Kotti & Co

26. Mai 2012 | Die Mieterinitiative „Kotti & Co“ besetzt nach einem Strassenfest eine Fläche vor dem Sozialbau am Kottbusser Tor. Dort errichtet sie eine Protesthütte („Gecekondu“, ein über Nacht hochgezogenes Haus), um sich gegen Mieterhöhungen und Vertreibung aus ihrem Kiez zu organisieren.

August 201 - Kotti Soli Party in der Regenbogenfabrik
2012 Kotti Soli Party

Auf ihrer Homepage schreiben die Leute von Kotti & Co:
Wir haben uns als Mietergemeinschaft Kotti & Co am Kottbusser Tor zusammen gefunden, um unser Recht auf Stadt vor dem Hintergrund der Geschichte der Migration zu erkämpfen. Wir sind 2011 in einer heterogenen Nachbarschaft in Berlin-Kreuzberg entstanden und wir kämpfen gegen hohe Mieten (u.a. im Sozialen Wohnungsbau) und Rassismus.

Wir haben 2012 mit einem selbstgebauten Holzhaus (Gecekondu) den Platz vor unseren Sozialwohnungen am Kottbusser Tor (Kotti) besetzt und protestieren seitdem u.a. mit Lärmdemos und dem Gecekondu gegen die Verdrängung von Mieter*innen mit kleinem Einkommen aus der Innenstadt und die hohen Mieten der Berliner Sozialwohnungen.

Pressemitteilung vom 26. Mai 2012

Mieter gehen auf die Strasse und bleiben

Am Samstag, 26.5.2012 um 17:00 haben wir unsere Wohnungen am südlichen Kottbusser Tor nach einem Strassenfest der Mieterinitiative „Kotti & Co“ auf die Strasse verlängert. Wir protestieren damit gegen die steigenden Mieten im sozialen Wohnungsbau am Kottbusser Tor. Alle Verantwortlichen aus der Landes-Politik und von den Mietervereinen haben in den vergangenen Monaten zum Ausdruck gebracht, dass sie für den sozialen Wohnungsbau nichts tun wollen oder nichts tun können. Dabei fehlt lediglich der politische Wille, hier Mietobergrenzen einzuführen, um die Mieter, die zum Teil seit Jahrzehnten hier wohnen, zu schützen. Die Problematik ist vielen bekannt.

Wir haben uns jetzt zu einem „Protestcamp“ entschlossen, bis die Landesregierung eine Lösung für den sozialen Wohnungsbau findet. Auf Senatsebene ist bisher nur von Neubau und den kommunalen Wohnungsbaugesellschaften die Rede. Überhaupt nicht wird über die Misere vieler Bestandsmieter gesprochen. Am südlichen Kottbusser Tor sind jedoch über 1000 Wohnungen in privater Hand. Die Eigentümer GSW und Hermes bekommen seit Jahrzehnten Subventionen, inzwischen ohne ihrer Aufgabe, bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen, nachzukommen. Sie reden noch nicht einmal mit uns.

Wir fordern Senator Müller daher auf, umgehend eine Kappungsgrenze (wieder) einzuführen und diese Wohnungen mittelfristig  zu kommunalisieren. (Weitere Informationen, Forderungen und Anregungen auf unserer Webseite)

Wie wir unser Camp verstehen: Ein Zitat aus dem Brief der Mieter an Innensenator Henkel und die Polizeipräsidentin Koppers:

„Viele von uns wohnen hier am Kotti seit Jahrzehnten, unsere Kinder gehen hier zur Schule, unser Familien wohnen in der unmittelbaren Nähe, sowie unsere Freunde und Freundinnen. Wir engagieren uns seit Jahren für ein schönes Kottbusser Tor. Wir sind im Quartiersrat aktiv, sind Elternvertreter an den Schulen oder sind in soziale und kulturelle Projekte im Quartier eingebunden. Wir feiern Feste, helfen in der Nachbarschaft, verschönern mit viel Eigeninitiative unser Wohnumfeld und vieles mehr.

Heute protestieren wir in Form eines ‚Protest-Camps’ am Kottbusser Tor, da wir – nach zahlreichen Versuchen unsere äußerst dramatische Situation Herrn Senator Müller deutlich zu machen – an Grenzen gestoßen sind. Zuletzt am 21.5.12 auf einer Veranstaltung der Friedrich Ebert Stiftung: Dort äußerte sich Herr Müller nochmals deutlich darüber, was er in Bezug auf dem sozialen Wohnungsbau unternehmen möchte: leider nichts. Für uns bedeutet dieses konkret ein alltägliches Drama. Unsere Existenz ist durch die steigenden Mieten so bedroht, dass wir keine Alternative sehen, als stärker auf unsere Lage aufmerksam zu machen. Deshalb machen wir diese Aktion.

Es ist ein friedliches und offenes Camp. Wobei wir gar nicht wissen, ob Camp der richtige Name ist. Eigentlich ist es einfach unser Vorgarten. Ein Teil unseres Zuhauses. Wir gehen einen Schritt vor die Tür. Wir gehen an die Öffentlichkeit. Wir werden uns auf keine konfrontative Situation einlassen. Wir werden aber auch bleiben. Wir wohnen hier. Wir sind sowieso hier. Genau darum geht es bei diesem Protest ja auch.“

https://kottiundco.net/

Bündnis Griechenlandsolidarität Berlin

Für viele ist Griechenland so etwas wie eine zweite Heimat: Sonne und Meer, eine kämpferische Geschichte und immer wieder tolle Leute dort, die in einem der ärmsten Länder Europas die Fahne der Solidarität und Menschlichkeit hochhalten.

Aber wusstet Ihr eigentlich, dass Griechenland auch mitten in Berlin, in Kreuzberg, eine Heimat hat? Ja! In der Regenbogenfabrik! Und das kam so…

Doch bevor Ihr die Geschichte lest, hier ein Hinweis auf unseren aktuellen Griechischen Salon:

Das Bündnis Griechenlandsolidarität Berlin präsentiert den 23. Griechischen Salon – online!

#MeToo in Griechenland

Donnerstag, 27. Mai 2021
um 19:00 Uhr

Online-Veranstaltung (Zoom) in deutscher und griechischer Sprache

Der Live-Mitschnitt ist nun verfügbar:
https://www.youtube.com/watch?v=L2mgVNquO0s

Griechenlandsolidarität

Wer sich für Griechenland interessiert, erinnert sich an das Jahr 2015: Auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise zwangen der IWF, die EU und vor allem Deutschland das Land in eine verheerende Sparpolitik, die für die Bevölkerung Niedriglöhne, Armut und mangelnde Gesundheitsversorgung bedeutete. Gleichzeitig hetzten reaktionäre Medien in Deutschland gegen „die faulen Griechen“. Das war der Gründungszeitpunkt für unser „Bündnis Griechenlandsolidarität Berlin“: Berliner Initiativen und Einzelpersonen schlossen sich zusammen, um mit Info-Arbeit und Aktionen Solidarität mit den Menschen in Griechenland zu zeigen und ihren Widerstand gegen solche Zustände zu unterstützen.

Viel ist seitdem passiert. Heute regiert der Konservatismus in Griechenland, mit autoritärer Polizei und einer unmenschlichen Flüchtlingspolitik – und mitten in der Corona-Pandemie zeigt das Gesundheitswesen deutlich, wie sehr Griechenland in Arm und Reich gespalten ist. Auch jetzt wieder und nach wie vor tragen wir Berliner „GR-Solis“ dazu bei, dass linke Projekte und Bewegungen in Griechenland, die dagegenhalten, auch hier in Deutschland eine Stimme haben.

Eine wunderbare Freundschaft

Doch Stimme haben geht nur gemeinsam, und Stimme geben ebenfalls. Im Mai 2017 sollte unser „Griechischer Salon“ starten: Wir planten eine Veranstaltungsreihe mit Politik und Kultur aus und über Griechenland, mit Debatten, Infos und Terminen aus der Griechenlandsolidarität – und oft auch mit Musik und leckeren Meze. Wo könnte so etwas wohl stattfinden? Wir suchten und fanden als idealen Veranstaltungsort: die REGENBOGENFABRIK!!!
Schon bei der Vorbereitung des ersten Salons wurde schnell klar: Die Regenbogenfabrik ist mehr als ein Veranstaltungsort für uns. Sie ist treue Mitveranstalterin und politische Weggefährtin, sie ist unglaublich fähiges und zuverlässiges „Eventmanagement“ und so was von fairer Geschäftspartnerin. Sie ist eine der wichtigsten Stätten linker Kultur in Berlin.
Und vor allem anderen ist sie ein Ort, an dem wir immer wieder die Herzlichkeit in persona getroffen haben – in Christine, Johanna und Chris und all den Menschen, die sich in der Regenbogenfabrik engagieren.

Kurz und gut: Von Beginn an hatten wir es in der Regenbogenfabrik mit einer wunderbaren Freundschaft zu tun – und die ist geblieben bis heute, wo wir mit dem Thema „Me too in Griechenland“ schon den 23. Griechischen Salon vorbereiten.

…und wir wollen mehr!

Ja, Ihr habt korrekt gelesen: den 23.! In den vier Jahren seit dem Start der Veranstaltungsreihe haben die Regenbogenfabrik und wir schon viele beeindruckende Aktivist*innen und wichtige Themen gemeinsam zu Gast gehabt: Kliniken für Alle und Solidarische Ökonomie, Geflüchtetenhilfe und feministische Bewegung, linke Kunst und Rembetiko, Erinnerung an deutsche Wehrmachts-Verbrechen und Kampf gegen Schuldendiktatur. Schaut Euch unsere Flyer-„Dia-Show“ an!

Liebe Leute von der Regenbogenfabrik: Wir danken Euch für diese Zeit und… freuen uns auf die nächsten 23 Griechischen Salons mit Euch!

Denn wir machen weiter mit hochspannenden News und Diskussionen aus und über Griechenland – derzeit noch online, bis sich die Corona-Pandemie verzogen hat. Aber bald auch wieder bei Euch im Kinosaal oder im Hof. Denn da hat Griechenland mitten in Berlin eine Heimat, und wir „GR-Solis“ auch. Leute, verlasst Euch darauf: Das wird ein Fest!

https://griechenlandsoli.com/

Zuviel Haie, zu wenig Fischstäbchen, aber es tut sich was – von „Karlsson ohne Dach“

An der S-Bahn Treptower Park, sie war auf dem Weg zum Flughafen Schönefeld, kam ich vor Jahren mal mit einer Neuseeländerin ins Gespräch, die entgeistert um sich schaute. Sie war verunsichert von dem gereizten Ton, den laut gebellten Ansagen, den verhärmten Gesichtszügen, dem Mangel an Sanftmut. Sie meinte, Berlin habe etwas Militärisches, man erwarte überall einen Aufzug. Wir nennen das heute Demo, sagte ich. Nee, sie mochte es hier nicht. Ich sympathisierte mit ihr und erklärte ihr was von Preußen, und dass man das alles nur verstehen könnte, wenn man wüsste, dass hier schon der Osten anfinge. Von hier bis zur Beringstraße sei es ja nicht mehr weit.
Wir waren uns in unserer Abneigung schnell einig, denn ich schätzte kaum etwas mehr als ihre sensible, welterfahrene Art, eine Commonwealth-Spezies, die es kaum noch gibt – schon M.K. Gandhi war schwer davon beeindruckt.

Neulich bin ich ihrem Gegenentwurf, einem älteren Punk aus der Provinz begegnet, der davon schwärmte, wie frei und unbekümmert die Leute hier seien, auf breiten Bürgersteigen und engen Radwegen sich eine erstaunliche Vielfalt von Menschen samt Ausweichmanöver entfalteten, oder sich locker anranzten. Außerdem sei das Geheul von Sirenen immer präsent, als ob gerade ein Tatort laufen würde. Hier sei immer alles in Bewegung, zuhause sei es kack langweilig. Selbst Rentner würden hier mit e-bikes um die Wette rasen, bikes, die so schlank aussähen, als ob es richtige Fahrräder seien.

Wir kamen an zerschlissenen Sofas mit Parolen drauf, alten Computern und grünen Beeten neben zerbrochenen Bierflaschen. Er sog alles in sich auf, gab dem Motz-Verkäufer sein ganzes Kleingeld. Das Graffiti da oben, ist das von Banksy? fragte er. Nee, sagte ich, der fiese Außerirdische dort oben war bestimmt ‘ne Auftragsarbeit. Und Vorsicht, tritt nicht da rein, da hat sich jemand übergeben, es liegt schon länger da; vielleicht ist das Muster ja beabsichtigt, morgen kommt das Video dazu raus. 

Auch mit ihm war ich mir schnell einig, denn auch ich schätzte kaum etwas mehr als diese unprätentiöse, unverhohlene Art des Lebens. Selbst jene Leute, die sich um das Erbrochene kümmern müssen, kommen einem hier mit Gedichten:

„Eimer für alle“, „Kehr Force One“, „You are leaving the dirty sector“, „Würstchenbude“, „Kot d‘Azur“, „Feganer“, „Leerkraft“ steht da auf gelben Abfalleimern und Räumschiffen. Dabei konnte sich Berlin immer eines besonderen Aromas rühmen: Also diese Mischung aus herrlichem Kaffeeduft und frischer Hundekacke. Seitdem die Tonnage an Hundekacke auf Gehwegen um 52.3% zurückgegangen ist, kann man davon nicht mehr reden.

Also, jeder soll nach seiner Fasson selig werden, finde ich auch.
Es gibt nur eine Ausnahme, mit der werde ich mir nie einig; da kommt bei mir der innere Stalin hoch:

Das sind jene von Berlin wie magisch angezogenen „Kreativen“, die sich der platten Begegnung und dem direkten Gegenüber entziehen und nicht einmal eine Maske brauchen, um sich zu verstecken. Gewisse Individuen, die auch lange nach der Pandemie noch ‚social distancing‘ in Perfektion praktizieren werden:

Nämlich Briefkastenfirmen und ihr Personal vom Planeten Heuschrecke, also jene Wesen, die sich hinter semi-legalen Konstruktionen verkriechen (und ich meine damit ausnahmsweise nicht ihrem Aktienkurs frönende Gesellschaften wie die Vonovia oder DW).

Bei der kleinsten Ordnungswidrigkeit muss man sich vor Gerichten ausweisen, aber diese Heuschrecken dürfen anonym bleiben, sie brauchen nur ein paar Anwälte vorzuschicken, um dann in Seelenruhe die über Jahrzehnte gewachsenen Biotope und Strukturen dieser Stadt zu filetieren und zahllose Existenzen zu gefährden oder ganz zunichte zu machen. Das sind jene Projekte, die aus der Zeit gefallen sind, die auf dem Planeten Heuschrecke gerade herrscht. Die Grundstückspreise und die Mieten sind ja ins Unermessliche geschossen, dabei gab es in den 60ern fürs Gewerbe Mietobergrenzen. Für diese Wesen ist das alles kein Problem: Sie erobern ihr Terrain elegant und lautlos und ziehen sich dann diskret wieder zurück. Als Beispiel sei die Räumung der Buchhandlung Kisch & Co in der Oranienstraße benannt, sie steht in den nächsten Wochen bevor:

https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ttt-titel-thesen-temperamente-2536.html

Und wer’s nicht glaubt, wie verschämt sich die Geier gerieren, dem sei unbedingt folgende Recherche zur Anonymität im Immobilienmarkt empfohlen:

https://www.rosalux.de/publikation/id/42141/keine-transparenz-trotz-transparenzregister

Lucy Lameck Straße

Die Wissmannstraße in Berlin-Neukölln wurde in Lucy-Lameck-Straße umbenannt. Das hat die Bezirksverordnetenversammlung nach einer Beteiligung der Anwohner im November 2020 beschlossen. Im Frühjahr 2021, am 23. April, ist der Beschluss nun umgesetzt worden. Für die Umbenennung hat sich, gemeinsam mit anderen Aktivist:innen, der Verein Berlin Postkolonial seit seiner Gründung 2007 eingesetzt.

Die Wissmannstraße war benannt nach Hermann von Wissmann (1853-1905), Reichskommissar und Gouverneur von damals Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda). Er trug mit militärischen Expeditionen maßgeblich zur gewaltsamen Kolonialisierung bei. Mit einem Militärfeldzug massakrierte die deutsche Armee dabei die afrikanische Bevölkerung, um deren Widerstand zu brechen. Wissmanns Kriegsführung wurde dabei selbst von anderen Kolonialoffizieren als äußerst barbarisch beschrieben.

Heute würdigt die Straße in Neukölln die erste Frau in einem tansanischen Regierungskabinett: Ministerin Lucy Lameck (1934-1993). „Sie brachte Frauenrechte in Tansania voran und war eine wichtige Unterstützerin der panafrikanischen Idee“, teilte das Bezirksamt nach dem Umbenennungsbeschluss mit.

„Berühmt wurde sie durch ihre 1965 gehaltene Rede „Africans Are Not Poor“, in der sie Afrikas Zukunftspotentiale heraushob. In ihrer über 20-jährigen Tätigkeit als Parlamentarierin war sie u.a. stellvertretende Ministerin für Kommunalentwicklung und Gesundheit und initiierte maßgebliche Gesetzesvorhaben zur Verbesserung der Position von Frauen in der tansanischen Gesellschaft.„ Bündnis Neukölln

Dass die Umbenennung in Neukölln so schnell über die Bühne gehen kann, liegt an einer Neuerung im Berliner Straßengesetz. Die von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) im August vorgelegte Änderung der Ausführungsvorschriften des Straßengesetzes sei verabschiedet worden, teilte der Senat am Dienstag mit.

Mit dem reformierten Gesetz werden die Gründe für Umbenennungen erweitert. „Zukünftig wird ausdrücklich auf die Möglichkeit verwiesen, Straßen umzubenennen, wenn deren Namen koloniales Unrecht heroisieren oder verharmlosen und damit Menschen herabwürdigen“, so der Senat. In der Vergangenheit vergingen bei Straßenumbenennungen oft mehrere Jahre. Dies soll nun spürbar verkürzt werden.

Auswahl zum weiterlesen:

https://www.buendnis-neukoelln.de/2021/lucy-lameck-strasse/

https://www.berlin.de/ba-neukoelln/aktuelles/veranstaltungen/die-neue-lucy-lameck-strasse-umbenennung-und-rahmenprogramm-1075274.php

https://taz.de/Strassenumbenennung-in-Berlin/!5762407/