Internationaler Tag der Genossenschaften

2016 hat der sogenannte zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe die Idee und Praxis der Genossenschaft als ersten deutschen Beitrag in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der UNO aufgenommen. Die Genossenschaft ist eine allen offen stehende Form der gesellschaftlichen Selbstorganisation, ein Modell der kooperativen Selbsthilfe und Selbstverantwortung.

Das nehmen wir im Blog zum Anlass, um auf ein neues Buch von Gisela Notz hinzuweisen, das auch in diesem Monat bei uns vorgestellt werden soll_

Notz, Gisela:
Genossenschaften
Geschichte, Aktualität und Renaissance
1. Auflage 2021

Genossenschaften waren in der Geschichte und sind auch heute noch ein wichtiger Faktor in der bundesdeutschen Wirtschaft. Dennoch ist die Kenntnis über Genossenschaften noch immer gering. weiterlesen auf der Seite des Verlags.

Und weiterhören bei uns:

Do., 15.07.2021, 19:00 Uhr
Regenbogenfabrik Café-Gespräch
Andy trifft Gisela
Ein Gespräch über Kämpfe gegen Kapitalismus und Patriachat.
Und über Gisela’s neues Buch

Die Veranstaltung fand statt im Hof der Regenbogenfabrik, nachzusehen auf youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=vXnJE0bMJlA

Gisela Notz ist  Sozialwissenschaftlerin und Historikerin mit den Schwerpunkten Frauenbiographien, Sozial-, Alltags- und Zeitgeschichte, Solidarische Ökonomie, Arbeits- Familien- und Sozialpolitik-
Gisela lebt in Berlin-Kreuzberg und stellt seit Jahren regelmäßig in der Regenbogenfabrik als Herausgeberin und Mitautorin den Jahreskalender „Wegbereiterinnen. Berühmte, und zu Unrecht vergessene Frauen“ vor.

Andy Wolff war Aktivist*in in verschiedenen Politikfeldern und ist seit langem Kollektivist*in in der Regenbogenfabrik. Er beschäftigt sich gerne mit der Vergangenheit und der Gegenwart politischer Kämpfe um Selbstbestimmung. Er sieht und zieht gerne Zusammenhänge zwischen damals und heute.

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Für alle Online-Veranstaltungen gilt, wie bei anderen soziokulturellen Veranstaltungen in der Regenbogenfabrik:

Eintritt frei – Spenden erbeten!

Da wir im Veranstaltungsbereich zur Zeit keine Einnahmen durch Getränkeverkauf und gesammelten Spenden haben, dafür aber viele Kosten (u.a. Personal und Technik), bitten wir zur Unterstützung um Spenden auf unser Konto.

Regenbogenfabrik Block 109 e.V.
GLS-Bank
IBAN: DE96 4306 0967 1101 7086 00

Hausbesetzerinnen einer anderen Art

Spektakulär und richtig laut wurde es im Herbst 2012, in der Stillen Straße 10 (!) in Berlin-Pankow. Sie heißt wirklich Stille Straße. Nachdem der Bezirk angekündigt hatte, das Haus wegen leerer Kassen verkaufen zu müssen, besetzten ungefähr 40 Aktivist*innen, ganz überwiegend Frauen zwischen 67 und 96 Jahren, ihren Freizeittreff, weil sie sich das nicht gefallen lassen wollten. „Dieses Haus ist besetzt“, schrieben sie auf ein großes Transparent, zogen in die Villa ein und machten so weltweit auf sich aufmerksam. 112 Tage lang campierten sie auf Gartenliegen und Luftmatratzen, obwohl man ihnen die Heizung abgedreht hatte und sie ständig in Sorge waren, dass die Polizei kommen und das Gebäude räumen würde. Aber die traute sich nicht so recht, so ungewöhnlich war das Besetzer*innenpersonal. Die Polizist*innen dachten: Mitglieder der Hausbesetzerbewegung sehen anders aus. Die Presse und andere Medien haben sie zunächst nicht ernst genommen. Erst als auch internationale Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehanstalten aufmerksam wurden, ihr Protest um die Welt gegangen ist, schwenkten die Medien um und die Alten wurden zum Medienstars, besonders wegen ihres Durchhaltevermögens. Der Standard, eine Zeitung in Österreich berichtete: „Oma und Opa organisieren Occupy“. Enkel fanden die Aktion „voll cool“. Um den Mut der Alten zu unterstützen, unterschrieben 11.685 Menschen die Petition gegen die Schließung der Stillen Straße. Da wurde es auch den verantwortlichen Stadtbezirksvertretern etwas mulmig in ihrer Haut. Schließlich heißt es doch, jede Gesellschaft muss sich daran messen lassen, wie sie mit ihren Alten umgeht.

 „Gemeinsam können wir eine Bewegung werden“, sagte eine Besetzerin. Mit vielen kreativen Aktionen stritten sie – auch gemeinsam mit vielen jungen Unterstützer*innen – für eine menschenwürdige Zukunft. Sie machten ganz neue Erfahrungen im Umgang mit jungen Unterstützer*innen, die sie zunächst für durchgeknallte Punks hielten und die Jungen machten ganz neue Erfahrungen mit den Älteren, die ihnen doch zu oft als ewig nörgelnde Alte präsentiert wurden. „Wir bleiben alle“, das war der Slogan, den die „rebellischen Rentnerinnen von Pankow“ – ebenso wie die Hausbesetzer*innenbewegung und die Mieterinitiativen und die Bewegung der Flüchtlinge – im Jahr 2012 und später auf ihre Transparente schrieben.

Am 18. Oktober 2012 beschloss der Finanzausschuss der Bezirksverordnetenversammlung, dass die Verhandlungen für die Übernahme durch einen neuen Träger beginnen können. Die Senior*innen erhielten die Möglichkeit einer befristeten Zwischennutzung von zwölf Monaten.

„Unsere Standhaftigkeit und Eure Solidarität haben sich gelohnt. Wer sagt denn, dass man in der Welt nichts mehr ändern kann? Egal wie alt oder jung, wir sind für unsere Überzeugung eingestanden!“, schrieben sie an ihre Unterstützer*innen (auch an mich), als sie zumindest einen Teilerfolg erreicht hatten. Es war eine lange Liste von Organisationen und Vereinen – Jungen und Alten, Jugendorganisationen, Künstlergruppen und Genossenschaften -, die auf der Liste der Unterstützer*innen standen. Nun luden sie zur Feier zum Ende der Besetzung ein.

Ruhe haben sie auch weiterhin nicht gegeben, ihre regelmäßigen Treffen behielten sie bei. Auch beteiligten sie sich gemeinsam mit Kotti und Co. und den Bewohner*innen der Palisadenstraße in Berlin, die ebenfalls um ihre Wohnungen kämpften, an den „Krachdemos“ in Kreuzberg. Durch dieses Bündnis wollten sie verdeutlichen, dass die vielfältigen Kämpfe miteinander zusammenhängen. Es sind Kämpfe für eine demokratische Stadt, die nach den Bedürfnissen der Bewohner*innen ausgerichtet ist. Der Freizeittreff wird nach einigen weiteren Auseinandersetzungen vom Förderverein Stille Straße 10 e.V. in Kooperation mit der Volkssolidarität getragen.

Der Slogan „Wir Bleiben Alle“ ist (vorsichtshalber?) auf der Website geblieben.

Das ist nur ein Beispiel dafür, dass auch ältere Menschen Häuser besetzen können und für ihre Rechte kämpfen können.

Die „unwürdige Greisin“ (Brecht) wird in der Zukunft in ihrer „modernisierten Form“ möglicherweise noch andere Missstände auf die politische Agenda setzen und darauf dringen, dass sich etwas verändert! Und sie wird „direkt an die gesellschaftlichen Wurzeln rühren, das heißt an die gesellschaftliche Ordnung, die die Kälte produziert und reproduziert“, weil sie weiß, dass alle anderen Versuche „gegen die alles durchdringende Kälte anzugehen“, zum Scheitern verurteilt sind (Adorno). Ihr Erscheinen kann zur Herausforderung werden, der sich auch Jüngere stellen müssen.

Gisela Notz

Women in Exile

‚Women in Exile‘ ist eine Initiative von Flüchtlingsfrauen, die sich 2002 in Brandenburg zusammen gefunden haben, um für ihre Rechte zu kämpfen. Sie haben entschieden, sich als Flüchtlingsfrauengruppe zu organisieren, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass Flüchtlingsfrauen doppelt Opfer von Diskriminierung sind: Sie werden als Asylbewerberinnen* durch rassistische Gesetze ausgegrenzt und als Frauen* diskriminiert. Der Kampf dagegen wird von geschlechtergemischten Flüchtlingsselbstorganisationen ihrer Erfahrung nach wenig mitgetragen, da diese häufig von Männern dominiert sind, die andere Themen als wichtiger ansehen.
Women in Exile e.V. wurde 2011 in Potsdam gegründet und ist als gemeinnützig anerkannt.
2011 baute ‚Women in Exile’ die Gruppe ’Women in Exile & Friends‘ auf, in der auch solidarische Aktivistinnen ohne Fluchthintergrund mitarbeiten.
Gemeinsam tragen sie flüchtlingspolitische Forderungen aus feministischer Perspektive an die Öffentlichkeit. Zum Beispiel mit der Kampagne „Keine Lager für Frauen und Kinder! Alle Lager abschaffen!“.
In diesem Netzwerk treffen sie sich jeden ersten Samstag im Monat um 13 Uhr in Berlin oder in Potsdam, um Strategien und Aktionen der Kampagne zu diskutieren und umzusetzen.
Wenn ihr die Kampagne unterstützen wollt, seid ihr, wie sie in ihrer Homepage schreiben, herzlich willkommen, an diesen Treffen teilzunehmen.

Wir haben uns entschlossen, dieses Beispiel von Selbstorganisation an diesem 24. Juni im Blog zu veröffentlichen, weil sich heute zum siebtem Mal die Räumung der Gerhard Hauptmann Schule jährt.

Einige der Flüchtlinge konnten sich damals auf das Dach zurückziehen. Sie drohten zu springen, wenn das Gebäude geräumt wird. Der gesamte Block blieb eine Woche komplett abgeriegelt. Ca. 1000 Polizisten waren im Einsatz.

Wir sind voller Bewunderung für Mut und Stamina der Frauen und sind sicher, eine bessere Welt ist möglich: Fluchtursachen richtig bekämpfen!

Christine

Als wir, die Hausgemeinschaft „Hinterm Regenbogen“,

im November 2020 auf die Unterschriften unter den Kaufvertrag anstoßen konnten …

… da blickten wir auf drei intensive Jahre zurück. Eine Zeit voller Forscher*innendrang (Welche neue Eigentumsform wollen wir? Wie lässt sich das alles finanzieren? Wie machen andere das?) und banger Fragen trotz großem Optimismus – und auf die Erfahrung von viel Solidarität.

Ein Bericht über ein neues Projekt und zugleich eine Menge Stadtgeschichte

Um den übrigen Genoss*innen unser Haus und unseren Weg in die SelbstBau vorzustellen, möchte ich gern auch etwas über dessen Kontext erzählen. Und so startet unsere Geschichte rund hundertfünfzig Jahre vor dem jetzigen Korkenknallen.
Damals wuchs Berlin in einem wirklich atemberaubenden Tempo. Hier in der Südlichen Luisenstadt waren gerade noch Gärten angelegt worden. Auf unserem Grund und Boden muss mal eine Ölmühle gestanden haben. Doch dann wurden die großen Straßen geplant, die Reichenberger, die Wiener und ihre Seitenstraßen. Die Grundstücke wurden parzelliert, verkauft, weiterverkauft. Wir haben heute viel Wissen über Spekulation, unsere Altvorderen haben darunter wahrlich auch schon gelitten. Das Spekulationskarussell wurde in unserer Gegend in den achtziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts erst mal angehalten, verbunden mit einer größeren Investition: In unserem „Block 109“ entstand ein Dampfsägewerk und ringsum Wohnungen und andere Gewerbeimmobilien in der Manier der schon damals so genannten „Kreuzberger Mischung“. Baumeister bekamen den Auftrag, Maurer und Zimmerleute kamen, Schiffer brachten die Ziegel aus dem Umland. In „unserer“ Fabrik wurden die über den Landwehrkanal angelieferten Bäume zu Balken und Brettern verarbeitet.

Wir wissen heute nicht mehr, wie viele Menschen damals in unseren Wohnungen lebten; sicher waren mehr als vierzig (ich zähle 36 Wohnungen = als 100?) Menschen hier im Haus. Haben doch ganze Familien, inklusive Schlafburschen, in einer Stube mit Küche und Außenklo ihr Leben organisieren müssen. Gekommen waren sie von weit her, womöglich aus Schlesien. Was haben sie dann alles erlebt! Soziale Kämpfe im Kaiserreich, Sozialistengesetze, langsamen Fortschritt und bescheiden steigenden Lebensstandard. Dann Krieg, Revolution, die sogenannten Goldene Zwanziger, Nationalsozialismus, nochmal Krieg. An vielen Stellen musste die Stadt danach notdürftig repariert werden.
All das hat unser Haus irgendwie halbwegs unbeschadet überstanden. Doch Anfang der achtziger Jahre sollte es abgerissen werden.

Die seit den Sechzigern verfolgte neue Stadtentwicklung war ehrgeizig; die alte Gründerzeitstadt mit ihrer oft krankmachenden Mischung von Gewerbe und Wohnen sollte verschwinden und der modernen Stadt Platz machen. Viele ehrenwerte Motive gab es, doch auch viel Geschäftemacherei.

Weiter draußen entstand das Neue in der Gropiusstadt und im Märkischen Viertel. Ich stelle mir vor, wie gerne viele Menschen die alten Löcher ohne Klo, geschweige denn Bad, hinter sich ließen. Manche aber wollten einfach bleiben. In die leer gewordenen Häuser zogen ganz andere Leute ein, die neuen migrantischen Arbeiter*innen, die Künstler*innen, die Bundeswehrflüchtlinge und Studierenden, die Sucher*innen nach neuen Formen des Zusammenlebens. Sie entdeckten so viel Potenzial in den nun als alt und schmuddelig geltenden Gemäuern, sahen die Solidität in dem von den Modernisierer*innen verächtlich gemachten Quartier. Auch außerhalb von Kreuzberg fing neues Denken an: Behutsame Stadterneuerung statt brutalem Abriss und weiterer Zerstörung von gewachsener Nachbarschaft.

Entscheidend hierfür waren insbesondere die Aktivist*innen im Kiez, organisiert im Verein SO36 und in der gleichnamigen Bürgerinitiative. Gut vernetzt waren sie mit den fortschrittlichen Architekt*innen, die sich schon in den siebziger Jahren in der „Rote Zelle Bau“ verbündeten und ihren Weg nicht zuletzt in die Internationale Bauausstellung fanden.

Die Geschichte der Besetzung der Regenbogenfabrik und der Häuser ringsum ist oft erzählt. Von den Aktivist*innen, die die Machenschaften der „Vogel-Braun-Gruppe“ (diverse Gesellschaften zum Zweck der Steuerersparnis) stören wollten und sich Unterstützung von befreundeten Gruppen suchten.
Und so kamen wir hier in verschiedenen Gebäuden zusammen; wenige kannten sich schon vorher. Und dann haben wir einfach gemacht, was anlag. Uns den Zugang sichern und dann die Türen wieder reparieren. Die Öfen zum Wärmen bringen und die geborstenen Fenster winterfest machen. Regeln in unser Zusammenleben bringen und nach außen unser Bleiben sichern. Kontakt zu den Nachbar*innen finden, die Jugendlichen kennenlernen, die die Fabrik schon lange besetzt hatten, und „Pat*innen“ finden, wie das benachbarte Stadtteilzentrum, die GEW und die Ölberg-Gemeinde.

Begleitet haben uns immer wieder Expert*innen, die uns bewundernswert geduldig anleiteten, die schwierigen Wege in Politik und Verwaltung kennenzulernen und uns dabei unterstützten, unseren Weg in Selbstverwaltung und Basisdemokratie zu finden.

Nach drei Jahren Hausbesetzungsbewegung wurden 1984 die letzten Häuser geräumt oder legalisiert. Haus und Fabrik waren aufgrund der verwickelten Situation unter den letzten zehn.

Das gleiche Bündnis verhalf uns dazu, an die Mittel zu kommen, um ab 1985 unser Haus im Rahmen der Selbsthilfe instandzusetzen.
Wieder fingen wir als Gruppe auch ein bisschen von vorne an. Einige verließen uns, denn sie wollten Politik machen und nicht in der Selbsthilfe versauern, andere kamen genau, um handwerklich mit anzupacken. Ich finde, wir haben da so einiges geschafft. Uns neu finden, die Regeln bekräftigen und pflegen, die ganze Arbeit stemmen – und die Kinder nicht zu vergessen.

Verrückterweise hörte es so schnell nicht auf mit dem Bauen, nach der Instandhaltung kam die Modernisierung. Wieder haben wir Jahre geschuftet und auf der Baustelle gelebt und bemerkenswerterweise sind wir weder pleite gegangen noch haben wir uns über Gebühr die Augen ausgekratzt. Keine*r ist mit der Baukasse durchgegangen und wir haben in den vielen legalen Unzulänglichkeiten unsere Autonomie und unsere Gleichberechtigung bewahrt. Wir haben unsere Regeln aufrechterhalten und beschließen weiterhin, was nötig ist, im Stockwerk und im Plenum.
Wir sind sogar Strommüller geworden und besitzen nun schon das zweite BHKW. Ohne die Heldentaten unserer Architekt*innen und die Unterstützung durch kluge Bauleitung wäre das auch nicht so einfach gewesen.

In all dem Positiven muss auch Erwähnung finden, dass wir daran gescheitert sind, die Besitzverhältnisse frühzeitig zu unseren Gunsten zu verändern. Ein Kauf unseres Hauses war aus verwickelten Gründen nicht möglich. Wir hätten uns damals wohl auch nicht die mutigen Entscheidungen vorstellen können, die wir heute treffen. Und nach einer Zeit der Konsolidierung – viele Kämpfe gingen rund um die Regenbogenfabrik weiter – haben wir vor zehn Jahren feststellen müssen, dass unser Haus verkauft worden war.

So haben wir nun unsere neuen Eigentümer kennenlernen können, dürfen, müssen. Mbjc GmbH, was kann das denn sein?
Wir starteten die Recherche und entdeckten, dass es sich um eine Familien-GmbH handelt. Da hatte es anderswo im Kiez nicht unbedingt gute Erfahrungen gegeben. Unsere Skepsis wuchs.

Die Laufzeit unseres letzten Vertragswerks neigte sich ihrem Ende zu und wir fingen an, darüber nachzudenken, wie es um die Zukunft bestellt sein kann, mit der neuen Eigentümerschaft, die anfangs geäußert hatte, nicht verkaufen zu wollen.

Das änderte sich, als wir im Plenum über die notwendigen Trockenlegungsmaßnahmen im Keller nachdachten. Ganz offensichtlich war da Handlungsbedarf und es würde einiges kosten. Das war das erste Mal, dass wir eine notwendige Investition unter der Perspektive des endenden Vertrages sahen. Würden wir in vier Jahren überhaupt noch die Instandhaltungspflicht haben? Würden wir unsere Selbstbestimmung behalten? Lohnte sich unter dieser Perspektive unser Engagement?

Wir nahmen wieder Kontakt auf mit den Eigentümern in Wien, um eine Verlängerung und langfristige Sicherung unseres Vertrages zu unseren Bedingungen zu erwirken. Da schlugen wir uns schon vor drei Jahren mit den technischen Tücken der internetbasierten Kommunikation (Skype) herum. Und dann kam der erstaunliche und durchaus unerwartete Satz: „Ich könnte das Haus ja auch an Sie verkaufen.“

Da gab es kein langes Zögern, dieses Angebot musste angenommen werden. Und damit fing eine sehr aktive Phase an. Wir hörten uns herum in ALLE Richtungen. Sprachen mit Genossenschaften, dem Mietshäuser Syndikat, mit Banken, über die Steuer und schon in der ersten Phase auch mit Pit Weber. Mit ihm waren wir durch den Sprecher*innenkreis des 2007 gegründeten Solidarfonds für Berliner und Brandenburger Hausprojekte verbunden. Das war damals eine gute Erfahrung, das machte Mut auf mehr.

Wir beauftragten einen Gutachter zur Kaufpreisermittlung und waren dann schon sehr schockiert darüber, welche Preise in Berlin in diesen Zeiten aufgerufen werden. Wir lernten, dass die Preisvorstellungen der Eigentümer keinesfalls jenseits von Gut und Böse waren. Wir organisierten uns neu, neben das Plenum trat die Koordinationsgruppe. Um nach außen aktiv sein zu können, gründeten wir den Verein „Hinterm Regenbogen“.

Wir dachten darüber nach, wer uns unterstützen könnte bei der Kaufpreiserbringung und waren glücklich darüber, wie viel Solidarität von Freundinnen und Freunden ausgedrückt wurde. Da schien vieles schon machbar. Auch die Gespräche mit der GLS Bank signalisierten, dass da was möglich wäre.

Letztendlich ist ein anderer Weg der gesellschaftlichen Solidarität zum Zuge gekommen. Die Finanzierung des Kaufpreises ist uns nun ermöglicht durch die Bewilligung eines öffentlichen Darlehens im Rahmen der „Verwaltungsvorschriften für die Durchführung eines Projektaufrufs zur Förderung genossenschaftlichen Wohnungsbaus in Berlin 2019“. Es ist gar nicht zu ermessen, wie viele Leute da an wie vielen Hebeln gezerrt haben.

Früh schon war die Stiftung trias mit im Boot, die wir ebenfalls durch den Solidarfonds für Berliner und Brandenburger Hausprojekte schon kennengelernt hatten. Für einen unserer Mitbewohner eröffnete sich dadurch eine besondere Perspektive. Schon lange suchte er einen Weg, wie er sein Erbe in die Sicherung unseres Hauses einbringen konnte. Dazu sagt er: „Eigentlich handle ich da völlig eigennützig. Ich möchte nicht alleine, sondern in einer pluralen, vielfältigen Gemeinschaft leben. Und wenn ich das Erbe, das ich nicht verdient habe, dafür einsetzen kann, umso besser.“
Der Eigentumsübertrag war ein Baustein der Finanzierung. Stiftungszweck der trias ist es, Grund und Boden „auf ewig“ der Spekulation zu entziehen. M. konnte so loslassen, was er nie haben wollte.

Was musste noch alles vertraglich geregelt werden?
Das Erbbaurecht wurde von den Eigentümern „eingesetzt“ und der trias übertragen. Danach konnte ein Erbpachtvertrag zwischen trias und SelbstBau e. G. abgeschlossen werden. Gleichzeitig wurde das Gebäude von der Eigentümerin mbjc an die SelbstBau e. G. verkauft.
Alles klar, oder?

Ein Wort noch zur bisherigen Eigentümerschaft. Unter Ausnutzung der Situation auf dem Berliner Wohnungsmarkt haben sie sowohl durch jahrelange Miete ohne Verpflichtungen zur Instandhaltung, als auch durch den hohen Verkaufserlös ohne eigene Anstrengung ein Vielfaches von dem eingenommen, was sie vor zehn Jahren beim Kauf investiert haben.
Wir hadern damit und haben doch zu akzeptieren, dass solches Handeln in unserem Staat legal ist.

Wir haben einen Verhandler erlebt, der in einigen Details seinen Vorteil nicht vergaß, doch im Grundsatz zu seinen Zusagen stand. Wir mussten eine sehr lange Zeit geduldig bleiben, um die wegen der Spekulationssteuer entstehende Frist abzuwarten. Was hätte in dieser Zeit noch alles passieren können. Doch im Wesentlichen sind nun die vor drei Jahren verhandelten Eckwerte in das Vertragswerk eingeflossen. Das ist zu loben.

Wir können mit einer moderat steigenden Miete in die neuen Zeiten eintreten und es gibt einen Plan für die nächsten zwanzig Jahre. Im Vergleich zu den allgemeinen Erwartungen können wir annehmen, damit recht günstig davonzukommen.

Wir schlagen also ein neues Kapitel auf in der Geschichte unseres Hauses und unserer Gemeinschaft. Wir werden Genoss*innen! Nicht alle, und das macht uns schon was aus. Das erste Mal in unserer Geschichte gibt es in dieser Konstruktion „echte“ Mieter*innen bei einer externen Organisation, der Genossenschaft, und eventuell unfreiwillige Untermieter*innen bei Einzelnen von uns. Wir wollen aber Gleichberechtigung und unsere internen Entscheidungsstrukturen sichern. Dabei helfen wird uns, dass wir uns einen Binnenvertrag geben werden und wir unser Modell der Konsensfindung überarbeiten.

Wir freuen uns darauf, als sechsundzwanzigstes Haus unseren Platz in der SelbstBau zu finden.
Wünschen wir uns das Beste, was das Leben bieten kann: Lernen wir weiter!

Christine Ziegler

Der Artikel erscheint im Sommer im Mitgliedermagazin der Selbstbau e.G.

https://selbstbau-eg.de/die-selbstbauerin-der-selbstbauer/