Es ist ein trister Ort, der Moritzplatz. Auf der einen Seite Wohnbauten aus den 50er und 70er Jahren, gegenüber ein unauffälliger Altbau und an der U-Bahn die Brache des Flohmarktes. Nur das Gebäude mit Aldi und dem Wohnungsamt fällt aus dem Rahmen. Wer der staubigen Fassade einen Blick gönnt, kann den Namenszug »Elsner-Haus« über dem Eingang entdecken.
Zwischen 1912 und 1914 wurde an der Oranienstraße ein Gewerbehof für die Buchdruckerei Elsnerdruck errichtet. Der Hof ist nicht der einzige in dieser Gegend. Einige Straßen weiter, am Erkelenzdamm 59-61, gibt es den »Elisabethhof«, einen der größten Industriehöfe Kreuzbergs, gebaut am Elisabethufer, einer Straße am Luisenstädtischen Kanal, der heute eine Grünanlage ist. Achtzig Jahre lang aber, zwischen 1852 und 1926, floss hier das Wasser von der Spree zum Landwehrkanal. In den Gründerjahren war die Strecke viel befahren, denn Deutschland blühte gerade zur kapitalistischen Großmacht auf und kleine Handwerksbetriebe schwollen zu Industriegiganten an. Berlin wuchs allmählich zur Metropole, die Baumaterialien dazu kamen auf dem Landwehrkanal und wurden am Urban, dem ersten innerstädtischen Hafen Berlins, umgeladen.
Straßen, die noch inmitten grüner Felder endeten, wurden verlängert und erhielten nicht selten einen anderen Namen. So auch die einst unbedeutende Junkerstraße, die 1845 in einen höheren Stand erhoben und zum Ritter geschlagen wurde. Tischlermeister Knickmeyer ließ in dieser Ritterstraße das erste prachtvolle Haus mit zwei Aufgängen, vier Stockwerken, einer Remise für den Wagen und Pferdeställen an der Ecke zur Feldstraße, der späteren Alexandrinenstraße, bauen. Die Werkstatt kam ins Parterre, in die Etagen darüber zogen vermögende Mieter ein. Einige Jahre später richtete sich der Maschinenbaumeister Schneggenburger in der Ritterstraße 37 ein, die er Knickmeyer für ein respektables Sümmchen abkaufte. Adolph von Menzel wohnte wenige Hausnummern weiter. Und da die Leute sehen sollten, was sie kaufen, ließ sich der Fleischermeister Rintisch ein Schaufenster in seinen Laden an der Alexandrinenstraße 30 einbauen; zu einer Zeit, als die Berliner nur auf den Flaniermeilen in der Leipziger Straße und Unter den Linden in Schaufenster gucken konnten. Wegen der günstigen Lage zwischen Anhalter- und Görlitzer Bahnhof siedelten sich immer mehr Firmen in der Ritterstraße und ihrer Umgebung an; der Bedarf an schönen Dingen in den Zeiten des Aufschwungs war riesig.
Kleine und kleinste Firmen lieferten Lampen und Leuchten für jeden Zweck, Elfenbeinschnitzereien brachten zuweilen frivole Figürchen in den Handel, aus einer der vielen Bronzegießereien kamen Elche und Rehe für die Kommode im Wohnzimmer. Auch im Ausland waren die Produkte aus der Ritterstraße gefragt: Unentwegt brachten Pferdefuhrwerke die Frachten zu den Bahnhöfen und bald hatte der Kiez seinen Namen weg: »Rollkutscherviertel«. Im Ausland aber sprach man vom Berliner Exportviertel.
Eilzüge und Ozeanliner verkürzten die Entfernungen in Europa und nach Amerika und die Ritterstraße wurde zur Adresse von 1391 Fabrikanten sowie 1344 Vertretungen ausländischer Firmen. Gleichzeitig wurde der Wohnraum knapp und die Arbeiterfamilien aus den Textil,- Metall- und Papierwarenfabriken rückten immer dichter zusammen. Oft lebten mehrere Generationen in einem einzigen Zimmer. Ein neuer Gebäudetyp, der Gewerbehof, entstand und verdrängte die alten Wohnhäuser.
Diese Mietfabriken boten alles, was sich ein Fabrikant nur wünschen konnte: Helle Produktionsräume mit großen Fenstern, gesonderte Büroflächen, eine repräsentative Fassade zur Straße, anspruchsvolle Wohnungen im Vorderhaus sowie ausreichend Elektrizität für Maschinen und Fahrstühle. Die Rohrpost verband die einzelnen Etagen der Produktionsstätten, während neue Telephon- und Telegraphenleitungen den Kontakt der Büros mit der Außenwelt herstellten.
Im Zentrum des berühmten Exportviertels lag noch immer die Ritterstraße 37 des Maschinenbaumeisters Schneggenburger. Jetzt handelte der Kaufmann Richard Weckmann von hier aus mit »Hansa-Tinte, Schreibfedern und Papieren« und richtete im ersten Haus der Straße ein Musterlager ein. 1911 verfügte das »Hansa-Eck« über die Telegrammadresse »Avanti.Berlin« und war über drei verschiedene Telefonnummern zu erreichen. Vom Nachbargrundstück, der Nr. 36, funkte eine private Sendestation in die Welt hinaus und im Studio der Deutschen Grammophongesellschaft, das sich in der Nr. 35 befand, wurden die neuesten Schlager aufgenommen und anschließend auch gleich auf Schellack gepresst. Selbst die Produktion der Plattenspieler fand im eigenen Haus statt.
Schon der Erste Weltkrieg brachte das legendäre Exportviertel an den Rand des Abgrundes. Zwar belebte der Devisenmangel der Nachkriegszeit den Export und Mitte der Goldenen Zwanziger lebte das Viertel noch einmal auf. Doch auf den Glanz der Produkte aus der Ritterstraße hatte sich Kriegsstaub gelegt. Richard Weckmann bot nun merkwürdig hohe, kelchförmige Blumenvasen an – ursprünglich enthielten diese Vasen Sprengstoff. Andere Händler verlegten sich auf Billigartikel, denn die ausländische Konkurrenz war groß. 1928 eröffnete das Billigkaufhaus Woolworth seine dritte Filiale in der Badstraße, 1929 stürzte die Weltwirtschaft in die Krise; die Firmen der Ritterstraße gingen reihenweise in die Pleite. Endgültig beendeten dann die Nazis die glorreiche Geschichte des Exportviertels, zwangen die restlichen verbliebenen jüdischen Geschäftsleute zum Verkauf des Besitzes oder enteigneten sie, trieben Geschäftsgründer in die Flucht und die Konzentrationslager. Wenig später dienten die Firmen der Ritterstraße nur noch als Zulieferer für die Wehrindustrie – eine Zukunftsbranche, denn für die üblichen Konsumgüter gab es keinen Absatz mehr. Dennoch betrug der Umsatz der Ritterstraße im Jahr 1936 noch 100 Mio. RM. Arbeitskräfte holte man sich vom Arbeitsamt, das unbürokratisch Russen zur Verfügung stellte, die auf Dachböden, in Verschlägen oder einem großen Lager im heutigen Böcklerpark untergebracht wurden. Dann kam der Untergang.
Die Ritterstraße war vom Krieg weitgehend zerstört. Dennoch versuchten einige Firmen in den 50er Jahren zurückzukehren, aber die Stadtplaner hatten Wohnungen und eine Stadtautobahn geplant. Der Mauerbau verhinderte die Stadtautobahn – dafür wurde die »Spring« – wie die Otto-Suhr-Siedlung zu beiden Seiten der Ritterstraße hieß – realisiert. Aus dem Haus mit der Nummer 37 wurde eine Wiese mit Bänken, neben denen heute leere Bierpullen liegen. Nur noch der Ritterhof und das Pelikanhaus zeugen vom alten Glanz der Straße.
Und manchmal findet man auf dem Flohmarkt am Moritzplatz noch einen alten Aschenbecher aus Bronze oder eine merkwürdig schwere Vase.
Von 2009 bis 2019 fand in der Reichenberger Straße zwischen Ohlauer und Lausitzer jährlich ein Straßenfest statt.
Auszug aus dem Aufruf zum 6. Reichenberger Kiezfest, Samstag 30. August2014
„Das Reichenberger Straßenfest ist nichtkommerziell, und bezieht aktiv Stellung gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie, gegen profitorientierte Stadtumstrukturierung und für das Gute Leben, solidarisch und selbstbestimmt.“
Getragen wurde dieses Fest von Anwohner*innen, Stadteilgruppen und vielen nicht parteigebundenen Initiativen.
In den ersten Jahren war die Regenbogenfabrik aus terminlichen Gründen nur mit einem Stand vertreten, in den letzten Jahren haben auch wir uns an der Organisation beteiligt.
Dabei konnte ich feststellen, wie konsequent „nichtkommerziell“ umgesetzt wurde:
Alles wurde selbstorganisiert:
Biertischgarnituren und Pavillons wurde in der ganzen Stadt zusammengesucht und zum Fest in die Reichenberger geholt, Plakate und Aufrufe wurde selbstgestaltet, Musiker*innen und andere Künstler*innen konnten für einen kostenlosen Auftritt gewonnen werden, die verschiedensten Initiativen, Projekte und Vereine (bis zu 40!) konnten umsonst Infotische betreiben, Anwohner*innen und ansässige Projekte und Gewerbetreibende „spendeten“ den Strom und vieles mehr.
Einige notwendige Kosten (Klos, Bühne, Sanitätsdienst, Plakate) konnten durch Zuschüsse von der Kinderstiftung und dem Netzwerk Selbsthilfe gezahlt werden.
Aber vor allem brauchte es eine große Zahl an helfenden Händen, es war mehr als eine Woche harte Arbeit für alle Beteiligten. Aber im Nachhinein waren sich alle trotz Müdigkeit einig: „Es hat sich gelohnt: Der Kiez hat für ein paar Stunden „gelebt, gebebt und sich gegenseitig mitbekommen.“
Eine tragende Säule für das Fest war aber vor allem das Kollektiv der Meuterei, dort ist alles zusammengelaufen und die Kollektivist*innen haben tagelang Schwerstarbeit geleistet. Nach dem Fest wurden z.B. alle Biertischgarnituren, Pavillons und auch Technik dort zwischengelagert und wieder zurückgebracht. Dafür hier an dieser Stelle: Danke!
Fand das Fest in den ersten 10 Jahren immer Ende August/Anfang September statt, so wurde es 2019 in den Mai gelegt, da die Meuterei ja leider keine Vertragsverlängerung bekommen hat und daher nicht klar war, ob es im Spätsommer noch stattfinden kann. Und ohne Meuterei war es für alle Beteiligten undenkbar.
Die Unterstützergruppe „Leute für die Meute“ veranstaltete am 11.09.2020 zwischen der Lausitzer und der Ohlauer Straße eine
Reichenberger Kiezkundgebung
„Widerständig bleiben! Kiezkultur erhalten!“
Aus dem Aufruf:
„Wir, die Leute für die Meute, veranstalten am 11.09. eine Musikkundgebung in der Reichenberger Straße – zwischen der Lausitzer und der Ohlauer Straße.
Dabei wollen wir deutlich machen, wofür unser Kiez steht und zeigen, dass wir uns für ein solidarisches Miteinander einsetzen. Auch in unserem Kiez hat die Gentrifizierung in den letzten Jahren rasant zugenommen. Doch auch der Zusammenhalt ist über die Jahre immer sichtbarer geworden. Wir glauben, dass wir, die Ladengeschäfte, Mieter*innen und Nutzer*innen unseren Kiez gemeinsam gestalten sollten. Orte der Vernetzung können hierbei nicht nur Vollversammlungen sein, sondern auch die Begegnung auf der Straße.
Bei der Kundgebung werden von 16.00-22.00 verschiedene Bands auftreten und es wird Redebeiträge aus dem Kiez, aber auch darüber hinaus geben. Auch ein politisches Artistikstück wird aufgeführt.
Für einen solidarischen Kiez!“
Dort war das „Feeling“ der vorherigen Straßenfeste spürbar, auch wenn es viel weniger war.
Waipatiki Beach, das ist schon ein Name für Fernweh. Es ist ein Gruß aus Neuseeland.
Der Regenbogen ist ein atmosphärisch-optisches Phänomen, das als kreisbogenförmiges farbiges Lichtband in einer von der Sonne beschienenen Regenwand oder -wolke wahrgenommen wird. Sein radialer Farbverlauf ist das mehr oder weniger verweißlichte Spektrum des Sonnenlichts. Das Sonnenlicht wird beim Ein- und beim Austritt an jedem annähernd kugelförmigen Regentropfen abgelenkt und in Licht mehrerer Farben zerlegt. Dazwischen wird es an der Tropfenrückseite reflektiert. Das jeden Tropfen verlassende Licht ist in farbigen Schichten konzentriert, die aufeinandergesteckte dünne Kegelmäntel bilden. Der Beobachter hat die Regenwolke vor sich und die Sonne im Rücken. Ihn erreicht Licht einer bestimmten Farbe aus Regentropfen, die sich auf einem schmalen Kreisbogen (einem Farbstreifen des Regenbogens) am Himmel befinden. Der Beobachtungswinkel ist identisch mit dem Winkel des Kegelmantels, in dem diese Farbe beim Austritt am Regentropfen konzentriert ist. (Wikipedia)
Ein Glück, dass unsere Augen einfach nur schauen und empfangen und unser Kopf dann aus Erfahrung weiß, wie diese komplizierte Physik dann wieder zusammengesetzt wird, damit wir die Schönheit spüren können.