Geburtstagskind des Tages – Mats

1. Seit wann bist bzw. von wann bis wann warst Du hier und in welchem Bereich?

Seit Herbst 2017 bin ich Mitbewohnerin im zweiten Hinterhaus.

2. Welches ist Dein Lieblingsort auf der Fabrik?

Mmmh… das ist schwierig. Es gibt hier so viele schöne Orte:
Ich habe das Café mit seinem Charme und den den großen, runden, alten Holztischen sehr geliebt. Die Dachterrasse mit den Pflanzen und dem wunderschönen Blick auf die Bäume und den Sonnenuntergang ist für mich auch ein wunderschöner Ort … und da bin ich ganz bei Lotta: die Schaukel im Fabrikinnenhof. Dort hatte ich damals auch meine zukünftigen Mitbewohner kennengelernt.

3. Mit einem Wort: Was ist die Fabrik für Dich?

lebendig

4. Lieblingsessen in der Kantine?

alles was bunt ist mit verschiedenem Gemüse.

5. Was wünschst Du der Fabrik zum Geburtstag?

Zukunft, weiterhin Lebendigkeit, Offenheit und Vielfalt. Und ganz bald wieder mehr freies, unbeschwertes Leben von Kultur und Musik.

Damals war’s – Conny van Geisten zum Gedenken…….

Damals war’s vor 28 Jahren
Ich kann kaum glauben, wie jung wir waren
Da wurde die Fabrik besetzt
Die Spekulanten waren schwer entsetzt……

Mit diesen Worten habe ich am 14. März 2009 unsere Gäste scherzhaft zum Geburtstag der Regenbogenfabrik begrüßt, die ohne Conny van Geisten so bzw. vielleicht auch gar nicht mehr existieren würde:

1981 war die bewegte Zeit der Westberliner Instandbesetzungen („Instandbesetzen statt Kaputtbesitzen!“), die Teil eines bundesweiten Protestbewegung gegen Behördenwillkür und Politikwahnsinn war, in der sich die Menschen einfach nicht mehr mit der Unfähigkeit der Herrschenden abfinden, sondern stattdessen ihre Belange selbst in die Hand nehmen wollten: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“

Im Falle der Regenbogenfabrik war dies der bevorstehende Abriss einer ehemaligen Chemiefabrik mit  angrenzenden Wohngebäuden, die Platz für einen vier- bis sechsgeschossigen Neubau im Kreuzberger Block 109 als lukratives steuerbegünstigtes Spekulationsobjekt der Investorengruppe Vogel & Braun machen sollten. Zwar hatten diese hierfür weder eine rechtsgültige Abriss- noch Neubaugenehmigung, dafür aber umso mehr Beziehungen im Westberliner Parteiensumpf, in dem derartige Angelegenheiten mit gemeinsamen Saunabesuchen sowie Brillanten und Pelzen für die werten Gattinnen geregelt wurden (vielleicht hatten sich die Spekulanten ja schon vor uns den Szenespruch „legal, illegal, scheißegal“ zu eigen gemacht ?)

Doch es kam anders: In einem immensen Kraftakt von BesetzerInnen, Initiativen und UnterstützerInnen aus Kreuzberg und ganz Berlin, Kirchengemeinden, Kiez-PolitkerInnen, engagierten Verwaltungsleuten und und und …… und der IBA  konnte der Abriss verhindert und das Nachbarschaftszentrum Regenbogenfabrik aufgebaut und gerettet werden. Die Regenbogenfabrik wurde zum IBA-Projekt und Teil der „Initiativen vor Ort“ und die IBA-MitarbeiterInnen Teil unseres Regenbogenlebens: Neben Jörn Dargel, Wulf Eichstädt u.a. sowie Kostas Kouvelis, der unser Projektbetreuer wurde, war dies vor allem Conny, der uns fortan bei den mehr als schwierigen Legalisierungsverhandlungen mit all seinem fachlichen Wissen, aber auch mit seiner immensen moralischen Kraft zur Seite stand. Und die war gewaltig und hat uns beileibe nicht immer nur getätschelt sondern im Gegenteil auch kräftig gefordert……

Die behutsame Stadterneuerung war mit dem Ziel angetreten, „kaputte Stadt zu retten“, und neben den Baulichkeiten deren BewohnerInnen als existenzieller Bestandteil eines Stadtteils zu sehen. Damit waren diese nicht nur Opfer einer verfehlten Baupolitik sondern betroffene Akteure, die es einzubinden galt, um das gemeinsame Ziel einer lebenswerten „menschlichen“ Stadt zu erreichen. Dieser stadtsoziologische  Ansatz traf sich mit unseren etwas verklärten Vorstellungen von „Leben, Lieben und Lachen“ und einer bunten Vielfalt unterm Regenbogen mit der Gewissheit, dass „nur wer den Mut zum Träumen, auch die Kraft zum Kämpfen hat“, indem wir uns gemeinsam darüber einig waren, das es „nichts Gutes gab (und gibt!), außer man/frau tut es“.

Und am Tun sollte es in den folgenden Jahren nicht mangeln, ebenso wenig allerdings wie auch an unzählig vielen und langwierigen Inhalt- und Strategiediskussionen, die wir intern und gemeinsam mit unseren UnterstützerInnen geführt haben. Dazu gehörte auch Conny, der aus meiner heutigen Sicht eine Unmenge Geduld für uns aufbrachte, uns ernst genommen und unsere Ideen und Ideale – wenn auch wie gesagt nie kritiklos – akzeptiert und geschätzt hat.  Als wir Conny kennenlernten, waren die meisten von uns zwischen 20 und 25 Jahre alt und Menschen wie Conny, waren aus unserer Sicht in „Amt und Würden“ und „alt“ (sorry, Conny!). Umso wichtiger war uns diese Akzeptanz und ein emanzipatorischer Umgang miteinander auf „gleicher Augenhöhe“ (was bei Conny natürlich nur symbolisch zu verstehen war!). Dies beinhaltete aber auch, dass unser Verhältnis ihm gegenüber ebenso von konstruktiver Kritik geprägt war: So kann ich mich gut erinnern, wie Conny sich bemühte, einen Disput zwischen Kuno Haberbusch als damaliger Regenbogen-Akteur auf der einen Seite und meinem Freund Jonny Landmann und mir auf der anderen Seite zu schlichten, weil er durch unseren Streit das Gesamtprojekt gefährdet sah. Es ist ihm nicht gelungen, aber die Regenbogenfabrik existierte weiter und Kuno machte seine Karriere als Journalist beim NDR…

Conny wurde für uns zum Beistand und Paten, zum Vermittler gegenüber Politik und Verwaltung und schließlich auch zum hoch geschätzten Freund, der uns all die darauf folgenden Jahre nicht aus den Augen verloren hatte.  Entsprechend hat er in seinem Beitrag zu unserer Broschüre anlässlich des 25-jährigen Jubiläums ein ausgesprochen  treffsicheres und liebevolles Bild aufgezeigt, auf das ich sehr stolz bin, zumal er die Qualität der Regenbogen-“Frauschaft“ und unsere Hartnäckigkeit in unserem Handeln und Verhandeln hervorgehoben hat.

Genannte Verhandlungen dauerten buchstäblich Jahrzehnte, denn immer wieder standen wir kurz vor Räumung und Abriss, immer wieder mussten wir in zähen und langwierigen Verhandlungen (oft faule) Kompromisse eingehen, immer wieder mussten wir Gebäudeteile und damit auch Teile unseres Regenbogentraums vom gemeinsamen Wohnen, Leben und Arbeiten aufgeben. Ganz besonders spitzte sich die Situation 1984 zu, als die Regenbogenfabrik als eines der letzten besetzten Projekte zunächst nur für ein Jahr legalisiert werden konnte. Ein Jahr später wiederholte sich dies, in dem das Wohnhaus zugunsten der Rettung des Fabrikgeländes, das mittlerweile die verschiedenste soziokulturellen Aktivitäten beherbergte, aufgegeben werden sollte. Und wieder drohte das totale Aus, und wieder wurde partei- und verwaltungsübergreifend verhandelt (an entsprechenden Gesprächsrunden nahmen bis zu acht Verwaltungen aus Bezirk und Senat teil!) und wieder standen wir kurz vor dem Aus. Und wieder war es Conny, der uns zur Seite stand, so dass wie gemeinsam mit UnterstützerInnen aus dem Kiez, Politik und Verwaltung (ganz besonders sei hier Günther Poggel, ehemals Jugendsenat, genannt) einen Abgeordnetenhausbeschluss zum „langfristigen und umfassenden Erhalt der Regenbogenfabrik“ erringen konnten.

Die tatsächliche Umsetzung dieses Beschluss wurde zwar – u.a. wegen der Altlastenproblematik – zur unendlichen Odyssee, die immer noch nicht gänzlich abgeschlossen ist,  aber nur so konnte das Fundament für die darauffolgenden (Weiter-)Entwicklung der Regenbogenfabrik als Kinder, Kultur- und Nachbarschaftszentrum mit kreativ-handwerklichen, soziokulturellen und Angeboten im Jugend- und Kinderbereich geschaffen werden. Hinzu kam in den letzten Jahren – nach dem jegliche staatliche Förderung (außer für die Kita) eingestellt worden war – der Zweckbetrieb zur „Bildung und Beschäftigung unterm Regenbogen“ mit Qualifizierungsangeboten, Hostel, Fahrradverleih, Kiezkantine und den  „Kreuzberger Kuchenbäckerinnen“ mit einem Laden in der Lausitzer Str. 22a. Alle gemeinsam bilden die Grundlage für eine zukünftige „Regenbogengenossenschaft“, in der im Rahmen von solidarischer Ökonomie selbstbestimmt und – verwaltet sinnvolle Arbeitsplätze geschaffen und damit gleichzeitig unsere soziokulturellen und politischen Ziele umgesetzt werden können.

Lieber Conny, das alles hast Du mit geschaffen und wirst auch weiterhin Teil davon sein, denn das letzte was wir gemeinsam mit Dir wollten und wollen, war und ist, das unser Projekt statisch bleibt und sich nicht  fortentwickelt. Vielmehr gilt es nach wie vor, auf der Grundlage unseres basisdemokratischen Denkens und Tuns mit all unserer Erfahrungen immer wieder entsprechend der Bedarfe und Bedürfnisse des Kreuzberger Kiezes und seiner Menschen  Neues aufzubauen. Dies ist unglaublich spannend, kostet aber auch unendlich viel Kraft und ich weiß nach 28 Jahren, in der quasi pausenlos an vorderster Front gestanden habe, oft nicht mehr, wie dies alles zu schaffen sein soll (zumal ich mit 52 Jahren in inzwischen mutmaßlich noch älter bin, als wir es damals von Dir annahmen). Aber ich weiß auch, dass wir alle  gemeinsam zu viel zusammen durchgestanden und erkämpft haben und ich weiß, das es nicht zuletzt Dein Vermächtnis an uns ist, weiter zu machen, denn wie gesagt, Du hast uns nie getätschelt, sondern immer kräftig gefordert – wir werden unser Bestes geben…..

Anette Schill

Cornelius van Geisten

Architekt
Geboren: 15. September 1943
Gestorben: 30. Oktober 2008

Nach der Kreuzberger Zeit wirkte Conny vor allem auch in Potsdam. Hier eine Würdigung.

https://www.potsdam.de/content/636-zum-tode-von-cornelius-van-geisten

IBA vor Ort

1984

IBA vor Ort war eine Ausstellungsreihe in Kreuzberg, in der die Bauausstellung ihre Zwischenergebnisse veröffentlichte. So auch vom 15.9. bis zum 25.11.1984 in der Regenbogenfabrik unter der Überschrift „Behutsame Stadterneuerung in SO 36 Ergebnisse, Erfahrungen, Initiativen, Projekte südlich des Görlitzer Bahnhofs“.

Das stadtplanerische Konzept der Behutsamen Stadterneuerung ging auf die Initiative des Architekten Hardt-Waltherr Hämer zurück. Es wurde in den Anfängen im Fachbereich Architektur an der Berliner Hochschule der Künste Ende der 1960er Jahre in Opposition zur praktizierten Flächensanierung entworfen. Die Hausbesetzungen hatten großen Anteil daran, dass die Idee der Flächensanierung gestoppt werden konnte. Die Planungen und Aktivitäten zur Internationalen Bauausstellung 1984/87 (IBA) lieferten die fachlichen Argumente für ein neues Stadtsanierungskonzept. 1983 übernahm das Berliner Abgeordnetenhaus diese neue Politik. Es schienen endlich neue, gute Zeiten angebrochen für den Stadtteil.

Ausbau des Saals in der Regenbogenfabrik

Die Ausstellung der IBA brachte die erste Sanierungsanstrengung für die Regenbogenfabrik voran. Der große Saal wurde das erste Mal ausgebaut. An der hinteren Wand sind bereits die Projektionsfenster für das Kino zu sehen. An den Balken sind noch die Stellen zu sehen, die nach der Brandstiftung im September 1981 gebrannt haben.

Infotafel zur Regenbogenfabrik in der Ausstellung der IBA vor Ort
Café-Stand in der Ausstellung IBA vor Ort

Die Ausstellung ist eröffnet. Und zu jeder guten Ausstellung gehört auch ein Ausschank. Auch das war eine Gelegenheit für den Einsatz der Café-Gruppe.

Jocelyn B. Smith in der Regenbogenfabrik

Die Schautafel über die Regenbogenfabrik hat uns dann noch lange begleitet, wie hier auf dem Schnappschuss vom Konzert von Jocelyn B. Smith zu sehen. Wann das wohl war? 1985 vielleicht. Später dann wurde die Tafel im Bau recycelt und auch ein Spielhaus für die Kita entstand daraus. Jedenfalls war das Rosa lange präsent.

Wir sind gut gefahren mit der Unterstützung durch die Bauausstellung, doch soll hier nicht vergessen werden, dass es auch massive Kritik aus dem Kiez an der IBA gab.

Initiativen behutsam angeschissen oder Idealismus der Bewohner ausgenutzt. Nachvollziehbar ist die Kritik. Es waren Erwartungen geweckt worden, die der Berliner Senat trotz der neu propagierten Politik ganz offensichtlich nicht gewillt war, zu erfüllen.

Protestplakat gegen die IBA

Die Bilder sind aus unserem Archiv, die Veröffentlichungen haben wir im FHXB-Archiv gefunden.

chz