Die kleine Bildergeschichte beginnt 1981. Die alten Fassaden sind bröckelig, der Boden voll versiegelt. Es dauert seine Zeit, bis sich das in der Selbsthilfephase ändern lässt. Erde wird ausgebracht. Bauschutt kommt ganz nebenbei zum Verschwinden.
Und das Grün setzt sich durch.
2016 | üppiges Grün, Lebensraum für Vögel, Insekten und Eichhörnchen.2021 Winterruhe
Wer schon bei einer Veranstaltung über „Wegbereiterinnen“ in der Regenbogenfabrik war, weiß schon längst, dass unglaublich viele großartige Frauen, die die Welt verändert haben und leider von der Geschichte runtergeschluckt wurden, meistens um irgendeinen Mann statt ihrer für ihre Werke zu belohnen. Ein Bereich, in dem Frauen besonders kämpfen müssen, um sich irgendeinen Platz zu sichern zwischen Meister und Genien, ist die Kunstwelt.
Ich habe schon einen Artikel über meine Lieblingskünstlerin, Niki de Saint Phalle, geschrieben, aber sie ist eine der seltenen Frauen, die ihren Erfolg zu ihren Lebzeiten erlebt hat. Allerdings nur als Ausnahme in einer Männerwelt. Zu erwähnen ist auch Frida Kahlo, die vielleicht als einzige Künstlerin sogar bekannter als ihr Mann, Diego Rivera, geworden ist.
Dass es mit Sexismus und der systematischen Auslöschung von Frauenfiguren zu tun hat, daran gibt es keinen Zweifel. Starke Frauen, die gesellschaftliche Normen bewegen und durch ihre Existenz gezeigt haben, dass die misogynen Narrative der schwachen, dummen und untalentierten Frau totaler Schwachsinn sind, sind eine Gefahr für die patriarchalischen Machverhältnisse. Ja, Frauen findet man in Museen, allerdings sehr oft nur als Nacktmodelle. Das feministische Künstlerkollektiv Guerrilla Girls, 1985 in New York gegründet, wurde bekannt für seine Punchline Slogans, die diese Ungerechtigkeiten anprangern: „Are there more naked women than women artists in Museums?“ „Do women have to be naked to get into the Met? Less than 4% of the artists in the Modern Art section are women, but 76% of the nudes are female” Durch illegale Plakatierung und Kunstinstallationen wird das Kollektiv bekannt und schafft es, seine Botschaften auch weltweit zu verbreiten.
Künstlerinnen gab es schon immer, aber es liegt nicht am fehlenden Talent, dass sie nicht erwähnt werden. Dazu kam es oft, weil sie im Schatten eines Mannes gearbeitet haben. Jackson Pollock ist der ganzen Welt bekannt. Aber seine Frau, Lee Krasner, die erst seit den 90er Jahren (das ist nach ihrem Tod 1984!) als genauso einflussreich für die abstrakte Kunst wahrgenommen wurde, wird immer noch als „Pollock’s Frau“ bezeichnet. Und warum ist Yoko Ono in populären Medien hauptsächlich als Witwe von John Lennon genannt? Niki De Saint Phalle hätte auch nur als „Frau von Jean Tinguely“ bekannt sein können, wenn sie nicht aktiv dagegen gekämpft hätte. Natürlich sind diese Ungleichheiten nicht nur in der Kunstwelt vorzufinden, sondern in jedem Bereich, wo Männer in Mehrzahl sind und Frauen kämpfen müssen, um sich einen Platz freizuräumen.
Vor zwei Wochen war ich in der Kunsthalle Hamburg und konnte durch eine Ausstellung die Werke von Toyen entdecken, ein_e Tschechische_n KünstlerIn, die_er zur Surrealistischen Bewegung beigetragen hat. Als ich ihre_seine unglaublichen Werke sah, war ich komplett schockiert, dass ich nicht einmal von ihr_m gehört hatte. Ihre_seine Kunst ähnelte Werken von André Breton und Salvador Dali, beide Künstler, deren Namen weltbekannt sind. Interessant ist auch, dass Toyen zwar als Frau geboren ist, aber eine nicht-binäre Existenz geführt hat und ihre Gender-Identität als breites Spektrum sah, was auch in ihrer_seiner Kunst und ihrem_seinem neutralen Künstlernamen durchscheint.
Dadurch wurde ich wieder dazu konfrontiert, wie eingewurzelt das Erlöschen von talentierten FLINTAs ist. Ich würde behaupten, dass ich mich ein Minimum mit Kunst auskenne und trotzdem kannte ich Toyen nicht. Wie viele tolle Künstler:innen werde ich nie kennen, weil populäre Medien einfach viel weniger Minderheiten ins Rampenlicht setzen?
Dafür werden zu oft toxische Männer bewundert, wie Picasso oder Rodin, die ihren Erfolg durch systematischen Missbrauch und Manipulation der talentierten und liebevollen Frauen in ihren Leben erreicht haben. Wer sind schon Dora Maar und Camille Claudel – neben einem Genie?! Ja, doch nur eine Muse?!
Es gibt einen extrem interessanten französischen Podcast zu hören mit dem sehr poetischen Titel „Vénus s’épilait-elle la chatte?“ (die Übersetzung lass ich euch!), der sich mit Kunstgeschichte und Gerechtigkeitskämpfen beschäftigt und eine ganze Folge über Picasso zur Verfügung stellt.
Was mir aber tatsächlich Hoffnung gibt, ist die Ausstellung, die ich in Hamburg besucht habe: Möglichkeiten für FLINTAs nicht nur eine Wand für Kunst zu bekommen, sondern ganze Räume und Ausstellungen. Ich weiß, es wird besser, nur halt nicht schnell genug für meinen Geschmack!
1.Seit wann bist bzw. von wann bis wann warst Du hier und in welchem Bereich?
Ich bin erst seit Januar 2006 auf der Fabrik, erst im nur Verwaltungs- und Betreuungsbereich für geförderte Stellen (das hatten wir damals noch), jetzt in anderen Verwaltungsbereichen und vor allem Kultur- bzw. Veranstaltungsmanagement.
Achja, 1985 bis 1989 war ich ja auch schon auf der Regenbogenfabrik: Meine Tochter ist in die Kita und dann später in den Hort gegangen. Damals habe ich regelmäßig für die Kinder gekocht, das war nämlich eine Aufgabe der Eltern.
2. Welches ist Dein Lieblingsort auf der Fabrik?
Im Sommer bei schönen Wetter auf der Bank neben der Tischtennisplatte.
Im Winter hinterm Tresen im Kinosaal bei schönen Veranstaltungen, oder dort im Sessel.
3. Mit einem Wort: Was ist die Fabrik für Dich?
FluchundSegen
4. Lieblingsessen in der Kantine?
Empanadas
5. Was wünschst Du der Fabrik zum Geburtstag?
Weiterhin ein Ort der Begegnung für viele Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen zu bleiben und dass dabei immer noch „Selbstorganisierung“ und „Solidarität“ das Handeln bestimmt.
Als wir planten, zum 18. Geburtstag der Regenbogenfabrik mal etwas ganz besonderes zu machen, nämlich eine Ausstellung, gingen wir ohne große Vorkenntnisse an diese neue Aufgabe. Wir hatten allerdings ein paar Gelder bekommen und hier ein Auszug aus unserem Projektbericht: Zum Glück konnten wir zwei Fachleute gewinnen, die schon öfter solche Projekte bewerkstelligt hatten. Die zum Teil recht großen Unterschiede der Einzelansätze im Finanzierungsplan zu den tatsächlich angefallenen Kosten erklären sich zum einen durch unsere mangelnde Erfahrung im Herstellen von Ausstellungen und zum anderen durch die unerwartet große Kreativität der Ausstellungsmacherinnen.
Zu Beginn gab es einen Begrüßungstext für die Besucher:innen. Es folgte ein geschichtlicher Abriss mit alten Fotos und Plakaten. Dann gab es zu jeder aktiven Fabrikgruppe eine Stellwand in einer anderen Regenbogenfarbe. Diese Stellwände hatten jeweils eine Vorderseite mit Text und Fotos und auf der Rückseite die sogenannte „action-Seite“, wo Ausstellungsbesucher:innen aktiv etwas machen konnten, beispielsweise an der Kinowand in einen Guckkasten schauen, in dem durch Drehen an einer Kurbel verschiedene Dias zu sehen waren. Alte Transparente, Fahnen und andere Exponate schmückten den leider ansonsten nicht sehr gemütlichen Raum.
Zur Eröffnung brachte die IG Blech, die seinerzeit an der Besetzung der Regenbogenfabrik beteiligt war, ein Ständchen und Herr Orlowsky, ehemaliger Baustadtrat und Kämpfer für die Regenbogenfabrik hielt eine mitreißende Rede. Danach konnten sich die zahlreich erschienenen Besucher:innen an Sekt und Brezeln stärken und die Ausstellung genießen.“
Im Rathaus Kreuzberg war die Ausstellung einen Monat lang zu sehen, bald darauf konnte sie auch in Friedrichshain gezeigt werden.
Die Ausstellung ist hier nochmal durch den Antragstext vorgestellt. Sichtbar wird ein ganz besonderer Punkt in der Entwicklung der Regenbogenfabrik. Manches, was es heute gibt, deutet sich schon an. Manches ist heute schon wieder Geschichte.
„Als konzeptioneller Rahmen ist die Darstellung der Entwicklung der Regenbogenfabrik exemplarisch für die Entwicklung des Kreuzberger Kiezes vom „Gallischen Dorf“ bis zum (Wieder)lnnenstadtbezirk mit der Perspektive der Bezirkszusammenlegung mit Friedrichshain geplant. In diesem Zusammenhang ist die Ausstellung zum einen als Dokumentation von Zeitgeschichte, zum anderen aber auch als Beitrag zur Diskussion um Risiken und Chancen eines sich im Umbruch befindlichen Bezirks zu sehen. Folgende inhaltliche Schwerpunkte sind bislang vorgesehen:
1. Entstehungsgeschichte der Regenbogenfabrik
Die Regenbogenfabrik, d.h. das Fabrikgelände Lausitzer Str. 22 sowie Teile der Wohngebäude Lausitzer Str. 22a/23, wurde 1981 besetzt. Als Protest gegen Kahlschlagsanierung bzw. eine unmenschliche Baupolitik, die spekulationsbedingten Leerstand förderte und eine völlige Umstrukturierung der Kreuzberger Bevölkerung vorsah, forderten Bürgerinitiativen und andere „Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen“. Gleichwohl es im damaligen Westberlin sicher nie eine homogene Besetzer:innenbewegung gab, ist sie doch als Teil eines bundesweiten Bürger:innenprotestes zu sehen, der sich einfach nicht mehr mit politischer Willkür und offensichtlichen Mißständen abfinden wollte: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“.
So auch in Kreuzberg SO 36 – mit breiter Unterstützung aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen und durch Institutionen wie den Verein SO 36 und die Internationale Bauausstellung, die eine behutsame Stadterneuerung forderten, wurde die Regenbogenfabrik Teil der alternativen Kreuzberger Projektelandschaft, deren Entstehungsgeschichte mit alten Videoaufnahmen, Plakaten, Flugblättern usw. in der Ausstellung hoffentlich sehr lebendig vermittelt werden kann.
2.Projektentwicklung und -beschreibung
Im Zusammenhang mit den Bedürfnissen von Nachbar:innen und Betreiber:innen der Regenbogenfabrik wurde das Konzept einer „Einheit von Wohnen, Leben und Arbeiten“ entwickelt, das insbesondere auch den Gedanken der „Hilfe zur Selbsthilfe“ sowie Selbstverwaltung und -verwirklichung beinhaltet. Auf dieser Grundlage wurden nach und nach verschiedene Projektbereiche im kulturellen, sozialen sowie im Kinder- und Jugendbereich aufgebaut, die in der Ausstellung dargestellt werden: Wohnhaus, Holz- und Fahrradwerkstatt, Nachbarschaftscafé, Kita, Kino, Offener Kinder- und Jugendbereich etc. Während seiner gesamten Geschichte hatte das Projekt dabei immer gegen Widrigkeiten aller Arten, wie schlechte bauliche Voraussetzungen, ungesicherte vertragliche Verhältnisse und ständigen Finanzmangel, zu kämpfen.
Auch diese „unendliche Geschichte der Regenbogenfabrik“, die neben allen Problemen auch durch viel Engagement und Durchhaltevermögen geprägt war, wird Teil der Ausstellung sein.
3. Neues und Zukunftsperspektiven
Mit Maueröffnung und Wiedervereinigung wurde alles anders. Die Stadt und der Kreuzberger Kiez veränderten sich mehr und mehr und immer drastischere Kürzungen der Fördermittel im sozialen Bereich erforderten neue Initiativen und mehr denn je Kraft und Mut. Zum einen schloss sich die Regenbogenfabrik mit anderen Projekten zu Bündnissen wie dem „Kreuzberger Projekteplenum“ zusammen bzw. wurden in diesem Kontext gemeinsame Kooperationsprojekte wie der „Interkulturelle Mädchentreff RABIA“ aufgebaut. Zum zweiten entwickelte die Regenbogenfabrik auf der Grundlage ihrer bisherigen Erfahrungen neue Projektbereiche, die die bisherigen Schwerpunkte nicht ablösen sondern ergänzen sollten: günstige Übernachtungsmöglichkeiten vor allem für jugendliche Berlinbesucher:innen wurden eingerichtet, das Konzept einer deutschpolnischen Begegnungsarbeit (die sich im Kreuzberger Kontext als multikulturell definiert) entwickelt und ein Bildungs- und Qualifizierungsbereich für junge Erwachsene und Frauen aufgebaut.
Anknüpfend auf diese neuen Schwerpunkte hat sich die Regenbogenfabrik auch für die Zukunft Vieles vorgenommen (Erweiterung der Gästezimmer, Seminarräume, Kiezküche etc.). Als dritter Schwerpunkt der Ausstellung werden wir die bisherigen Ergebnisse dieser neuen Schwerpunkte mit den damit verbundenen Perspektiven darstellen, die sich u.a. auch auf die Zukunft eines bislang von beiden Seiten meist nicht sehr beliebten gemeinsamen „Kreuzhain-Friedrichsberg“ beziehen.“
Rückseite der EinladungspostkarteOtur ve yaşa – das heißt „Wohnen und Leben“