Werner Orlowsky

Heute, am 8. April, wäre mein Vater Werner Orlowsky 93 Jahre alt geworden.

Das hat er leider nicht geschafft.

Er ist am 16. Februar 2016 nach langer Krankheit in der Datsche seiner 2. Gattin verstorben.

Ich befand mich zu dieser Zeit im Urlaub auf Gomera und hatte dort Zeit, mir über Trauerfeier und Beerdigung Gedanken zu machen, Tränen fließen zu lassen.

Die „Abschiedsfeier“ in der Kirche am Marheineckeplatz war würdig, gut besucht, nach der Urnenbeisetzung mit sehr sehr vielen Menschen aus Politik, Bezirksamt, Inis, Vereinen und Privatleben ging’s zum „Fell versaufen“ nochmal in das Seitenschiff des Kirchenhauses. Bei Blechkuchen, Kaffee und so einigen Schnäppeken wurde viel gelacht, erinnert, kennengelernt,  wiedererkannt. Das hat Spaß gemacht, manche Kontakte sind mir geblieben.

Im Februar diesen Jahres war ich wieder auf Gomera (jaja, trotz Pandemie!) und habe die Orte meiner ersten Trauerphase besucht.

Dabei kamen sie: die Filme über die gemeinsamen Erlebnisse in unser beider Leben – Bilder durch das innere Kino laufen zu lassen ergab sich dabei wie von selbst. An Fantasie hat es in unserer Familie noch nie gemangelt.

Dass bei einem Familienleben, in dem beide Elternteile noch als Jugendliche die Nazizeit und den 2. Weltkrieg miterlebt haben (Werner war Flakhelfer im Humboldtbunker), nicht immer nur positive Erinnerungen haften bleiben, das kann jede*r aus unserer – der 1980er-Generation – sicherlich nachvollziehen und abnicken.

Erinnerungen an Erzählungen über die Großeltern, die im deutschen Faschismus nicht nur „normale Bürger“ sondern Täter*innen, Mittäter*innen oder Mitläufer*innen – in den selteneren Fällen Opfer  oder Widerstandskämpfer*innen – waren, tauchen auf, verdichten sich, wenn ein nahes Familienmitglied aus dieser Generation gestorben ist.

Zum Glück hat meine mit knapp 92 noch quicklebendige Mutter vieles ausgegraben, Wunden eröffnet, die natürlich nie verheilen können. Für die auch sie belastende Recherchearbeit bin ich ihr bis heute sehr dankbar.

Meinen Opa väterlicherseits, der von Zeug*innen schwer „belastet“ und bis zu seinem frühen Tod inhaftiert wurde, habe ich nie kennengelernt.

Es sind aber nicht nur diese „anstrengenden“, zur Verantwortungsübernahme aufrufenden „Nie wieder Faschismus!“ Narrative, die mich in den letzten Jahren – mal im Traum, mal „einfach so“ – quasi anfallen, wenn ich ein Erinnerungsstück von Werner – die geliebten LPs von Ella Fitzgerald und Louis Armstrong oder alte Familienfotos  – in den Händen halte.

Ab und an an seinem Grab auf dem Friedhof in der Bergmannstraße stehe und stille Gespräche mit meinem widersprüchlichen Vater führe, dessen lebensbejahendes Lachen ich aus der Urne aufsteigen höre.

Es gibt da eben sehr viele lustige Momente aus Kindheit, Jugendzeit, bei gemeinsamen Reisen und Ausflügen, Schabernack (konnte er ganz gut und mit Verve) und kleine „Gesetzesübertretungen“ im Alltag (die mittlerweile verjährt sind…), die mich noch jetzt zum Schmunzeln bringen, über die ich mit meiner Schwester plaudere: das ist für mich die Phase nach der Trauer, wenn wir loslassen können.

Werner war in seinem Job als Baustadtrat von (damals „nur“) Kreuzberg in den Jahren 1981-89 zeitlich sehr eingespannt, er musste sich vieler Feind*innen erwehren. Wir waren uns politisch oft uneins. Als damalige Hausbesetzerin habe ich mich dennoch öfters ins sein Büro gemogelt, um ihn mal wieder zu sehen und war dort gerne willkommen. Auch dank seiner bezaubernden „Vorzimmerdame“, wie er sie nannte.

Ich erinnere mich z. B. an eine heftige verbale Auseinandersetzung mit einem LKA-Beamten, der als Personenschutz abgestellt war, nachdem mein Vater nachts von einem Nazi körperlich angegriffen wurde. Werners Sekretärin hat dann „Ansage gemacht“.

Zu den lustigen Begebenheiten zwischen Werner und mir gibt es – jenseits seines zeitraubenden nervigen bürokratischen Alltags, den mein Vater wirklich gehasst hat – eine ungewöhnliche Story, die mir lebhaft in Erinnerung geblieben ist:

Empfang bei „den Amis“

Alljährlich wurden Kreuzberger Bezirksstadträte und Bürgermeister in der Vorweihnachtszeit von ranghohen Alliierten empfangen. So auch im Jahr 1982.

Doch das ist eine andere Geschichte, die erzählen wir später.

Claudia O.

Die Fotos in der Diaschau wurden von der Autorin zur Verfügung gestellt.

Das Titelfoto stammt von © Manfred Kraft  |  Polizeikessel anläßlich des Reaganbesuchs in Berlin am Nollendorfplatz am 11.6.82

Geburtstagskind des Tages – Dietmar

Dietmar ist Bewohner des Hausprojekts erster Stunde. Er hat im Sommer 1981 Heimat, Familie, ein zu Hause und vor allem Vertrauen und Zugehörigkeit hier gefunden und er ist gekommen, um zu bleiben. Er berichtet, er kann sich als einer von wenigen noch genau an den Tag seines „Einzugs“ ins Projekt erinnern. Er war einen Tag vorher aus dem Knast entlassen worden. Damals wie heute geht er offen damit um, damals wie heute, hat genau damit keine*r ein Problem.
Junge Mütter im Projekt vertrauten ihm ohne zu zögern ihre Kinder an und diese Kinder wiederum wurden zu seiner Familie. Durften „politisch unkorrekte“ Burger, Coca-Cola und Barbie-Puppen von ihm bekommen und als in den 00er-Jahren Halloween nach Deutschland kam, war längst die übernächste Generation an seiner Tür angekommen, um klebrige Totenköpfe einzusacken. Für viele von ihnen ist er Onkel Dietmar und für alle Großen und Kleinen ist er Teil einer großen Gemeinschaft, in der jede*r willkommen ist.

  1. Seit wann bist bzw. von wann bis wann warst Du hier und in welchem Bereich?
    Seit Sommer 1981. Genauer gesagt, seit 5. Juli 1981 wohne ich im Hinterhaus, also im Wohnhaus der Regenbogenfabrik.
  2. Welches ist Dein Lieblingsort auf der Fabrik?
    Meinen Lieblingsort gibt es so nicht mehr. Es war immer das Café. Der große runde Tisch am Fenster.
  3. Mit einem Wort: Was ist die Fabrik für Dich?
    Heimat
  4. Lieblingsessen in der Kantine?
    Alles mit Fleisch.
  5. Was wünschst Du der Fabrik zum Geburtstag?
    Na ja, wie soll ich das sagen. Ich wünsche mir und der Fabrik, dass das Café wieder aufmacht.

Geburtstagskind des Tages – Janin

Janin ist langjähriges Mitglied der Kantinen-Crew und dort als Zweiergespann mit Havva ein wichtiger Pfeiler des Inklusions-Konzepts der Regenbogenfabrik.

  1. Seit wann bist bzw. von wann bis wann warst Du hier und in welchem
    Bereich?

Ich arbeite seit dem 01.08.2012 und immer noch in der Regenbogenfabrik
und zwar in der Kantine.

  1. Welches ist dein Lieblingsort auf der Fabrik?

Wenn ich von der Arbeit wegkomme… dann hole ich gern Luft im Hof vor
der Kantine bzw. dem Seminarraum, am liebsten in einem Sonnenfleckchen.
Wenn das Wetter besonders schön und die Stimmung gut ist, sitze ich auch
mal auf einer der Schaukeln.

  1. Mit einem Wort: Was ist die Fabrik für dich?

Kollektivistischekooperativesolidarischeökonomiemitnettenleuten

  1. Lieblingsessen in der Kantine?

Schwer… Schawarma? Enchiladas? Spinatlasagne? Ofengemüse?

  1. Was wünschst du der Fabrik zum Geburtstag?

Der Fabrik zum 40. Geburtstag wünsche ich ganz viel Liebe (rot),
Fröhlichkeit (orange), Lebenskraft (gelb), Hoffnung (grün), Klarheit
(blau), Intuition (indigo) und immer viele Regenbogenfrauen (violett).
Und dass sie sich weiter wacker hält. Hoch soll sie leben!

Geburtstagskind des Tages – Thibault

Thibault Goin, Bewohner des Wohnhauses „Hinterm Regenbogen“ seit erst ein paar Monaten, hat heute Geburtstag. Er ist der Erste, der sich auf unseren Geburtstagskinderfragebogen eingelassen hat.

Thibault schreibt: Es ist ein bisschen komisch auch, weil ich kenne nur das Haus …

  1. Seit wann bist bzw. von wann bis wann warst Du hier und in welchem Bereich?
    Seit November, bisher nur im Haus. Mal gucken, wenn der Corona-Wahnsinn sich beruhigt, gebe ich gerne ein Hand hier und da (Ich fühle mich gut hinter ein Bar, bauen mache ich auch gerne!)
  2. Welches ist Dein Lieblingsort auf der Fabrik?
    Mein Lieblingsort auf der Fabrik ist wahrscheinlich die Sauna, aber darüber bin ich nicht sicher. Im Kino gehe ich (bald) auch gerne.
  3. Mit einem Wort: Was ist die Fabrik für Dich?
    Spielplatz (es gibt so viele schöne Sachen hier zu tun!)
  4. Lieblingsessen in der Kantine?
    Ich weiß nur, dass die Lauchnudeln schmecken.
  5. Was wünschst Du der Fabrik zum Geburtstag?
    Ein altes Projekt werden, das seinen alten Charme behält und niemals den „good spirit“ vom Anfang aufgibt!

Thibault ist Teil eines Social Circus Projekts, genannt La mule cirque.