1981 | Brandanschlag auf die Regenbogenfabrik

Am 19. September hatte es in der Fabrik noch eine spannende Veranstaltung gegeben: Gewerkschafter aus Westberlin und Westdeutschland trafen sich zu diesen Themen: Betriebsarbeit – Arbeit im Kollektiv, Probleme der Arbeit ob überhaupt und wenn ja wie, Probleme der Gewerkschaftsarbeit (z B Neue Heimat), Anti-AKW Arbeit in den Gewerkschaften. Angezettelt hatten es Leute aus der Regenbogenfabrik, aus der Kottbusserstraße 8 und dem Kerngehäuse in der Cuvrystraße.

Alle waren längst schlafen gegangen, da kam der Alarm. Einer rannte durchs Haus und weckte alle Bewohner:innen. Es war Herbst, schon kalt in der Nacht. Notdürftig zogen sich alle an, packten die Kinder und raus auf den Hof. Jenny, die Jüngste, war ja grad knapp drei Monate.

Die Flammen waren auch auf der Rückseite der Fabrik zu sehen. Und wie lange brauchte verdammt noch mal die Feuerwehr! Und als sie kam, empfanden wir sie erschreckend untätig: „das sind ja nur alte Lagergebäude …“

In dieser Nacht ist keineR mehr schlafen gegangen. In den folgenden Tagen war erst mal Bestandsaufnahme zu machen.

Der Schaden war erheblich, die Gutachter:innen sprachen von 80.000,- DM. Verletzt wurde zum Glück niemand, verwüstet wurde vor allem der Veranstaltungsraum. In Hamburg ging ein „Bekenneranruf“ einer rechtsradikalen Gruppe ein. (Südost Express Extra, September 1983)

erste Sichtung und Wetterfestmachung

Fotos: Kostas Kouvelis

Der Südost Express hat natürlich darüber ausführlich berichtet:

Südost Express 10/1981

Dieses ist der traurige und auch abstoßende Teil der Geschichte. Doch es gibt auch einen aufbauenden Teil, nämlich die Freude darüber wie viel Solidarität in der Nachbarschaft erfahren durften: so spendeten die Menschen in der Ölberg-Gemeinde großzügig während eines Gottesdienstes. 1.000 DM brachten die Unterstützung für die nun neu einsetzende Aufbauarbeit.

Also ging es bald schon nach dem Aufräumen an die ersten Instandsetzungsarbeiten. Erste Etappe in einer bis heute andauernden Baugeschichte, die auch noch erzählt werden muss.

Titelfoto: Peter Grosch

Bericht aus Kreuzberg in den 80er Jahren

Liebe Christine,

Du hattest mir vor ein paar Wochen geschrieben, dass du bei der Festschrift für die Regenbogenfabrik sitzt und Zeitzeugen sich doch sicher an die Anfänge erinnern können, um eine lebendige Dokumentation hinzubekommen.

Es gab sogar noch ein Bild mit mir von einem Fest.

Wie soll ich es beschreiben … ich weiß leider keine Details mehr, nur dass es eine bewegte und nicht sehr einfache Zeit gewesen ist. Die Auseinandersetzungen mit der Bullerei, die Aggression, die Einkesselungen waren an der Tagesordnung. Es ging gegen Castor-Transporte, die Aufrüstung im kalten Krieg, die vielen Projekte, die entstanden.

Wir waren viel auf der Straße, es ging um Hausbesetzungen und gegen den Mietwucher…

Damals wie heute.

In der UFA Fabrik fand der TuWat Kongress statt und es herrschte ein babylonisches Ideenchaos.

Durch die Arbeitsgruppe mit Klaus Duntze, „Strategien für Kreuzberg“, die Zusammenkünfte mit dem Stadtrat Orlowsky, wurde ich erst an das Problem der Stadtpolitik herangeführt und lernte Kreuzberg kennen. Dies war aber schon vor 1981.

Mein Liebster, den ich 1981 kennen lernte, wohnte in der Reichenberger Straße, so war ich oft vor Ort, oft auch in der Regenbogenfabrik und Umgebung. Aber ich kann Dir keine konkreten Ereignisse mehr nennen. Ich muss mal suchen, ob ich vielleicht noch ein Exemplar vom „Extradruck“ habe.

Ich wohnte in Schöneberg (immer noch) und wir hatten mit riesiger Anstrengung Stadt und Land ein Wohnhaus weggeschnappt und dort mit einer GBR glaube ich, mit Selbsthilfemitteln das Haus instandgesetzt und es damit vor der Entkernung“ und der Luxusmodernisierung gerettet.

Leider hat sich unsere Gruppe, wir waren 16 Menschen, in Machtkämpfen zerlegt. Es ist ein Modell, was ich weiterhin für wichtig und richtig halte, nur die entsprechenden „erwachsenen “ Menschen mit guter Toleranzschwelle, müssen mitmachen.

Seit Ende der 80er Jahre wohnen wir in Schöneberg. Der Kiez ändert sich rasant. Ihr in Kreuzberg könnt davon ein Lied singen.

Unser Mietshaus hat den sechsten Hausbesitzer, jetzt Akelius, die die Teilungsgenehmigung sowie die Umwandlungsgenehmigung vom Stadtrat der Grünen bekommen haben, sodass unser Verbleib nach 7 Jahren in den Sternen steht.

Es ist wirklich ein Skandal, dass sich in 40 Jahren der Wohnungspolitik kaum etwas geändert hat.

Ich bin heilfroh, dass ich nicht mehr im Wohnungslosenbereich arbeite. Ich würde nur noch abkotzen …

Liebe Christine, ich habe diese Zeilen am 7.April geschrieben, dann in meinen Entwürfen gespeichert, weil ich gestört wurde. Da lagerte der Brief nun in sanfter Ruh – ich wollte Dir aber meine Antwort nicht vorenthalten!

Liebe Grüße und Euch genügend Kraft, allen Widrigkeiten zu trotzen. Weiter so!!

Die Regenbogenfabrik ist zum Nacheifern ein gutes Beispiel.

Herzlichst

M.

IBA vor Ort

1984

IBA vor Ort war eine Ausstellungsreihe in Kreuzberg, in der die Bauausstellung ihre Zwischenergebnisse veröffentlichte. So auch vom 15.9. bis zum 25.11.1984 in der Regenbogenfabrik unter der Überschrift „Behutsame Stadterneuerung in SO 36 Ergebnisse, Erfahrungen, Initiativen, Projekte südlich des Görlitzer Bahnhofs“.

Das stadtplanerische Konzept der Behutsamen Stadterneuerung ging auf die Initiative des Architekten Hardt-Waltherr Hämer zurück. Es wurde in den Anfängen im Fachbereich Architektur an der Berliner Hochschule der Künste Ende der 1960er Jahre in Opposition zur praktizierten Flächensanierung entworfen. Die Hausbesetzungen hatten großen Anteil daran, dass die Idee der Flächensanierung gestoppt werden konnte. Die Planungen und Aktivitäten zur Internationalen Bauausstellung 1984/87 (IBA) lieferten die fachlichen Argumente für ein neues Stadtsanierungskonzept. 1983 übernahm das Berliner Abgeordnetenhaus diese neue Politik. Es schienen endlich neue, gute Zeiten angebrochen für den Stadtteil.

Ausbau des Saals in der Regenbogenfabrik

Die Ausstellung der IBA brachte die erste Sanierungsanstrengung für die Regenbogenfabrik voran. Der große Saal wurde das erste Mal ausgebaut. An der hinteren Wand sind bereits die Projektionsfenster für das Kino zu sehen. An den Balken sind noch die Stellen zu sehen, die nach der Brandstiftung im September 1981 gebrannt haben.

Infotafel zur Regenbogenfabrik in der Ausstellung der IBA vor Ort
Café-Stand in der Ausstellung IBA vor Ort

Die Ausstellung ist eröffnet. Und zu jeder guten Ausstellung gehört auch ein Ausschank. Auch das war eine Gelegenheit für den Einsatz der Café-Gruppe.

Jocelyn B. Smith in der Regenbogenfabrik

Die Schautafel über die Regenbogenfabrik hat uns dann noch lange begleitet, wie hier auf dem Schnappschuss vom Konzert von Jocelyn B. Smith zu sehen. Wann das wohl war? 1985 vielleicht. Später dann wurde die Tafel im Bau recycelt und auch ein Spielhaus für die Kita entstand daraus. Jedenfalls war das Rosa lange präsent.

Wir sind gut gefahren mit der Unterstützung durch die Bauausstellung, doch soll hier nicht vergessen werden, dass es auch massive Kritik aus dem Kiez an der IBA gab.

Initiativen behutsam angeschissen oder Idealismus der Bewohner ausgenutzt. Nachvollziehbar ist die Kritik. Es waren Erwartungen geweckt worden, die der Berliner Senat trotz der neu propagierten Politik ganz offensichtlich nicht gewillt war, zu erfüllen.

Protestplakat gegen die IBA

Die Bilder sind aus unserem Archiv, die Veröffentlichungen haben wir im FHXB-Archiv gefunden.

chz