauerbau war eigentlich klar: Dieses Viertel gerät ins Abseits, es ist nicht mehr Stadtmitte, es ist Stadtrand. Nichts gegen Stadtrand, aber in diesen maroden Altbauten, die nicht mehr gepflegt wurden, sahen viele keine Zukunft mehr.“ Viele Kreuzberger zogen in die Gropiusstadt, eine moderne Satellitensiedlung, die später die triste Betonkulisse zum Film „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ abgab.
Für jede freie Wohnung 30 bis 50 Bewerber
In Westberlin gab es damals eine gesetzliche Mietpreisbindung, den sogenannten „Schwarzen Kreis“. Altbauwohnraum musste billig sein, was es wiederum vielen Hausbesitzern schwer machte, in ihre Immobilien zu investieren. Die Häuser verfielen. Wer blieb, waren die Alten und die Großfamilien, die zu immobil oder zu arm waren, um das Viertel zu verlassen. Wer kam, waren die sogenannten „Gastarbeiter“, die als Zwischenmieter gerne gesehen wurden. Und die Studenten, die in den Universitätsvierteln wie Charlottenburg keine Wohnungen mehr fanden.
1969 zog er nach Kreuzberg zu Klaus Freudigmann in die Admiralstraße. Im selben Jahr zogen auch die drei Brüder Peter, Gert und Ralph Möbius von Charlottenburg und Schöneberg in die Kreuzberger Oranienstraße. Genau wie Klaus Freudigmann und Ringo mieteten sie eine der vielen Fabriketagen, die durch die Abwanderung der Industrie leer standen. Die Brüder machten hier ein Improvisations- und Mitmachtheater, das sich vor allem an junge Lehrlinge wandte. Berlin war in diesen Jahren nicht nur Frontstadt des Kalten Krieges, sondern auch Labor für neue Lebensentwürfe. Und diese gediehen in Kreuzberg, im Schatten der Mauer, am besten.
Nach Jahrzehnten des Schweigens war ein ungeheures Bedürfnis da, miteinander zu reden. Wolfgang Seidel, Ur-Kreuzberger
„Es gab zu dieser Zeit ein ungeheures Bedürfnis, miteinander zu reden“, erinnert sich Wolfgang Seidel, Ur-Kreuzberger und erster Schlagzeuger von Ton Steine Scherben. „Jeder redete mit jedem. Manche Sachen wirken von heute aus befremdlich, also, wenn man hört, dass es fast keine Theateraufführung gab, wo nicht irgendwann einer im Publikum aufstand und sagte: ‚Da müssen wir jetzt drüber diskutieren’. Aber das gibt ganz gut die Stimmung in dieser Zeit wieder. Nach Jahrzehnten des Schweigens war ein ungeheures Bedürfnis da, miteinander zu reden.“ Das Problem: Fast alle Angebote für Jugendliche in Kreuzberg waren damals kommerzieller Natur. „Man wollte nicht in der Disko hängen, zugedröhnt werden und dafür auch noch bbezahlen“, sagt Wolfgang Seidel. Schüler und Lehrlinge wollten freier leben. Zwar gab es in Kreuzberg ein Jugendfreizeitheim, aber das machte in der Woche um 19 Uhr zu, hatte am Wochenende überhaupt nicht auf und unterstand zudem einer rigiden Leitung, wie die Jugendlichen fanden.
In Kreuzberg probte zu Beginn des Jahres 1970 auch die Theatergruppe „Rote Steine“. Die Kreuzberger Lehrlinge hatten sich vom Mitmach-Theater der Möbius-Brüder abgespalten. Sie spielten Szenen aus ihrem Alltag – über Ausbeutung am Arbeitsplatz und beengte Wohnverhältnisse. Zwischen ihren Improvisationen spielte eine Musikgruppe, die damals noch keinen Namen hatte. Die Botschaft: Wir wollen anders leben.
Kurz darauf gründete sich in Kreuzberg eine Schülerarbeitsgruppe, in der politisch bewegte Studenten Schüler bei ihren Hausaufgaben halfen. Sie bezogen ein altes Fabrikgebäude in der Mariannenstraße. „Erst war eine Etage direkt angemietet, und der Hausbesitzer war der Meinung, das ist so ein linker Treff, also links-beeinflusst. Als wir mehr Räume anmieten wollten – die standen leer – , hat der sich geweigert, die zu vermieten. Erst dann gab es die Besetzung.“ Ein Konzert in der Mensa gibt den Anstoß. Die „Roten Steine“ und andere Gruppen verbreiteten den Plan im Kiez. Am 3. Juni gaben Ton Stein Scherben ein Konzert in der Mensa der Technischen Universität. Die damalige Kinderkrankenschwester und heutige Mediengestalterin Irina Hoppe erinnert sich:
„Da gab es einen Aufruf am Ende des Konzertes oder so: Die Jugendlichen, die da sind, haben überhaupt kein Jugendzentrum, nichts, überhaupt keinen Treffpunkt, und dass man Räume bräuchte und da steht ein leeres Haus – und dann sind alle dahin gefahren.“
Für die gebürtige Berlinerin war es das erste Mal, dass sie nach Kreuzberg fuhr. Heute wohnt sie dort. „Da war kein Licht, kein Strom, nichts, aber das ist ja total romantisch, war schön. Und dann kam die Polizei. Das war das erste Mal für die Polizei, dass es so eine Besetzung gab, glaube ich. Die wussten überhaupt nicht, was sie machen sollten! Sie haben dann erst mal alle mitgenommen, weil ja gar kein Licht da war. Da rauchten sie alle weiter in den Zellen, das waren so zehn Leute in einer Zelle. Und die Polizei – das war nicht ihre Hausmarke, da jetzt Jugendliche aus irgendwelchen Häusern, die man nicht mehr brauchte, rauszuholen. Das fanden sie, glaube ich, absurd.“
„Und dann war es ein Jugendzentrum“
Wie die Polizei auf die Besetzer aufmerksam wurde, ist – wie vieles aus dieser Zeit – nicht eindeutig überliefert. Die einen vermuten, dass einer der politisch motivierten Besetzer die Polizei anrief, um die Besetzung quasi aktenkundig zu machen. Andere glauben, dass ein CDU-Abgeordneter auf seinem Heimweg Licht in dem Gebäude gesehen hatte. Wie dem auch gewesen sein mag: die Besetzung hatte Erfolg. „Und dann war aber jeder morgens wieder raus, weil… die haben dann einfach nur die Personalien kontrolliert. Und dann wusste man ja nicht, wohin jetzt und dann ist man da wieder hingegangen. Und dann war’s das Jugendzentrum.“
Wie unbedarft die Polizei dem Phänomen Hausbesetzung damals noch gegenüberstand, zeigt sich auch an dem Nachspiel, von dem Klaus Freudigmann berichtet: „Es stellte sich heraus, dass die Hausbesitzer oder der Hausbesitzer gar keine Anzeige gestellt hatten, und – die Räumung war widerrechtlich. Und einige Zeit später, ich kann das nicht mehr genau datieren, kam jemand von der Polizeiführung und musste sich entschuldigen.“ – Notfall-Hämmerchen von der Polizei Man begann, das stark beschädigte Haus zu renovieren. Die Polizei steuerte als „Wiedergutmachung“ ein paar Kartons eingetrockneter Farben und Notfall-Hämmerchen aus Bussen als „Werkzeugspende“ bei. Nun hatte man einen Ort zum Treffen, zum Diskutieren, zum Arbeiten. Aber, so „Ringo“ Gerd Gottsleben:
„Es hat sich gezeigt, dass das größere Problem der meisten Jugendlichen, die ins Jugendzentrum kamen, weniger die Freizeitgestaltung war, sondern dass ganz viele halt was zum Wohnen haben wollten. Wo sie auch repressionsfrei wohnen konnten.“
Da stand dieser Riesenkomplex und man wusste, es ist voll geheizt. Das hat natürlich Begehrlichkeiten geweckt. Klaus Freudigmann Immer mehr Jugendliche blieben auch über Nacht im Jugendzentrum, was dazu führte, dass die „normale“ Arbeit bald stark eingeschränkt war. Von der Mariannenstraße, in der das Jugendzentrum lag, sahen die Jugendzentrumsbesucher direkt auf das 1847 erbaute Bethanien-Krankenhaus, das seit 1970 leer stand, nahe an der Mauer, sozusagen: am Ende der Welt.
„Die Räume waren leer und das Haus wurde beheizt. Wir waren unter den geschilderten schlechten Bedingungen im Jugendzentrum, wo es kalt war. Wir haben zwar auch viel renoviert, aber gerade im Winter war es da nicht angenehm. Und da stand dieser Riesenkomplex und man wusste, es ist voll geheizt … das hat natürlich Begehrlichkeiten geweckt“, sagt Klaus Freudigmann.
Die Gruppe, die zuvor schon die Besetzung des Jugendzentrums geplant hatte, machte sich nun an die nächste Besetzung. Das ganze Bethanien-Krankenhaus war zu groß, aber das Martha-Maria-Haus, ein ehemaliges Schwesternwohnheim, schien ideal: kleine Zimmer zum Wohnen, große Räume für Versammlungen, Essen und andere gemeinsame Aktivitäten. Als Stichtag für die Besetzung wurde kurzfristig der 8. Dezember 1971 gewählt – aus zwei sehr pragmatischen Gründen, wie Ringo erläutert: „Das eine war, dass wir von Leuten vom Bezirksamt gehört haben, dass Erwin Beck von der linken SPD, der Jugendstadtrat in Kreuzberg war, in der nächsten Woche in Urlaub gehen würde. Und man hat erwartet, dass mit Erwin Beck unsere Möglichkeiten, das Haus zu halten, höher sind. Und dass, wenn der nicht da ist, wir das besser gar nicht besetzen. Das andere war, dass am 8. Dezember das Konzert von Ton Steine Scherben im Audimax der TU stattfinden sollte.“
Am Abend des 8. Dezember 1971 wurde nach dem Ton- Steine-Scherben-Konzert der Aufruf zur Besetzung verlesen. Ein Teil der Kreuzberger Jugendlichen war bereits am Bethanien, um die Besetzung vorzubereiten. Als die Unterstützer vom Konzert kamen, ging ein Teil der Gruppe in das Haus und verbarrikadierte sich, in der Nacht tauchte dann wie erhofft Jugendstadtrat Erwin Beck auf. „Erwin Beck war zu der Zeit nicht mehr der Jüngste, ich fand es immer sehr mutig, dass er darauf eingegangen ist, auch für ihn eine unbestimmte Situation: Wer ist da drin? Was sind das für Leute? Sind die aggressiv? Wir haben ihn zum Fenster reingehievt, und dann ist im brechend vollen späteren Kinoraum mit Erwin Beck verhandelt worden. Er ist aus seiner Sicht in die Höhle des Löwen gegangen.“
Beck habe sich persönlich in einem großen Konflikt befunden, sagt Museumsleiter Martin Düspohl: „Sie müssen überlegen, Beck stammt aus dem Jugendwiderstand gegen die Nazis – der hat ganz andere Sachen erlebt als jetzt die Rauch-Haus-Besetzung.“
Lehrlinge wurden zu Sozialarbeitern
Die Verhandlungen dieser Nacht und auch die darauffolgenden verliefen erfolgreich. Erwin Beck verwendete sich für das Experiment, das er in einem Fernsehinterview 1972 folgendermaßen beschrieb: „Für uns war eines eine neue Sache – und das hat auch unsere Senatsverwaltung als sehr günstig angesehen und von einer Arbeit neuer Qualität gesprochen – nämlich, dass hier Lehrlinge und junge Sozialarbeiter sich um diese am Rande der Gesellschaft lebende Schicht von Trebegängern kümmern wollen.“ Trebegänger waren ausgerissene Heimzöglinge oder aus dem Elternhaus abgehauene Kinder und Jugendliche. Unter ihnen verbreitete sich die Nachricht von der Besetzung wie ein Lauffeuer. So kam es, dass die Lehrlinge im Rauch-Haus plötzlich auch Sozialarbeit leisteten. Da sie vom Senat, der anfangs noch Gelder zur Verfügung stellte, finanziell unabhängig sein wollten, gingen sie arbeiten und hielten die Trebegänger zum Schulbesuch an. Alle mussten in eine Gemeinschaftskasse einzahlen. Wer sich nicht um Arbeit kümmerte oder nicht zur Schule ging, für den konnte es auf dem nächsten Plenum unangenehm werden. Eine Hymne fürs Rauch-Haus.
Auch Ton Steine Scherben blieben nicht untätig. Rio Reiser schrieb den Rauch-Haus-Song. 1993 sprach er dem Ghostwriter seiner Autobiografie Folgendes ins Mikrofon:
„Rauch-Haus-Song war auch ein Auftragssong eigentlich, aber nicht, würde man nicht sagen, da müsste man eigentlich fragen: Wer hat denn da den Auftrag gegeben vom Rauch Haus? Sondern, das stand so da und hatte irgendwas damit zu tun, dass es ein großes Rauch-Haus-Teach-In geben sollte, mit der Bedrohung, dass also wieder da geräumt werden sollte… also, da war der für das Teach-In geschrieben. Also, wir wollten auch, wurde so angedacht, man müsste auch mal so´ ne Hymne machen fürs Rauch-Haus. Also und auch das dadurch stärken…“ Hier endet die Aufnahme. Mit der Hymne sorgte Rio Reiser dafür, dass das Rauch-Haus bundesweit zu einem festen Begriff unter Jugendlichen wurde.
Doch die Leute im Rauch-Haus die riefen: ’Ihr kriegt uns hier nicht raus Das ist unser Haus! Schmeißt doch erst mal Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus!’
Unter dem Generalverdacht, Verbindungen zur RAF zu haben, stehen zu dieser Zeit alle irgendwie als „linksorientiert“ eingestuften Projekte. Im April 1972 findet im Rauch-Haus eine Razzia statt, an der laut Selbstauskunft 600 Polizisten teilnehmen. Das Ergebnis war spärlich, reichte aber für die Verhaftung des Trebegängers John Banse, der 14 Tage später wieder freigelassen wurde. Und es reichte auch für eine Schlagzeile in der Bild-Zeitung:
„Großrazzia. Kripo entdeckte Bombenwerkstatt. Gruppenschlafzimmer, Protestlieder, stinkende Küche und eine Katze.“ Das wurde wiederum von Ton Steine Scherben aufgenommen:
Und vier Monate später stand in Springers heißem Blatt, das Georg-von-Rauch-Haus hat eine Bombenwerkstatt. Und die deutlichen Beweise sind zehn leere Flaschen Wein und zehn leere Flaschen können schnell zehn Mollis sein. „Also Bomben oder so was wurden darin nicht gebaut, das war nicht, das wollte auch keiner. Also das wär’ nicht gegangen“, sagte Rio Reiser später.
„Ich glaube, die RAF hätte da keine großen Stiche gemacht, dazu hätten sie zu hochgestochen gesprochen, aber Bommi [Baumann] zum Beispiel, der hatte eine Berliner Schnauze und der hat nicht lang was von Lenin und Marx erzählt. Und wenn, dann hat er dabei höchstens noch irgendwie gegrinst, ja? Und hat eben auch einen Joint geraucht. Gut, und sie wussten, dass da gekifft wird.“ Wie radikal wollte man sein? Ausgerechnet die Aufnahme des Liedes, dass das Rauch-Haus zum „rolemodel“ aller Besetzungsvorhaben werden ließ, führte zu einem ersten Bruch zwischen Ton Steine Scherben und den Bewohnern des ehemaligen Schwesternheims. Der Grund: Auf Anregung von Ringo forderten die Besetzer eine Veränderung im Text. Klaus Freudigmann erinnert sich: „Die Formulierung war, dass der Mensch Meier den Bullen ‚auf die Fingerlein‘ haut. Und du hattest vertreten: die Köppe einhaut“, entsinne ich mich, weil, damit musste ich mich ja ständig auseinandersetzen. Und bis heute steht im Text „Fingerlein“. Also, das war Ralph zu drastisch, dass Mensch Meier, wenn das Rauch-Haus geräumt wird, den Bullen die Köppe einhaut.“
Schmidt und Press und Mosch sind heute längst vergessen – der Rauch-Haus-Song ist dagegen fast zu einer Art modernem Volkslied geworden, ein Protest-Klassiker, der zu vielen Gelegenheiten gesungen oder gespielt wird. Man könnte auch sagen: Das Lied ist zu einem Stimmungsmacher für ein diffus empfundenes Protest-Gefühl geworden, es ist entkontextualisiert worden.
Wieder geht es gegen die Macht der Banken
Die Hausbesetzer der ersten Stunde, Klaus Freudigmann und Gerhard „Ringo“ Gottsleben, verließen beide Mitte der 70er-Jahre das Rauch-Haus – beide hatten eine Frau kennengelernt, mit der sie zusammenziehen wollten. Ringo hatte während seiner Zeit im Rauch-Haus eine Lehre als Werkzeugmacher absolviert. Gegen Ende der 70er-Jahre ging er nach Nicaragua. Das Land war nach dem Sturz des Diktators Somoza und der sandinistischen Revolution zu einem Hoffnungsträger für die linke Bewegung geworden. 30 Jahre später lebt Ringo heute wieder in Kreuzberg. Klaus Freudigmann demonstriert seit sieben Jahren jeden Montag gegen die Auswirkungen der Agenda 2010. Beide sehen in Stadtteilen wie Kreuzberg die Gefahr der Verdrängung der einkommensschwachen Bewohner durch Gentrifizierung. Und beide sehen in den heutigen Protesten gegen Hartz IV und die Macht der Banken eine notwendige Fortsetzung dessen, was sie 1971 begonnen haben. Auf jeden Fall empfinden sie ihre Zeit im Rauch-Haus nicht als verlorene Zeit, auch wenn sie die Ziele, die sie damals im Kopf hatten, nicht erreicht haben:
„Gesellschaftlich können wir sagen, ja, also, das war nicht ganz umsonst, aber das, was wir letztlich erreichen wollten, haben wir bei Weitem nicht erreicht“, sagt Ringo. Im Gegenteil, die Widersprüche, die Lebensfeindlichkeit dieser Gesellschaft, die haben sich noch sehr verschärft!“
Es war die wichtigste Zeit in meinem Leben. Klaus Freudigmann, Ex-Hausbesetzer
Klaus Freudigmann meint, dass das Rauch-Haus vielen, die dort gelebt haben, eine neue Perspektive eröffnet habe. „Und ich sage von mir selbst: Es war mit die wichtigste Zeit in meinem Leben. Nämlich zu begreifen, man kann sein Leben selbst organisieren, man kann das auch demokratisch untereinander organisieren, trotz aller Widersprüche, da gab’s natürlich auch oft Schwierigkeiten, es gab harte Auseinandersetzungen, aber dass die lösbar sind. Und das ist so eine kleine Spur von: es ist eine andere Gesellschaft möglich.“
Der deutsche Kaiser Wilhelm II. verkündete am 1. August 1914 vom Balkon des Berliner Schlosses den Krieg. Tausende seiner Untertanen waren gekommen und die wollte er davon überzeugen, dass der »ausgebrochene« Krieg ein Verteidigungskrieg sei, denn er sei »das Ergebnis eines seit langen Jahren tätigen Übelwollens gegen Macht und Gedeihen des Deutschen Reiches«. Alle sollten nun in Reih und Glied hinter ihm stehen. Laut verkündete er der aufgeputschten Menge: »In dem bevorstehenden Kampfe kenne Ich in Meinem Volke keine Parteien mehr. Es gibt unter uns nur noch Deutsche.« Die versammelte Menge antwortete ihm mit dem Lied »Nun danket alle Gott« – vielleicht wurde aber auch die preußische Volkshymne »Heil dir im Siegerkranz« angestimmt. Darüber sind sich die Quellen genauso wenig einig, wie über die Gründe des losgetretenen Krieges, denn »ausgebrochen« ist er nicht von selbst. Jedenfalls ging die Kriegsbegeisterung als „August-Erlebnis“ in die Geschichtsbücher ein.
Nahezu alle sozialistischen Parteien in den kriegführenden Ländern bekannten sich nun zur »Verteidigung des Vaterlandes« und damit des bürgerlich-kapitalistischen Staates, dessen Sturz sie bis dahin angestrebt hatten. Sie stimmten damit ein in die Euphorie der Massen, die – so wird es heute oft erklärt – den Krieg als reinigendes Gewitter nach Jahren einer gewissen Übersättigung und Dekadenz begrüßten. Im Berliner Dom mobilisierte der Oberhofprediger und enge Kaiser-Vertraute Ernst von Dryander das Kirchenvolk: „Wir ziehen in den Kampf für unsere Kultur – gegen die Unkultur! Für die deutsche Gesittung – gegen die Barbarei! […] Und Gott wird mit unseren gerechten Waffen sein!“ Tatsächlich meldeten sich viele gläubige Christen und Pfarrer freiwillig. „Gott mit uns“, stand auf den Koppelschlössern der deutschen Soldaten.
In der freudigen Erwartung, wie es ihnen auch Kaiser Wilhelm II versprochen hatte, spätestens Weihnachten 1914 siegreich wieder zu Hause zu sein, zogen die Soldaten ins Feld. Viele Frauen schickten nicht nur ihre Liebsten in den Krieg, sondern waren auch selbst an der »Heimatfront« aktiv. So unterstützten sie das Morden der Männer.
Die Hoffnung auf einen schnellen Sieg wurde nicht erfüllt. Auch aus der Familien-Weihnachtsfeier wurde nichts. Die Soldaten auf der deutschen Seite der über 600 km langen Kampffront bekamen einen Weihnachtsgruß vom Kaiser; soweit sie noch lebten. Rund 750.000 Männerleben hatte der Krieg bis dahin bereits gekostet. Ungezählte Verwundete lagen in den Lazaretten.
In die Quartiere, Unterstände und Schützengräben bekamen die Überlebenden mit Kerzen geschmückte Tannenbäumchen gestellt. Die Soldaten waren ausgehungert, kraftlos, hungerten, froren, hatten keine warme Winterkleidung. Sie träumten oder erzählten sich gegenseitig von der heil(ig)en Familie, von Weihnachtsglocken und dem knusprigen Gänsebraten mit dunkler Soße, von Rotkohl und dampfenden Klößen und Birnenkompott zum Nachtisch. Weihnachtsstimmung wollte nicht aufkommen. Oder doch?
Zahlreiche aus Tagebucheintragungen, Zeitzeugenberichten und Feldpostbriefen zusammengetragene Berichte erzählen vom »Weihnachtsfrieden 1914«, einem kleinen Frieden im großen Krieg: Weihnachtsfeiern, die niemand angeordnet hatte, initiiert von den einfachen Soldaten in den Schützengräben. Wie für jeden Kriegsmythos gibt es auch für diesen verschiedene Erzählungen, die oft wie Weihnachtsmärchen klingen. Ähnlich sind sie sich darin, dass die Soldaten auf beiden Seiten der Front von den Kämpfen des ersten Kriegshalbjahres und vom einbrechenden Winter erschöpft waren. Offensichtlich ermächtigten sie sich selbst und stellten das Kämpfen ein. Während der Feuerpausen sangen sie christliche Weihnachtslieder, entzündeten die gelieferten Weihnachtsbäume und nahmen Kontakt zu den gegenüberliegenden Soldaten auf. An manchen Orten stiegen sie aus den Schützengräben ins Niemandsland. Dort reichten sie ihren Feinden die Hände, sangen gemeinsam, tauschten Zigaretten und kleine Geschenke, manche auch Adressen aus. Auch die Leichen der gefallenen Kameraden wurden bestattet. An einer Stelle sollen die Kriegsgegner Fußball gespielt haben, dass die deutschen Soldaten mit einem 3:1-Sieg gewonnen haben.
Die Generäle schickten die Soldaten mit Strafandrohungen nach dem kurzen Intermezzo in die Gräben zurück, wo diese auch blieben und an allen Fronten weiter töteten, weil sie immer noch überzeugt waren, dass sie den Feind siegreich schlagen würden. Das „Weihnachtsereignis“ wurde erst einmal totgeschwiegen; auch von den Medien. Erst viel später kamen die Berichte vom »Weihnachtsfrieden«, der leider keinen Frieden brachte.
Auf den weiteren Verlauf des Ersten Weltkriegs hatte das Ereignis keinen Einfluss genommen. Die Soldaten stellten keine Forderungen nach weiterer Verbrüderung oder gar nach einem Ende des sinnlosen Krieges. Das Morden ging weiter, auch über die Weihnachtstage von 1915, 1916, 1917 und teilweise über das Fest von 1918 hinaus.
Es war der erste totale Krieg in der Geschichte. Artilleriegeschütze und Sprenggranaten waren effektiver als in den Kriegen vorher; so konnten »feindliche« Soldaten auf große Entfernungen getroffen werden. Noch verheerender wirkte das erstmals eingesetzte Giftgas sowie Fliegerangriffe und der U-Boot-Krieg. Katholische wie evangelische Christen rechtfertigten – von einigen Ausnahmen abgesehen – die nationalen Kriegsziele bis zum Ende. Pfarrer segneten weiter die Waffen und predigten auch Weihnachten von den Kanzeln und bei den Militärgottesdiensten den „heiligen Krieg“.
Frauen und Mütter schickten zum Weihnachtsfest weiter Liebesgaben-Pakete an die Front, um die Soldaten zum Durchhalten zu ermuntern. Der preußische Schulminister richtete einen Erlass an die Schulen, nach dem in den Handarbeitsstunden ausschließlich Liebesgaben für Soldaten an der Front zu fertigen sind. Dazu zählten insbesondere Wollstrümpfe, gestrickte Leibbinden und Unterziehjacken. Das „unabhängige“ Deutsche Rote Kreuz übernahm – ebenso wie die Vaterländischen Frauenvereine – die Weiterleitung der Gaben an die Soldaten.
Schon die jungen Buben und Mädchen sollten in Familie und Schule darüber aufgeklärt werden, dass ihr Vater im Krieg war und Weihnachten nicht zu Hause sein konnte, weil er das »Vaterland« und die Familie gegen die ausländischen Aggressoren verteidigen musste und daher Lob verdiente. Dazu dienten Bücher, Lieder, Kriegsspielzeug, Zinnsoldaten und andere Spiele. Hauptziel der Bücher und des Spielzeugs war es, den Kindern einen »gerechten Krieg« zu vermitteln und sie für den Krieg zu begeistern. Durch die verschiedensten Propagandamethoden sollte ihnen beigebracht werden, was sie im späteren Leben erwartet: Als tapfere Soldaten in des Kaisers Heer zu dienen und pflichtbewusst für das Vaterland in den Krieg zu ziehen oder als brave dienende Mädchen, Familie und »Heimatfront« am Laufen zu halten, ohne auch nur ein einziges Mal das Töten zu hinterfragen.
Nach Ende des Ersten Weltkrieges waren zwei Millionen Menschen tot und 4,2 Millionen (zum Teil stark) verwundet. Rund 2,7 Millionen Männer überlebten den Krieg mit einer physischen oder psychischen Behinderung. Auch die Anzahl der Toten in der Zivilbevölkerung war beachtlich. In Deutschland lebten nun 2,7 Millionen mehr Frauen als Männer. Große Teile der Bevölkerung litten an Unterernährung, viele starben daran. In (fast) allen deutschen Städten und Gemeinden erinnerten bald Denkmäler mit langen Namensreihen an die im Krieg zu Tode gekommenen »Kameraden«. Und »Kriegerwitwen« wurden als »trauernde Frauen« verehrt. Viele Kinder hatten den Vater nie gesehen. Aus den Kindern des Ersten Weltkrieges wurden nur zwei Jahrzehnte später die Soldaten und Kriegsmütter des Zweiten Weltkrieges.
Gisela Notz lebt und arbeitet in Berlin. Zu Weihnachten erscheint jedes Jahr ihr Wandkalender Wegbereiterinnen, mit 12 zu Unrecht vergessenen Frauen aus der Geschichte. 2022 erscheint er im 20. Jahr, www.gisela-notz.de.